
von Kreacher Potter
Vielstimmiges Vogelgezwitscher drang an sein Ohr, Sonnenschein glänzte durch seine Lider und er begann langsam zu erwachen. Zufrieden dehnte und räkelte er sich noch ein wenig in den Kissen. Dann begann er langsam die Augen aufzuschlagen. Vom Bett aus konnte er durch das Fenster auf die Veranda und den See hinaus blicken, der jetzt von einer strahlenden Morgensonne beschienen wurden. Die bis an das Wasser heranwachsenden Birken raschelten in einer seichten Morgenbrise mit ihren Blättern. Das Bett war weicher, als er sich gedacht hatte.
Noch ein letztes Mal räkeln, dann er setzte sich energiegeladen auf, schwang die Füße aus dem Bett und erstarrte.
`Wie bin ich hierher gekommen?´ dachte Harry.
Stück für Stück begann ihm der gestrige Tag wieder einzufallen, von dem Harry nur aus der draußen scheinenden Morgensonne schloss, dass es der gestrige Tag gewesen sein musste. Er sah hinüber in das Wohnzimmer zu dem Esstisch.
„Dort habe ich gestern Nachmittag gesessen, als Das mit mir passierte.” Er war sich nicht sicher, was da eigentlich passiert war und wollte es auch gar nicht so genau wissen. Er hatte auch nicht mehr so ganz genaue Erinnerungen an die schwarzen Gedanken, die ihn gestern gequält hatten. Außerdem konnte er sich überhaupt nicht mehr an den Rest des Nachmittags erinnern, oder wie er in das Bett gekommen war.
Er schob die unangenehmen Erinnerungen beiseite. Jetzt ging es ihm auf jeden Fall deutlich besser. Er fühlte sich schon ausgeruhter, als seit Tagen oder sogar Wochen. Vielleicht sogar noch länger, begann er schon wieder zu grübeln. Aber er unterbrach sich auch dabei sofort, denn im Hinterkopf hatte sich die dumpfe Angst eingenistet, dass ihm so etwas, wie gestern, wieder passieren könnte, wenn er wieder ins Grübeln verfiele.
Kurz entschlossen ging Harry auf die Veranda hinaus, zog sich aus und sprang in den kühlen See. `Gestern war gestern und heute ist heute!´ machte er sich mit einer alten Binsenweisheit Mut, als das Wasser ihn umsprudelte.
Die Sonne glitzerte auf dem Wasser, ein paar Enten und Wildgänse schwammen in Ufernähe durch das Reet. Die Luft war schon warm, aber noch herrlich klar. Er genoss den Anfang dieses Sommertages mit allen Sinnen und konnte sich lange nicht entschließen, wieder aus dem Wasser zu kommen.
Doch irgendwann stellte sich dann doch unangenehmer Hunger ein. Er schwamm zügig zurück, wusch sich und zog sich an. Ein Blick auf die Anrichte und in den Kühlschrank ließ in seufzen. Nur ein bisschen Brot und Wasser waren noch übrig. Selbst den Käse musste er gestern schon gegessen haben. Es würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als vor dem Frühstück einzukaufen. Trotzdem setzte er sich erst noch kurz an den großen Esstisch. Ein Stückchen Brot gegen den gröbsten Hunger half ihm vorerst weiter. Dann holte er seinen Geldbeutel und die Tüte aus dem Schrank, schloss Fenster und Türen und machte sich gut gelaunt auf den Weg.
Direkt vor seiner Tür stutzte er und blieb stehen. Etwas hatte direkt vor seinen Füßen aufgeblinkt. Er bückte sich, suchte mit den Augen den Weg ab und fand eine goldene Galleone, die halb unter dem festgefahrenen Sand des Waldweges verborgen gewesen war. „Heute scheint mein Glückstag zu sein!” sagte er, steckte das Geldstück in seine Hosentasche und seine Laune verbesserte sich noch weiter.
An einem ganz bestimmten Ort in London schrillten jedoch die Alarmglocken und hektische Betriebsamkeit setzte ein.
Schon am Dorfanfang bemerkte er ungewöhnlich viele Leute auf der Main Street, zumindest fand er diese viele Menschen in einem so kleinen Ort merkwürdig. Vor allem standen viele ältere Frauen mit ihren Einkaufskörben herum, die sich zu zweit oder in kleinen Grüppchen zusammengefunden hatten. Als er näher kam, sah er, dass Einige aufgeregt gestikulierten und mal in seine Richtung, mal in die des anderen Dorfeinganges zeigten. Kaum war er auf ein paar Schritte herangekommen, drehten sich die Meisten zu ihm um und lächelten bemüht freundlich.
Da dröhnte von hinten ein Motorrad durch die Main Street, dessen, in schwarzem Leder gekleideter Fahrer, sofort die Aufmerksamkeit auf sich zog.
Harry grüßte überall höflich und drückte sich so schnell, wie möglich und praktisch ungesehen, an den Grüppchen vorbei, die sich noch immer lautstark über den Lärm ereiferten, der die Gemeinde offenbar schon einige Zeit störte.
Aus einer der Gruppen von der anderen Straßenseite winkte Mrs. Bones zu ihm herüber: „Guten Morgen, Mr. Porter. Alles in Ordnung? Genießen Sie den Urlaub?”
„Ja, danke, Mrs. Bones. Alles prima!” antwortete er, winkte zurück und versuchte unauffällig weiter zu gehen.
Noch ein paar Mal wurde er von den Herumstehenden freundlich begrüßt, die ihn alle zu kennen schienen, bevor sie sich wieder abwandten und erneut zu tuscheln begannen. Harry war das alles sehr suspekt und er war froh, als er endlich, weiter unbehelligt, vor dem Laden ankam.
Da schallte von der anderen Straßenseite eine Frauenstimme herüber und traf ihn im Rücken. „Guten Morgen, Mr. Porter. Schon so früh unterwegs im Urlaub?” Es war eine kräftige Frauenstimme, die Durchsetzungsfähigkeit versprach.
Wer würde ihn hier so dreist ansprechen, ärgerte er sich und drehte sich zur anderen Straßenseite um. Die Frau, die ihn angesprochen hatte, war ungefähr Mitte dreißig, groß und schlank, ausnehmend hübsch und hatte dazu eine verblüffende Ähnlichkeit mit Madam Rosmerta. Einen Augenblick verschlug es Harry die Sprache. Dann brachte er etwas heiser hervor, „Guten Morgen” und merkte erst auf dem halben Weg über die Straße, was er da gerade tat. Dennoch fühlte er sich wie magisch angezogen und das ließ ihn vorsichtig werden.
Eine einzelne dunkle Gewitterwolke schob sich vor die Sonne und ein kühler Lufthauch ließ die, neugierig zu ihm herüber blickenden, Damen ein wenig frösteln. Harry bemerkte davon nichts.
Beim Näherkommen entdeckte Harry, dass die Ähnlichkeit mit Madam Rosmerta doch nicht ganz so groß war, wenn auch seine Gegenüber eine fesselnde Schönheit war. „Sie sind mich bisher noch nicht besuchen gekommen.” sagte sie und schmollte neckisch. Sie deutete hinter sich. „Mein Pub ist abends immer gut besucht und hier finden Sie bestimmt nette Menschen zum Reden oder Feiern.”
„Danke für das Angebot”, lächelte er zurück, irgendwie hatte er plötzlich das Gefühl wie durch Watte zu denken. „Der Pub sieht schon toll aus, aber ich denke, ich brauche in den nächsten Tagen noch ein bisschen Ruhe, bis ich mich wieder unter die Leute wagen möchte.” Er konnte ihr schließlich nicht erzählen, dass er gerade im Umgang mit Muggeln immer noch ein wenig ungeübt war und sich erst noch in seine Rolle hinein finden wollte, um nicht unnötig aufzufallen.
„Ich bin Rosie Banks, Mr. Porter. Schön, dass Ihnen mein Pub gefällt.”
„Und ich bin...”
„Hank Porter, ich weiß. Was über Sie in der Gemeinde bekannt geworden ist, wurde mir natürlich schon erzählt. Leider ist das noch sehr wenig und ich hoffe dringend mehr von Ihnen zu erfahren!” Sie zwinkerte ihm zu. „Im Moment sind Sie natürlich das Gesprächsthema Nummer eins.” Und als sie sah, wie sehr ihm das missfiel und sein Lächeln in seinem Gesicht gefror, setzte sie noch hinzu: „Aber das wird sich bald geben. Hier wird halt viel getratscht und die Klatschmäuler werden bald jemand anderen finden.”
„Das beruhigt mich. Aber jetzt möchte ich mir mein Frühstück holen, bitte entschuldigen Sie mich, Mrs. Banks.”
„Wer ist das denn?” Ein Mann in Lederhose und T-Shirt, mit großen Tätowierungen an Armen und Hals, der schon am frühen Morgen ein Bier in der Hand hielt, trat hinter Rosie und nahm sie in den Arm.
„Rosie, mein Name ist Rosie, Hank. Bis bald!” Sie lächelte ihm noch einmal über die Schulter zu und drehte sich dann zu dem Mann um.
„Das geht Dich überhaupt nichts an. Er ist ein neu im Dorf und Du wirst Dich benehmen. Ist das klar?” Hoch erhobenen Hauptes umrundete sie den Mann und betrat den Pub.
Einen Augenblick lang starrte Harry ihr noch hinterher, bemerkte die bösen Blicke des Anderen und ging wieder zurück über die Straße. Er wusste nichts mit ihrem Verhalten anzufangen und zuckte schließlich mit den Schultern. Die Sonne begann wieder auf seinen Kopf zu brennen, die Wolke hatte sich aufgelöst.
Im schattigen Inneren des Ladens fühlte er sich spontan wohler. Hier merkte er erst, wie sehr er sich erneut wie unter Beobachtung gefühlt hatte, wie er es hasste im Mittelpunkt zu stehen.
Die Ladenbesitzerin füllte gerade die Fleischtheke auf, so dass er sich die Zeit nahm, in Ruhe durch die wenigen Regale zu schlendern.
„Kann ich Ihnen helfen, Mr. Porter?” fragte Mrs Figgs von hinter den Regalen.
„Nein, danke, Mrs. Figgs” antwortete er. „Ich glaube, ich finde Alles.”
Ihr Kopf lugt hinter dem Waschpulver hervor, von dem er sich gerade ein Paket genommen hatte. „Nehmen Sie am Besten das da vorne, wo Sie doch keine Waschmaschine haben, ist das bestimmt besser.”
„D..., danke, Mrs. Figgs.” sagte er jetzt zunehmend irritiert. Er setzte seine Einkäufe fort, als sie hinter der Kasse auftauchte.
„Heute steht es sogar in der Zeitung!”
„Was denn, Mrs. Figgs?” langsam fiel im dieses Verhalten ebenso auf die Nerven, wie die tratschenden Weiber draußen. Etwas wahlloser warf er deshalb die Einkäufe in den Korb, um hier schnell wieder heraus zu kommen.
„Na, der Mord an unserem Schmied letztens, natürlich!” versetzte sie etwas eingeschnappt.
„Ein Mord, hier im Ort?” Jetzt war Harry etwas interessierter.
„Ja, das müssen Sie sich mal durchlesen. Die Polizei hat alles schon weiträumig abgesperrt und verfolgt schon viele Spuren.” Sie schnaubte verächtlich durch die Nase.
„Als ob unsere Polizisten jemals Irgendetwas aufgeklärt hätten.” Sie beugte sich ein bisschen dichter zu Harry hinüber, der gerade ungeschickt seine Einkäufe auf das Band legte. “Und dabei habe ich gehört, dass sie noch nicht einmal wissen, wie er gestorben ist. Schon komisch, was?”
Das erklärte in Harrys Augen dann auch die tratschenden Frauen von heute morgen.
„Das muss dann auch in der Nacht passiert sein, als Sie gekommen sind, denkt die Polizei. Das weiß ich von meinem Schwager, der ab und zu mal bei Doktor Rogers aushilft.” Sie konnte offenbar von dem Thema nicht lassen.
„Gefunden hat man ihn aber erst gestern Abend, weil die Hunde schon jaulten, habe ich gehört. Hat ja allein gelebt, seit seine Elizabeth gestorben ist, der arme Mann.”
Sie hatte derweil Harrys Einkäufe in die Kasse eingetippt und Harry bezahlte. „Vergessen Sie beim Rausgehen die Zeitung nicht. Ich habe sie Ihnen schon mit abgezogen”
Harry war über diese Frechheit so sprachlos, dass er nur noch seine Einkäufe in einen der alten Kartons packte und der Stimme von Mrs. Figgs entfloh, die ihm noch hinterher rief: „Danke für Ihren Einkauf, Mr. Porter. Bis bald!”
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