
von Kreacher Potter
Arthur Weasley eilte am nächsten Morgen durch die große Halle des Ministeriums, in der auch zu dieser frühen Morgenstunde schon hektische Betriebsamkeit herrschte, auf einen der Fahrstühle zu. Nur mit Mühe und ein wenig Glück konnte er den Dekorateuren ausweichen, die den großen Brunnen der Hexen, Zauberer und anderer magischer Wesen, der durch Harrys und Dumbledores Kampf mit Voldemort so denkwürdig beschädigt worden war, weiter nach vorn, in den Eingangsbereich der Halle schweben ließen.
Er passierte die Stirnseite der großen Halle, an der früher einmal ein riesiges Portrait des Zaubereiministers gehangen hatte und jetzt eine Karte von ganz Großbritannien befestigt war. Alle Orte, an denen sich aktive Zauberer aufhielten, waren darauf lila markiert.
Das kleinere Gegenstück dazu hing jetzt in der Zentrale der Magischen Strafverfolgung (ZeMaS), deren Chef Arthur nach der Rückeroberung des Ministeriums geworden war. Ihm war damit ebenfalls die Aurorenzentrale, die sich immer noch mit dem langwierigen Aufstöbern der letzten Todesser beschäftigte, und das Muggelverbindungsbüro mit den Vergissmichs unterstellt worden. Arthur fühlte sich mit dieser Vertrauensstellung sehr wohl. Wäre da nicht diese eine Aufgabe gewesen, die ihm sowieso am Herzen lag und bei der er seit über vier Wochen auf der Stelle trat.
Er trat in den Aufzug und im letzten Moment, bevor sich die Türen schlossen, flitzte ein Memo, aufgeregt flatternd, durch den Spalt und prallte Arthur direkt vor die Nase.
„Ah, da sind Sie ja, Arthur!“ legte das Memo sofort mit der Stimme von Minister Shacklebolt los, als Mr. Weasley sich endlich davon befreit hatte. „Gut, dass ich Sie gefunden habe, kommen Sie bitte sofort in mein Büro!“ Das Memo verpuffte in hunderte kleiner Schnipsel, die zu Boden rieselten.
„Er hat mir noch nicht mal die Chance zu einer Antwort gegeben!“ grummelte Arthur und fuhr durch bis zur obersten Etage.
Als sich die Türen öffneten, hatte er das fast Gefühl, sich gegen den hohen Geräuschpegel lehnen zu müssen, um den Fahrstuhl verlassen zu können. In der Königsabteilung, wie sie von vielen Mitarbeitern des Ministeriums scherzhaft wegen Kingsley Shacklebolts Vornamen genannt wurde, waren ebenfalls schon alle Angestellten, bereits seit Stunden, wegen des großen Ereignisses heute Abend in heftiger Aufruhr.
Er begrüßte mehrere Bekannte mit einem freundlichen Kopfnicken und schaffte es, ohne von Memos oder umher schwebenden Aktenbergen getroffen zu werden, seinen Weg durch das Großraumbüro zu finden und an die schwere, dunkle Tür des Ministers zu klopfen.
Dieser öffnete fast im selben Augenblick die Tür und rief gut gelaunt: „Arthur! Ich habe Dich ja schon seit Tagen nicht mehr gesehen. Komm `rein!“ und zog Mr. Weasley durch die Tür.
Als diese hinter ihnen zufiel, wurde es schlagartig leise im Raum und auch Kingsley Shacklebolt veränderte sich urplötzlich und sackte regelrecht in sich zusammen. Sein Gesicht war jetzt überanstrengt grau und tiefe Falten hatten sich in die einst dunkelbraune Haut gegraben. Er schob Arthur zu einem Sofa, auf dessen Beistelltisch bereits Kaffee in großen Tassen vor sich hin dampfte und ließ sich schwer in einen tiefen Sessel fallen. „Sag mir bitte, dass Du in den letzten Tagen etwas herausgefunden hast!“ flehte der Minister.
Mr. Weasley hatte bereits mit so etwas gerechnet und begann sich zu winden. „Ja und nein, Kingsley.“
„Was soll das heißen?“ fragte Shacklebolt aufgebracht. „Arthur, die Presse und die ganze Zaubererwelt sitzt mir im Nacken, weil ich nicht sagen kann, wo Harry Potter ist.“
„Also, ich kann leider noch nicht sagen, wo er ist, aber wir wissen wenigstens, dass es ihm gut geht.“
„Wieso?“
„Weißt Du, wir haben doch unsere Familienuhr und Molly ist auf die Idee gekommen, dieser Uhr zwei neue Zeiger hinzuhexen zu lassen. Und jetzt zeigt diese Uhr für Harry auf außer Gefahr.“
„Das ist ja schon mal was. Was hast Du sonst unternommen? Heute Abend werde ich der Presse nach der Ehrenfeier Rede und Antwort stehen müssen und Du kannst mir glauben, davor graut es mir fast mehr, als vor jedem Treffen mit den Todessern.“
Arthur Weasley sprang mit seiner Kaffeetasse in der Hand auf, schwappte sich dabei einen Teil des Inhalts auf seinen grün-rosé-karierten Umhang und begann ausführlich zu berichten: „Also wir sind in den Wochen nicht faul gewesen.“ antwortete er erregt. „Nur so nebenbei ist es immer noch unsere Hauptaufgabe die restlichen Todesser zu fangen, die sich nach dem Großen Krieg versteckt haben. Dazu sind unsere wenigen, verbliebenen Auroren jeden Tag unterwegs und führen Befragungen und Untersuchungen durch, die uns schon manch einen Übeltäter haben fassen lassen. Über unser Verbindungsbüro arbeiten wir da sehr gut mit der Muggelpolizei zusammen. Die haben da so Computerdinger, mit denen sie die Verbrecher fangen, das ist höllisch interessant!“ Arthurs Stimme ließ deutliche Begeisterung für diese Muggeltechnik erkennen, doch er fasste sich sofort wieder.
„Außerdem müssen wir die Prozesse des Zauberergamots vorbereiten, damit die Schweine auch wirklich verurteilt werden. Dann musste ich mehrere Mitarbeiter abkommandieren, um mit neuen Schutzzaubern Askaban für die Verurteilten wieder zu einem wirkungsvollen Gefängnis zu machen, nachdem uns die Dementoren ja nun nicht mehr zur Verfügung stehen. Außerdem habe ich die Abteilung gegen den Missbrauch von Muggelartefakten unter anderem in eine allgemeine Magische Polizeidienststelle (MPod) umgewandelt, damit wir auch noch der normalen Verbrecher habhaft werden können. Die glauben ansonsten, dass sie sich im Moment Alles erlauben können.“
„Ja, das weiß ich doch. Aber was habt Ihr wegen Harry unternommen?“ Shacklebolts Stimme wurde sehr ungeduldig.
„Moment, dazu komme ich jetzt. Eine unserer Strategien um Todesser zu fangen, beruht auf unserer neuen Karte, die ja auch bei uns im Büro hängt und die von Remus Lupin so umgestaltet wurde, wie die Karte des Rumtreibers. So können wir in ganz Brittanien erkennen, wenn irgendwo ein Zauberer einen Zauberstab in der Hand hält, mit einem verzauberten Gegenstand Kontakt hat, oder sich auf magischem Gelände aufhält. Davor sitzen ständig drei Zauberer in vier Schichten pro Tag an sieben Tagen der Woche. Vorgestern glaubte sogar einer der Drei im Norden Harrys Namen auf der Karte aufblitzen zu sehen, aber es war zu kurz für eine Ortung und wirklich sicher war er sich auch nicht.
Mitarbeiter des Muggelverbindungsbüros haben so ein Computerdings mitgebracht und arbeiten jetzt in ihrer Freizeit alte Akten und Vernehmungsprotokolle von uns und den Muggeln durch, um darin einen Hinweis auf Harry zu entdecken, aber da war bisher Fehlanzeige.
Außerdem haben wir schon vor Wochen alles an Aufspürzaubern ausprobiert, was wir kennen, doch er muss sich dafür von allem Magischen gelöst haben, so dass wir ihn auch darüber nicht finden konnten.
Natürlich sind uns da Grenzen gesetzt, da wir auf die Muggelwelt keinen Einfluss ausüben dürfen.“
Shacklebolt nickte betrübt: „Du siehst mich beeindruckt. Ihr habt wirklich viel unternommen. Er will wohl nicht gefunden werden und auf mir bleibt der Vorwurf hängen, dass wir zu viel auf seinen jungen Schultern abgeladen haben und er unter dem Druck zusammengebrochen ist.“
Arthur konnte seinen alten Freund aus den Zeiten des Phoenixordens gut verstehen. „Bevor ich es vergesse, ich hatte gestern noch ein Gespräch mit den Kobolden von Gringotts, bei dem es um die zahlreichen Banküberfälle ging und sie haben mir versichert, dass Harry nur einmal, gleich am Tag seines Verschwindens, Geld aus seinem Verließ geholt und in Muggelgeld umgetauscht hat. Seitdem haben sie ihn auch nicht mehr gesehen.“
„Und wieder ein Idee dahin!“ Der Minister war sichtlich am Boden zerstört, doch dann richtete er sich wieder zu seiner vollen Größe auf, setzte ein gekonntes Lächeln auf und sagte: „Also gut, ich werde jetzt den heutigen Abend und meine Rede vorbereiten. Ich sehe Euch heute Abend im Ehrengästebereich, Molly, die Kinder und Dich?“
„Ja, natürlich. Bis heute Abend, Kingsley.“ Arthur wandte sich zur Tür, als Shacklebolts Stimme ihn zurückhielt. „Da auf dem Tisch neben der Tür liegt übrigens die Times von gestern, Arthur. Kannst Du mir eigentlich erklären, warum die Muggel seit dem Ende des Krieges so eine Welle der Euphorie erleben und wir uns immer noch nicht richtig freuen können?“
Mr. Weasley blickte mit leuchtend rosa Ohren auf den Artikel und sagte dann, einen Kloß im Hals wegräuspernd: „Ich denke, dass sich das in unserer Welt nach dem heutigen Abend auch ändern wird.“ Und verschwand eilig durch die Tür.
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