
von Kreacher Potter
Harry schluckte heftig, schloss die Augen und die Verbindung brach ab. Er hatte in den letzten Tagen schon häufiger diese Erinnerungsbilder vor seinem inneren Auge gesehen, aber so realistisch, wie gerade eben, war es noch nie gewesen. Er hatte das Gefühl, als hätte er Ginny tatsächlich so gesehen, wo und wie sie im Moment war, denn dieses Mal hatte er noch mehr Personen wahrnehmen können, als nur sie.
Er riss sich von diesem Gedanken los und öffnete langsam den Brief. Lieber Harry, ich hoffe, dass Du diesen Brief liest und nicht gleich zerreißt. Luna kam auf die Idee, und ich habe diese Eule als Geschenk für Dich besorgt, damit sie Dich finden kann.
Ich liebe Dich, Harry Potter. Ich werde hier auf Dich warten, bis Du zu mir zurück gekommen bist. In Liebe, Ginny
Er starrte auf das Blatt Pergament in seinen Händen und ließ sich schwer atmend auf das Bett fallen. Eine Träne fiel auf das Blatt, dann noch eine und die Schrift verlief vor seinen Augen, reparierte sich jedoch kurze Zeit später wieder von selbst. Aufgewühlt stopfte er die Nachricht in seine Hosentasche, ohne sie zusammen zu falten. Die ganzen Gefühle für Ginny und seine Freunde, die er in den letzten Wochen in der hintersten Ecke seines Kopfes versteckt hatte, kamen wieder zum Vorschein.
Er blieb noch ein paar Minuten auf dem Bett liegen und lange Reihen glücklicher Erinnerungen zogen durch seinen Kopf. Er brauchte den Entschluss nicht mehr wirklich zu fassen, aber es bestärkte ihn darin, dass er zurückkehren würde, sobald er die seltsamen Umstände hier für sich geklärt und, wenn möglich, Rosie befreit hatte.
Mit diesem Entschluss sprang er auf, öffnete die Tür des kargen Zimmers und ging frisch die Treppe hinab in die Küche zu Mrs. Bones. Hinter ihm erhob sich der große Vogel, breitete seine Schwingen aus und flog hinaus auf Mäusesuche.
„Ah, Mr. Porter, haben Sie sich ausgeruht? Kommen Sie herein und setzen Sie sich hier vorne an den Küchentisch. Mr. Bones wird bestimmt noch ein halbes Stündchen oben bleiben. Mögen Sie Milchkaffee?“ Wieselflink zeigte Mrs. Bones Harry den ihm zugeteilten Platz und huschte in der Küche hin und her, ohne Harry auch nur die Chance zu einer Antwort zu geben. „Ich habe das Rezept mal aus dem Urlaub mitgebracht. Mr. Bones und ich waren damals nämlich einmal auf dem Festland, in Italien. Gleich nach dem großen Brand, wissen Sie? Es war so schön dort.“ Sie seufzte tief.
„Nach dem großen Brand?“
„Ja, doch. Das habe ich doch erzählt, oder nicht? Dass damals das große Herrenhaus abgebrannt ist, mit Allem, was darin war. Glücklicherweise ist da keiner zu Tode gekommen. Und von der Versicherungssumme, die William dann bekommen hat, hat er uns und den anderen dann auch noch das ausstehende Erbe ausgezahlt. Wir haben uns dann davon das Häuschen hier gekauft und hatten noch genug für einen Italienurlaub übrig. Das war schön. Wir sind mit dem Zug sogar über Paris gefahren bis nach Venedig. Das vergesse ich nie!“ Noch ein Seufzer folgte und dann begann Mrs. Bones mit einem kleinen Schneebesen die Milch schaumig zu schlagen.
Harry wurde von ihrer Redseligkeit aufgestachelt noch mehr in Erfahrung zu bringen. „Und deswegen konnte Mr. Moresley das Herrenhaus nicht wieder aufbauen?“
„Oh doch, zumindest versucht hat er es. Das muss man ihm lassen. Er hat mit seinem Erbteil damals die Reste der Scheune wieder errichtet und zu einem provisorischen Wohnhaus umgebaut. Doch leider hat er im Laufe der Jahre kein glückliches Händchen gehabt. Da war er leider ganz anders, als sein Vater, der hat Alles zu Geld gemacht, was er anfasste.
Jedenfalls, es kamen schnell ein oder zwei Missernten, die ihn nahe an den Ruin brachten. Dann fing er an Schnaps zu brennen und wurde natürlich bald erwischt. Da war das Geld dann ebenso weg und während er im Gefängnis gesessen hat, ist ihm seine Aussaat auch noch verloren gegangen.“
Während der letzten Worte richtete sie sich auf, goss den Kaffee und die Milch ein und trug zwei volle Tassen zum Tisch. „Ja und seitdem hat er aufgegeben und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Einige sagen ja auch, dass das nicht immer ganz koscher gewesen ist, was er gemacht hat, aber davon weiß ich nichts.“ Der Redefluss versiegte, als sie beide an ihrem Kaffee nippten.
Harry spürte, dass seine Frage nicht gerade zur Verbesserung der Stimmung beigetragen hatte, aber er wusste auch nicht, wie das jetzt ändern sollte, also sagte er unverbindlich: „Ich bin letztens, vor dem starken Gewitter, auf einem Spaziergang bei Mr. Moresleys Haus vorbei gekommen.“
Mrs. Bones sah ihn belustigt an. „Man merkt, dass sie nicht von hier sind. Die Einheimischen würden da nie vorbeigehen, wenn es sich vermeiden lässt. Sie glauben, es spukt dort.“
Die Stimme von Mr. Bones unterbrach sie von der Tür her: „Und im Mittelalter hätten Sie Deinen Onkel schon lange als Hexer verbrannt. Ist natürlich grober Unsinn. Wenn er hexen könnte, wär` er bestimmt nicht arm, wie `ne Kirchenmaus.“
Er trat in die kleine Küche und Harry sprang eilig auf. „Nehmen Sie meinen Stuhl. Ich bin Ihnen ohnehin schon viel zu lange zur Last gefallen.“
Er stellte seine leere Tasse auf dem Tisch ab und wandte sich an Mrs. Bones: „Vielen Dank für die nette Einladung. Aber ich muss jetzt aufbrechen. Ich möchte mir noch ein paar Sachen aus dem Haus holen, bevor ich wieder zum Doktor zurückgehe.“
Und mit ein paar freundlichen Worten von beiden Seiten machte sich Harry auf den Weg, durch die heiße Nachmittagssonne, zu dem Haus am See.
In Harrys Kopf brodelte es von den Informationen, die er heute Mittag bekommen hatte. Er war kaum durch die Haustür und hatte Mrs. Bones zum Abschied von der Straße aus zugewunken, da schloss Mr. Bones auch schon die Tür vor der Nase seiner Frau und Harry war allein mit seinen Gedanken. Wie bei einem Schiebepuzzle rutschten die Brocken hin und her und weigerten sich beharrlich ein komplettes Bild zu zeigen.
Seine Füße lenkten ihn ganz automatisch in Richtung seines Ferienhauses, so dass er sich ganz seinen verwirrten Gedanken hingeben konnte, die sich noch mit den Ereignissen vom Vormittag beschäftigen wollten. Ein Hochgefühl machte sich wieder in ihm breit. Er konnte ohne Zauberstab zaubern, jetzt konnte er die Magie wirklich fühlen und lenken, die ihn umgab. Was würden Ginny und die Anderen dazu sagen, wenn er es ihnen erzählen würde. Sie wären gewiss begeistert, Hermine würde in die nächste Bücherei rennen, um Alles darüber nachzulesen und Ron würde überlegen, ob man damit beim Quidditch ganz neue Möglichkeiten hätte. Harry grinste bei der Vorstellung.
Dabei merkte er zunächst gar nicht, dass er wieder ganz allein auf den Straßen unterwegs war und selbst die meisten Vögel ihr fröhliches Gezwitscher aufgegeben hatten, als ob Alle, bis auf ihn, das drohende Unheil spüren würden. Die Luft war heiß und stickig geworden, der Himmel hatte sich weißlich bezogen und der Staub der Luft tanzte über dem zum Schmelzen, heißen Teer der Straße.
Er schlug den Weg durch die schattigen Bäume ein. Dort hatte sich der vom Regen aufgeweichte Matsch wieder in einen knochenharten Weg verwandelt, der keine Spuren mehr offenbarte. Selbst der Wasserstand des Sees, der immer noch deutlich höher war, als bei seiner Ankunft, war schon soweit zurückgegangen, dass er trockenen Fußes die kleine Treppe zur Veranda erreichen konnte.
Ein beklommenes Gefühl bemächtigte sich seiner, als er zum Dach hoch sah, wo die Dachpappe sich in der Hitze wellte. Dieser Sommer war alles andere, als normal, fand er und schloss die Tür zum Häuschen auf.
Die Hitze, die sich innen aufgestaut hatte, war beinahe noch unerträglicher, als draußen und er begann methodisch überall die Fenster zu öffnen, damit die Wärme wenigstens ein bisschen entweichen konnte.
`Ich muss Mrs. Bones beim nächsten Mal danken, dass sie die Fliegengitter an den Fenstern schon eingesetzt hat.´ dachte er, als er auf der Seeseite die Mücken über dem Wasser summen hörte.
Von ferne hörte er ein leises Donnergrollen und fast erwartete er, dass ein kühlerer Windhauch durch das Haus streichen würde, aber er hatte im Gegenteil das Gefühl, dass die Schwüle zunahm. Noch ein Donnergrollen, dieses Mal schon etwas näher, riss ihn aus seinem tranceartigen Zustand. Er rief sich ins Gedächtnis, weshalb er hergekommen war und ging ins Schlafzimmer, um den Schrank von der losen Diele zu rücken. Dieses Mal würde es ihm nicht so schwer werden, den Schrank zu verrücken, denn dieses Mal würde er Magie verwenden können.
Es wurde draußen bereits merklich dunkler und ein erneuter Donner begleitete das Schaben des schweren Schrankes auf dem Holzfußboden. Mit wenigen Handgriffen hatte er das lose Dielenbrett hoch gehoben, seinen Zauberstab, das Geld, sowie den Tarnumhang heraus geholt und Diele und Schrank wieder an seinen Platz gestellt. Erst in diesem Moment ging ihm auf, dass das Wiederfinden seiner wichtigsten Güter nach dem Einbruch keineswegs selbstverständlich war. Nachdenklich spielte er mit dem Zauberstab und ging zurück in das Wohnzimmer. Das Wandversteck war wieder ordentlich verschlossen worden, so dass man äußerlich nichts erkennen konnte.
Auch hier erleichterten seine magischen Fähigkeiten Harry das Leben, als er das Versteck suchte und öffnete, doch es befand sich nichts mehr darin. Der Besitzer des Versteckes hatte es komplett leer geräumt und, was fast noch interessanter war, er hatte von Harrys Versteck und damit von der Tatsache, dass Harry ein Zauberer war, nichts geahnt. Was mochte es gewesen sein, dass der Einbrecher hier gesucht hatte und wer hatte Harry hinterrücks niedergeschlagen?
Harry ließ sich ermattet in einen der Sessel fallen. Es konnte doch kein Zufall sein, dass es zum Einen mehrere Einbrüche und einen Mord gab, die auf eine Beteiligung von Zauberern hindeuteten und zum Anderen, dass es, nach den Erzählungen der Bones heute Mittag, auch bei dem Herrenhaus nicht mit rechten Dingen zuging. Er selbst hatte das Herrenhaus mit den Nebengebäuden gesehen und von der baufälligen Ruine, die alle Welt ihm beschrieb, war da keine Spur.
Eine ganze Zeit war draußen nichts mehr zu hören gewesen, außer einem leichten Luftzug, der die Wärme etwas erträglicher machte, doch dann entlud sich plötzlich das Gewitter mit all seiner Kraft. Es blitzte und donnerte und Harry meinte sogar das zischende Verdampfen des niederprasselnden Regens auf dem Dach hören zu können. Nur die Schritte vor dem Haus, auf der Veranda, hörte er nicht, weil er zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt war.
Und plötzlich fügte sich alles so leicht zusammen, dass er sich unwillkürlich fragte, warum er nicht früher darauf gekommen war. Die Schokofroschkarte aus der Sofaritze und das praktisch ausgeräumte Zimmer von Paul Bones, der einen Großonkel hatte, der in einem offensichtlich verzauberten Haus wohnte, waren doch ein klarer Zusammenhang.
Weil ihm durch das Unwetter draußen kühl zu werden begann, fachte er sich, mit dem neben dem Kamin gestapelten Holz, ein kleines Feuerchen an und setzte sich davor. Durch die leichte Bauweise kühlte das Haus ebenso schnell wieder ab, wie es sich vorher aufgeheizt hatte.
Zur Kette der Indizien gesellte sich dann auch noch die goldene Galleone und die Banküberfälle, obwohl er es, zugegebenermaßen, für merkwürdig hielt, dass in einer Muggelbank goldene Galleonen aufbewahrt werden sollten. Auch wie der Mord genau in diese Serie passte, wusste er noch nicht, aber das würde er auch noch herausfinden.
Außerhalb des Hauses entlud sich ein Gewitter, das problemlos zu einem Weltuntergang gepasst hätte. Und überall, auch im Haus, sank die Temperatur, trotz des Feuers, rapide, so dass Harry eilig alle Fenster wieder schloss und sich mit einer Decke vor das Feuer kuschelte. Die feuchte, kühle Luft ließ ihn zittern und seine Gedanken, die eben noch damit beschäftigt waren, sich die nächsten Schritte zu überlegen, drifteten ab in Richtung Fuchsbau. Ein strahlendes Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit, als er sich vorstellte, wie er Ginny wiedersehen würde, wenn er von seiner Reise zurückkäme.
Doch die kleine, schlanke, rothaarige Ginny Weasley mit dem lieblichen Gesicht veränderte sich plötzlich vor seinen Augen. Ihr Gesicht wurde hager und um den verhärmten Mund bildeten sich kleine Falten, als ob sie zu oft die Lippen zusammen gepresst hätte. „Wo warst Du, Harry Potter? Ich habe hier auf Dich gewartet, während Du Dich in der Weltgeschichte herum getrieben hast!“
Sie lief an dem verdutzten Harry vorbei und verschwand in der Küche. In Harry machte sich ein flaues Gefühl in der Magengegend breit. Das war nicht der Empfang, den er sich, nach ihrem Brief, erhofft hatte.
Die Erinnerung an den Brief tauchte das ganze Bild wieder in wärmere Farben und er schüttelte sich, um die unangenehme Vision zu vertreiben.
Mit einem ohrenbetäubenden Krachen fuhr ein Blitz draußen in den See und tauchte für Zehntelsekunden das Zimmer in sein grelles, unwirkliches Licht und die Realität wurde noch ein Stück zur Seite gerückt.
Plötzlich stand Harry in der Tür zur Küche der Weasleys und vor ihm standen aufgebahrte Särge, um die die ganze Weasley-Familie trauernd herum stand. Alle Gesichter wandten sich ihm, wie auf Befehl, zu und sahen ihn vorwurfsvoll an. Mrs. Weasley trat vor und irgendwie veränderte sie sich in Petunia Dursley. „Wo warst Du, als wir Dich gebraucht haben? Wo hast Du Dich herumgetrieben?“ Harry stockte der Atem und er war zu keiner Erwiderung fähig.
Er krallte sich mit der rechten Hand an die Lehne des Sessels, mit der linken umklammerte er den Tarnumhang und seinen Zauberstab und starrte mit aufgerissenen Augen in das Feuer, das er doch nicht sehen konnte. Blitz!
Eine viel ältere, sorgengebeugte und verhärmte Ginny schob ihre Mutter zur Seite. „Wo warst Du? Ich habe Dich geliebt und Dich gebraucht, aber nie warst Du für mich da!“
Harry wurde elend zumute und sein Inneres krampfte sich zusammen, tief in seinem Inneren hatte er sich den Funken einer Idee bewahrt, dass das hier nicht real war, aber er war außer Stande, diese Idee zu beleben. Blitz!
Ihm traten die Schweißtropfen auf die Stirn, als sich zu seinem Entsetzen die entstellten Gestalten der Toten aus den Särgen erhoben. „Wo warst Du? Wir sind nur für Dich gestorben, aber Du wolltest unser Opfer nicht.“
Vor Harrys Augen begann sich Alles zu drehen und ihm wurde schwindelig. Immer dunkler wurde es um ihn herum. Selbst die vielen Kerzen, die über den Särgen und den Köpfen schwebten, schufen nur eine klägliche Helligkeit. Durch die Reihen der trauernden Weasleys schritten viele Hexen und Zauber, die Harry im Laufe seines Lebens kennengelernt hatte und schrien ihn böse an: „Wo warst Du? Wir haben Dir aus der Patsche geholfen und Du bist Dir zu gut, um bei uns zu leben?“
Harry wich erstickt zurück und stieß dabei gegen Stühle und Tische, die umfielen. Blitz!
Prasselndes Feuer leckte an ihnen hoch und bildete eine erstickende Mauer um Harry herum. Durch das Feuer schritt Voldemort auf ihn zu und machte direkt vor ihm halt. „Wo warst Du, Harry Potter? Du glaubst doch wohl nicht, dass Du mit der kläglichen Vorstellung mich, den größten Zauberer aller Zeiten, besiegen konntest?“
Plötzlich begann sich um Harry dichter weißer Dampf auszubreiten, ihm wurde schwarz vor Augen, er musste husten vom Rauch und konnte sich doch nicht bewegen. Langsam sank er bewusstlos in sich zusammen.
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