
von Kreacher Potter
Viele hundert Kilometer weiter sĂĽdlich betrat Arthur Weasley den Fuchsbau durch die VordertĂĽr, um seiner Frau in der WohnkĂĽche nicht sofort in die Arme zu laufen und stellte seine Arbeitstasche ab.
„Guten Abend, Weasleys!” rief er, wie immer, wenn er aus dem Ministerium nach Hause kam.
Eine Treppe höher saßen sich Ron und Hermine auf einem alten Sofa gegenüber. Sie lasen konzentriert in mehreren Büchern, die, mit vielen Notizzetteln und Anmerkungen versehen, überall um sie herum verstreut waren. Eine kugelige Lampe schwebte mit einem, langsam nachlassenden, Dauerschwebezauber über ihnen und verbreitete ein mildes Licht. Zwei offen stehende Fenster sorgten für einen angenehmen, leichten Zug.
Die Beiden sahen von ihren BĂĽchern auf.
„Hallo Arthur,” erwiderte Hermine erfreut.
„Hallo Dad,” sagte Ron, „sei lieber vorsichtig. Mum hat heute nicht ihren besten Tag.” Wie zur Bestätigung hörte man aus der Küche lautes Geklapper und einen kaum unterdrückten Fluch. „Ich glaube, heute ist schon so einiges zu Bruch gegangen.“
Mr. Weasleys Miene, die bis eben nur müde, aber fröhlich gewesen war, verdüsterte sich. „Hat sie wieder geweint?”
„Immer mal wieder, den ganzen Tag!”
„Beim Merlin! Hoffentlich kommt sie bald darüber hinweg.” Er kam müde die Treppe hoch und ließ sich erschöpft in einen freien Sessel fallen.
„Ich kann es kaum ertragen, sie so traurig zu sehen.” Er sah die Beiden offen an. „Und ich weiß, beim besten Willen, nicht mehr, was ich noch tun soll.”
„Ich glaube, dass Du nichts anderes tun kannst, als mit ihr so normal, wie möglich weiter zu leben. Ich habe vor ein paar Tagen ein Buch gelesen, dass sich mit diesem Thema beschäftigt.” Hermine hielt einen Moment inne, weil es ihr vorgekommen war, als ob Ron kurzzeitig die Augen zum Himmel verdreht hätte. Ein zorniger Blick in seine Richtung ließ ihn zusammen zucken.
„Sie muss mit sich und ihrer Trauer fertig werden. Kein Mensch kann sagen, wie lange das dauern wird, aber wir können nichts anderes tun, als in dieser Zeit für sie da zu sein.” Mr. Weasley nickte.
„Wir, also genauer ich, hatte sogar vor ein paar Tagen mal vorsichtig das Thema von Hermines und meiner Hochzeit angeschnitten. Ich dachte, die Organisation würde sie ein bisschen aufmuntern, aber sie brach sofort wieder in Tränen aus, wie furchtbar es wäre, dass Fred und Harry nicht dabei sein könnten. Dann hat sie mich angebrüllt, was mir überhaupt einfiele. Ich müsste doch wenigstens warten, bis wir irgendeine Nachricht von Harry haben.” Ron blickte zerknirscht drein. „Sie hat ja recht.”
„Macht Euch nicht zu viele Gedanken.” sagte Mr. Weasley. „Ich glaube fest daran, dass Deine Mutter, Ron, wieder auf die Beine kommt und dass Harry gefunden werden wird, wenn er soweit ist. Ich habe im Ministerium auf jeden Fall alles in Bewegung gesetzt, damit er gefunden wird. Die Presse macht dem Minister sowieso schon die Hölle heiß, weil er nicht weiß, wo Harry nach dem Sieg geblieben ist.
Wie auch immer, wenn ihm irgendetwas Böses, zum Beispiel aus Rache passiert wäre, hätten wir längst davon erfahren.”
„Das sehe ich auch so!” bestätigte Hermine mit demonstrativem Optimismus, obwohl sie nicht alle Sorgenfalten von ihrer Stirn vertreiben konnte.
„Bevor ich es vergesse, heute morgen sind nur zwei Briefe, der Tagesprophet und die Times gebracht worden. Ich habe sie Dir auf den kleinen Beistelltisch am Eingang gelegt. Es steht ein interessanter Artikel in der Times über eine neue Muggelstudie, dass sich seit der Ergreifung der Terroristen”, sie lächelte schief und legte ihr Buch beiseite, „die Stimmung unter den Menschen erstaunlich schnell wieder gebessert hat. Den solltest Du mal lesen.”
Leicht errötend stand Mr. Weasley wieder auf. „Ja, danke, das werde ich tun. Aber jetzt gehe ich erst einmal zu Molly. Passt auf Eure Lampe auf.”
Diese hatte sich unbemerkt immer weiter abgesenkt und war jetzt dabei unbeobachtet aus einem der Fenster zu schweben. Ron reagierte mit den schnellen Reflexen des Torhüters sofort und holte sie mit einem „Accio Lampe!” zurück.
Von der Treppe fragte Mr. Weasley: „Ist außer Euch noch jemand im Haus?”
„Ginny, natürlich.” antwortete Ron. „Sie ist oben in ihrem Zimmer und liest wahrscheinlich. Heute Mittag war Percy noch kurz hier und hat versucht Mum aufzumuntern, aber er ist auch bald wieder unverrichteter Dinge ins Büro appariert.”
„Gut, dann bis nachher beim Abendessen.” sagte Mr. Weasley, holte tief Luft und öffnete die Tür zur Wohnküche.
Traurig blieb er in der Tür stehen. Der Anblick, der sich ihm bot, war fast unverändert zu dem, der vergangenen Abende. Seine Frau war, ganz offensichtlich, wieder den ganzen Tag nicht aus der Küche heraus gekommen.
Alles war glänzend geputzt und gewienert, jeder Topf und Teller stand an seiner Stelle und die Fenster wirkten auch schon wieder frisch geputzt. Auf dem Herd stand heute ein großer Topf mit leise köchelnder Gulaschsuppe in dem ein großer Holzlöffel langsam seine Runden drehte. Ein Besen trug gerade den Aschenkasten nach draußen.
Am großen Tisch saß einsam Mrs. Weasley mit rot geweinten Augen. Sie hatte ihre sonst so farbenfrohen Umhänge und Pullover gegen schwarze getauscht, die alles freundliche Sonnenlicht von draußen zu verschlucken schienen.
Arthur erschrak ein wenig, wie alt seine Molly in den vergangenen Wochen geworden war. Ihr Haar war jetzt weiĂź und in ihre normalerweise freundlich strahlenden GesichtszĂĽge, die sie so liebenswert machten, hatte sich tiefe Kummerfalten eingegraben.
„Hallo Arthur!” sagte sie und zu seiner großen Freude, zeigte sie ein kleines Lächeln. „Schön, dass Du wieder da bist.”
Sie stand auf, als Mr. Weasley auf sie zu ging und sie nahmen sich für ein paar Minuten still in den Arm. „Möchtest Du reden?” fragte Mr. Weasley mit wenig Hoffnung, dass sie das Angebot annehmen würde.
Doch sie wandte sich von ihm ab, blickte auf den großen Wandkalender, an dem ein dickes rotes Kreuz den Tag des Siegs über Voldemort markierte, und sagte überraschend: „Es sind jetzt schon vier Wochen her, dass Fred gestorben und unser Harry verschwunden ist.”
Arthur Weasley blieb still und sah seine Frau erstaunt an. Auch sie schwieg eine Weile. Dann sagte sie: “Ich kann es noch immer nicht begreifen. Überall, wo ich hingehe und hinsehe erwarte ich Fred um eine Ecke kommen zu sehen. Immer wieder glaube ich, Harrys Stimme im Haus zu hören, doch wenn ich nachsehe, ist keiner da.”
„Bleibst Du deswegen nur noch in der Küche, Liebes?”
Sie drückte sich noch fester in seinen Arm. „Ich weiß es nicht. Vielleicht.” Und mit deutlich mehr Verzweiflung setzte sie hinzu: „Ich weiß einfach nicht mehr, was ich noch tun kann. Ich habe ja verstanden, dass Fred endgültig von uns gegangen ist, aber dass ich bei Harry nichts mehr machen kann, bringt mich um den Verstand.
Ich habe alles versucht, was ich jemals gelernt habe: Ich habe es mit einem Ortungszauber probiert, der magische Gegenstände wiederfinden kann, aber da er keine Sachen von mir dabei hat, wirkt er nur auf magische Dinge, mit denen Harry direkten Kontakt hat. Also habe ich es immer wieder mit seinem Zauberstab und seinem Tarnmantel versucht, aber er wirkt einfach nicht.
Ohne Ortung kann man aber auch nicht zu ihm apparieren, also funktionierte das auch nicht. Wenn Hedwig noch da gewesen wäre, hätte ich ihm mit ihr eine Nachricht geschickt, aber sie ist ja auch tot.”
Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust und etwas ruhiger fuhr sie fort: „Dann habe ich versucht, ihm Errol zu schicken, aber da das Ministerium nicht weiß, wo er sich aufhält und er auch mit keinem Zauberer oder Hexe Kontakt aufgenommen hat, finden ihn auch fremde Eulen nicht.
Das Einzige, was mir dann noch eingefallen ist, ist unsere Uhr.” Sie deutete über die Schulter zu der großen Wanduhr, auf der die Zeiger anzeigten, wo alle Mitglieder der Weasleyfamilie sich aufhielten. Arthur löste sich aus der Umarmung seiner Frau und trat näher heran. Der Zeiger von Fred zeigte unwiderruflich auf: Verstorben. Doch jetzt befanden sich noch zwei neue Zeiger auf der Uhr. „Ich bin gerade erst mit der Uhr aus der Winkelgasse zurückgekommen und bin natürlich prompt mit dem Kehrbesen zusammengestoßen, weil ich hinter der riesigen Uhr nichts gesehen habe.” Jetzt lächelte sie breiter. „Sieh mal, ein neuer Zeiger für Hermine, denn Ron und Hermine möchten heiraten und ein Zeiger für Harry, denn er gehört für mich auch zur Familie.”
Arthur sah es genau, der Zeiger fĂĽr Hermine stand auf Zuhause und der Zeiger fĂĽr Harry zeigte auf AuĂźer Gefahr.
„Molly”, rief er begeistert, „das ist ein echter Fortschritt. Das müssen wir allen erzählen, denn das heißt, dass er noch lebt und es ihm gut geht.”
„Ja!” sagte sie, „und das ist für mich erst einmal das Wichtigste.”
„Wir haben gerade unsere Namen gehört?” Ron hatte die Tür aufgerissen und Hermine schob hinter ihm ihren Kopf durch den Spalt.
„Du hast schon wieder gelauscht, Ronald Weasley!” blaffte ihn seine Mutter halb im Scherz an und Ron und Hermine wurden vor Erleichterung die Knie weich. „Seht hier auf diese Uhr; Harry lebt und es geht ihm gut.”
Und wieder begann Mrs. Weasley zu weinen, doch gleichzeitig lachte sie auch vor Erleichterung. Die anderen Drei konnten nur abwechselnd ihr gebannt zusehen und auf die beruhigende Nachricht von der Uhr schauen. Dann bekam Mrs. Weasley zusätzlich einen derartigen Schluckauf, dass sie sich alle vor Gelächter bogen. Es war eine Wohltat, wieder einmal so lachen zu können.
Erst nach vielen Minuten beruhigten sie sich langsam wieder, als auf einmal Ginny von der Tür her fragte: „Was ist denn hier los?”
Einen Augenblick sahen sich Alle verdutzt an, bis sie wieder in die Wirklichkeit zurück fanden und dann begannen sie alle gleichzeitig zu erzählen. Ginny riss vor Staunen die Augen weit auf und setzte sich erst einmal auf einen der Stühle am großen Tisch. „Das ist wunderbar, Mum!” sagte sie. „Du hast damit mehr erreicht, als die ganze restliche Zaubererwelt.”
FĂĽr einen Augenblick fĂĽhlte sich Mr. Weasley der aufgeregt schnatternden Schar entrĂĽckt und beobachtete, als ob er auĂźerhalb des Kreises stĂĽnde, wie sich die ganze Familie gleichzeitig redend um Ginny an den Tisch setzte.
Doch bei aller Erleichterung, konnte er seinen Hunger und seine Erschöpfung nach dem langen Arbeitstag nicht vergessen und ließ vor Jeden Teller und Löffel schweben. Den Suppentopf stellte er selber auf einen Untersetzer und eine Kelle begann an Alle die Suppe zu verteilen. Und mit jedem Schlag Suppe wurde es im Zimmer wieder etwas heller, bis Arthur sich wieder in seiner Küche zu Hause fühlte.
Als er seine Aufmerksamkeit wieder der Familie zuwandte, die schon mit dem Essen begonnen hatte, sagte Mrs. Weasley gerade: „Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich noch lange brauchen werde, um über die vielen Toten und Freds Tod im Besonderen hinweg zukommen, aber der heutige Tag hat mir wieder Mut gemacht und mir gezeigt, dass unser Leben weiter geht. Ich danke Euch, für Eure Geduld.”
Einen Augenblick herrschte ein beklommenes Schweigen, bis Mr. Weasley sagte: „Wir haben bisher immer zu Dir gestanden und werden auch weiterhin als Familie füreinander da sein.”
„Ja!”
„Ja, genau!”
Und Hermine sagte mit Blick auf die grosse Uhr: „Ich danke Euch, dass ich zu Eurer Familie gehören darf.”
„Aber Schätzchen,” nahm Molly Weasley sie in den Arm, „genau genommen, hast Du doch immer schon dazu gehört!” Noch einmal verdrückten die beiden Frauen ein paar gemeinsame Tränen. „Nur, das mit der Hochzeit solltet ihr noch ein bisschen verschieben, bis wir wieder klar denken können.”
„Wir hatten ohnehin noch keinen festen Termin ins Auge gefasst.” Hermine warf einen schnellen Seitenblick auf Ron, der schon den Mund geöffnet hatte, ihn aber jetzt wieder schloss. „Wir müssen erst einmal überlegen, was wir in Zukunft überhaupt machen wollen. Wir brauchen schon einen Beruf, wenn wir eine Familie gründen wollen und im letzten Jahr war für diese Planung nun wirklich keine Gelegenheit.”
Alle lächelten mitfühlend, bis Arthur Weasley sagte: „Dann kann ich Euch ja jetzt die zweite Gute Nachricht des Tages mitteilen: Heute Nachmittag ist Minerva McGonagall als Rektorin von Hogwarts bestätigt worden und sie wird die Schule am Ersten Oktober wieder eröffnen. So lange werden die Aufräumarbeiten und die Lehrersuche wohl noch dauern. Dazu hat sie mir gesagt, dass sie Euch, Hermine und Ron, gerne für das verlorene Abschlussjahr wieder auf der Schule hätte.”
„Ja?” kiekste Hermine entzückt. „Das wäre ja wundervoll!” Sie drehte sich zu Ron um. „Wir werden beide unsere Abschlüsse machen können und haben noch ein Jahr Zeit in Ruhe unsere Zukunft zu planen.” Ron sah sie etwas entgeistert an, aber er war klug genug, sich nicht gegen diesen offensichtlichen Herzenswunsch zu stellen und bekräftigte dies mit einem Nicken.
„Ihr seid dann zwar nicht mehr in Eurem Jahrgang, aber dafür bin ich dann wenigstens noch da.“ ergänzte Ginny strahlend.
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