
von Kreacher Potter
Harry schlug die Augen auf und versuchte sich zu orientieren. Das hellgelb gestrichene Zimmer um ihn herum, kam ihm im ersten Moment vollkommen unbekannt vor und auch die Einrichtung war eine ganz andere, als in dem Haus am See.
Doch dann kam die Erinnerung wieder. Der Verband, den er an seinem Kopf ertastete und das Pflaster an seinem linken Arm führten seine Gedanken zurück in das Krankenzimmer des Doktors. Er setzte sich im Bett auf. Von draußen drang Glockengeläut durch das leicht geöffnete Fenster und gedämpftes Sonnenlicht, das seltsam traumhaft wirkte, erhellte seine Umgebung. Seine Kopfschmerzen hatten sich auf ein leichtes Pochen reduziert, und er fragte sich, ob er nach der Schwester klingeln sollte. Doch im Moment genoss er die Ruhe.
Bröckchenweise kamen die Erinnerungen wieder. Erst fielen ihm wieder Schwester Michelle und Rosie, die ihm Suppe gebracht hatte, ein. Und dann fügte sich, wie Puzzleteile, auch der Rest wieder zusammen. In Rosies Gegenwart hatte er sich nur noch an die Posthalterin erinnern können, doch jetzt wusste er plötzlich auch wieder, wie er den Fremden in seinem Haus beobachtet hatte und dass er von hinten niedergeschlagen worden war, denn er hatte ja noch aus den Augenwinkeln einen Schatten wahrnehmen können, der gewiss kein fallender Baum gewesen war. Was war hier los?
Er hatte hier doch Niemandem etwas getan, wieso griff man ihn an, wieso wurde er eines Mordes verdächtigt, wer suchte nach ihm?
Zumindest die letzte Frage konnte er zum Teil beantworten: Gesucht wurde er, da war sich sicher, von der Zauberwelt. Sie würden ihn wieder auf einen Schild heben, ihm Orden verpassen und die Presse würde ihn belagern, damit sie etwas zu schreiben hätte, ein Gedanke, der ihn schaudern ließ. Gesucht wurde er bestimmt auch, dass war ihm in der letzten Woche in Idlington ebenfalls klar geworden, von seinen Freunden Ron, Hermine, den Weasleys und vielleicht auch von Ginny? Ihr von roten Locken umgebenes Gesicht tauchte vor seinem inneren Auge auf und krampfte sein Herz zusammen. Sie wäre noch am Ehesten der Grund wieder in sein altes Leben zurückzukehren. Aber nein, so konnte er in der Welt nicht leben, auch nicht zusammen mit Ginny, zumal es ohnehin fraglich wäre, ob sie auf ihn gewartet hätte.
Immerhin, so schien es, hatten sie ihn mit ihrer Suche bisher noch nicht gefunden und mit ein bisschen Glück, würde die Suche an Idlington vorbeigehen, oder war sogar schon vorbeigegangen.
Da war es umso schlimmer, dass er, kaum dass er versuchte in der Muggelwelt Fuß zu fassen, in diese verfluchte Geschichte geriet. Die Polizei würde ihn, den Fremden, bestimmt nicht in Ruhe lassen, bevor die Geschichte nicht geklärt war.
Ohne nachzudenken stand er auf und ging ein paar vorsichtige Schritte zum Fenster. Der Himmel war hochnebelartig verschleiert und die Luft schien still zu stehen. Harry stützte sich am Fensterbrett ab. Im selben Moment stellte er erfreut fest, dass er nicht mehr so wackelig auf den Beinen war. Er lehnte sich etwas aus dem Fenster und blickte auf einen kleinen, gepflegten Garten. Daran schloss sich ein großes Weizenfeld an und dahinter konnte er in einiger Entfernung die Kirche ausmachen. Auf dem Parkplatz vor der Kirche standen viele Autos und eine Menge Menschen gingen durch das Eingangsportal.
`Heute muss Sonntag sein!´ schoss es ihm durch den Kopf. `Heute heiratet Rosies Schwester und ich habe fast einen kompletten Tag verschlafen!´ Versonnen betrachtete er das festliche Treiben von Ferne. Ein leichtes Staubrieseln vor seiner Nase ließ ihn nach oben sehen. Am Fenster über ihm lehnte sich Schwester Michelle mit einem kleinen Fernglas aus dem Fenster und beobachtete ebenfalls die Kirche. Er grinste in sich hinein und zog sich zurück, damit sie ihn nicht sehen würde.
Dann begann er systematisch seine Gedanken zu sortieren. Es war nicht viel, was er wusste und was davon hatte mit diesem Durcheinander zu tun?
Zum Ersten gab es zwei Verbrechen, die sich bei ihm getroffen hatten: Eine Kette von Bankdiebstählen und ein Mord, die sorgfältig auseinander gehalten werden wollten.
Zum Zweiten hatte Irgendjemand etwas in seinem Haus gesucht und wahrscheinlich auch gefunden und Harry war entweder von einem Kumpan, oder von einem anderen Beobachter des Geschehens niedergeschlagen worden. Das wiederum hieße aber auch, dass der Einbrecher sich in dem Haus gut auskennen musste. Denn wer käme auf die Idee, dort ein Versteck zu vermuten. Oder hatte er die Sachen selber dort versteckt und wollte sichergehen, dass Harry sie sich nicht aneignete und das Ganze war ganz legal und hatte mit den Verbrechen nichts zu tun? Das allerdings konnte sich Harry nun wirklich nicht vorstellen, denn warum hätte er dann eins auf den Kopf bekommen sollen?
Harry begann grübelnd im Zimmer auf und ab zu gehen, obwohl er merkte, dass es ihn etwas anstrengte. Genau genommen hatte er noch nicht einmal Frühstück gehabt.
Zum Dritten war da Rosie. Sie war eine Frau, die ihn faszinierte, obwohl sie viel zu alt für ihn war, aber diesen Gedanken verschob er hastig nach ganz hinten. War sie wirklich eine Hexe, oder stand sie mit ihrer Lebendigkeit nur immer mitten im Geschehen? Was wollte sie von ihm? Und was war das für ein seltsamer Freund, bei dem sie immer wieder vom Gespräch ablenkte, wenn die Sprache auf ihn kam? War er der Übeltäter und sie wollte dafür sorgen, dass für die Polizei immer ein Verdächtiger bereit war? Es war doch ein seltsamer Zufall, dass ausgerechnet sie den toten Schmied gefunden hatte. Oder hatten die Beiden vielleicht sogar den Überfall auf ihn ausgeführt? Immerhin hatte Rosie eigentlich immer gewusst, wann er sich wo aufhielt. Und trotzdem machte es ihn ärgerlich, wenn er sich vorstellte, dass sie etwas mit den Verbrechen zu tun haben sollte. Das war eindeutig ein Punkt, den er untersuchen sollte!
Zum Vierten kam ihm die Geschichte mit Mr. Moresley und seinem Haus seltsam vor. Warum sprachen die Leute hier alle von einer Bruchbude, wenn es doch erheblich mehr von einem großen Herrenhaus mit Parkanlagen hatte? Wollte man den alten Mann nur schlecht machen, weil er ein Einsiedlerdasein der Dorfgemeinschaft vorzog? Auf der anderen Seite konnte Mr. Moresley zumindest mit dem Bankraub nichts zu tun haben. Wie sollte der alte Mann, der den ganzen Tag mit seinem Stock unterwegs war, in der Lage sein, unerkannt und unbemerkt nachts in Banken einzubrechen, ohne Spuren zu hinterlassen.
`Das wäre überhaupt nur mit Zauberei möglich!´ dachte er und musste sich, staunend über seine eigene Blindheit, erst einmal wieder auf sein Bett setzen. `Aber dann könnte es viele mögliche Täter geben!´
Nur diese Lösung des Problems, dass die Verbrechen mit Zauberei begangen worden sein sollten, konnte er der Polizei schlecht präsentieren, denn die würde ihn vermutlich in die nächste Irrenanstalt sperren und der Magischen Strafverfolgung wollte er seinen Aufenthaltsort ebenfalls nicht verraten. Er saß in der Zwickmühle.
„Verdammt!“ er hieb mit der Faust auf den kleinen Tisch, dass die Glocke in die Höhe geschleudert wurde und mit lautem Klingeln zu Boden fiel. Er war der Lösung seines Problems noch keinen Zentimeter näher gekommen und die Kopfschmerzen wurden auch wieder stärker.
Von draußen hörte er Schritte eine Treppe herunter eilen und Schwester Michelle öffnete die Tür. Sie erfasste mit einem Blick die herunter gefallene Glocke, Harry, der erschöpft auf dem Bettrand saß und missdeutete seinen zornigen Gesichtsausdruck dahin, dass er noch nicht wieder so kräftig war, wie er erhofft hatte. „Machen Sie nicht zu schnell, Sie werden noch ein paar Tage Erholung brauchen!“
„Da trifft es sich ja gut, dass ich zur Erholung in diese Stadt gekommen bin!“ antwortete er zynisch und schalt sich in Gedanken einen Esel, dass er so unfreundlich war. Schwester Michelle war schließlich die Letzte, die an seinen Problemen Schuld war.
„Es tut mir leid!“ sagte er entschuldigend. „Ich stehe mir manchmal selbst im Weg.“
„Ist schon gut. Ich hole Ihr Frühstück.“ Sie ging und konnte das Tablett nur von einem Tisch vor der Tür gegriffen haben, so schnell war sie wieder zurück. „Ich hoffe, der Tee in der Thermoskanne ist noch warm genug.“
„Danke sehr!“
Sie ordnete seine Decke und half ihm, das Tablett über seine Beine zu stellen.
„Schwester Michelle?“
„Ja?“ sie sah ihn fragend an.
„Sagen Sie“, er wand sich etwas unter der Frage, „hat Rosie Banks eigentlich einen Freund? Ich habe da letztens so einen Typen bei ihr gesehen.“
Sie richtete sich abweisend auf. „Nicht, dass ich wüsste, aber das kann man bei ihr nie so genau sagen. Klingeln Sie, wenn Sie etwas brauchen!“ Mit wenigen Schritten rauschte sie durch die Tür und schloss sie ein wenig zu laut hinter sich.
Er seufzte, es war kaum zu übersehen, dass er mit seiner Frage an die Falsche geraten war.
Kaum hatte er sein Frühstück hinunter geschlungen, er war hungriger gewesen, als er sich selbst eingestanden hatte, klopfte es lautstark an der Tür und der Doktor betrat, ohne auf eine Aufforderung zu warten, den Raum. Ganz offensichtlich kam er direkt von der Kirche, denn er hatte noch den schwarzen Anzug an, der doch vermutlich eher für festliche Gelegenheiten reserviert war.
„Guten Morgen, Hank. Ich habe mir gedacht, ich schaue zwischendurch mal bei Ihnen rein. Sie haben ja lange geschlafen. Wie gehts Ihnen denn heute Morgen?“
„Ganz gut, danke. Nur noch ein bisschen schlapp.“
„Das wird wieder, das wird wieder! Was machen die Kopfschmerzen, Schwindelgefühl und so?“
„Viel besser, danke.“
„Na, bitte! So ein harter Jungenschädel hält was aus, nicht wahr? Ach, bevor ich es vergesse: Sally Bones hat vorgeschlagen, dass Sie sie nachher zum Kaffee in ihr Haus einlädt. Dann kommen Sie hier mal für ein paar Stunden raus und sie hat ihre Freude. Was sagen Sie?“
Harry war zwar nur begrenzt begeistert, aber es war einmal eine Möglichkeit, frische Luft zu schnuppern und nicht nur gelbe Wände anzustarren. „Ja gerne. Danke sehr!“
„Danken Sie nicht mir. Aber ich werde es Sally gleich beim Hochzeitsmahl sagen. Brauchen Sie noch irgend etwas?“
„Danke, nein. Es ist alles ok.“
„Fein, fein!“ Und er verließ fröhlich pfeifend den Raum.
Harry war wieder allein. Vor der Tür konnte er noch ein paar gemurmelte Worte hören, die Doktor Rogers und die Schwester austauschten, dann kehrte Stille ein.
`Ein paar von meinen Büchern wären jetzt schön!´ dachte er und sah sich um. Direkt neben den Stapel mit seiner gebügelten und ordentlich gestapelten Wäsche zum Wechseln, stand auch sein Rucksack mit den Besorgungen vom Freitag und damit auch mit den frisch entliehenen Büchern. `Ich muss Schwester Michelle nachher wirklich dafür danken, dass sie auch noch meine Wäsche gemacht hat, oder war das Mrs. Bones?´
Kurz flackerte die Sorge auf, dass die Bücher am See nass geworden sein könnten, aber diese Befürchtung bewahrheitete sich, Merlin sei Dank, nicht. Er stöberte kurz durch seine Schätze, zog dann Der Rubin im Rauch von Philipp Pullman heraus. Suchend blickte er sich um. Er hatte eigentlich keine große Lust, sich wieder ins Bett zu legen und der Garten lockte mit dem Duft nach frisch gemähtem Rasen.
Vielleicht weil er vorhin unwissentlich Schwester Michelle mit seiner Frage geärgert hatte, beschloss er, sie nicht erst um Erlaubnis zu fragen, sondern einfach aus dem Fenster zu steigen. Er griff sich die eingerollte Wolldecke vom Fußende des Bettes und kletterte hinaus. Ein Stückchen weiter rechts fand er den idealen Platz. Ein großer Kirschbaum stand da auf dem Rasen und gab angenehmen Schatten. Harry rollte die Decke aus und richtete sich ein. Die Sonne hatte sich auch wieder den Weg durch den Hochnebel von heute Morgen gekämpft und nur noch ein paar kleine Schäfchenwolken trudelten langsam über den Himmel.
Die spannende Geschichte faszinierte ihn und doch hatte er anfangs Schwierigkeiten sich darauf einzulassen, hatte er doch über sieben Jahre nicht mehr nur zu seinem Vergnügen gelesen.
Irgendwann, eine Stunde oder mehr, später, forderte die Wärme und die Verletzung ihr Recht und er schlief tief und fest ein. Es schien ihm, als seien nur wenige Minuten vergangen, als ihn jemand sanft an der Schulter rüttelte. Er schlug etwas unwillig die Augen auf und blickte in das lachende Gesicht Rosies. Kurz schaute er orientierungslos um sich, registrierte seine Umgebung und erinnerte sich dann wieder, wo er war und wie er dort hin gekommen war. Die Schatten waren schon deutlich länger geworden und es war auch nicht mehr so heiß.
„Hallo!“ sagte er erfreut, setzte sich auf und sah sie wieder an. „Ist es schon sehr spät?“
„Kurz nach sechs, denke ich.“ antwortete Rosie. Sie hockte grinsend neben ihm im Gras. „Die Feier meiner Schwester ist vorbei, das Hochzeitsauto abgefahren und ich dachte, ich schaue mal kurz bei Dir vorbei, nachdem Du mir gestern mitten im Gespräch eingeschlafen bist.“
Harry wurde rot, als er sich darauf besann. „Das tut mir leid!“
„Kein Problem!“
„Wie hast Du mich gefunden?“
„Wie immer, ich habe Dich gesucht. Michelle war ehrlich erschüttert, als Du nicht im Bett gelegen hast.“
Harry spürte die Hitze im Kopf ansteigen. Er konnte Rosie ja kaum erklären, warum er Schwester Michelle heute Mittag nicht über den Weg laufen wollte. „Weiß Du, die Sonne hat so schön geschienen und der Rasen duftete so herrlich, da musste ich einfach raus und hier ein bisschen lesen.“
„Du hast Dir also was aus der Bücherei geholt?“
„Ja, klar. Und Deine Bücher habe ich auch abgegeben.“
„Danke schön! Ich soll Dich übrigens noch von meiner Mutter grüßen. Sie konnte es nur schwer verwinden, dass Du Dich so elegant vor der Kirche gedrückt hast.“ Sie grinste.
Harry guckte halb ärgerlich, halb amüsiert. „Es war ja wohl kaum so, dass ich mich gedrückt habe. Vielmehr hat mich jemand heftig am Kopf gedrückt!“
Sie lachte laut auf. „Du hast in der Kirche auch nicht sonderlich viel verpasst. Unser Diakon hat seine Standard-Hochzeit abgespult, die Männer haben gegrinst, die Frauen geheult und alle haben auf das Festessen gewartet.“
„Bei Dir?“
„Na klar, wo denn sonst?“ fragte sie schnippisch.
„Da wäre ich gerne dabei gewesen. Gestern war es zwar nur eine Suppe, aber die war sehr gut.“ Er dreht sich auf die Seite, dass er sich auf dem Ellenbogen abstützen musste und rückte an den Rand der Decke. „Bitte!“ sagte er und Rosie machte es sich bequem.
„Ich hätte Dich auch gerne dabei gehabt, dann hätte es wenigstens was zu lachen gegeben.“
„Bin ich immer noch das Stadtgespräch?“
„Na, was denkst Du denn? Schließlich bist Du nicht nur neu und interessant,“ sie warf einen schelmischen Seitenblick auf ihn, „sondern auch möglicherweise ein Bankräuber, oder Mörder.“
Harry stöhnte.
„Aber mach Dir keine Sorgen, Du bist von Sally Bones, meiner Mutter und Griselda Figgs auf das energischte verteidigt worden. Sie haben einhellig erklärt, dass Du auf jeden Fall nur ein anständiger Junge bist und garantiert nichts auf dem Kerbholz hast.“
„Ich werde morgen Dankeskarten verschicken.“ sagte Harry sarkastisch. Dann fiel es ihm wieder ein. „Heute wollte mich doch Mrs. Bones zum Kaffee abholen.“
„Stimmt. Wollte sie, aber es ist beim Essen zu spät geworden, also lässt sie Dir durch mich ausrichten, dass sie das Morgen nachholt, wenn es Dir recht ist.“
„Auf jeden Fall lieber, als heute.“ Er entspannte sich wieder.
Eine Weile hörte man nur das Vogelgezwitscher und Grillengezirpe.
„Rosie?“
„Ja?“ Sie sah ihn interessiert an.
„Hast Du denn eine Vorstellung, wer so etwas getan haben könnte? Ich meine, Du kennst doch Alle hier im Dorf.“
Sie schüttelte mit dem Kopf, dass die Haare stoben. „Das ist ja das Verrückte, dadurch, dass ich Alle kenne, traue ich das Niemandem hier zu. Das muss einer von auswärts sein.“
„Und der Schmied, ich meine, hatte der keine Frau oder Freundin, die irgendetwas mitbekommen hat?“
„Nein, tut mir leid, in seinem Leben gab es nach dem Tod von Elizabeth nur die Schmiede und die Autowerkstatt. Ab und zu hat er mit ein paar Kumpels bei mir ein paar Bier getrunken, aber das wars dann auch schon mit seinem gesellschaftlichen Leben. Er war ein richtiger Eigenbrötler. Aber warum willst du das Alles wissen?“
„Weil die Polizei, auf Teufel komm heraus, versucht, mir das Ganze in die Schuhe zu schieben und ich mir ausrechnen kann, dass ich keine Ruhe bekomme, bevor der Mörder gefasst ist.“ Harry riss eine Handvoll vertrockneter Rasenblüten ab und drehte die Stängel zwischen den Fingern.
„Da ist was dran.“
„Kennt die Polizei denn mittlerweile die Todesursache?“
„Mmh! Offiziell ist das noch nicht, aber vom Doktor habe ich gehört, dass der Schmied erstickt wurde. Als ich ihn gefunden habe, lag er mit dem Gesicht nach unten im Hausflur. Ich habe nur die Tür aufgeschlossen und habe ihn da liegen sehen. Dann habe ich nachgesehen, ob er vielleicht nur betrunken war, aber da war er schon kalt und ich habe den Notruf angerufen.“
„Tut mir leid, dass ich Dich dran erinnert habe.“ Harry legte eine Hand beschwichtigend auf ihre.
„Das ist schon ok.“ sie grinste matt. „Seltsam war nur, dass das ganze Haus und alle Fenster von innen abgeschlossen waren. Entweder hatte der Mörder einen Nachschlüssel, Frank ist einfach so erstickt, oder der Mörder kann sich in Luft auflösen.“
„Und wie bist Du da rein geschlittert?“
„Das war ganz unspektakulär. Ich bin nach der Arbeit los, um Frank noch etwas zu Essen zu bringen, da habe ich die Hunde kläffen und jaulen hören. Erst habe ich mir dabei nichts gedacht, aber als sie gar nicht aufhören wollten, wurde ich neugierig. Mich kennen sie ja und lassen mich auf das Grundstück, weil ich sie immer füttere, wenn Frank mal nach London, oder wo auch immer hin, gefahren ist.“
Wieder herrschte ein paar Minuten Schweigen.
„Was war das eigentlich letztens für ein Typ bei Dir, als ich Dich vor dem Pub getroffen habe.“ brachte er schließlich hervor. Er war versucht vor dieser Frage den Kopf einzuziehen, aber Rosie kicherte bloß.
„Du meinst, als ich Dich so unsittlich quer über die Straße angesprochen habe? Glaub mir, das wurde mir natürlich sofort von den Dorfglucken angekreidet.“
„Ja?“
„Das war nur Wilbur Wilcox. Er ist ein einfacher Lohnarbeiter für die paar Bauern hier. Aber zum Monatsende hin haben die Meisten kein Geld mehr und damit keine Arbeit für Wilbur. Also versäuft er in ein paar Tagen bei mir das, was vom Monatsanfang bis dahin übrig geblieben ist. Aber ein schlechter Kerl ist er nicht!“
„Will er was von Dir?“
Jetzt musste Rosie doch schmunzeln. „Na klar. Und außer ihm noch eine ganze Menge anderer Kerle, ledig oder verheiratet, die bei mir was trinken kommen. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich was mit ihnen habe, klar?“
„Ja, sicher.“
Das Schweigen dehnte sich ungemütlich aus und Harry fiel nichts ein, was er hätte sagen können. Er setzte sich hin.
Sie sah ihn prüfend an. „Und jetzt willst Du wahrscheinlich wissen, warum ich Dich so häufig besuche?“
Er konnte nur schweigend nicken und sah sie mit großen Augen an.
Sie zögerte einen Moment und sah zu Boden. „Das wirst Du mir bestimmt nicht glauben, aber ich habe von Dir geträumt.“
Er riss die Augen auf.
„Das Verrückte ist, ich habe schon von Dir geträumt, bevor ich Dich überhaupt kannte. Es war ein völlig bescheuerter Traum von Dir in irgend so einem Halloween-Kostüm. Du weißt schon, dunkler Mantel und spitzer Hut und so.“ Sie ergriff seine Hände. „Und dieses Bild, wie Du lächelnd da standest und in die Runde sahst, hat mich unglaublich fasziniert.“
Langsam zog sie seine Hände zu sich. Harry sah ihr tief in die Augen, ihm schwindelte und die Brust drohte ihm zu platzen. Gleichzeitig war er glücklich, es wurde ihm heiß und er berührte ihr Gesicht. Dann zog sie ihn weiter zu sich und er verlor sich in einem endlosen Kuss.
Plötzlich begann überall um sie herum Wasser zu sprühen und binnen Sekunden waren beide vollständig durchnässt. Harry griff sich das Buch und die Decke und beide rannten um das Haus zur Vordertür. Der verzauberte Moment war vorbei und Harry wusste nicht recht, was er tun sollte.
„Ich werde dann mal zurück in den Pub. Da warten sie schon auf mich.“
Harry lachte. „Und ich werde mir was trockenes anziehen und es mir im Krankenzimmer gemütlich machen. Sehe ich Dich morgen?“
„Mal sehen!“ antwortete sie kokett, gab ihm einen flüchtigen Kuss und lief zur Straße. In diesem Moment hielt der Polizeiwagen direkt vor der Einfahrt des Doktors und versperrte Rosie den Weg. Der Inspector sah Rosie auf sich zukommen, sprang aus dem Wagen und rief: „Stopp, Rosie!“
„Was gibt es, was ist los?“ Sie blieb entgeistert stehen. Harry verfolgte Alles von der Vordertür des Hauses aus und konnte sich vor Staunen nicht rühren.
„Ich muss Dich zur Wache mitnehmen, denn es gibt da noch ein paar Unklarheiten bei Deiner Aussage zum Tod von Frank Coleman.“ Er zog ein großes, buntes Damen T-Shirt von der Rückbank. „Das haben wir bei Franks Klamotten gefunden und wenn ich mich richtig erinnere, hast Du das noch beim letzten Feuerwehrfest getragen.“
Rosie drehte sich mit entsetztem Gesichtsausdruck zu Harry um, der sich unwillkürlich über den Mund wischte.
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