
von Kreacher Potter
Als er wieder aus dem Laden trat, hatte sich an der Szenerie nichts Wesentliches geändert. Noch immer brannte die Sonne unbarmherzig auf die Gruppen von schnatternden Frauen hernieder, denen das überhaupt nichts auszumachen schien.
Wenn er allerdings vom Ladeneingang nach links blickte, sah er in ein paar hundert Metern eine spitze Weggabelung, die ihm bei seiner Ankunft entgangen sein musste. Auf der Spitze lag ein größeres, windschiefes Gehöft mit einigen kleineren Nebengebäuden, die, ebenso verfallen, wahrscheinlich die Werkstatt und Stallungen enthielten. Das Ganze war malerisch auf einem größeren kopfsteingepflasterten Platz mit drei riesigen, alten Eichen verteilt.
Das Einzige, was das Ensemble störte, war das Polizei-Absperrband und die, aus irgendeinem unerfindlichen Grund, immer noch blinkenden Blaulichter mehrerer Polizeiwagen.
Harry wollte schon seiner Neugierde nachgeben und näher an den Ort des Geschehens herangehen, doch er rief sich zur Ordnung, griff seinen Karton fester und machte sich in die andere Richtung, stadtauswärts, auf den Weg. Das Letzte, was er jetzt brauchen konnte, waren neugierige Fragen. Er wollte schließlich nur seine Ruhe.
Als er jetzt an den kleinen Grüppchen vorbei kam, musste er zu seiner Erleichterung feststellen, dass sie gar nicht über ihn sprachen, sondern offensichtlich über die aktuellen Ereignisse. Er schritt kräftig aus und war schon fast am Ortsausgang angekommen, da drang aus einem kühlen, schattigen Garten eine dünne alte Stimme an sein Ohr.
„Wie bitte?” fragte er irritiert und blieb stehen.
„Lass Dich bloß nicht mit dieser männerfressenden Hexe ein, sage ich!” Die Worte kamen von einer älteren Dame, die so im dunkleren Zwielicht unter einer alten Kastanie stand, dass Harry sie erst gar nicht wahrgenommen hatte. „Die ist noch nie für Jemanden gut gewesen. Rosie Banks hat nur Unfrieden ins Dorf gebracht.”
Sie drehte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, auf dem Absatz um und ging schwer auf einen Stock gestützt in Richtung des Hauses.
Harry war völlig verdattert, sah ihr noch ein paar Momente hinterher, erst dann wurde ihm wirklich klar, was die alte Dame soeben gesagt hatte. Er wollte noch nachfragen, was sie damit meinte, aber die alte Dame war schon im Haus verschwunden. Nur kurz überlegte er, ob er ihr hinterher laufen und klingeln sollte, doch dann dachte er, es wäre wohl nicht so wichtig, wenn so eine alte Schachtel ihren persönlichen Hass verstreute, zuckte mit den Schultern und ging weiter. Für seinen Geschmack waren die Leute in diesem Dorf schon sehr merkwürdig und, abgesehen von Mrs. Bones und Rosie Banks, nicht so sonderlich sympathisch.
Hundert Meter weiter bog er in den schattigen Waldweg zum Haus ein und genoss die Kühle, die dort herrschte. Er ging schneller und die Ruhe des Waldes vertrieb den Geräuschpegel des Ortes mit seinen Autos, Handwerksbetrieben und Menschen.
Er stellte fest, während er das Häuschen erreichte, dass er es jetzt das erste Mal genoss, allein zu sein und in seine Umwelt einzutauchen. Vielleicht lag es auch daran, dass er eigentlich schon immer allein gewesen war, es jetzt aber freiwillig gewählt hatte.
Harry stellte den Karton auf der Spüle ab, verteilte die Einkäufe und deckte seinen Frühstückstisch. Mittlerweile hatte er wirklich einen gesunden Hunger. Er aß mit Genuss.
`Seltsam`, dachte er, `dass die Alte mich vor Rosie gewarnt hat. Eine Hexe ist die ganz gewiss nicht, das hätte ich mit Sicherheit gespürt! Vielleicht hatten die Beiden bloß einmal Streit miteinander? Wer weiß?´
Er schrak zusammen, als es heftig gegen die Eingangstür klopfte und eine Stimme von draußen rief: „Hank Porter? Polizei! Wir wissen, dass sie da drin sind, machen sie auf.”
Im ersten Moment wollte er sich reflexartig verstecken, bis ihm klar wurde, dass es dafür gar keinen Grund gab. Deshalb öffnete er die Tür und sah sich zwei Männern gegenüber. Der Eine war einen guten Kopf größer als Harry, hatte Jeans und ein offenes Oberhemd mit blauen Streifen und großen Schweißflecken unter der Armen an, der Andere war in Uniform, etwa so groß wie Harry, bullig von Statur und trug eine überaus aggressive Mine zur Schau. Er war es auch, der offensichtlich versucht hatte, die Tür mit seinem Klopfen fast einzuschlagen.
„Ja?”
„Wir würden uns gerne mal mit Ihnen unterhalten.” sagte der Dicke und schob Harry bei diesen Worten mühelos beiseite, um einzutreten.
Der Große kam hinterher und sah sich aufmerksam in dem Raum um. „Ich bin Detective Inspector Peters und das ist Sergeant Cook.” stellte er sich und seinen Partner vor, ohne Harry anzusehen.
Harry schloss die Tür hinter ihnen und sagte: „Herein!”
„Sie sind wohl `n Komiker?” bullerte der Kleinere los und stierte Harry an.
DI Peters nahm Harry die Antwort ab: „Wir möchten Ihnen einige Fragen stellen. Setzen wir uns?” Sein Blick traf den seines Sergeants, der, kaum dass Harry und der Detective sich gesetzt hatten, begann im Zimmer umher zu schlendern.
„Ok.”
„Woher kommen Sie, Hank Porter und was wollen Sie hier in Idlington?”
Harry druckste ein wenig herum: „Ich habe nach dem Ende meiner Schulzeit eine längere Wanderung hinter mir, war erschöpft und kam so zufällig nach Idlington.”
„Vorgestern?”
„Ja, vorgestern.”
„Kann ich Ihren Ausweis sehen?”
Jetzt geriet Harry in Verlegenheit. „Nein, warum sollten Sie?”
Die Stimme des Detectives, die bisher noch sachlich neutral gewesen war, wurde jetzt strenger: „Weil sich in Großbritannien Jeder ausweisen muss, der sich eine Wohnung oder ein Zimmer mietet. Mrs. Bones muss das wohl vergessen haben.” setzte er mit süßlich ätzender Stimme hinzu.
Harrys Herzschlag wurde schneller. „Den habe ich unterwegs verloren.”
„Und wo kommen Sie her?” DI Peters beugte sich leicht zu Harry über den Tisch und fixierte ihn fest. Cook setzte derweil seine Runden durch die Wohnung fort und sah sich alles interessiert an.
Harry stockte kurz, dann sagte er: „Ich wohne bei meinen Verwandten, den Dursleys in Little Whinging, Ligusterweg 4. Aber vielleicht können Sie mir langsam mal sagen, was Sie von mir wollen.” Auch Harrys Tonfall war jetzt eine Spur schärfer geworden.
Der Detective notierte Harrys Angaben in ein kleines Büchlein. „Wir stellen hier die Fragen! Die Adresse werden wir natürlich überprüfen. Was sagten Sie, wo Sie zur Schule gegangen sind?”
„Ich sagte gar nichts. Es ist eine kleine Privatschule im Norden, die Sie sowieso nicht kennen.”
„So so,” blubberte der Sergeant dazwischen, „er ist wohl so einer dieser verwöhnten Bengel, die immer glauben, sich Alles leisten zu können.”
Der Detective beachtete den Einwurf nicht und fuhr fort: „Vorgestern Abend ist hier im Ort der Schmied Frank Coleman umgebracht worden. Wie gut kannten Sie ihn?”
Jetzt war Harry ehrlich empört. „Ich kannte ihn überhaupt nicht und von ihrem Mord weiß ich gar nichts.”
Wütend knallte jetzt Sergeant Cook Harrys Zeitung mit der fetten Schlagzeile auf den Tisch. „Aber Sie hatten nichts anderes zu tun, als sich sofort eine Zeitung zu besorgen, Porter?”
Harry richtete sich auf und sagte mit scharfer Stimme: „Ich kann mir meine Zeitungen kaufen wann und wo ich es will, ist das klar?”
Nun stützte sich der Sergeant mit vor Zorn hochrotem Kopf mit den Fäusten auf den Tisch. „Wissen Sie was, Porter?” schnautzte er. „Ich finde das ganz schön merkwürdig, da kommen Sie vorgestern Abend, wie von Zeugen beobachtet, aus der Richtung des Schmieds ins Dorf und am selben Abend wird genau dieser Schmied umgebracht. Dann mieten Sie sich hier seelenruhig ein, damit wir nicht misstrauisch werden. Aber sicherheitshalber haben Sie keinen Ausweis und praktisch kein Gepäck dabei, damit Sie ja schnell wieder verschwinden können. Das ist doch ganz schön merkwürdig, oder nicht, Porter?”
In diesem Moment fiel Harry urplötzlich die unheimliche Ähnlichkeit des Sergeants und Peter Pettigrew auf und wieder war es wie ein Blitz und für einen Moment stand ihm das Bild des toten Wurmschwanz vor Augen. So schnell, wie es gekommen war, verschwand diese Erinnerung auch wieder aber Harry war kurzzeitig irritiert. Er kniff die Augen zusammen.
Jetzt schoss DI Peters quer, der das Zusammenzucken bemerkt und falsch gedeutet hatte: „Nun sagen Sie schon, Porter, woher kannten Sie Coleman? War er in unsaubere Geschäfte verwickelt?”
„Ich habe doch eben schon gesagt, ich kannte ihn nicht. Und wenn ich die Zeitung richtig verstanden habe, dann wissen Sie doch noch gar nicht, ob er überhaupt umgebracht wurde.”
„Sie haben keine Ahnung, was wir wissen, Porter, Sie haben nur unsere Fragen zu beantworten.” entgegnete DI Peters mit zusammengebissenen Zähnen.
Derweil begann sich Cook für die Schranktüren der Anrichte zu interessieren und öffnete sie nacheinander.
Als er das sah, war es um Harrys Beherrschung geschehen, er sprang auf und schnautzte Cook an: „Lassen Sie gefälligst Ihre Finger von meinen Sachen. Dazu haben Sie kein Recht!” Wieder zuckte eine Erinnerung vor seine Augen und er sah sich in den Fängen von Fenrir Greyback vor den Toren des Malfoy-Anwesens.
Der Sergeant schlug die Tür so zornig wieder zu, dass die Gläser im Schrank gegeneinander schlugen.
„Wie ist das eigentlich, wenn man so ganz allein, ohne Freunde unterwegs ist, oder haben Sie sich unterwegs immer neue Freunde gesucht und hier hat mal einer nicht bezahlt?” ätzte der.
Noch ein Erinnungsblitz, diesmal sah Harry sich ohne Nachricht und ohne Kontakt zur Außenwelt in dem kleinen Zimmer bei den Dursleys sitzen. Harry wurde endgültig wütend, gewann aber seine äußere Ruhe zurück. „Sie sind ja krank!” sagte er mit Abscheu in der Stimme.
„Oder haben Sie ihn im Auftrag umgebracht und machen jetzt im Anschluss noch ein paar Tage Ferien?” brüllte Cook.
„Jetzt ist es genug, Cook”, ging Peters dazwischen.
Ein noch intensiverer Erinnungsblitz durchzuckte Harry und er schloss instinktiv die Augen. Er fühlte die Angst, die ihn durchströmte, als er ohne Zauberstab im Kreis der, ihn bedrohenden, Auroren bei der Quidditch-Weltmeisterschaft kniete.
Harry sah rot. Er stand auf. „Wissen Sie, meine Herren, sie haben überhaupt nichts gegen mich in der Hand und trotzdem verhören Sie mich, als wäre ich Ihr Hauptverdächtiger.“ Seine Stimme wurde immer lauter. „Ich kannte bis vor zwei Tagen noch nicht einmal dieses Dorf und bis heute hatte ich noch nichts von dem Schmied gehört. Dazu kommt, dass Sie noch nicht einmal wissen, wie er getötet wurde, wenn er überhaupt ermordet wurde. Deswegen verlassen Sie sofort dieses Haus und sie können von Glück sagen, wenn ich mich nicht über Sie und ihre Verhörmethoden beschwere.”
Und mit diesen Worten riss er ihnen die Eingangstür auf. Der Detective sah ihm noch einmal genau in die Augen. Ohne ein weiteres Wort stand er auf und beide steuerten ihr Auto an, das draußen auf dem Waldweg stand.
„Ich behalte Sie im Auge, Porter, irgendwann machen Sie einen Fehler!” rief ihm der Sergeant noch zu und verschwand auf der Fahrerseite des Wagens.
Harry warf die Haustür hinter den beiden zu und stand schwer atmend mit dem Kopf an die Tür gelehnt da, bis er sich wieder beruhigt hatte. Doch immer mehr Bilder der Toten, die er gesehen und überlebt hatte, zogen vor seinem inneren Auge vorbei und die Tränen brachen sich ihren Weg.
Er brauchte frische Luft und so stolperte er halb blind vor Tränen durch die Wohnung, stieß gegen Tische und Stühle, ohne dass er es auch nur beachtete und fand sich schließlich auf der Veranda wieder.
Das Sonnenlicht des frühen Nachmittags gleißte auf den kleinen Wellen des Sees und er sprang, so wie er war, hinein. Als das kühle Wasser gegen sein Gesicht schlug, konnte er wieder klarer denken und der rote Nebel, der sich über seine Augen gelegt hatte, verzog sich.
Auch der Flashback vorhin war furchtbar gewesen, aber im Nachhinein, war er schon nicht mehr ganz so niederschmetternd, wie der gestrige Tag und irgendwie war er dafür ein bisschen dankbar. Aber die beiden Polizisten verabscheute er aus ganzem Herzen.
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Zurück zur Übersicht - Weiter zum nächsten Kapitel