
von Kreacher Potter
Harry trat nach einem spannenden Vormittag aus dem Haus des Doktors und schloss, kurzzeitig geblendet, die Augen. Die Sonne stand fast senkrecht über ihm und hatte mit ihrer Kraft eine bleierne Hitze über das Dorf gelegt.
Harry hingegen fühlte sich unglaublich kräftig und kein bisschen müde, wie man es eigentlich hätte erwarten sollen, wenn man niedergeschlagen wurde, ein paar Tage im Krankenzimmer gelegen hätte und gleichzeitig in Temperaturen leben musste, die einer Sauna alle Ehre bereitet hätten. Er hatte keine Kopfschmerzen mehr, das Schwindelgefühl war vergangen und die Mattigkeit war wie abgestreift.
Jonas war von seiner Mutter nach dem Frühstück aus dem Zimmer gescheucht worden, damit Harry wieder seine Ruhe haben sollte, die er doch gar nicht mehr brauchte. Aber das konnte er Schwester Michelle natürlich nicht erklären. Statt dessen signalisierte er Jonas, so bald wie möglich, durch das Fenster zurückzukommen, damit er dem Jungen helfen konnte, mit der neuen Situation fertig zu werden. Einer Situation, die Harry genau genommen selbst nicht verstand. Er musste erst einmal allein erproben, wie stark die Veränderungen waren.
Er fühlte in sich, trotz der Loslösung von dem Anhänger, eine unglaubliche Stärke der Magie heranwachsen, die er vorher so nie erlebt hatte. Schon immer hatte es sich besonders angefühlt, wenn er große magische Leistungen vollbracht hatte, wie den Patronus, mit dem er Sirius und sich an dem Waldsee gerettet hatte. Aber jetzt konnte er die Magie dauerhaft fühlen und begreifen. Er verstand jetzt, wie die Magie in ihm existierte, wie die Kräfte durch ihn wirkten und wie das Leben und die Magie zusammengehörten. Er konnte spontan ein paar Theorien in seinem Kopf formulieren, die viele Fragen erklären würden, die er sich immer gestellt hatte. Sie würden erklären, warum es mächtige und weniger mächtige Zauberer gab und warum er, Harry, von Dumbledore immer für einen sehr mächtigen Zauberer gehalten wurde, obwohl er noch ein unausgebildetes Kind war. Vermutlich war sogar Dumbledore selbst auf dieser Stufe der Magie angekommen, die Harry jetzt beschritt.
Bis Jonas kam, hatte Harry begonnen zu experimentieren und jede Vorsicht in Hinsicht auf Magie und Entdeckung durch die Zaubererschaft aufgegeben, die ihn bisher seinen Zauberstab und die anderen magischen Gegenstände verstecken ließ. Er hatte damit begonnen mit dem Finger auf seinen Wäschestapel zu zeigen und sich vorzustellen, wie dieser zu ihm flog und der Stapel erhob sich sanft und schwebte auf ihn zu. Dann hatte er bewusst seinen Willen verstärkt und seine zusammengerollten Socken wieder zurückgeschickt, mit dem Erfolg, dass der Sockenball mit hoher Geschwindigkeit durch das Zimmer schoss, von der Wand, vor der sie ursprünglich gelegen hatten, wieder abprallten und wieder fast zu ihm zurück kullerten. Harry war verblüfft gewesen, über diese Art der Zauberei, für die er noch nicht einmal einen Zauberstab, sondern nur seinen Willen brauchte und hatte die Trainingsstunde fortgesetzt. Er musste lernen seine neuen Kräfte einzuschätzen und für sich wirksam zu machen, doch er ahnte jetzt schon, dass er dafür eine lange Zeit brauchen würde.
Dann war er auf die Idee gekommen, seine Zaubersprüche auszuprobieren und war von ihrer Wirkung überwältigt. Ein simpler Accio Socken ließ diese nicht zu ihm fliegen, sondern an der Wand verschwinden und in seiner ausgestreckten Hand im selben Moment wieder auftauchen. Ein Levi Corpus beförderte den Sessel schlagartig einen halben Meter in die Höhe und hätte ihn fast in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht, weil der Sessel jetzt in dieser Höhe verharrte, auch als Harry nicht mehr an ihn dachte. Sonst hatten die meisten Zauber nachgelassen, wenn man sich nicht auf sie konzentrierte, doch nun blieb der Sessel einfach in der Luft schweben. Als Schwester Michelle mit Jonas im Schlepptau zur Tür hereinkam, um Harry zu fragen, ob Jonas noch ein Weilchen bei ihm bleiben konnte, schwebte er weiterhin hoch über dem Boden.
Sie schaute ihn mit einem so strahlenden Lächeln und hoffnungsvollem Blick an, dass Harry von ihrer offensichtlichen Verliebtheit irritiert und abgelenkt war und den Sessel völlig vergaß. Schwester Michelle hatte sich aber in diesem Moment so sehr auf Harry fixiert, dass sie weder den schwebenden Sessel sah, noch ihren Sohn, der denselben mit einer kleinen Handbewegung wieder zu Boden beförderte.
Der Rest des Vormittags war dann wie im Flug vergangen. Der Kleine stellte ihm eine Unmenge an Fragen, die auf Harry erheblich abgeklärter wirkten, als es bei einem Elfjährigen eigentlich zu erwarten war. Auf der anderen Seite verspürte er ja auch bei sich diese neue Klarheit der Gedanken, die ihn Zusammenhänge viel leichter erschließen ließen.
Ohne jede Ermahnung hatte Jonas sofort begriffen, als er nach dem Frühstück aus dem Zimmer geschleppt wurde, dass er mit dem neuen Wissen nur im Geheimen umgehen durfte. Er hatte sich vorerst auf den Dachboden des Hauses verzogen und dort seine neuen Kräfte erforscht.
Am Ende des Vormittages versprach er Harry hoch und heilig, dass er auch weiterhin in der Öffentlichkeit keine Magie wirken würde und war auf der anderen Seite hoch erfreut, als er von Hogwarts erfuhr und seiner Aussicht, dort zur Schule gehen zu dürfen.
Dann nahmen sie sich noch den Anhänger vor, den Harry mit einem gedachten Tergeo wieder in seinem orginalen Silberglanz erstrahlen ließ. Er zeigte mit feiner Prägung eine Frau in mittelalterlicher Robe, mit zum Segen erhobenen Händen. Die Figur wurde von einem Ring von unbekannten Worten umkränzt, die keiner der beiden je gesehen hatte. Nur der Name der Frau, der unterhalb von ihr eingeprägt war, war klar erkennbar, er lautete Edda. Sie beschlossen sich nach Harrys Rückkehr am Nachmittag, wieder mit dieser Inschrift zu beschäftigen, weil die Zeit für Harry langsam drängte. Auf der Rückseite hingegen, war lediglich das Abbild eines großen Kreuzes zu sehen und davor zwei Arme, mit ineinander verschränkten Händen.
Harry trat auf den Fußweg und schaute sich um. Keine Menschenseele war mehr unterwegs zum Einkaufen oder beugte sich auf ein Schwätzchen über einen Gartenzaun, keine Trecker knatterte über die Feldwege, selbst Rosies Pub war von den Mitarbeitern nicht geöffnet worden, weil am Montag Ruhetag war. Er wandte sich nach rechts, schlenderte ohne Eile auf die andere Straßenseite und stand nach wenigen hundert Metern vor dem Haus der Bones. Trotz der drückenden Hitze konnte er die lebende und atmende Anwesenheit der Natur um ihn herum spüren. Er hatte das Gefühl, als könne er sich sogar in den Baum hineindenken, der bei Mrs. Bones im Garten stand, konnte seine Lebenskraft fühlen und ihn vielleicht sogar beeinflussen. Er spürte ganz deutlich das Herzklopfen der kleinen Schwalbe, die ihn erst zu spät erblickt und sich heftig vor ihm erschrocken hatte. Es schien ihm sogar so, als ob die Welt um ihn herum, lebendigere Farben hätte, als früher.
Versonnen stand er am Gartentor und genoss sein Versinken in seine Umgebung, als er die Stimme von Mr. Bones hörte, der ihn beobachtet haben musste und nun unter die geöffnete Haustür trat. „Wollen Sie da am Zaun stehen bleiben, oder hereinkommen, junger Mann?“
Harry ließ sich von der brummeligen Art nicht beeindrucken. „Natürlich, ich komme gern! Ich habe nur gerade noch Ihren Garten bewundert.“
Mr. Bones taute sichtlich auf. „Ja, nicht wahr! Ist wirklich ein Prachtstück. Kenne keinen besseren hier im Dorf. Jetzt kommen Sie schon herein, die Hitze brennt einem ja den Verstand aus dem Kopf!“
Harry folgte ihm durch einen kurzen, kühlen Hausflur, mit einer Treppe ins Obergeschoss, in eine gemütliche Wohnküche.
„Hallo Hank! Ich bin sofort bei Ihnen. Timotheus, würdest du unseren Gast bitte zu Tisch führen.“ Mrs. Bones wuselte mit hochrotem Kopf durch die offene Küchenzeile, schenkte ihm einen freudig aufgeregten Blick und rührte ungestüm weiter in ihren Töpfen herum.
„Dann kommen Sie mal mit, junger Mann.“ Er schob Harry praktisch durch die niedrige Küche in ein kleines, mit alten Möbeln vollgestelltes, Esszimmer, das durch einen großen Wanddurchbruch mit der Küche verbunden worden war. Ein großer, schwerer Esstisch war bereits liebevoll eingedeckt und ließ die besten Vorsätze für ein gutes Mittagessen erahnen.
„Ein Glas Wasser vorweg, mein Junge? Man kann bei diesen Temperaturen ja gar nicht genug trinken. Das hab ich damals in Indien gelernt!“
„Ja, gern!“ Harry wusste nicht recht, was er sagen sollte, doch das wurde ihm von Mr. Bones abgenommen, der auf dem Absatz kehrt machte, um aus dem Kühlschrank den Krug mit Wasser zu holen. Direkt nach ihm kam Mrs. Bones mit energischen Schritten hinterdrein und stellte eine große Salatschüssel auf den Tisch.
„Setzen Sie sich doch, Setzen Sie sich doch! Ich hoffe, es ist Ihnen recht, dass es heute vorweg einen Salat gibt. Aber bei der Hitze war mir nicht nach einer Suppe.“
Da Mr. Bones sich schon neben den Stuhl gestellt hatte, auf dem er wahrscheinlich immer saß und der der Küche zugewandte Stuhl vermutlich sonst immer von Mrs. Bones benutzt wurde, ging Harry einmal um den Tisch herum und bewunderte dabei das schöne Geschirr. „Sie haben es sehr schön hier! Und ich möchte mich noch einmal bedanken, dass Sie mich heute zum Essen eingeladen haben.“
„Oh, wir haben gern Gäste um uns!“ trällerte Mrs. Bones und ließ sich mit einem kleinen Seufzer am Tisch nieder.
Mr. Bones sah in diesem Moment nicht so aus, als ob er bei diesem Thema hundertprozentig mit seiner Frau übereinstimmen würde, aber er sagte nichts und griff beherzt nach der Salatschlüssel, um ihnen aufzufüllen.
Das Essen begann zunächst schweigend bis Mrs. Bones nach ein paar Minuten begann: „So Hank, Sie müssen uns jetzt aber unbedingt etwas von sich erzählen.“ und Harry gleichzeitig bemerkte: „Der Salat ist köstlich. Bei Ihrer Küche, kann ich gar nicht verstehen, dass Ihr Sohn nicht häufiger zum Essen kommt.“
Beide entschuldigten sich mit einem Lachen gleichzeitig dafür, den Anderen unterbrochen zu haben und Mrs. Bones fuhr, mit einem Seitenblick auf ihren Mann, eilig fort zu antworten: „Das haben Sie nett gesagt. Ich freue mich, dass es Ihnen schmeckt.“
„Und so selten ist er schließlich auch nicht hier.“ Ließ sich gleich Mr. Bones vernehmen. „Ist ja doch ein weiter Weg von London hierher.“
„Ihre Frau sagte neulich, er ist bei einer Bank?“ fragte Harry, um die gerade begonnene Konversation nicht wieder einschlafen zu lassen.
„Ja! Sehr zu meinem Bedauern!“ Er erntete einen resignierenden Blick von seiner Frau, den er geflissentlich übersah. „Hätte es lieber gesehen, wenn er erstmal seinen Dienst in der Armee geleistet hätte. Hatte die besten Anlagen, der Junge. Habe früher immer schon Schießen und Orientierungslauf mit ihm geübt. Da war er sehr gut. Aber dann, eines Tages, war er wie ausgewechselt. Er wurde rebellisch, hatte seltsame Freunde und...“
„Nun iss mal erst den Salat auf, wir warten schon auf Dich!“ Und zu Harry gewandt, fuhr Mrs. Bones fort: „Außerdem ist Paul farbenblind und damit hätten sie ihn in der Armee sowieso nicht genommen.“
Mr. Bones macht sich über seinen Salat her und brummelte zwischen zwei Bissen: „Wenigstens das hatte er mit seinem System in der letzten Zeit aber gut im Griff. Das hätten die nie gemerkt.“
„Was für ein System?“ fragte Harry neugierig.
„Oh, ganz einfach. Ich bin früher mit ihm seine Wäsche durchgegangen und dann haben wir überall Zettel dran gemacht, um welche Farbe es sich handelt. Möchten Sie noch Salat?“
„Nein, danke!“
„Dann hole ich schon mal den Fisch. Sie mögen doch Fisch? Ich mache ihn immer mit Reis und einer feinen Currysauce.“
„Ja, sehr gern.“
Sie holte die Schüsseln und Platten und begann mit dem Servieren. Ihr Mann hingegen hatte es offensichtlich noch nicht verwunden, dass er eben so direkt unterbrochen worden war. „Ich glaube sowieso, dass er viel häufiger im Dorf ist, als er sich bei uns blicken lässt. Ständig will ihn irgend jemand gesehen haben. Dann ist er bestimmt immer bei seinem Großonkel, diesem Eigenbrötler.“
„Jetzt fang nicht an zu streiten, Timotheus, das Thema hatten wir doch in der letzten Zeit oft genug.“
„Wer ist denn sein Großonkel?“ warf Harry, wie er hoffte beruhigend, dazwischen und begann mit dem Fisch. „Oh, ist der lecker, Mrs. Bones.“
„Ja, Kochen kann meine Sally!“ sagte Mr. Bones.
„Danke Euch Beiden!“ entgegnete Mrs. Bones, „Hauptsache es schmeckt Euch.“ Und zu Harry gewandt fuhr sie fort. „Das dürfte einer der wenigen Menschen im Dorf sein, den Sie schon kennen. Es ist Ihr Nachbar, William Moresley. In so einem kleinen Dorf sind ja fast Alle miteinander verwandt.“
Harry wollte nicht weiter nachfragen, da das Thema offensichtlich Unstimmigkeiten zwischen seinen Gastgebern hervorrief und das Gespräch wandte sich anderen Themen zu. So musste er erst einmal ausführlich erzählen, wie es ihm mit der Verletzung ergangen war und wie er sich jetzt fühlte und bekam immer wieder Worte des Bedauerns zu hören, dass ihm dieses Unglück nun gerade bei ihnen passiert war. Außerdem konnte er noch mit der Anekdote um die Verwechslung von Rosie und ihrer Schwester und der gestrigen Heirat aufwarten.
Erst zum Nachtisch, einer großen Schale selbst gemachtem Pfirsicheises, konnte Harry das Gespräch wieder auf das Dorf und die Ereignisse der letzten Woche lenken. „Glauben Sie denn, dass die Wirtin vom Pub etwas mit dem Mord zu tun hat?“ fragte er so unverfänglich, wie möglich.
„Sie brauchen sich gar nicht zu verstellen!“ grinste Mr. Bones. „Es weiß doch schon das ganze Dorf von Ihrem Techtelmechtel.“
„Das geht uns gar nichts an, Mr. Bones!“ sagte seine Frau schroff. „Wissen Sie, Hank, in solche Sachen sollte man sich nicht einmischen, da kann man sich nur die Finger dran verbrennen. Noch Eis?“
„Danke, ja. Ich habe gehört, dass Rosie und der Schmied früher ein Verhältnis gehabt haben sollen?“
„Ja, das stimmt wohl, aber Genaues weiß da Keiner, außer ihr.“
„Na Sally, er war aber schon ein seltsamer Vogel! Mal scharwenzelte er tagelang um sie herum, dass man meinen konnte, es werden bald die Glocken läuten. Dann war er wieder wochenlang verschwunden und ließ sich von ihr nur abends mal das Essen bringen. Das macht doch keine Frau mit!“
„Auf jeden Fall glaube ich nicht, dass sie ihn umgebracht hat.“ entgegnete Mrs. Bones jetzt wieder eine Spur gereizter. „Die hat ihr Herz auf dem rechten Fleck, auch wenn viele im Dorf sie nicht so gut leiden können.“
Mr. Bones kicherte. „Ja, weil sie Angst um ihre Männer haben. Ist ja `n verdammt hübsches Ding.“
„Auf jeden Fall war es nicht richtig, sie nur zu verhaften, weil sie die Einzige sein soll, die noch einen Schlüssel zu dem Haus hat.“
Harry leckte den Löffel ab und schob den Teller, vor Genuss seufzend, von sich und unterdrückte ein Gähnen. „Man hat aber doch auch Wäsche von ihr dort gefunden.“
„Machen Sie sich nicht verrückt, Junge. Es war nur ein T-Shirt und dafür kann es eine Menge Gründe geben. Glaube jedenfalls nicht, dass Sie es war. Welchen Grund sollte sie auch gehabt haben?“
Mrs. Bones zuckte mit den Schultern und schob weiter die Schalen zusammen, um sie in die Küche zu tragen. „Vielleicht hat er irgendwas gesehen, was er nicht sehen sollte. Schließlich muss doch praktisch jeder, der ins Dorf will, oder hindurch fährt, bei ihm vorbei.“
Während des Essens war die Sonne weiter um das Haus gewandert und schien jetzt durch die niedrigen Esszimmerfenster. Harry merkte, wie die Wärme und die heimelige Atmosphäre des Zimmers ihn zufrieden stimmten und das gute Essen ihn müde machte. Das nächste Gähnen konnte er nicht mehr verstecken und Mrs. Bones reagierte übertrieben erschrocken. „Oh, Hank. Das tut mir leid, ich hoffe wir haben Sie mit unserem Gerede nicht überanstrengt.“
Harry beeilte sich zu sagen, dass alles in Ordnung wäre. „Ich habe nur schon lange nicht mehr so gut und so viel gegessen, Mrs. Bones. Ich brauche nur ein paar Minuten, dann bin ich wieder voll da.“
„Habe da eine bessere Idee! Mache immer gern ein kleines Mittagsschläfchen. Und das können Sie doch auch tun, oben in Pauls Zimmer. Mrs. Bones kann uns in der Zwischenzeit eine Tasse Kaffee kochen. Was halten Sie davon?“
„Ich weiß nicht recht.“ antwortete Harry, dem die Besorgnis etwas unangenehm und peinlich war.
„Doch, machen Sie nur. Timotheus hat ganz recht, nach einem guten Essen sollte man ein kleine Pause einlegen. Er kann Ihnen oben Pauls Zimmer zeigen und wenn Sie fertig sind, kommen Sie herunter und wir trinken noch eine Tasse Kaffee zusammen.“
Harry musste sich leider eingestehen, dass sein Geist zwar viel klarer als früher war, der Körper aber offensichtlich immer noch an den Nachwirkungen des Überfalls litt. Deshalb stimmte er kurz entschlossen zu und stieg mit Mr. Bones die Treppe in das Obergeschoss hinauf.
Waren unten die Decken schon niedrig, wie es in typisch englischen Landhäusern häufig der Fall ist, so passte ein groß gewachsener Mann in den oberen Zimmern nur gebückt durch die Türen. Das Zimmer von Bones junior lag an der Vorderseite des Hauses und Harry konnte von den Arbeitsgeräuschen aus der Küche, auch mit seinen geschärften Sinnen, kaum noch etwas vernehmen. Nur ein paar tapsende Schritte und die Tür zum Schlafzimmer schloss sich hinter Mr. Bones.
Das Zimmer enthielt nichts Besonderes. Die wesentlichen Möbel waren ein Bett, ein Schrank, eine Kommode und ein Schreibtisch. Hier und dort lagen noch ein paar persönliche Sachen von Paul Bones und einige Bücher herum, aber es fehlte an Allem, was dieses Zimmer wohnlich gemacht hätte. Poster, die man früher mit Nadeln an der weißen Tapete festgesteckt hatte, waren so eilig abgerissen worden, dass vereinzelte Ecken noch an den Wänden hafteten und runde oder eckige Verfärbungen auf dem Holz der Möbel zeigten deutlich, dass dort früher viele Dinge gestanden haben mussten.
Harry wurde neugierig. Er zog leise die oberste Schublade der Kommode heraus und fand auf einem Stapel vergilbter Papiere mehrere umgedrehte, achtlos hinein geworfene Bilderrahmen. Als er sie herausnahm und umdrehte, waren es alte Bilder von den Eltern Bones mit einem strahlenden Jungen in ihrer Mitte, der auch immer wieder in den anderen Bildern auftauchte und deshalb vermutlich Paul Bones war. Ein Bilderrahmen enthielt einen alten Zeitungsausschnitt, auf dem derselbe Junge einen großen Pokal in den Händen hielt und betitelt war: Paul Amitricus Bones gewinnt den Mathematikpokal der Upper Idlington Bank.
Harry war sich bewusst, wie unhöflich es war, in den privaten Sachen seiner Gastgeber zu stöbern, aber ihn beschlich bei dem Gedanken an Paul Bones ein komisches Gefühl. Bruchstücke aus den verschiedenen Unterhaltungen, bei denen Paul Bones vorgekommen war, geisterten durch seinen Kopf, fügten sich aber noch nicht zusammen.
Er öffnete weitere Schubladen, aber sie waren entweder leer, oder enthielten alte, unmodern gewordene Kleidungsstücke, von denen einige noch mit den Zetteln zur Farbangabe versehen waren. Es waren sogar einige dabei, mit geradezu kreischenden Farben und ungewöhnlichen Schnitten, die, vielleicht aus Trotz von Mrs. Bones, keine Zettel mehr hatten.
Hätte es die versteckten Bilder und die paar Kleidungsstücke nicht gegeben, hätte es sich bei dem Zimmer auch um einen Stauraum mit überzähligen Möbeln handeln können. Harry konnte gut verstehen, dass Paul Bones hierher nicht gern zurückkehrte.
Hinter ihm erklang ein Geräusch, als ob Kieselsteine gegen das Fenster geworfen würden und er fuhr herum. Vor dem Fenster erblickte er eine große Eule, die eine Nachricht in der Klaue trug und heftig mit den Schwingen schlagend, gegen das Fenster pickte. Ohne Nachzudenken riss er die Fensterflügel auf und ließ die Eule herein.
Sie ließ sich auf dem Fenstersims nieder und weigerte sich standhaft das Zimmer, und damit das Muggelhaus, zu betreten. Harry griff nach dem Schreiben und wollte es der Eule aus der Klaue nehmen, die sie ihm hinhielt, da schoss, bei der ersten Berührung des Briefes, ein Bild von Ginny mit einer solchen Intensität durch seinen Kopf, dass er fast meinte, sie direkt vor sich zu sehen. Sie stand mit mehreren Leuten in einem großen Raum, die entweder zu weit weg oder von ihr verdeckt waren, um sie erkennen zu können, drehte sich langsam zu ihm um und sah ihm tief in die Augen.
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