
von Kreacher Potter
Ein bisschen erinnerte ihn Sally Bones an eine viel ältere und etwas gemütlichere Version von Molly Weasley. Sie hatte zwar nicht die roten Weasley-Haare, aber sie wirkte genauso mütterlich, fürsorglich und gleichzeitig resolut. Auch hier hatte er den Eindruck irgendwie schon adoptiert worden zu sein.
Die sich entfernenden Schritte auf dem fest gestampften Boden, das Vogelgezwitscher, das Quaken der Frösche und das leise Gesumm der Insekten, dass er den ganzen Tag unbewusst wahr genommen hatte, verschwand plötzlich aus seinem Bewusstsein und es wurde still. Kalter Schweiß brach ihm aus, die Knie wurden ihm weich und er musste sich setzen. Mit lautem Krachen fiel er auf den Stuhl, auf dem er eben schon gesessen hatte. Vor seinen Augen wurde das mittägliche Sonnenlicht, dass bis eben noch hell vom blauen Himmel strahlte, dunkler und matter. Er hatte noch nicht einmal mehr die Kraft die Hände zu heben und er versuchte nur noch sich auf dem Tisch abzustützen.
Wie ein Blitz leuchtete plötzlich ein Bild in seinen Gedanken auf. Die große Halle von Hogwarts, kalt und kahl, mit rußgeschwärzten Wänden, wo sie von Flüchen getroffen worden war. Die Trümmer von Tischen und Bänken lagen, zerbrochen und zur Seite geschoben, herum. Die verzauberte Decke gab nur einen schwarzen Nachthimmel wieder.
Wie in Zeitlupe umkreisten sich Harry und Voldemort in dem fahlen Zwielicht des anbrechenden Morgens mit gezückten Zauberstäben. Er sah Menschen aus den Augenwinkeln, wie in einem verlangsamten Ballett, sich tonlos anschreien, Körper wirbelten durch die Luft und schlugen auf dem Boden auf, wo sie reglos liegen blieben. Andere Hexen und Zauberer hatten schmerzverzerrte Gesichter mit angstgeweiteten Augen bevor ihre Körper unter ihnen zusammenbrachen. Viele von ihnen kannte er noch von ihrer gemeinsamen Schulzeit.
Der Raum um sie beide wurde immer größer und größer, als die Anderen die Situation begriffen und Schritt für Schritt zurück wichen. Wieder stand er Voldemort allein gegenüber. Allein. Alle Bewegungen um ihn herum erstarrten. Die Kämpfenden wurden zu Zuschauern, die begafften, was soweit aus ihrer Welt war, wie die Akteure, die es betraf. Er war wieder allein gelassen. Das Bild verdunkelte sich am Rand, bis er nur noch einen zentralen Ausschnitt wahrnahm. Wieder spürte er die Anspannung und das Herzrasen, das Adrenalin, dass durch seine Adern strömte, seine Angst und seine Entschlossenheit, als er den grünen Lichtstrahl auf sich zukommen sah und gleichzeitig antwortete. Dann verblasste das Bild und er konnte wieder Bruchstücke der Realität um ihn herum wahrnehmen.
Erst hatte er das Gefühl von Dankbarkeit, dass es vorbei war, doch ein tief sitzender Schmerz, der, von seinem Herzen ausgehend, langsam den Kopf erreichte, nahm ihm völlig die Kraft. Verzweifelt schlug er die Hände vor das Gesicht. Tränen füllten seine Augen. „Nein! So war es nicht!” schluchzte er mit brechender Stimme. „Ich will nicht allein sein!”
Wieder war es wie ein greller Blitz, der ihm regelrecht in den Augen schmerzte. Er stand allein mit gesenktem Zauberstab vor Riddles Leiche und sah, aus weiter Ferne, wie sich kleinere und größere Gruppen zusammen fanden. Familien und Freunde, die sich still in den Armen lagen und glücklich waren, dass sie einfach überlebt hatten. Verletzte, die von Madam Pomfrey und ihren Helfern versorgt wurden, die Zuspruch und Trost bekamen. Er sah sich selbst in das falsch freundliche, orangene und unnatürlich grelle Licht des Morgenaufgangs gebadet.
Langsam kam Leben in die Umstehenden, von weiter Ferne applaudierte die Menge ihm, der wieder allein in ihrer Mitte stand. Die Menschen standen noch in den Blutlachen ihrer Feinde und lächelten. Doch ihre Augen schienen zu sagen: „Wo warst Du, als mein Mann getötet, meine Tochter umgebracht wurde?” „Warum mussten wir für Dich den Kopf hinhalten?”
Die Menge teilte sich und er sah die Weasleys mit Hermine und Ron um den toten Körper von Fred stehen. Molly Weasley brach in diesem Moment vor ihrem Sohn auf die Knie, schlang die Arme um seine Brust und schrie ihren Schmerz heraus: „Warum? Warum Fred? Wo bist Du, Fred?” Die Anderen drückten sich an sie, Ron und Hermine hielten sich an den Händen und versuchten sich gegenseitig Trost zu geben. Doch plötzlich konnte Harry den Kopf von Fred durch die Beine der Umstehenden erkennen, der in herumrollte und ihn angrinste. „Wo warst Du, Harry? Ich war hier! Ich bin für Dich gestorben.”
Die Lücke schloss sich, aber auf Harrys Gesicht und in seinem Herzen breitete sich schmerzender Unglaube aus. Und wieder verblasste das Bild.
Harry konnte kaum noch Luft holen, so stark war der Druck der Traurigkeit auf seiner Brust. Und wieder hatte er das Gefühl, als ob alle Trauer der Welt auf ihn übergegangen wäre. „Nein! So war es nicht!”
„Doch! Genauso war es!” sagte eine schneidende Stimme in seinem Hinterkopf, die in seinen stärker und stärker schmerzenden Kopf schnitt. Harry wusste jetzt schon, dass er sie dieses Mal nicht würde ersticken können.
Lange Zeit war er davor weg gerannt, hatte die Erinnerungen versucht mit Laufen aus seinen Gedanken fernzuhalten. Er war in den letzten Wochen bis zur Erschöpfung gewandert, hatte immer nur kurz und traumlos geschlafen, wenn er ein Plätzchen gefunden hatte und sich dann wieder auf das nächste Ziel konzentriert. Doch jetzt kamen die Erinnerungen mit Macht, sie erdrückten ihn, erschlugen ihn, erstickten ihn.
Harry lag vorn über gebeugt, niedergedrückt auf den Tisch, jeder Muskel seines geschunden Körpers angespannt und jede Nervenfaser auf das Äußerste gereizt. Schon einmal hatte er so einen Zusammenbruch erlebt.
Und wieder verdunkelte sich die Welt, ein gleißender Blitz brannte sich geradezu in seine malträtierten und blutunterlaufenen Augen und zuckte mit grausamen Schmerz den Rücken hinunter.
Er sah, wie er von Ron und Hermine unter seinem Tarnumhang aus der Menge herausgeführt wurde. Es hatte sich angfeühlt, als wäre er in einem Traum gefangen, als ob das Alles gar nicht ihm passieren würde. Er sollte Voldemort endgültig besiegt haben? Es sollte jetzt vorbei sein?
Später dann, nach ihrem Gespräch in Dumbledores Arbeitszimmer und nachdem Ron und Hermine Hand in Hand gegangen waren, spürte er, wie die Leere in ihn hinein kroch. Die Stimmen der plappernden Portraits verstummten und alle Gefühle verblassten vor dem großen Nichts. Er war allein, so allein wie man im Umkreis von hunderten Menschen nur sein konnte. Er hatte keine Heimat, keine Familie mehr. Und nachdem er jetzt das wichtigste Ziel seines Lebens tatsächlich erreicht hatte, das einzige Ziel, auf das sein Leben ausgerichtet gewesen war, fühlte er noch nicht einmal Triumph oder Glück, sondern nur Leere. Wo alle Welt sich freute, spürte er nur Trauer über alles, was er im Laufe seines Lebens verloren hatte.
Tränen rannen ihm aus den Augen und über sein erhitztes Gesicht, seine Hände verkrampften sich so stark um die Armlehnen von Dumbledores Sessel, dass das Weiß der Knochen hervortrat. Er konnte dem Druck, der auf seiner Brust lastete, nicht mehr widerstehen und begann rückhaltlos zu schluchzen, bis er selbst dafür keine Kraft mehr hatte und ihn langsam eine gnädige Dunkelheit umfing.
Die Erinnerung verblasste wieder, aber der Schmerz blieb und wie bereits Wochen zuvor, umfing ihn auch jetzt endlich eine gnädige Ohnmacht. Nur noch von fern hörte er Schritte und fühlte sich hoch gehoben. Er begrüßte den kleinen Tod, bevor ihn die Dunkelheit umfing.
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