
von Kreacher Potter
„Feuer! Feuer!“ schrie Harry und riss die Augen auf und hustete erneut.
Orientierungslos blickte er umher, bis er erkannte, wo er war. Er lag in seinem Krankenbett bei Dr. Rogers, vor dem Fenster hing eine dunkle Regenwand, die den Raum in diffuses Dämmerlicht tauchte. Am Fußende seines Bettes saß Jonas und sah ihn besorgt an. Harry musste noch einmal husten und hatte kurzzeitig das panische Gefühl keine Luft mehr zu bekommen, doch Jonas half ihm sich aufzurichten, legte seine Hand auf Harrys Rücken und der Hustenreiz ließ sofort nach.
„Wie bin ich hierher gekommen? Was ist passiert?“
„Genau wissen wir das auch nicht.“ Jonas schlug die Augen nieder und betrachtete aufmerksam den Fußboden.
Harry war alarmiert. „Wieso wir?“ fragte er den kleinen Jungen betont ruhig. „Wer ist wir?“
„Er meint sich und mich, Master Potter.“ drang eine Stimme aus dem Dunkel hinter dem Bett hervor. Kreatcher trat heraus und stellte sich neben Jonas.
Harry war verblüfft. „Was machst Du denn hier? Wie kommst Du hierher? Dann warst Du das, der …?“ Ihm fehlten die Worte. Kreatchers Auftauchen erklärte plötzlich Einiges, was in der letzten Woche geschehen war.
„Ich war so frei, ein bisschen aufzuräumen, wenn es nicht auffiel.“
„Und Du hast mir meine Sachen hierher gebracht? Wie hast Du mich hier gefunden?“
„Ich brauchte Sie nicht zu suchen, Master, denn ich war die ganzen Wochen bei Ihnen und habe geholfen, wenn ich konnte.“
Harry war schockiert. „Du warst immer bei mir? Aber ich habe Dich gar nicht bemerkt!“
„Mit Verlaub, aber Ihr hättet mich auch nicht gesehen, wenn ich direkt neben Euch hergelaufen wäre. Ihr hattet genug mit Euch selbst zu tun. Und Ihr habt diese Zeit für Euch gebraucht.“ Kreatcher verneigte sich.
„Ja, und dann bin ich heute Mittag in dieses Zimmer gesprungen, um zu gucken, ob Du schon wieder da bist und da habe ich ihn gesehen!“ ergänzte Jonas freudig erregt und grinste über das ganze Gesicht. Doch dann trübte sich die Freude wieder etwas ein. „Aber ich darf leider niemandem von ihm erzählen, sagt er.“
„Ich bitte darum, kleiner Master.“
„Moment mal, Jonas ist appariert? Und er hat Dich überrascht?“
„Ja, Master. Aber Jonas ist nicht appariert, so wie es Zauberer tun, sondern er ist hier hereingesprungen, wie wir Hauselfen es tun. Sie beide haben sich viel weiter entwickelt, als es je ein Zauberer getan hat.“
Harry brauchte Zeit zum Nachdenken, schwang erst einmal seine Beine vom Bett und begann sich anzuziehen. Die beiden Anderen sahen ihm stumm zu.
„Ich habe mir erlaubt, Ihre Kleidung von dem Rauchgestank zu befreien, Master.“
„Ja, danke Kreatcher.“ Er runzelte die Stirn. „Was ist in der Hütte eigentlich passiert?“
„Genau wissen wir das auch nicht, Harry. Aber irgendwie kann ich fühlen, wie Du Dich fühlst.“ antwortete Jonas schnell. „Und als Du von den Bones weggegangen bist, hast Du Dich richtig gut gefühlt. Und da dachte ich, Du würdest gleich wieder hierher kommen, aber Du kamst nicht. Dann habe ich gedacht, dass ich besser hier warten sollte, damit ich Dich nicht verpasse, wenn Du kommst und da habe ich Kreatcher getroffen. Dann haben wir uns unterhalten und ich hab ihm gesagt, was heute passiert ist. Und dann plötzlich habe ich Dich nicht mehr richtig spüren können. Nur noch so dünn, oder so. Und dann wurden Deine Gedanken immer dunkler und dunkler und das Gewitter hat angefangen und ich habe Angst gekriegt.“
„Harry Potter, Sir, hat offensichtlich unter dem Bann eines starken dunklen Zaubers gestanden, also habe ich den jungen Master gebeten,“ hier verneigte er sich leicht zu Jonas, „dass er versuchen soll, soviel positive Energie zu ihnen zu schicken, wie er kann und ich habe uns beide zum Haus am See gebracht. Die positiven Energien haben zwar verhindert, dass der böse Zauber Überhand gewann, aber Sie sind davon leider in Ohnmacht gefallen.
Mittlerweile hat es im Haus schon lichterloh gebrannt, also habe ich das Dach weggesprengt, damit der Regen das Feuer löscht und wir haben Sie dann heraus geholt und hierher gebracht. Den Mantel, das Geld und den Zauberstab habe ich da vorn in ihren neuen Rucksack zu den anderen Sachen gepackt, damit ihn keiner sieht.“
„Vielen Dank, Ihr Beiden. Ihr habt mir das Leben gerettet.“ Harry war sprachlos. „Dann kamen also die ganzen dunklen Erinnerungen und Albträume von dem verzauberten Haus? Nein, das kann nicht sein, woher sollte es meine Erinnerungen kennen?“
„Wahrscheinlich wird das Haus von einem Zauberer wie ein Dunkler Verstärker benutzt, der nur die Gedanken und Probleme ins Unerträgliche verzerrt, die der Master schon mitgebracht hat.“ Kreatcher neigte beschämt das Haupt und betrachtete angelegentlich seine großen Füße.
Vom Flur her drang das Läuten der Türklingel herein, die von Schwester Michelle geöffnet wurde.
„Guten Morgen, Schwester. Ich möchte mit Hank Porter sprechen, wo ist er?“ Es war die Stimme von Detective Inspector Peters, der sich nach den Geräuschen zu urteilen, an Schwester Michelle vorbei, in das Haus drängte. Die Tür wurde geschlossen.
Kreatcher nickte erst Harry, dann Jonas zu und verschwand mit einem Schnippen der Finger und einem leisen Plopp.
Hörbar aufgebracht über dieses rüde Eindringen entgegnete sie schnippisch: „Da muss ich erst den Doktor fragen, warten Sie hier.“
Harry hörte sich entfernende Schritte und kurz darauf kam Doktor Rogers die Treppe herunter. „Guten Morgen, Detective. Was kann ich für Sie tun?“
„Ich möchte gern mit Ihrem Patienten, Hank Porter, sprechen. Hinten im Wald brennt das Haus, das er bewohnt und ich möchte wissen, was er darüber weiß.“
„Wie sollte er etwas davon wissen? Er war heute den ganzen Tag hier, nur heute Mittag war er zum Essen bei den Bones. Vorhin hat er noch in seinem Bett geschlafen, als ich nach ihm sehen wollte und ich glaube nicht, dass es geboten ist, ihn auf diese Weise zu wecken, nur weil ein Blitz das Haus in Brand gesteckt hat.“
Es klingelte erneut und der Doktor öffnete selbst die Tür. Es war der Sergeant, der sich auf der Fußmatte das Regenwasser aus dem Gesicht strich. „Guten Tag, Doktor. Ist der Detective schon da?“
Da Harry vom Doktor keine Antwort hören konnte, musste er den Sergeant mit einer Handbewegung herein gebeten haben.
„Hallo, Chef. Wir haben von London endlich eine Aufstellung bekommen,“ eine Hand zog raschelnd einige Bögen Papier aus einer Tasche, „dass bei den Banküberfällen nur Goldbarren der Gringotts LTD in London gestohlen worden sind. Ist das nicht eigenartig?“
„Wie wäre es, wenn Sie Dienstgeheimnisse in Zukunft gleich auf der Straße heraus brüllen? Dann bekommt es wenigstens jeder mit!“ zischte ihn Detective Peters scharf an.
„Oh, tut mir leid, aber ich dachte, wo wir doch mit dem Doktor zusammenarbeiten und so.“
Die Stimme des Doktors klang genervt. „Also, was wollen Sie denn von Mr. Porter?“
„Wir haben einen anonymen Hinweis bekommen, dass er sich zur Brandzeit dort aufgehalten haben soll.“
„Sollte mich nicht wundern, wenn er das Feuer selbst gelegt hat, um Beweise zu vernichten!“ knurrte der Sergeant.
„Halten Sie den Mund, Cook!“ bellte Detective Peters. Zum Doktor gewandt fuhr er gezwungen ruhig fort: „Bevor Sie nachsehen gehen, ob Mr. Porter mit uns sprechen kann, wollte ich Sie auch noch etwas fragen: Was macht der Abschlussbericht der Obduktion? Wie ist Frank Coleman gestorben?“
Einen Augenblick herrschte Schweigen vor der Tür und Harry beugte sich schon vor, um besser hören zu können, weil er argwöhnte, dass der Doktor besonders leise sprechen würde, aber er hatte sich getäuscht. Doktor Rogers sprach mit normaler Stimme weiter: „Ich weiß es nicht, meine Herren. Ich habe die Obduktion selber durchgeführt und dann die Leiche an das Kriminaltechnische Institut von Scotland Yard weitergeleitet, aber dort ist man genauso ratlos. Die Leiche sieht aus, als hätte man aus Frank Coleman alle Luft heraus gepresst und daran muss er erstickt sein. Nur leider sind von außen keinerlei Spuren zu erkennen, die erkennen lassen, wie das geschehen sein soll. Ich bin vollkommen ratlos.
Auf jeden Fall können Sie Rosie Banks jetzt wieder frei lassen, denn damit kann sie auf keinen Fall etwas zu tun haben.“
„Das lassen Sie mal unsere Sorge sein. Irgendjemand muss den Schmied ja umgebracht haben. Von allein stirbt niemand auf diese Weise und schon gar nicht mit diesem Ausdruck panischen Entsetzens im Gesicht. Ich werde herausbekommen, wer das gewesen ist. Lassen Sie uns jetzt mit Porter sprechen?“
„Einen Moment, ich werde nachsehen.“ Der Tonfall des Doktors war deutlich unterkühlt.
Es klopfte an der Tür und Doktor Rogers kam herein. „Darf ich stören? Wie geht es Ihnen? Ich hoffe, Jonas hat Sie nicht gestört.“ Und mit einem Blick auf den Jungen setzte er hinzu: „Und Du, junger Mann, gehst jetzt besser mal zu Deiner Mutter. Ihr könnt Euch ja nachher weiter unterhalten.“
„Nein, es ist alles in Ordnung.“ antwortete Harry auf des Doktors Frage. Er hatte sich mit dem Eintreten des Doktors wieder auf das Bett gesetzt. Jonas nickte ihm kurz zu und spurtete dann an Doktor Rogers vorbei nach draußen.
In diesem Moment wurde die Tür heftig aufgestoßen, so dass sie weit aufschwang und gegen den Tisch prallte. Der Sergeant kam herein gepoltert. „Vielen Dank, Doktor, der Patient ist ja offensichtlich wach und kann unsere Fragen beantworten.“
Der Doktor sah ihn erzürnt an und verließ hoch erhobenen Hauptes das Zimmer. Zu DI Peters gewandt entfuhr es ihm: „Das ist nahe am Hausfriedensbruch.“ Dann stapfte er wütend die Treppe zu seinem Arbeitszimmer hinauf.
„Regnet es draußen noch?“ fragte Harry freundlich mit einem Blick auf die kleine Pfütze, sie sich schnell unter dem Regenmantel des Sergeants bildete.
Detective Peters betrat ebenfalls den Raum, gebot seinem Sergeant mit einem Blick ruhig zu bleiben und sagte: „Lassen Sie das Geplänkel, Porter. Da draußen“, er deutete vage mit der Hand in Richtung Waldsaum, „brennt Ihr Haus und ich will wissen, ob Sie dort gewesen sind.“
Harry sah ihm fest in die Augen. „Und wenn es so wäre?“
„Auf jeden Fall, scheinen Sie jetzt alle Ihre Sachen hier zu haben.“ Der Sergeant hatte sich beim Tisch aufgestellt, deutete auf den Wäschestapel und hob Harrys Rucksack hoch. „Viel mehr können Sie doch gar nicht dabei gehabt haben, als Sie vor einer Woche hier auftauchten und der Ärger anfing.“ Er begann den Rucksack zu öffnen.
„Lassen Sie den Rucksack in Ruhe und stellen ihn wieder hin.“ sagte Harry scharf. „Sie haben immer noch kein Recht, in meinen Sachen herum zu suchen.“ Mit einem Satz war er auf den Beinen und riss dem Sergeant den Rucksack aus der Hand. Dieser war glücklicherweise noch nicht soweit geöffnet, dass der Sergeant irgendetwas erkannt haben konnte.
„Ja, ich war vorhin noch im Haus. Nachdem ich die Bones verlassen hatte, habe ich noch meine Sachen und die Leihbücher geholt, damit ich hier etwas zu lesen habe. Danach bin ich direkt hierher gekommen.“ Harrys Stimme zitterte ein wenig bei dieser Lüge, aber das schien Niemand wahr zu nehmen.
Detective Peters schaltete sich ein: „Hat Sie irgendjemand gesehen, der das bezeugen kann?“
„Das weiß ich nicht. Ich habe jedenfalls niemanden draußen bei der Hitze herumlaufen sehen.
„Und Sie haben sich nicht noch ein Feuerchen im Kamin angemacht und es sich gemütlich gemacht? Ich finde, dass es hier drinnen ganz schön verdächtig nach kaltem Rauch riecht. Finden Sie nicht auch, Chef?“
Harry schnüffelte. „Erstens brauchte ich für die kurze Zeit kein Feuer, zweitens ist es draußen so heiß gewesen, dass man Spiegeleier auf Steinen braten konnte und drittens sind Sie es, der extrem nach Rauch stinkt.“
Der Sergeant hob verdutzt den Arm, roch an seinem Regenmantel und räusperte sich heftig.
Der Detective sah seinen Sergeant mit hoch gezogenen Brauen an. Dann wandte er sich wieder an Harry: „Sie laufen mir deutlich zu häufig über Weg, Porter. Ich werde froh, sein, wenn Sie wieder aus unserer Gemeinde verschwunden sind.“ Mit diesen Worten drehte er sich um, zog Sergeant Cook mit sich und verließ den Raum.
Die Tür hatte sich kaum geschlossen, als mit zwei unauffälligen Plopp, Plopp Jonas und Kreatcher aus dem Nichts auftauchten.
„Der Ärger hier hört nicht auf.“ sagte Harry mit einem Nicken zur Tür hin. Er setzte sich wieder auf das Bett und sah Kreatcher an. „Was meinst Du damit, dass wir uns weiter entwickelt haben.“
„Das hat der Master doch schon selbst bemerkt.“ erwiderte Kreatcher. „Er braucht jetzt keinen Zauberstab mehr um Magie zu bewirken. Er ist jetzt selbst Teil der Magie, wie alle magischen Geschöpfe auch.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Ich werde es Euch erklären, Master Potter, wenn ich so vermessen sein darf. Bisher gab es Muggel, die fast keine Magie haben; Squibs, die zu wenig Magie haben, um sie wirkungsvoll einsetzen zu können und Zauberer, die lernen müssen ihre Magie, mit einem Zauberstab und Sprüchen und Flüchen, zu bündeln.
Doch auch die Zauberer haben nie verstanden, bitte verzeihen Sie mir meine Impertinenz, Master, was Magie wirklich ist. Magische Energie ist, mal mehr, mal weniger, in uns und allem Lebendigen, das uns umgibt. Diese magische Energie kann aber in den Menschen wachsen, wenn sie den Kindern mit Liebe weitergeben wird oder der Mensch sich weiter im Guten entwickelt. Daher gibt es auch unterschiedlich starke Zauberer und Hexen. Sie kann aber auch verkümmern, wie bei den Squibs, wenn es im Kindesalter keine Liebe oder Zuneigung gegeben hat. Noch schlimmer, sie kann ins Böse umschlagen, wenn der Hass jemanden leitet.
Aber noch nie hat sich ein Zauberer so weit entwickelt, wie Sie, Master Potter, und ich bin dankbar, Ihr Diener zu sein. Sie brauchen keinen Zauberstab und komische Formeln mehr, Sie müssen nur noch wollen. Doch es wird wohl noch einige Zeit brauchen, bis Sie alles vergessen können, was Sie gelernt haben, um wirklich Magie zu wirken. Gerne würde ich dabei Ihr Lehrer und Begleiter sein.“ Wieder verbeugte sich Kreatcher tief.
Harry blieb vor Staunen der Mund offen stehen. „Das erklärt Einiges.“ Dann verbeugte auch er sich tief vor dem Hauself und sagte: „Ja, ich werde gerne von Dir lernen.“
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