
von Kreacher Potter
Harry schaffte es gerade noch, den Bus zu erreichen, obwohl Rosie ihn erst im letzten Moment an die Tüte mit den Büchern für die Bücherei erinnert hatte. Dann saß er auf der Sonnenseite des Busses und konnte immer noch die kurze Umarmung von Rosie spüren.
Versonnen schaute er aus dem Fenster, vor dem eine leicht hügelige Landschaft mit vielen Weiden und Getreidefeldern vorbeizog. Der gestrige Gewittersturm hatte breite Schneisen in das Getreide geschlagen und von den Chausseebäumen war auch der eine oder andere Ast herunter gebrochen. Schon nach ein paar Minuten der schaukeligen Busfahrt über die alte Straße spürte er, wie das ruhige, entspannte Gefühl ihn wieder überkam, dass sich jetzt immer häufiger einstellte.
Es war wirklich erstaunlich, er war jetzt erst vier Tage hier am Ort und er fühlte das erste Mal wirklich Abstand zu seinem früheren Leben. In den Wochen der Wanderschaft vorher, hatte er genau das eigentlich auch schon erreichen wollen, aber da fühlte er sich nur getrieben und gehetzt, als ob ihm sein altes Leben noch direkt im Nacken säße. So war er immer länger, immer schneller und damit auch immer weitere Strecken gelaufen, bis er nachts vor Erschöpfung häufig irgendwo geschlafen hatte, wo er sich gerade zum Ausruhen hingesetzt hatte.
Hier in Idlington hatte er dann gemerkt, dass er nicht mehr weiter konnte. Er war ausgelaugt, hatte keine Kraft mehr, obwohl er doch eigentlich mit diesen Empfindungen seine Wanderung überhaupt begonnen hatte. Jetzt konnte er sich nicht mehr mit körperlicher Anstrengung vor der geistigen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit verstecken. Er musste sich den Erinnerungen stellen, die sein Leben bestimmten. Er war noch nicht soweit zu akzeptieren, dass diese Erinnerungen unveränderlich ein Teil seines Lebens waren, aber er war schon auf dem Weg dorthin.
Draußen flogen die Felder, Wälder und Orte in der Sonne dahin, durch das geöffnete Seitenfenster strömte angenehmer Fahrtwind herein, doch er bekam davon nichts mit. Sein Kopf schickte ihm wieder zusammenhanglose Bilder vor die Augen. Meistens waren es Erinnerungsfetzen aus der Zeit, als Hermine, Ron und er auf der Suche nach den Horkruxen jede Nacht in einem anderen Wald, oder auf einem anderen Feld verbracht hatten. Bestimmt waren sie dabei auch einmal in dieser Gegend gewesen, denn grob verband er die vorbeiziehende Landschaft mit Schnee, Eis und Kälte.
Und dann fiel ihm wieder die Situation ein, als er sein Spiegelbild im Eis des gefrorenen Waldsees sah. In diesem Moment rief der Schaffner laut: „Puddenham!“ und Harry schrak aus seinen Wachträumen hoch. Er blickte um sich und sah gegen die dunkle Rückseite einer Kirche sein Spiegelbild im Busfenster. Das straff mit dem Gummiband nach hinten zu einem Zopf gebundene Haar und die dunklen Bartstoppeln, da er in der ganzen Zeit in Idlington nicht mehr an das Rasieren gedacht hatte, ließen ihn völlig verfremdet aussehen. Vermutlich hätten ihn so noch nicht einmal seine Freunde wieder erkannt.
Der Bus ruckte an und fuhr an den Menschen vorbei, die eben ausgestiegen waren und nun herzlichst von Wartenden begrüßt wurden. Da rutschte wieder einmal die Erinnerung an Ginny durch seinen Kopf. Gerne hätte er mit ihr auch so eine Familie gegründet, das war ihm damals schon klar gewesen, als er die wenigen glücklichen Momente mit ihr zusammen erleben durfte. Aber das konnte nun nicht mehr sein, das Leben war weiter gegangen und irgendwann würde sie für ihn auch nur noch eine glückliche Erinnerung sein.
Er wurde durch die Einfahrt nach Upper Idlington abgelenkt. Die Stadt bestand, genau wie Idlington im Kleinen, aus vielen schmucken, alten Häusern, die sich hier natürlich auf viel mehr Straßen verteilten und auf dem Weg zum Stadtzentrum, auch immer größer wurden. Schließlich hielt der Bus auf einem besonderen Parkplatz neben dem großen Rathaus und erlaubte eine prächtige Übersicht über einen wunderschönen Wochenmarkt, der auf der großen Freifläche vor dem Rathaus aufgebaut worden war. Harry genoss das Bild noch einen Augenblick, bevor er als letzter den Bus verließ.
Direkt vor ihm begrüßten sich die Menschen überschwänglich herzlich, so dass er gezwungen war, sich seitlich an ihnen vorbei zu schieben. Die Hitze hier in der Stadt, auf einem Marktplatz, der neben dem Rathaus und der Kirche auf allen Seiten von höheren Häusern umstanden war, war enorm und trieb Harry nach der kühlen Busfahrt den Schweiß auf die Stirn. Er wollte nur noch weg von diesem Menschenauflauf, der ihn einengte und bedrückte.
Da bemerkte er auf einmal aus den Augenwinkeln bei zwei Herren, die sich zur Begrüßung besonders kräftig die Hände schüttelten, wie ein silbriger Schimmer über die Arme glitt und im nächsten Moment auch schon wieder verschwunden war. Harry blieb alarmiert stehen und sah sich aufmerksamer um, immer wieder begrüßten sich die Menschen hier auf dem Markt so warmherzig, als hätten sie sich seit vielen Jahren nicht gesehen und immer wieder fiel ihm nun auch dieser silbrige Schimmer auf, der von Einem zum Anderen glitt.
`Das ist Zauberei!´ dachte er und drückte sich rückwärts an einen Marktstand, von dem er fast eine Kiste Paprika herunterriss. Die Marktfrau, eine stämmige, ältere Frau kam beherzt auf ihn zu und wollte ihn, als sie sah, wie erschrocken er aussah, fast schon tröstend in den Arm nehmen, da löste er sich aus seiner Starre und sprintete los. Er rannte um mehrere Ecken, milde belächelt von den Marktbesuchern, bis er plötzlich hinter den Ständen auf die Müllcontainer stieß und zwischen diesen hindurch das Geschehen vor dem, ihm nächstgelegenen, Stand bestens beobachten konnte.
Auch hier bot sich ihm das gleiche Bild. Eigentlich alle Menschen, die er sehen konnte, wirkten ausgesprochen glücklich, gar fröhlich und begrüßten sich mit solcher Herzlichkeit, dass das für Harry nicht mehr echt wirkte.
Jetzt war er aber dichter am Geschehen und die nächste Begrüßung ließ ihm die Haare zu Berge stehen, denn er erkannte, was das Silberne war, das da offensichtlich von Einem auf den Anderen überging: Sein Bild in einem dicken Erinnerungsfaden, der kurzzeitig fast flächig, wie ein Blatt Pergament aussah. Es war ein altes Bild aus dem Tagespropheten, aber dieser Vorgang war ganz klar magisch. Man suchte nach ihm und er konnte nur hoffen, dass die Veränderungen, die mit seinem Äußeren vorgegangen waren, reichten, um ihn vor den Nachstellungen zu schützen. Mit ein bisschen Glück, waren ja auch nicht alle Einwohner hier infiziert.
Er drückte sich rückwärts zwischen den Mülltonnen hervor und umrundete den Markt weitläufig, wobei er immer wieder versuchte, die Menschen mit diesem besonders seligen Gesichtsausdruck zu umgehen. Ganz deutlich breitete sich die Infektion, wie er sie in Ermangelung eines besseren Ausdrucks nannte, kreisförmig vom Busbahnhof vor dem Marktplatz aus und würde sich wahrscheinlich so über die ganze Stadt legen.
Er erreichte die Haupteinkaufsstraße, die, gegenüber dem Rathaus beginnend, auf der anderen Seite der kleinen Innenstadt, an der Schwimmhalle und der Bücherei, enden würde. Lieber wäre er in der Einkaufsmeile in eines der kleineren Geschäfte gegangen, die in der Regel mehr Übersicht und bessere Beratung boten, aber das konnte er jetzt nicht riskieren, also strömte er mit vielen Anderen in das Kaufhaus Godfrey&Geoffries und versuchte seine Einkäufe so unauffällig wie möglich zu erledigen.
Hier schien das Risiko für ihn etwas geringer, denn die Euphorie, wie auf dem Markt, war hier noch nicht zu beobachten. Vermutlich hatte der Zauber erst vor Kurzem, vielleicht sogar erst mit seinem Bus die Stadt erreicht und die Welle war hier noch gar nicht angekommen. Ganz plötzlich erinnerte er sich auch wieder an die Zeitungsartikel über die glücklichen Muggel und ihm ging ein Licht auf. Dieser Zauber schien sich lawinenartig über das ganze Land auszubreiten und die Nebenwirkung waren Glück und Zufriedenheit. Er musste vorsichtig sein!
Rucksack und Regenjacke waren schnell erstanden, denn er wollte sich etwas beeilen, da er nicht wusste, welche Öffnungszeiten die Leihbücherei hatte. Knapp eine Stunde nachdem er in Upper Idlington angekommen war, hatte er, mit seinen Einkäufen und Rosies Tüte bepackt, die schwach besuchte Bücherei erreicht und konnte sich hier unbeobachtet nun noch viel Zeit lassen.
Er gab Rosies Bücher am Empfang ab, bekam dafür eine Quittung, schloss seine Einkäufe in einem Schließfach ein und begab sich auf die Suche nach Lesestoff. Er war schon Ewigkeiten nicht mehr in einer Bücherei gewesen. Die Dursleys hatten ihn damals immer mal wieder dort geparkt, wenn sie mit Dudley Einkaufen gegangen waren und zu Hause kein Kindermädchen bezahlen wollten.
Deshalb begann er seinen Rundgang auch erst in der Abteilung für Kinderbücher, in der er viele Geschichten wiederfand, die er auch als Kind schon gern gelesen hatte. In der Jugendbuchabteilung kannte er praktisch gar keine Bücher mehr, denn in Hogwarts entlieh die Bücherei nur Sachbücher und von jemand Anderem hatte er nie einen Roman geschenkt bekommen.
So stöberte er hier und da, las sich in die Bücher ein und hatte kurz vor Ablauf der Zeit, die ihm bis zur Abfahrt des Busses blieb, schon ein paar spannende Romane gefunden.
Am Ende seines Rundganges kam er in die Sachkundliche Abteilung und fand dort unter Heimatkunde ein dickes Buch, dass sich mit der Geschichte von Idlington auseinander setzte. Eigentlich hätte er sich jetzt schon aufmachen müssen, um seinen Bus bequem zu erreichen, aber das Buch reizte ihn und er setzte sich damit in einen der Lesesessel.
Fast alle älteren Häuser waren darin abgebildet, mit den Berichten über die jeweiligen Familien, die darin gewohnt hatten und was aus Ihnen geworden war. Und ziemlich in der Mitte war auch ein Bericht über die Familie Moresley mit einem Abbild des alten Herrenhauses und der Nebengebäude, die angeblich in den siebziger Jahren vollständig abgebrannt waren.
Harry war verwirrt, er hatte doch ganz klar dieses Herrenhaus gestern noch gesehen. Was ging hier vor?
Er entlieh auch dieses Buch und machte sich auf den Rückweg zum Busbahnhof, den er über Nebenstraßen zu erreichen versuchte, da dort nicht so viele Menschen unterwegs waren. Es fiel ihm schwer abzuschätzen, wie weit sich die Welle bereits ausgebreitet hatte. Er begann wieder panisch zu werden, spürte, wie die innere Ruhe, die er erst vor Kurzem gefunden zu haben glaubte, wieder verschwand. Mit besorgtem Blick musterte er die Entgegenkommenden und bekam fast Angstzustände, als er an einer roten Ampel warten musste. Er hastete weiter, wechselte die Straßenseiten, wenn ihm Jemand auf seinem Fußweg begegnete und erreichte trotzdem aus einer Gasse hinter dem Rathaus die Bushaltestelle, als der Bus eben vorfuhr.
Erst im Bus, der fast leer war und in dem er sich allein auf eine der letzten Bänke setzen konnte, fühlte er sich wieder wohler. Kurzzeitig spielte er mit dem Gedanken, zurück in Idlington sofort seine Sachen zu packen und weiter zu ziehen, aber dann sagte ihm sein Verstand, dass sich diese Welle über das ganze Land ausbreitete und er Nirgends sicherer wäre. Er vertrieb die Grübeleien und Panikattacken aus seinem Kopf, er konnte Alles in Ruhe zu Hause überlegen.
Außer ihm stiegen nur wenige Fahrgäste in den Bus, die sich aber ausnahmslos in den vorderen Bereich setzten. Harrys Herzschlag beruhigte sich, obwohl er draußen immer noch Menschen mit diesem unnatürlichen Verhalten beobachten konnte, schien das die anderen Fahrgäste nicht zu betreffen. Eine erschöpfte Müdigkeit übermannte ihn und er hoffte nur, dass der Bus bald abfahren würde, damit er ein paar Minuten die Augen zumachen konnte.
„Sagen Sie mal, sind Sie nicht Hank Porter, der Neue aus unserem Dorf?“ eine helle Stimme aus der Bank hinter ihm, schreckte Harry wieder auf. Er war schlagartig wach, drehte sich ruckartig um und entdeckte eine sehr schlanke Dame in den sechzigern, die sich mit vielen großen und kleinen Tüten beladen, auf der Bank einrichtete und ihn anlächelte. Das Überraschendste war aber nicht die Tatsache, dass er überhaupt nicht mitbekommen hatte, wie sie an ihm vorbei dorthin gelangt war, sondern, dass sie eindeutig das ältere Ebenbild von Rosie Banks darstellte.
„Ja?“ antwortete er verwirrt.
„Oh, entschuldigen Sie, ich bin Elisabeth Banks.“ Harry ignorierte erschrocken die ihm angebotene Hand, die daraufhin zögerlich zurückgezogen wurde. Das Lächeln von Mrs. Banks wurde nur eine Spur blasser. „Waren Sie auch Einkaufen?“
Harry nickte mechanisch. „Ja, ein paar Kleinigkeiten. Und ein paar Bücher habe ich mir aus der Bücherei geholt.“
„Das ist gut! In dem Blockhaus ist ja bestimmt nicht viel Abwechslung. Sallys Vater war ja dort nur zum Angeln und was ihr Sohn dort gemacht möchte ich mir gar nicht vorstellen!“ Sie kräuselte angeekelt die Nase. „Wissen Sie, ich bin in unserer Kirchengemeinde Organistin und unser Vikar sagt immer, dass man auf die jungen Leute heute ganz besonders aufpassen muss. Da kann man es wirklich nicht gutheißen, dass der junge Mann damals praktisch ganz allein da gewohnt hat. Und diese merkwürdigen jungen Leute, die ihn damals immer besucht haben, wie die angezogen waren. Alles Hippies, oder wie das so hieß.“ Ihre Stimme hatte einen schrilleren Klang bekommen.
Beschwichtigend fügte sie dann hinzu: „Das hat natürlich nichts mit Ihnen zu tun, Sie haben ja keine Eltern mehr, die auf Sie aufpassen können, stimmts?“
„Ich bin erstaunt, was Sie schon alles von mir wissen. Rosie sollte das eigentlich nicht herum tratschen.“ Harry reagierte etwas säuerlich.
„Hat sie auch nicht, das habe ich von meiner Nachbarin, Griselda Figgs, sie ist immer eine unerschöpfliche Quelle für Nachrichten aller Art. Aber stören Sie sich nicht daran, wir leben hier in einem Dorf. Eine andere Unterhaltung als den Dorfklatsch kennen die Meisten hier nicht.“
Der Bus hatte Upper Idlington in der Zwischenzeit verlassen und schaukelte wieder auf der Landstraße nach Idlington. Unvermittelt fuhr der Bus durch ein tiefes Schlagloch. Harry hatte Glück, dass er sich gerade festgehalten hatte, aber die Tüten von Mrs. Banks flogen durch die Luft und fielen zum Teil auf den Boden.
Harry sprang hilfsbereit auf, um ihr zu helfen, da sie erst einmal begann, die Tüten zu sichern, die auf der Bank geblieben waren. „Diese Straße ist wirklich eine Schande!“ schimpfte sie. Harry sammelte eilig einige Toilettenartikel in eine kleine Tüte, bevor diese ganz durch den Bus nach vorne kullern konnten, gab sie Mrs. Banks und begann ein schwarzes Abendkleid mit vielen Pailletten zurück in einen großen Karton zu sortieren.
„Vielen Dank, Hank, für Ihre Hilfe!“
„Haben Sie demnächst eine große Feier?“ fragte Harry höflich, um ein wenig Konversation zu machen, die sich nicht ausschließlich um ihn drehte.
„Oh, ja! Aus Kindern werden Erwachsene und irgendwann heiraten Sie dann auch mal. Am Sonntag, gleich während des Gottesdienstes wird meine Tochter Timothy Scullen heiraten und ich werde dazu die Orgel spielen!“
„Ihre Tochter heiratet?“ Harrys Stimme war nur ein Krächzen und er musste sich räuspern. Er verspürte ein schmerzhaftes Ziehen im Herzen, warum hatte ihm Rosie nichts davon erzählt?
„Ja, ganz groß, das halbe Dorf ist eingeladen und wer am Sonntag zur Kirche kommt, soll auch mit feiern! Timothy ist ein gut verdienender Mann, er hat eine Autoreparaturwerkstatt an der der Straße nach Puddenham. Die hatte er zusammen mit unserem Schmied aufgebaut. Eigentlich würde er ja lieber Motorräder verkaufen und reparieren, aber hier hat es seit dem Krieg schon keine Motorräder mehr gegeben. Sie kommen doch sicherlich auch am Sonntag in die Kirche?“ fragte sie unvermittelt.
„Ich, ich weiß noch nicht.“ murmelte er. Das letzte, was er wollte war, Rosie Banks Heirat zuzusehen, wo er doch gerade glaubte, Gefühle für sie zu entdecken, die er bisher nur für Ginny gehabt hatte. Etwas fester setzte er hinzu: „Ich kenne hier ja auch niemanden und da wäre ich schon etwas fehl am Platze.“
„Nein, das glaube ich nicht, Sie würden schon Anschluss finden. Rosie haben Sie doch auch schnell kennen gelernt. Gut aussehender Junge, der Sie sind.“
Darauf wollte Harry nicht eingehen und fragte ablenkend nach einer kurzen Pause: „Aber wieso sagen Sie, dass es hier in der Gegend keine Motorräder gibt? Ich habe letztens erst eines durchs Dorf fahren sehen.“ Harry gab Mrs. Banks den Karton mit dem Kleid, den er die ganze Zeit gehalten hatte und setzte sich auf seinen Platz. „Und ich glaube, dass ich letztens erst Mr. Moresley mit einem gesehen habe.“
Sie lachte kichernd auf. „Mr. Moresley? Das kann ich nicht glauben, Sie müssen sich verguckt haben. Erstens ist der Mann viel zu alt und gebrechlich, um Motorrad zu fahren und zweitens hat er kein Geld. Der kann sich auf seine alten Tage ja kaum das tägliche Brot oder das Holz für den Winter leisten. Es ist eine Schande, wenn man genauer darüber nachdenkt.“
Harry war verwirrt und wollte schon darauf antworten, schloss dann aber doch den Mund. Ein neuerliches Schlagloch, dass dieses Mal Harrys Einkäufe zu Boden riss, beendete die Unterhaltung, da Harry eine Weile brauchte, um jetzt seine Habseligkeiten unter den Bänken hervor zu kramen. Kaum hatte er es geschafft, fuhren Sie auch schon an der abgesperrten Schmiede vor und verabschiedeten sich freundlich voneinander.
Er stieg aus dem Bus aus und hatte die glänzende Idee, seine Tüten in den Rucksack umzupacken, damit er für den Rückweg die Hände frei hätte. Gerade hatte er diesen Gedanken auf der Bank an der Haltestelle in die Tat umgesetzt, als eine Stimme an sein Ohr drang, die ihn rief: „Mr. Porter, Mr. Porter, warten Sie bitte einen Moment.“
Er schaute auf und sah eine Frau aus dem Fenster des Kiosks schräg gegenüber gelehnt und heftig nach ihm winkend. Er überquerte leicht genervt die Straße, die Hitze, die Müdigkeit, der Schock der Verfolgung in Upper Idlington und der Bericht über Rosies Hochzeit hatten seine Laune nicht gerade verbessert.
„Es tut mir leid, dass ich Sie so anspreche, ohne dass wir einander vorgestellt worden sind. Ich bin Phyllis Hedginson, die Postvorsteherin hier in Idlington.“
„Freut mich.“ sagte Harry höflich, aber reserviert und wich schon mal wieder einen Schritt zurück, damit sie gar nicht erst auf die Idee kam, ihm die Hand zu geben.
„Vielleicht könnten Sie ihrem Nachbarn einen großen Gefallen tun? Vorhin ist mit dem Bus vor Ihnen noch ein Paket für Mr. Moresley aus der Stadt gekommen und ich weiß, dass er gerade darauf schon sehr wartet. Könnten Sie ihm das Paket mitnehmen?“
„Wenn es nicht zu groß ist, mache ich das natürlich gerne.“ Harry seufzte innerlich über diese monströse Lüge, aber er wollte sich anstrengen, dass er hier im Dorf nicht sofort aneckte.
„Nein, gar nicht. Ich hole es gerade.“ Sie verschwand in den hinteren Räumen, die sich hinter ganzen Wänden von Zeitungen und Zeitschriften verbargen. Als sie schließlich zurück kam, war das Paket tatsächlich nicht größer, als ein normaler Schuhkarton und auch nicht schwerer.
Mrs. Hedginson bedankte sich überschwänglich, drückte ihm noch eine aktuelle Ausgabe des ICC als Geschenk in die Hand und er machte sich auf den Weg. Er war schon auf der Höhe des Hauses von Mrs. Bones, seiner Vermieterin, angekommen, als ihm klar wurde, dass er fast besser, wie bei seinem Spaziergang, anders herum um den Teich gegangen wäre, um das Paket zuerst abzuliefern, aber dazu war es nun zu spät.
Der Schweiß lief ihm in Strömen über die Stirn, als er den schattigen Waldweg erreichte und schon fast sein Häuschen am Teich sehen konnte. Ein kühles Bad im See wäre jetzt herrlich.
Er bog um die letzte Kurve und sah auf dem immer noch matschigen Waldweg, vor seinem Haus, ein Motorrad stehen. Da ansonsten Niemand zu sehen war, ging Harry erst einmal davon aus, dass jemand die Maschine wegen des Matsches hier abgestellt hatte und zu Fuß weiter gegangen war. Er musste ein wenig grinsen, als er an die Worte von Mrs. Banks dachte, dass es hier überhaupt keine Motorräder gäbe.
Mit dem Paket in der Hand und dem Rucksack auf dem Rücken zog er balancierend und im Matsch rutschend die Schuhe aus und schob die Jeans nach oben, so dass er bei dem leicht gefallenen Wasserpegel die Veranda gut erreichen musste. Auf jeden Fall würde er gleich die Planke auslegen, von der ihm Sally Bones berichtet hatte.
Gerade hatte er die Einkäufe auf der Bank neben der Tür deponiert, da hörte er drinnen Schritte und dann ein schweres Schaben, wie von Holz auf Holz. Der Schreck fuhr ihm in die Glieder, ein Einbrecher war im Haus und hatte sein Versteck entdeckt!
Er schlich sich auf der Veranda um das Haus herum und spähte vorsichtig durch das Schlafzimmerfenster, doch er konnte nichts erkennen. Wieder dieses schabende Geräusch und er begriff, dass der Einbrecher im Wohnzimmer dabei war Möbel zu verrücken. Er kroch zum nächsten Fenster und was er dort sah, ließ ihn erstarren. Ein ungefähr vierzig Jahre alter, etwas untersetzter Mann hatte das Sideboard im Wohnzimmer von der Wand gerückt und tastete mit der Hand in einem großen Loch in der Wand herum. Leider konnte Harry das Ganze nicht genau erkennen, da der Mann mit dem Rücken zu ihm stand und ihm die Sicht verdeckte, aber plötzlich versteifte sich die ganze Gestalt und ein geheimnisvolles Leuchten, wie von einer starken magischen Quelle umspielte erst die Hand und dann den ganzen Körper des Mannes.
Harry wollte sich gerade umdrehen, um zurück zu schleichen, da sah noch aus den Augenwinkeln, wie ein großer Gegenstand auf ihn niedersauste und dann wurde ihm schwarz vor Augen.
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Zurück zur Übersicht - Weiter zum nächsten Kapitel