
von Kreacher Potter
Zur selben Zeit stand Harry, ungläubig um sich sehend, auf seiner Veranda.
Er hatte den Abend vorher mit Lesen von alten Zeitschriften verbracht und es sehr gemütlich gefunden, dass es draußen immer weiter geregnet hatte, während er drinnen vor einem warmen Kaminfeuer saß. Ab und zu spritzten durch die heftigen Böen auch kleine Wasserfontänen durch den Kamin ins Feuer und zischten dampfend auf. Irgendwann hatten dann in der Nacht der Regen und der Wind nachgelassen und er war zu Bett gegangen.
Heute morgen strahlte dann wieder die Sonne vom Himmel, es war warm und die Luft angenehm frischer. Nur das Wasser des Sees war noch da und Harry verstand, warum Mrs. Bones Vater das Haus erhöht gebaut hatte. Der Wasserspiegel des Sees war über Nacht um mindestens einen halben Meter angestiegen, so dass das Wasser von unten gegen die Planken der Veranda klatschte und gluckerte. Er spurtete um das Haus und auch hier bot sich ihm das gleiche Bild: Das Haus stand bis zu den oberen Treppenstufen im Wasser und erst der leicht erhöhte Feldweg ragte wieder aus dem See hervor.
Er hatte heute morgen den Gedanken gehabt, dass er in der schwarzen Gans frühstücken wollte. Er wollte gerne mal wieder ein warmes, englisches Frühstück genießen und außerdem Rosie nach ein paar Einkaufsmöglichkeiten fragen. Dass er sie gerne auch wiedersehen wollte, gestand er sich nicht wirklich ein, denn Ginnys Bild stand ihm immer noch zu lebhaft vor Augen.
Also schloss er rundherum ab, zog seine Hose aus, und umwickelte mit ihr den Aluminiumtopf von Mrs. Bones, sein Portemonnaie und seine Schuhe. Nur in T-Shirt und Unterhose stieg er die Treppen hinab in das kühle, etwas über knietiefe Wasser und watete zum Weg. Dieser war ebenfalls stark aufgeweicht und Harry stapfte mit seinem Bünde,l immer auf Grasbüschel und trockenere Stellen tretend, an seiner Seite entlang, bis der See weit zurückgeblieben und der Weg durch die überhängenden Bäume begehbarer geworden war. Er zog sich Hose und Schuhe wieder an und hoffte, dass ihn Niemand gesehen hatte.
Als Erstes klopfte er bei den Bones an die Tür, die kurz darauf von Mr. Bones geöffnet wurde. Er sah Harry an und schloss die Tür sofort wieder, bevor Harry auch nur einen Ton hätte sagen können. „Sally, es ist für Dich!“ klang es grantelnd von drinnen und schwere Tritte entfernten sich schlurfend von der Tür.
Nur einen Augenblick später wurde diese wieder, von einer leicht verlegen lächelnden, Mrs. Bones geöffnet. „Hank, wie schön, dass Sie mich besuchen kommen, was kann ich für Sie tun? Wollen Sie nicht hereinkommen? Mr. Bones und ich sitzen gerade beim Frühstück.“
„Nein, vielen Dank, Mrs. Bones. Ich möchte wirklich nicht stören, sondern Ihnen nur den Topf wieder bringen.“
„Oh, ja, danke schön.“ Sie zögerte einen Moment. „Hat es sehr stark geregnet? Wissen Sie, ich hatte gar nicht mehr daran gedacht und es passiert ja auch so selten, dass der See so stark ansteigt. Deswegen sind die Häuser dort ja auch alle hochgebaut, auch das heruntergekommene Haus vom alten Moresley und einige andere. Haben Sie denn die Planke gefunden?“
Harry schwirrte der Kopf. „Was für eine Planke?“
„Na, das hätte ich Ihnen wirklich sagen müssen!“ schalt sie sich. „Hinter dem Schrank im Schlafzimmer lehnt ein großes, dickes Brett an der Wand. Wenn Sie das vor der Tür auf die Veranda legen, reicht es bis zum Weg und Sie kommen trockenen Fußes hinüber. Es tut mir wirklich leid!“
„Macht ja Nichts!“ antwortete Harry, der dem überfallartigen Redefluss einmal mehr nichts entgegen zu setzen hatte.
„Und im Schrank finden Sie im oberen Fach noch Fliegengitter für die Fenster und Türen. Die sollten Sie auch bald einhängen, weil es nach Hochwasser meistens viele Mücken gibt. Sie bleiben doch noch ein paar Tage?“
„Ja, natürlich, Mrs. Bones. Es ist sehr schön dort.“ Er versuchte einen strategischen Rückzug und machte ein paar Schritte in Richtung Gartentor. „Was ich Sie noch fragen wollte, Mrs. Bones, haben Sie zwischendurch im Haus aufgeräumt?“
Sie sah ihn ehrlich verwundert an. „Nein, wie käme ich dazu, ungefragt ihr Haus zu betreten. Das käme mir nicht in den Sinn.“
„Nein, natürlich nicht.“ Jetzt war Harry verlegen. „Danke noch mal für das köstliche Stew. Ich muss dann jetzt mal weiter. Auf Wiedersehen!“
„Auf Wiedersehen, Hank.“ antwortete sie freundlich und schloss die Tür hinter sich.
Immer noch leicht benommen, setzte Harry seinen Weg fort. `Wieso bezeichnet hier jeder dieses Herrenhaus als schäbiges Häuschen, Resthof oder Hütte. Das Ding ist doch ein Palast! Moresley muss sich hier sehr unbeliebt gemacht haben!´
Nach wenigen hundert Metern war er vor der schwarzen Gans angekommen. Von der anderen Straßenseite hob Mrs. Figgs grüßend die Hand, Harry grüßte höflich zurück und öffnete die Gartentür zum Lokal. Die Türen standen quer durch weit offen und Rosie war gerade dabei, die Stühle herunter zu stellen.
„Hallo Rosie, bin ich zu früh? Ich hätte gern ein echtes englisches Frühstück.“
„Hi, Hank. Schön, dass Du kommst. Das Frühstück sollst Du haben.“ Sie deutete auf einen Tisch neben dem Ausgang zum Garten. „Setz Dich doch da vorn hin, da kann man schön nach draußen gucken.“
„Prima.“ antwortete er und nahm ihr die letzten Stühle ab. Sie schenkte ihm ihr strahlenstes Lächeln und er setzte sich mit ein bisschen mehr Sonne im Herzen an den Tisch.
Während sie in der Küche verschwand, hatte Harry Muße, sich das Lokal anzusehen. Es bestand aus mehreren kleineren Räumen, die untereinander verbunden waren und sich kreisförmig um einen gewaltigen runden Tresen anordneten. Alles war in dunklen Holztönen gehalten und aufwendig mit einer unglaublichen Blechschildsammlung und antiken Landarbeitsgeräten dekoriert.
Rosie steckte ihren Kopf aus der Küche. „Wie wäre es mit Rührei, gebackenen Bohnen, heißen Tomaten, Schinken und Toast?“
Harry strahlte.
„Und was zu trinken?“
„K..., Kaffee.“ stotterte er, fast hätte er Kürbissaft gesagt, aber den hatten sie hier vermutlich eher nicht.
„Kommt sofort!“ Sie verschwand wieder hinter der Tür und Harry begann derweil zu überlegen, was er heute besorgen wollte. Nach der Erfahrung von gestern brauchte er auf jeden Fall eine Regenjacke, einen großen Rucksack, wenn er weiterziehen wollte und festeres Schuhwerk. Außerdem wollte er mal nach Büchern schauen, denn die Zeitschriften im Haus hatte er jetzt alle gelesen. Er machte sich ein paar Notizen auf einem von Rosies Blöcken, die auf einem Beistelltisch neben der Tür lagen.
Wenige Minuten später trug Rosie auf einem Tablett ein Frühstück herein, das nicht allein für Harry gedacht sein konnte.
„Ist es Dir recht, wenn wir zusammen frühstücken? Ich hatte nämlich auch noch Nichts.“
„Ja, gerne.“ Harry erröte ein wenig, als er merkte, dass er den Blick kaum von ihr abwenden konnte. Er starrte sie unverhohlen an, als sie den Tisch deckte. Um die Situation zu überspielen, griff er spontan nach der Tasse Kaffee, die sie ihm gerade hingestellt hatte und verbrühte sich fast die Lippen.
„Vorsicht, der ist ganz frisch gekocht und wir brühen ihn hier noch von Hand auf, nicht mit der Maschine.“
Schweigend begannen sie das Frühstück bis Rosie beim Biss in einen Toast Harrys Zettel erspähte. „Was ist denn das?“
„Mein Einkaufszettel. Ich durfte mir doch einen Block von dir ausleihen?“
„Natürlich. Aber das wirst Du hier nicht bekommen. Da musst Du schon nach Upper Idlington fahren. Da gibt es viel mehr Geschäfte und auch eine Bücherei.
„Das wäre schön, aber ich habe meinen Ausweis verloren und ohne den werden sie mir dort wohl leider keine Bücher ausleihen.“
„Das stimmt“, sagte sie nachdenklich, „aber das ist kein großes Problem, Du kannst meinen haben, wenn Du dafür meine Bücher zurückbringst.“
„Gerne, ja, danke. Das ist klasse. Da gibt es nur noch ein Problem, wie komme ich dorthin?“
„Das ist gar kein Problem, Du kannst mit dem Bus fahren. Der fährt immer zur vollen Stunde vor der Schmiede ab bis zum Rathaus von Upper Idlington und von dort immer zur halben Stunde zurück. Ich würde Dich ja begleiten, aber am Freitag ist hier immer besonders viel los, weil viele freitags nur einen halben Tag arbeiten müssen.“
„Ja, das wäre schön gewesen, aber ich werde jetzt einfach noch ein bisschen bleiben und dann machen wir vielleicht nächste Woche noch mal was zusammen?“
Sie grinste breit. „Wenn Du dann noch da bist!“
„Wieso sollte ich nicht da sein?“
„Na ja, falls unser Polizeiinspector weiterhin so hinter Dir her ist, wie man so hört, dann hat er Dich eventuell nächste Woche ja schon verhaftet.“
Harry sah erschrocken aus. „Meinst Du das ernst? Der kann mich doch gar nicht verhaften, ich habe doch nichts getan.“
„Nein, beruhige Dich. Der ist nur gefrustet, weil er nicht weiß, wie Frank Coleman gestorben ist. Und da Du hier im Dorf ein Fremder bist, bist Du seine erste Zielscheibe.“
„Das hört sich nicht gut an.“
„Der beruhigt sich auch wieder. Außerdem muss er ja auch noch die Bankräuber suchen, die hier die Gegend unsicher gemacht haben.“
Sie wischte sich den Mund mit einer Serviette ab, legte die Hand wie selbstverständlich auf seinen Unterarm und sagte: „Nun aber wieder zu den angenehmen Seiten des Lebens. Du siehst heute bedeutend ausgeruhter aus. Du scheinst Dich schon zu erholen.“
Wohlige Gänsehaut breitete sich an der Stelle aus, an der sie ihn berührte, doch da nahm sie ihre Hand leider auch schon wieder weg und trank noch einen Schluck Kaffee. „Doch es geht mir auch schon viel besser und es war gut, dass ich so viel Schwimmen geübt habe, denn heute stand dem Häuschen das Wasser schon bis zum Hals.“
Sie musste lachen und prustete fast ihren Kaffee über den Tisch. „Daran habe ich ja gar nicht mehr gedacht!“ Sie kicherte weiter.
„Nicht nur Du. Eben hat mir dann gerade Mrs. Bones von der Planke erzählt, die sie für solche Fälle im Schlafzimmer aufbewahrt.“
Rosie lachte lauthals los und er konnte nicht anders, als mitzulachen.
„Vielleicht solltest Du auch noch eine Badehose auf Deinen Zettel schreiben, damit Du nicht immer nackt herumlaufen musst.“
Sie lachten weiter.
„Sonst kannst Du Dir natürlich auch statt dessen diesen Schal als Lendenschurz umwickeln. Den hat gestern hier jemand vergessen.“ Gackernd deutete sie auf einen schwarzen Schal, der über der Lehne eines Tresenstuhls hing und auf den in freundlichen Lettern Britains Best geschrieben stand.
Sie lachten bis ihnen die Bäuche weh taten und Harry gerade noch rechtzeitig an den Bus dachte um sich auf den Weg zu machen. Es war schön, dass er hier für eine Stunde mal wieder alles um sich herum vergessen konnte, bis auf Ginny. Er hatte es geschafft, in den letzten Tagen so viel seelischen Ballast beiseite zu räumen, dass ihr Gesicht wieder einen festen Platz in seinem Bewusstsein bekam und dieses Gesicht wurde ihm wieder immer wichtiger.
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