
von Kreacher Potter
Harry rannte fort durch die dunklen Gassen, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Jeder Atemzug schmerzte in seiner Brust und er merkte, dass er nicht mehr genug Luft bekam. Angst umwaberte sein Gehirn, wie ein roter Nebel legte sie sich über Alles, er konnte nicht mehr richtig sehen!
An einer Hausecke dieses mittelalterlichen Dorfes wäre er fast gestürzt, weil er eine umgekippte Regentonne übersehen hatte. Doch er rappelte sich schnell wieder auf. Nicht weit hinter sich hörte er die wütende Meute kreischen und johlen. Er konnte spüren, wie sie näher kamen und angeführt von dem wütenden Polizeichef und seinem geifernden Assistenten mit ihren Mistgabeln, Knüppeln und Fackeln nach ihm schlugen. Dann erreichte er den Dorfplatz und vor ihm, mitten auf dem Anger, hatten sie schon den Scheiterhaufen errichtet. Mildes Mondlicht schien friedlich auf den dicken Holzpfahl mit den schweren Ketten, der über den Reisigbündeln aufragte.
Harry hatte nur kurz gezögert, doch schon waren sie ihm wieder dichter auf den Fersen. Er rannte weiter, gerade über den Dorfplatz auf ein dunkle Gasse zu, die ihn retten würde. Doch da erstrahlte auch dieser Weg in flammendem Fackelschein und Harry kamen hunderte Hexen und Zauberer entgegen. Sie waren mit Thronen und Orden bewaffnet, er erkannte Rita Kimmkorn mit ihrer Schreibfeder und Kingsley Shacklebolt, der weiße Ministerhüte nach ihm warf.
Panik presste Harrys Herz zusammen, er rannte in einen dritten Weg, der dunkel war und den er nicht kannte. Er wusste, dass sie ihm jetzt noch dichter auf den Fersen waren. Da rutschte er auf dem feuchten Kopfsteinpflaster aus, seine Arme und Beine schrabten über die rauen Steine und er fiel in eine tiefe Dunkelheit.
Harry schrak hoch. Ein stechender Schmerz bohrte sich in seinen Kopf, doch das Dorf um ihn herum versank in Dunkelheit. Es war still. In der Dunkelheit ertastete er unter sich ein Bett, die Kopfschmerzen verursachten ihm Übelkeit und er musste sich flach hinlegen, um die Attacke zu überwinden.
Doch plötzlich setzte sich sein Alptraum fort. Die Kirchenglocken läuteten Sturm, Schüsse fielen vor dem Haus und er konnte Menschen schreien hören. Dann fiel er wieder in eine gnädige Ohnmacht, in die ihn nur ein Kitzeln an der Nase und Ginnys Gesicht begleitete.
Als er wieder erwachte, war es heller Tag geworden und Harry musste blinzeln. Er hatte das Gefühl, dass das Sonnenlicht mit Messern in seine Augen stach und als er sich aufsetzen wollte, fing das ganze Zimmer um ihn herum an sich zu drehen, so dass er sich schnell wieder fallen ließ. Sein Kopf fühlte sich an, als ob er platzen wollte und er hatte den Geschmack von Blut im Mund. Die Zunge klebte am Gaumen vor Durst, es war schrecklich heiß, doch er konnte sich nicht bewegen, ohne dass ihm wieder schlecht wurde.
Da öffnete sich eine Tür seitlich hinter ihm, die er nicht sehen konnte und eine junge Frau in Schwesterntracht, klein und mit roten Haaren, tauchte in seinem Sichtbereich auf.
Er lächelte erschöpft. „Ginny!“ krächzte er fast unhörbar.
Die Schwester hatte offensichtlich tatsächlich nichts gehört, denn im gleichen Atemzug sagte sie: „Guten Morgen, Mr. Porter. Wie schön, dass Sie jetzt wach geworden sind. Der Doktor wird bald nach Ihnen sehen.“
„Durst!“ krächzte er.
„Oh, natürlich!“ Sie stützte seinen Kopf etwas und gab ihm etwas Tee zu trinken, der eigentümlich fade und salzig schmeckte. Dann sank er wieder auf das Bett.
„Seien Sie bitte vorsichtig mit der Infusion!“ Sie deutete auf die Tropfflasche, die über einen Schlauch an seinem linken Arm hing. „Sie haben eine Menge Blut verloren.“ Das erklärte immerhin auch, warum ihm so schwindlig geworden war.
„Was ist passiert?“
„Sie haben gestern auf ihrer Veranda gestanden und dann muss sich ein Baum aus dem aufgeweichten Grund des Ufers gelöst haben und ist auf sie niedergestürzt. Mrs. Bones hat Sie nachmittags gefunden. Noch einen Schluck Tee?“
Er nickte und die Teetrinkprozedur begann von vorn. Dieses Mal schmeckte der Tee schon nicht mehr ganz so seltsam und auch der komische Geschmack im Mund verschwand allmählich.
Die Tür wurde schwungvoll aufgerissen und ein Hüne von Mann in einem weißen Kittel trat herein. „Guten Morgen, junger Mann. Ich bin Doktor Rogers. Na, Sie haben ja ordentlich was abgekriegt.“
„Ja?“
Er griff nach der Krankenakte, die an einem Klemmbrett an seinem Bett hing. „Sie haben eine kräftige Platzwunde am Hinterkopf und dementsprechend hohen Blutverlust, eine schwere Gehirnerschütterung und Sie haben sich kräftig auf die Zunge gebissen. Eine weitere Untersuchung hat eine Reihe von interessanten Narben an Ihrem Körper an den Tag gebracht, über die wir bei Gelegenheit einmal reden sollten, aber im Moment sind Sie bei Schwester Michelle in den besten Händen.“
Der Doktor wandte sich wieder zur Tür, „Ich bin dann auf Hausbesuche, Schwester Michelle, Sie können mich über Handy erreichen“, und verschwand aus Harrys Sichtbereich.
„Tee, bitte.“
Sie stützte ihn wieder und flößte ihm den Tee ein. Er konnte fühlen, wie er sich zwar müde, aber langsam wieder etwas kräftiger fühlte.
Schwester Michelle stellte eine Glocke auf einen kleinen Nachttisch. „Schlafen Sie noch ein bisschen und wenn Sie etwas brauchen, läuten Sie bitte!“
Er nickte wortlos und sie verließ leise das Zimmer. Später war er sich nicht sicher, ob er überhaupt noch gehört hatte, wie sie die Tür schloss. Dieses Mal schlief er tief und traumlos.
Als er das nächste Mal erwachte, bemerkte er als erstes, dass die Schwester die warme Nachtdecke, gegen ein dünnes Laken ausgetauscht hatte. Er spürte die Sommerhitze förmlich gegen das geschlossene Fenster drücken, seine Kopfschmerzen pulsierten immer noch im Sekundentakt, aber er fühlte sich nicht mehr ganz so erschlagen. Er musste grinsen über diese Doppeldeutigkeit.
Vor der Tür konnte er eine erregte Debatte hören, von der anfangs nur Gesprächsfetzen an sein Ohr drangen.
Dann jedoch sagte Schwester Michelle mit deutlich erhobener Stimme:„Nein, der Doktor hat ausdrücklich jeden Besuch verboten!“
„Aber wir müssen mit ihm reden, immerhin handelt es sich um einen Mord.“ Das war die Stimme des Inspectors.
„Vielleicht hat er auch was mit dem Bankraub von heute Nacht tun, wer weiß?“ Das war offensichtlich der Sergeant.
Schwester Michelle lachte laut auf. „Wie soll das denn möglich sein, wenn er hier im Koma gelegen hat?“
„Lassen Sie den Quatsch, Sergeant! Aus der Nummer mit dem Bankraub ist er raus. Aber irgendwer hat ihn niedergeschlagen und ich will wissen wer und warum! Hank Porter taucht ein bisschen zu häufig in meinen Akten auf!“
„Ich dachte er wäre von dem Baum getroffen worden.“ Schwester Michelle klang erstaunt.
„Dachten wir zuerst auch, aber an dem Baum finden sich keine Blutspuren und der Doktor sagte heute Morgen, dass es, Gott sei Dank, eine saubere Platzwunde ohne großartige Verschmutzung gewesen ist.“
„Das ist ja furchtbar. Und was macht die Polizei zu seinem Schutz?“
„Im Moment kann ich gar nichts machen. Alle Beamten sind wegen des Feiertages auf den Beinen und ich kann keinen zusätzlichen Mann bekommen. Also kann ich jetzt mit ihm sprechen?“
„Nein! Immer noch nein! Der Doktor hat ausdrücklich gesagt, ...“
„Der Doktor, der Doktor! Ich bin in einer Stunde wieder da und hoffe, dass er dann auch da ist!“
Harry hörte zwei Paar schwere Schritte und Türen schlagen, dann ging die Tür zu seinem Zimmer auf und Schwester Michelle sah herein. „Es hätte mich auch gewundert, wenn Sie von dem Lärm nicht aufgewacht wären. Geht es Ihnen etwas besser?“
„Ja, danke. Ich hätte nur gerne noch etwas Tee.“
„Natürlich, den bringe ich Ihnen gleich.“
Sie zog den Kopf durch die Tür zurück und gleichzeitig hörte Harry die Vordertür noch einmal gehen.
„Guten Morgen!“ sagte eine Stimme fröhlich, die wie Rosie klang. Was wollte sie denn hier?
„Guten Morgen, Rosie. So früh schon wieder auf den Beinen, nach dem Fest von gestern Nacht?“
„Irgendjemand muss sich doch um die Verpflegung des Verletzten kümmern. Außerdem habe ich ja gearbeitet und nicht mitgefeiert, da bin heute wahrscheinlich besser aus dem Bett gekommen, als die meisten meiner Gäste.“
„Was gibt es für Ihn?“
„Nur eine leichte Gemüsebrühe, für den Anfang.“
Die Tür wurde geöffnet, doch Rosie wurde offensichtlich noch zurück gehalten. „Noch eins, lass ihn in Ruhe, Rosie. Er ist höchstens halb so alt, wie Du.“
„Lass das mal mein Problem sein!“ entgegnete Rosie ärgerlich und kam mit einem Tablett ins Zimmer. Sie ging um das Bett herum und stellte sich vor Harry auf.
„Mein Gott, Du siehst ja fürchterlich aus!“ sagte sie und Harry lächelte.
„Bei dem, was Dir so dauernd passiert, muss man sich um Dich ja wohl besonders kümmern!“ Sie klappte unter dem Tablett kleine Stützen aus und Harry versuchte sich vorsichtig aufzusetzen. Der Schwindel und die Kopfschmerzen waren nur schwer erträglich, aber der Aufwand lohnte sich für die Suppe, denn Harry spürte den Hunger in seinem Bauch.
Rosie setzte sich an das Fußende des Bettes und sah ihm beim Essen zu.
„Schön, dass Du schon wieder so viel Appetit hast, dann wirst Du Dich ja bald erholt haben.“
Harry nickte wortlos mit einem Löffel Suppe im Mund.
„Oh, mein Gott, ich höre mich ja schon an, wie meine Mutter!“ sie lachte auf. „Überhaupt, meine Mutter, ich soll Dich schön von Ihr grüßen.“
„Danke.“ Er schluckte und nahm all seinen Mut zusammen.
„Sie hat mir Alles von der Hochzeit morgen erzählt. Da hast Du ja bestimmt noch viel vorzubereiten?“
„Ach, so schlimm ist das gar nicht.“ Sie begann zu plaudern, während er plötzlich mit viel weniger Appetit weiter aß. „Ich muss nur nachher noch das Kleid von der Schneiderin abholen, zum Friseur, um meine Haare ein bisschen aufzuhübschen, zwischendurch die Kellnerinnen auf Trab halten und das Essen und die Getränke für die Gäste morgen vorbereiten.“
„Das machst Du alles ganz allein?“
„Ja, natürlich! Wer denn sonst?“
„Na, ich dachte immer, dass man dann jemanden hat, der einem zu Hand geht, am schönsten Tag des Lebens, und so.“ Harry wurde rot und löffelte schnell weiter.
„Nein!“ sie sah ihn erstaunt an. „So etwas hat doch nur die Braut, nicht die Brautjungfer.“
Harry verschluckte sich fast am letzten Löffel Suppe. „Wieso Braujungfer, Deine Mutter hat doch gesagt, dass Du morgen heiratest.“
Sie lachte laut auf. „Nein, ich doch nicht. Das ist Nichts für mich! Meine Schwester heiratet morgen und jetzt rate, wer die ganze Vorbereitung am Hacken hat!“
Harry wurde leichter ums Herz. „Ich würde Dir ja gerne helfen, aber im Moment kann ich hier leider nicht weg.“
„Das ist nett von Dir, aber Du musst erst einmal wieder fit werden. Aber jetzt erzähl mal, was ist denn da gestern passiert.“
Harry schüttelte den Kopf und hielt ihn im nächsten Moment mit der Hand fest. Dann ließ er sich vorsichtig zurück sinken. „Oh, das war noch nicht so gut.“
„Gehts wieder?“
„Ja, ja,“ sagte er im Liegen, „es ist gleich wieder in Ordnung.“
Die Tür ging auf, Schwester Michelle kam herein und ein besorgter Ausdruck legte sich auf ihr Gesicht.
„Ist alles in Ordnung, Mr. Porter?“
„Ja, alles ok, danke!“
„Dann ist es ja gut.“ antwortete sie misstrauisch. Sie hielt ein Bündel Wäsche und einen Kulturbeutel hoch. „Das hat eben vor der Tür gelegen. muss wohl von Mrs. Bones vorbei gebracht worden sein.“
„Wieso von Mrs. Bones?“
„Oh, sie hat Sie doch gestern Nachmittag gefunden, hatte ich das nicht gesagt?“
„Nein, ja, ich weiß nicht mehr genau.“
„Sie hatte gesehen, wie sie spät zur Mittagszeit wieder aus der Stadt zurück waren und dachte sich dann am Nachmittag, dass sie Sie für den Abend zum Fest einladen wollte. So hat sie Sie dann gefunden und schnell den Doktor geholt.“
„Dann muss ich mich ja wohl ganz dringend bei ihr bedanken.“
„Ich glaube auch.“ Sie lächelte Harry an und legte die Sachen auf einen Stuhl in der Ecke. „Ich gehe dann mal wieder.“
Kaum hatte Schwester Michelle die Tür hinter sich geschlossen, versagte das Lächeln auf Rosies Gesicht. „Das war dann ja wohl eine Blitzinspektion, damit wir hier auch ja nichts Unschickliches machen.“
Harry blickte nachdenklich auf den Kulturbeutel. „Ich kann mich im Moment gar nicht daran erinnern, dass ich so etwas besitze!“
Rosie überging den Einwand und fragte: „Und, was war denn nun? Spanne mich nicht so auf die Folter.“
„Wenn ich das wüsste.“ Harry begann zu grübeln. „Ich weiß noch genau, wie ich mit Deiner Mutter im Bus nach Hause gefahren bin.“ Er machte eine nachdenkliche Pause und bemühte sich die Erinnerungen, die in seinem Kopf rotierten, wieder einzufangen.
„Und?“
„Die Frau von der Post hat mich noch über die Straße zu sich gerufen.“ Harry fühlte sich, als ob alle Gedanken in Watte verpackt seien und er Nichts mehr deutlich erkennen konnte. Müdigkeit legte sich wie ein feiner Nebel über Alles.
„Was habe ich eben gesagt?“
„Du hast gesagt, dass Phyllis Dich über die Straße gerufen hat.“
Harry konnte plötzlich kaum mehr die Augen offen halten und sackte in den Kissen zusammen.
„Ich kann jetzt nicht mehr. Ich muss schlafen!“ murmelte er und war eingeschlafen noch ehe Rosie das Tablett gegriffen hatte. Doch er schaffte es noch seinen Zopf, den er mit dem gefundenen Zopfgummi gebunden hatte, unter seinem Kopf zur Seite zu legen. Dabei sprang ihm wieder die lebhafte Erinnerung an Ginny vor sein erschlaffendes Bewusstsein.
Eine Minute später kehrte der diensthabende Magier im Ministerium mit einer frischen Tasse Tee vor die Karte zurück und bereitete sich auf eine weitere ereignislose Stunde vor.
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