
von Kreacher Potter
Am nächsten Morgen blieb Harry nach dem Erwachen noch ein bisschen im Bett liegen und ließ den vergangenen Tag noch einmal an sich vorbei ziehen.
Irgendwann war er leicht unterkühlt aus dem Wasser geklettert, immer noch wütend darüber, wie die beiden Polizisten mit ihm umgesprungen waren, aber auch erstaunt, mit welchem Abstand er die Geschehnisse um sich herum wahrnahm.
Er hatte schon einige Zeit mit seiner nassen Kleidung auf den nackten Holzdielen in der Sonne gelegen, bis ihm klar wurde, warum das so war. Eigentlich war er nur zu Besuch in dieser Welt. Er wollte zwar mit der Zaubererwelt nichts mehr zu tun haben, würde sich aber im Notfall, immer dorthin zurückziehen können.
Dann kreisten seine Gedanken noch eine Zeit lang darum, ob er auch wieder zu einem Muggel werden würde, ob er seine Zauberkräfte verlieren würde, wenn er sie nicht benutzte, aber dafür fielen ihm überhaupt keine Beispiele ein. Auf jeden Fall bräuchte er sich darüber keine Gedanken zu machen, beschloss er und döste noch ein bisschen in der Sonne.
Irgendwann, seine Jeans waren schon fast wieder trocken, begannen sich seine Überlegungen um Rosie zu drehen. Konnte es sein, dass die Alte recht hatte und Rosie wirkliche eine Hexe war? Man sah es einem Menschen ja nicht an, ob er Muggel oder Hexe war.
Aber hätte sie ihn dann nicht sofort wiedererkennen müssen, sooft wie sein Bild in der Zeitung gewesen war? Vielleicht hatte sie ihn ja wiedererkannt und spielte nur ein Spielchen mit ihm. Vor dem Pub hatte sie freilich nicht so gewirkt, als wüsste sie etwas über ihn. Sonst hätte sie ihn doch bestimmt auf seinen falschen Namen angesprochen.
Später am Nachmittag, er hatte sich gerade wieder etwas zu Essen gemacht, betrachtete er sein Spiegelbild im Badezimmerspiegel. Nein, sie konnte ihn eigentlich nicht wiedererkannt haben, denn er war im letzten Jahr viel älter, reifer und hagerer geworden. Nur der Haarschopf ließ sich immer noch nicht bändigen und sah aus, wie auf den alten Fotos, die überall gedruckt worden waren, weil es aktuelle von ihm, Merlin sei Dank, nicht gab. Eine oberflächliche Ähnlichkeit war natürlich vorhanden, aber die würde man häufig finden.
Er probierte, ob er mit einem Haargummi, das er bei seinem Waschzeug gefunden hatte, sich einen kurzen Zopf im Nacken binden konnte und fand das Ergebnis ganz ansprechend. Es ließ ihn noch erwachsener und draufgängerischer aussehen.
Sie ging ihm nicht aus dem Kopf. Warum hatte sie ihn nur so dreist über die Straße hinweg angesprochen? Er war weder der attraktivste Mann, noch war er auch nur ansatzweise in ihrem Alter, so dass das eigentlich nicht der Grund sein konnte. Insgeheim fand er das ein bisschen schade, denn er wäre gerne ein bisschen aufregender gewesen.
Dann blieben eigentlich nur Neugierde, wie bei den diversen Damengruppen, oder sie versuchte ihn lediglich als Gast für ihren Pub zu gewinnen. Die Neugierde konnte er natürlich nicht ausschließen, aber wahrscheinlicher war schon der letztere Grund. Ein klein wenig enttäuschend war es schon, denn es hätte doch seiner kleinen Eitelkeit geschmeichelt, dass er auch für sie persönlich anziehend gewesen wäre.
Er seufzte leise, drehte sich vom Spiegel weg zum Tisch, setzte sich und begann zu essen. Wer weiß, wie lange er überhaupt noch an diesem Ort sein und ob er sie noch einmal wiedersehen würde.
Heute Morgen musste er darüber schmunzeln.
Es ging ihm gut. Die Sonne schien wieder von einem wunderbar blauen Himmel. Seit vier Wochen war es schon so ungewöhnlich heiß, dass England unter der Hitzewelle stöhnte. Der Geruch des Sees drang in seine Nase und die Insekten und Vögel waren vermutlich auch schon wieder seit Stunden aktiv. Es war ein herrlicher Tag zum Faulenzen.
Er stand auf, holte sich ein paar frisch gewaschene Hosen und ein T-Shirt von der klapprigen Wäschespinne, die er gestern im Badezimmer gefunden und dann im Wohnzimmer aufgestellt hatte. Das war ein guter Anlass zum Wäschewaschen gewesen. Er war zufrieden, denn gestern hatte er nicht den Eindruck gehabt, dass er seine Wäsche so strahlend sauber bekommen hätte. Er zuckte die Schultern, warum sollte er sich über jede Kleinigkeit Gedanken machen?
Er kochte sich eine große Tasse Tee zum Frühstück, deckte den Tisch und griff sich die Zeitung von gestern. Jetzt wollte er sie auch lesen, nachdem er sie schon unfreiwillig bezahlt hatte.
Der Leitartikel des Idlington Creek Chronicle beschäftigte sich mit dem, was er schon wusste: Mord in Idlington? Regionalpolizei ratlos.
Wie kurz vor Redaktionsschluss bekannt wurde, beschäftigt sich die Polizei in Idlington mit einer Leiche. Der Tote ist der allseits bekannte Schmied und Künstler Frank Coleman, der neben seiner beruflichen Tätigkeit als Schmied auch die Bronzebüste für die Toten der Großen Kriege vor dem Kreishaus in Upper Idlington gefertigt hat und dafür hohes künstlerisches Ansehen genoss.
Der Tote wurde am Dienstagabend, gegen 23 Uhr von der Wirtin Rosie Banks gefunden, die ihm, wie fast jeden Abend, noch ein spätes Nachtmahl brachte. Er lag im Korridor seines Wohnhauses auf dem Rücken und gab keine Lebenszeichen von sich. Der schnell herbeigerufene Arzt, Dr. Samuel Rogers, benachrichtigte dann die örtlichen Dienststellen. Die Leiche wurde zur weiteren Untersuchung in sein Labor verbracht, eine genaue Diagnose konnte der Polizei allerdings noch nicht übermittelt werden.
Der Tote war...
Hier brach Harry die genaue Lektüre des Artikels ab und überflog nur noch den uninteressanten Rest, von dem er das Meiste nicht verstand, weil er die hiesigen Orte und Personen noch nicht kannte. Der Rest waren Stellungnahmen, vom örtlichen Bürgermeister und dem Landrat, die schnellste Aufklärung dieses widerlichen Verbrechens forderten und die Bevölkerung um Mithilfe baten.
`Sieh an´, dachte Harry, `und wieder einmal treffe ich auf Rosie Banks. Diese Frau ist scheinbar überall mittendrin.´
Dann schalt er sich, nicht ungerecht zu sein, denn so viel wusste er schließlich nicht von ihr. Es war einfach Pech, dass der Mord gerade jetzt passiert war. Seltsam nur, dass der Muggelarzt noch nicht wusste, wie der Tote gestorben war, aber da es sich ja um die Zeitung von gestern handelte, waren das bestimmt nicht die neuesten Informationen. Er musste lächeln über sein morbides Interesse an diesem Todesfall, den er bestimmt noch nicht einmal bemerkt hätte, wenn ihn die Polizisten nicht so hart angegangen wären.
Auf jeden Fall, überlegte er sich, könnte er heute noch mal in den Ort gehen und sich eine neue Zeitung holen.
Die anderen Artikel waren für ihn weit weniger interessant. Der neue Bürgermeisterkandidat der Regierungspartei stellte sich vor, Harry war sich allerdings über die Institution Partei nicht ganz im Klaren, weshalb er ihn schnell übersprang. Genauso wie Große Demonstration für höhere Schweinepreise, Der Kulturverein von Upper Idlington feiert 50te Shakespeare-Aufführung und der großen Supermarktanzeige.
Erst ein Stückchen weiter unten auf der Seite gab es einen kleinen Bericht über eine Reihe von ungeklärten Bankeinbrüchen, zuletzt in Carston, Puddenham und jetzt in Upper Idlington. Nach Aussage des Polizeisprechers konnte noch nicht abschließend geklärt werden, was gestohlen worden war, da bei allen Banken nur gezielt ausgewählte Schließfächer aufgebrochen wurden. Auch die Art des Einbruches gab noch Rätsel auf. Man ging allgemein davon aus, dass der, oder die Täter es schafften, sich in den Banken einschließen zu lassen.
Und noch ein Stückchen darunter war ein sehr ansprechender Artikel mit vielen Bildern über die Wahl der Schönheitskönigin des Kreises für diesen Sommer. Die Gewinnerin würde am Landesentscheid für Miss England teilnehmen. Harry freute sich, wie ein Kind, endlich wieder einmal so viel Schönes versammelt zu sehen und nicht immer nur Krieg, Angst und Elend, wie in den letzten Jahren. Die Welt war schon wieder ein klein wenig normaler geworden.
Sinnierend starrte er nach draußen, es war schon fast Mittag geworden und die Sonne stand hoch am Himmel. Die Vögel und Insekten wurden merklich leiser, die Sommerhitze breitete sich für heute wieder aus und es lockte ein kühles Bad.
Gesagt, getan! Er zog sich schnell aus, nahm im jugendlichen Übermut schon im Wohnzimmer Anlauf und sprang von der Veranda über das Geländer mit einem Hechtsprung in den kühlen See. Das Wasser gurgelte gluckernd um ihn, als er tief hinein tauchte und es erfrischte ihn herrlich. Ein gutes Stück weit vom Ufer und dem Haus entfernt tauchte er prustend wieder auf.
Da hörte er Beifallklatschen hinter sich. Er drehte sich erschrocken um und sah Rosie Banks am Geländer seiner Veranda stehen. Sie stieß einen gellenden Pfiff auf zwei Fingern aus, der die Enten im Schilf auffliegen ließ, und rief ihm grinsend zu: „Sehr elegant, Hank. Das sah gut aus. Ist das Wasser nicht zu kalt?“
„Es ist herrlich! Kommen Sie herein und probieren es aus!“ erwiderte er mit plötzlichem Übermut.
„Danke, nein. Das ist nicht mein Ding. Ich sehe Ihnen noch ein bisschen zu!“
„Ok!“
Harry schwamm noch ungefähr 100 Meter hinaus, dann wurde er doch neugierig und kraulte mit einem erwartungsfrohen Kribbeln im Bauch zurück. Was wollte Rosie Banks hier, wenn sie schon nicht schwimmen wollte. Wollte sie zu ihm?
Sie nahm ihm die Frage ab und sagte, als er unterhalb der Veranda ankam: „Sie interessieren mich, Hank Porter, mein Pub ist heute Nachmittag geschlossen und nun bin ich hier.“ Sie deutete mit dem Kopf über die Schulter zu einem alten, hellblauen Pickup, den sie neben dem Haus auf dem einzigen Parkplatz in der prallen Sonne geparkt hatte.
„Sie sind das kurze Stück mit dem Auto gefahren?“ fragte er ungläubig vom Wasser aus, wobei er unangenehm steil nach oben gucken musste.
„Na klar!“ grinste sie. „Ich wollte hier doch nicht völlig durchgeschwitzt ankommen.“ Und tatsächlich sah sie in ihren sehr kurzen Jeans und dem knappen T-Shirt wie aus dem Ei gepellt aus.
„Wollen Sie nicht aus dem Wasser herauskommen? Das muss doch unbequem sein, immer zu mir auf zu sehen.“ setzte sie mit einem schelmischen Lächeln hinzu.
„Ich würde gern, aber dazu müssten Sie sich bitte einmal umdrehen!“
„Ich glaube nicht, dass Sie etwas haben, was ich noch nicht gesehen habe.“ erwiderte sie im Spaß schmollend, drehte sich dann aber doch um.
Harry beeilte sich aus dem Wasser zu kommen und huschte tropfend hinter ihrem Rücken ins Haus. Er griff sich sein Handtuch, knotete es sich um die Hüften und ging wieder auf die Veranda.
„Setzen Sie sich!“ lud er sie ein und deutete auf die Bank. Er selber hockte sich im Schneidersitz so auf die Holzplanken, dass er mit dem Rücken an das Geländer lehnte und gleichzeitig sich von der Sonne trocknen lassen konnte.
Mit einem „Danke!“ drehte sie sich wieder zu ihm um und nahm Platz. Als sie seinen hageren, aber muskulösen Oberkörper näherer betrachtete, weiteten sich ihre Augen etwas und eine Augenbraue zog sich halb staunend, halb zweifelnd ein Stück in die Höhe. „Wo haben Sie sich denn bisher herumgetrieben? Das ist ja eine ausgesprochen gut bestückte Narbensammlung.“
Harry überging die Frage und antwortete mit einer Gegenfrage: „Und warum interessiere ich Sie so? Ich bin doch niemand Besonderes, sondern nur ein Junge auf der Durchreise.“
„Oh, glauben Sie mir, für Idlington sind Sie wirklich etwas Besonderes! Der Altersdurchschnitt liegt hier bei circa sechzig oder darüber und jemand Unbekanntes hat dieses Dorf seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr besucht.“
„Und was hält Sie dann hier?“
„Die Kneipe von meinem Opa. Mein Vater ist früh verstorben und Opa hat mir keine Wahl gelassen und mir den Laden vererbt. Er wirft zwar nicht viel ab, aber man kann davon leben.“
Eine kleine Pause entstand, in der sie ihn forsch anblickte und er die Sonne plötzlich als sehr heiß empfand. Er sprang mit einer Hand das Handtuch haltend auf. „Ich ziehe mir gerade etwas an.“
Drinnen schlüpfte er in seine Jeans, haderte ein wenig mit sich und dem T-Shirt, dass ihm eigentlich schon zu warm war und entschied sich schließlich dagegen.
Von draußen klang ihre Stimme herein: „Jetzt aber zu Ihnen. Was haben Sie bisher so gemacht?“
Er griff sich eine Flasche Wasser und zwei Gläser, bevor er wieder nach draußen ging. „Möchten Sie?“ fragte er und deutete mit dem Kopf auf das Wasser.
„Gern.“
Er goss zwei Gläser voll, reichte ihr eines und setzte sich wieder. Eine Horde Wildgänse stob schnatternd und kreischend vom hinteren Teil des Sees auf und sie blickten Ihnen beide nach.
„Und?“
„Und was?“
„Sie drücken sich vor einer Antwort, Hank. Was haben Sie bisher gemacht und was machen Sie hier?“
Er lachte auf. „Die Heilige Inquisition ist ja gar nichts gegen Sie!“ Er fühlte, wie leise Kopfschmerzen sich ihren Weg vom Nacken aufwärts bahnten.
„Ich bin ein ganz normaler Junge, der in diesem Sommer mit seiner Schule abgeschlossen hat und jetzt seine Ferien genießt, bevor er sich einen Beruf sucht.“ Er konnte nicht verhindern, dass Bitterkeit sich in seine Stimme geschlichen hatte.
Sie schwiegen einen Augenblick. Sie schaute ihn versonnen an, während Harry mit einem Kopfschütteln die Erinnerung an Hogwarts aus seinem Kopf zu vertreiben versuchte.
„Sie sind Alles, aber kein normaler Junge! Wie alt sind Sie, Hank?“
„Achtzehn!“ er schaute sie wieder von unten nach oben an.
„Ich habe schon einige achtzehn-Jährige gekannt, aber Sie sind ganz anders, viel reifer und abgeklärter. Und auf was für einer Schule, sind Sie gewesen, dass Sie solche Narben davon getragen haben?“
Abrupt stand er auf und lehnte sich so über das Verandageländer, dass er ihr fast den Rücken zudrehte. „Sie geben wohl gar keine Ruhe.“ erwiderte er. Er überlegte einen Augenblick, erinnerte sich an den Artikel über die Terroristen und entschied sich dann, soweit wie möglich bei der Wahrheit zu bleiben.
„Ich war auf einer besonderen Schule oben im Norden, die großen Wert auf Kampfsport und Selbstverteidigung legt. Wir wurden für Kampfeinsätze trainiert, als abzusehen war, dass die Terroristen immer aktiver wurden. Im letzten Jahr waren wir dann direkt in die Terroristenbekämpfung eingebunden.“
„Was ist das denn für eine Schule?“ fragte sie halb erstaunt, halb beeindruckt. „Hat das was mit der Armee zu tun?“
„Nein, das kann man so nicht sagen.“
„Und was sagen Ihre Eltern dazu, dass der Staat halbe Kinder auf Terroristen loslässt?“
„Es ist ein Internat und ich habe keine Eltern mehr. Genauer gesagt, sind sie vor vielen Jahren von den Terroristen umgebracht worden, die wir jetzt besiegt haben.“
„Oh!“ sie war erschrocken. „Das tut mir leid. Das wusste ich nicht!“ Sie stand auf, trat neben ihn und legte eine Hand auf seinen Arm. Da bemerkte sie die große Narbe an seinem Unterarm und ließ sofort wieder los.
„Tut es noch sehr weh?“ fragte sie ehrlich besorgt.
Harry blickte sie an. „Nein, das ist kein Problem mehr.“ Er drehte sich wieder zum See.
Mit leiser Stimme fuhr er fort: „Was immer noch schmerzt, sind die Bilder in meinem Kopf. Die werde ich wohl so schnell nicht los. Obwohl ich gehofft habe, dass es jetzt im Urlaub mit ein bisschen Abstand besser wird. Aber das braucht wohl noch viel mehr Zeit.“
Rosie war tief erschüttert. Da hatte man Kinder gedrillt und eingesetzt um der größten Gefahr zu begegnen, der sich das Land seit Langem gegenüber gesehen hatte und dann ließ man die Kinder mit den Folgen allein. Das war doch unverantwortlich.
Beide waren so in Gedanken versunken, dass sie die leisen knirschenden Schritte nicht hörten, die sich vor dem Haus entfernten.
„Ich möchte mir jetzt gerne einen Tee machen. Möchten Sie auch einen?“ sagte Harry, dem im Moment, trotz der Sonne, gar nicht mehr so warm war.
„Ja, gerne!“ erwiderte sie.
Sie betraten das von der Mittagssonne lichtdurchflutete Wohnzimmer und Harry begann in der Küchennische mit dem Kochen des Teewassers. Rosie setzte sich an den Tisch und biss sich auf die Lippen. Spontan waren ihr so viele Fragen durch den Kopf gegangen, die sie sich aber nicht traute zu äußern, um ihm mit seinen offensichtlichen Problemen nicht noch mehr zuzusetzen. Doch dann platzte es aus ihr heraus: „Haben Sie viele Tote sehen müssen?“ Sie schlug sich mit der Hand vor den Mund.
Harry zuckte bei diese Frage so zusammen, dass ihm erst der Löffel in die Dose und dann die ganze Dose auf den Boden fiel, wo sich der Tee über die Dielen verstreute. „Verdammt!“ murmelte er und bückte sich.
Rosie kniete sich sofort neben ihm nieder und half ihm die Teeblätter wieder einzusammeln. „Es tut mir leid. Das wollte ich nicht.“ sagte sie.
Er blickte zu Boden. „Es waren viele. Ich weiß nicht mehr, wie viele. Es waren auch ein paar von meinen Freunden darunter.“ Er machte eine Pause und sie traute sich kaum zu atmen. „Aber sie alle haben mir die Kraft gegeben weiter zu machen, bis zum Schluss.“
Ein paar feuchte Flecken machten sich neben den Teeblättern auf dem Boden breit. „Und als ich schließlich getötet habe, habe ich sie alle gerächt.“
Sie richtete sich auf und zog ihn zu sich hoch. Tränen liefen ihm über das Gesicht und er konnte sie nicht ansehen. Da nahm sie ihn spontan in die Arme und drückte ihn an sich. Nach eine Weile erwiderte er die Umarmung und legte seinen Kopf an ihre Schulter. Sie spürte, wie er sich langsam beruhigte.
Sie standen noch eine ganze Weile da, bis Rosie ihn langsam auf einen Stuhl schob und selber das Teekochen übernahm. Sie war erst beruhigter, als Harrys Atem wieder langsamer ging und gab ihm noch ein bisschen Zeit. Betont ordentlich stellte sie Tassen, Zucker und Milch auf den Tisch.
„Danke!“ sagte er, „es geht mir schon wieder besser.“
„Ja. Es hilft, wenn man darüber redet. Und ich habe das Gefühl, Du hast noch viel zu erzählen. Ich darf doch Du zu Dir sagen?“
Er schaffte es ein kleines Lächeln auf sein Gesicht zu bringen. „Ja, natürlich, gerne.“
„Fein!“ sie kehrte wieder zu ihrer charmant offenen Art zurück.
Den Rest des Teetrinkens verbrachten sie damit, dass Rosie Harry von der Gegend, von Land und Leuten erzählte, wobei sie sorgfältig alle Themen umschiffte, von denen sie an nahm, dass sie Harry belasten könnten.
Und Harry spürte eine angenehme Erleichterung, als ob eine schwere Last von seiner Seele genommen worden sei. Schon lange hatte er keine Tasse Tee mehr so genossen, wie diese.
Nach einer weiteren Stunde, die Schatten wurden draußen schon wieder merklich länger, verabschiedete sich Rosie schließlich und lud Harry für die nächsten Tage mal auf einen netten Plausch zu sich in die Kneipe ein, da sie jetzt wieder eine Woche arbeiten müsste.
Sie verabschiedeten sich gerade mit einer freundschaftlichen Umarmung, als Mr. Moresley vom See her hinter dem Haus hervortrat und schwer auf seinen Stock gestützt mit einem Nicken an ihnen vorbeiging.
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