
von Kreacher Potter
Er erwachte und schrak hoch. Er hatte vorn über gebeugt halb auf der Tischplatte gelegen. Sein, vom Sitzen am Tisch, verspannter Körper protestierte und er war einen Moment orientierungslos.
Durch eine große Fensterfront ihm gegenüber, konnte er glitzerndes Mondlicht auf dem See sehen, dass seine Umgebung etwas erhellte. Er saß in einem großen Raum, der das Wohnzimmer mit einer Küchennische auf der rechten Seite darstellte. Weiter zur Fensterfront befand sich vor dem Kaminofen eine kleine Sofaecke mit dem Schaukelstuhl, und zwei kleinen Tischchen. Neben dem Ofen befand sich an der Wand ein offenes Regal mit allerhand Nippes und ein paar Büchern. Auf der gegenüberliegenden Seite hingen nur zwei Bilder mit Jagd- und Angelszenen über einem Sideboard an der Wand.
Auf der linken Seite gingen noch 2 Türen ab. Er streckte sich, um den Schmerz abzuschütteln und tastete sich durch das Halbdunkel. Ärgerlich bemerkte er, dass er nicht wusste, wo die Kerzen liegen sollten, oder ob überhaupt welche vorhanden waren. Die erste Tür führte in ein kleines Badezimmer, die zweite in eine Schlafkammer mit einem großen Bett und einem mächtigen, uralten Schrank. Auf dem Bett lagen sogar noch Kissen und Decken. Plötzlich flammte ein Deckenlicht auf, als er sich am Türrahmen abstützte und er erinnerte sich mit einem Seufzen wieder an elektrisches Licht. Wie erschreckend blöd, dass er daran nicht gleich gedacht hatte.
Er machte das Licht wieder aus und ging in das Wohnzimmer zurück. Von dort aus führte eine Tür rechts neben der Fensterfront auf den hinteren Teil der Veranda. Er öffnete sie und stellte fest, dass der See tatsächlich bis an das Haus heran reichte und man von der Veranda hätte angeln können.
Er öffnete die Tür, ging nach draußen und sog gierig die frische, kühle Luft ein. Dann sank er auf eine kleine Bank vor dem Fenster und starrte auf die mondbeschienene Landschaft. Stille. Er war wieder allein. Später wäre er nicht in der Lage gewesen zu beschreiben, wie die Welt um den Teich ausgesehen hatte, wenn man ihn gefragt hätte. Er versank völlig in sich selbst.
Die Minuten verstrichen, ohne dass er zu einer weiteren Bewegung oder auch nur zu einem anderen Gedanken fähig wäre. Er war wieder allein. Allein! Schon das Wort verursachte eine Art Echo in seinem Kopf.
Eigentlich war er immer schon allein gewesen. Erst war er von den Dursleys ausgegrenzt worden, als er eine Familie am nötigsten brauchte. Dann wurde er von der Zaubererwelt systematisch auf den großen Kampf vorbereitet. Und jedes Mal musste er sich der größten Gefahr allein stellen. Niemand von den großen Zauberern hatte den Mut besessen, zu tun, was er getan hatte.
Und überall hatte er im Mittelpunkt gestanden. Alle hatten ihn begafft, bewundert, bestaunt oder gehasst, aber er war nie ein Teil von ihnen. Eine Träne stahl sich aus seinem Augenwinkel. Er hasste es, allein im Mittelpunkt zu stehen.
Er spürte, wie die Wut auf dieses Leben ihn wieder überkam, er sprang auf und schrie voller Zorn in die Nacht: „Ich bin Harry Potter! Und ihr sollt mich alle in Ruhe lassen!” Jetzt liefen ihm die Tränen übers Gesicht und leiser setzte er hinzu: „Ich will euch nicht mehr sehen! Ich will niemanden mehr sehen!” In diesem Moment spürte er wieder, wie schon lange Jahre vorher etwas in ihm zerbrochen war.
Der Schmerz versiegte so plötzlich, wie er gekommen war und zurück blieb Leere. Eine Leere, die keinen Raum ließ für Gefühle und Erinnerungen. Fast genoss er die Stille, die nur kurz von einem knatternden Motorrad unterbrochen wurde. Doch er war zu müde, um auch nur den Kopf zu wenden. Bis er sich an der Brüstung der Veranda hochzog, war der Lärm schon verklungen und ließ wieder diese ohrenbetäubende Stille zurück.
Er presste die Hände auf die Ohren, doch da waren sie wieder, die Schreie aus der Vergangenheit. Sie mischten sich mit dem Wehklagen und dem Stöhnen Verletzter. Bilder brachen vor seinen Augen auf, von Toten und Verletzten, von Trauernden und Kämpfern.
Und wieder war der Schmerz da. Der Schmerz füllte sein Herz, seine Brust und seinen Kopf, er warf ihn auf die Holzdielen der Veranda nieder, ohne dass er die physischen Schmerzen spüren konnte. Ein dünnes Wimmern drang aus seinem Mund und er rollte sich ganz klein zusammen. Gequält rollte er hin und her, bis der Schmerz langsam nachließ, er sich beruhigte und endlich auf den Brettern einschlief.
Als er wieder erwachte war die Sonne schon ein gutes Stück über die Wipfel des nahen Waldes gestiegen. Blauer Himmel lächelte auf die Welt herab. Harry fühlte sich ausgelaugt und zerschlagen, als er nach vielen Stunden von dem harten Boden aufstand. Schwankend richtete er sich auf, hielt sich erst an der Tür fest und ging dann ins Haus zurück.
Sein Kopf brummte immer noch, sein Rücken fühlte sich an, als sei er durchgebrochen und sein Magen protestierte jetzt vor Hunger. Harry schleppte sich an den Esstisch und setzte sich. Er angelte sich die Tüte mit den Einkäufen, die unberührt neben der Eingangstür stehen geblieben war. Dann begann er mit Heißhunger zu essen. Nachdem den ersten Brocken Brot und Käse ein großer Schluck Wasser gefolgt war, entkrampfte sich sein Körper und die Kopfschmerzen ließen langsam nach.
Er ließ den Blick durch den Raum schweifen. Sein Tisch stand gleich hinter der Eingangstür neben der Küchennische. Die Innenwände der Holzhütte waren nicht verputzt, sondern strahlten mit ihrem braunen Holz eine beruhigende Wärme aus. Irgendwie begann er sich heimisch zu fühlen.
Er sah an sich herunter, sah sich noch einmal im Raum um und begann zu kichern. Ganz seltsam und rau klang sein Lachen, als ob es schon lange nicht mehr zu hören gewesen wäre. `Ich bin genauso schmutzig, wie dieses Haus!´ dachte er, zog sich kurz entschlossen aus, lief nach draußen und sprang in den See. Warmes, erfrischendes Wasser strömte an seinem Körper entlang und er konnte spüren, wie der Schmutz der wochenlangen Wanderung aus den Poren gespült wurde. Harry war sich nicht genau darüber im Klaren, ob es nun eine Wanderung oder vielleicht doch eher eine Flucht vor der Zaubererwelt war, aber das war im Moment gleichgültig.
Der See wurde schon nach kurzer Strecke tiefer und kälter und Harry begann lang ausgreifend zu schwimmen. Dann drehte er sich auf den Rücken, ließ sich treiben, sah in den blauen Himmel und ein intensives Gefühl von Frieden und Glück durchzuckte ihn. Er fühlte sich eins mit seiner Umwelt. Für eine kurze Zeit war er mit sich im Reinen.
Schließlich merkte er, wie die Kühle des Wassers doch in ihn hinein kroch, sodass er zurück schwimmen musste. Jetzt nahm Harry auch zum ersten Mal das Vogelgezwitscher um ihn herum wirklich wahr. Ebenso das Gezirpe der Grillen konnte er nun hören und er genoss die Musik der Natur mit allen Sinnen. Pudelnass zog er sich dann aus dem Wasser und legte sich, der Länge nach, zum Trocknen in die Sonne.
Die Sonne war auch schon morgens sehr stark, sodass es nicht lang dauerte, bis es ihm dort zu warm wurde und er wieder hineingehen musste. Aus seiner Plastiktüte angelte er sich seine einzigen Ersatzkleidungsstücke. Alles Andere hatte er in der anderen Welt zurückgelassen, deren spontane Erinnerung er ganz schnell wieder verdrängte. Was sollte er jetzt noch mit schwarzen Umhängen und hohen, spitzen Hüten anfangen?
Mit einem großen Handtuch rubbelte er seine Haare trocken und begann dann die Küche zu inspizieren. Eine Anrichte enthielt eine Grundausstattung an Geschirr und Besteck. Auch Besen, Putzlappen und Reinigungsmittel waren vorhanden, sodass er sich den Besen griff und erst einmal beschloss, gründlich der dicken Staubschicht zu Leibe zu rücken. Doch dieser plötzliche Anfall von Arbeitswut wurde unterbrochen, noch ehe er begonnen hatte.
Draußen polterten plötzlich Schritte die vordere Verandatreppe hinauf und kräftige Hände klopften an die Tür. Harrys Nackenhaare stellten sich auf, als er zusammen zuckte. Wer sollte hier etwas von ihm wollen?
Er stellte den Besen wieder an die Seite, atmete tief durch und öffnete die Tür. Draußen stand eine älterer, stiernackiger Mann, der sich mit leicht gebeugtem Rücken auf einen knotigen Stock stütze. Er trug derbe Arbeitshosen und ein Hemd, die vom langen Aufenthalt in der Sonne ganz ausgeblichen waren und, trotz der Hitze, darüber einen langen Mantel.
Der Mann blickte Harry abschätzend aus zusammengekniffenen Augen an. „Ich bin Ihr Nachbar, William Moresley.” brummte er und schob sich, ohne Antwort oder Einladung abzuwarten, an Harry vorbei. Am Tisch angekommen ließ er sich auf einen Stuhl fallen. „Sie sind Hank Porter?”
„Ja, bin ich!” entgegnete Harry abweisend. Der Mann war ihm unangenehm und Harry ärgerte sich darüber, dass dieser so einfach in sein Haus eingedrungen war.
Der Alte zog eine Flasche aus der Innentasche seines riesigen Mantels und knallte sie auf den Tisch. „Ein Begrüßungsgeschenk”, brummte er wieder. „Haben Sie die Gläser schon gefunden? Sie stehen da oben in der zweiten Tür links!” und deutete im seinem Stock auf den Küchenschrank. Wie ferngesteuert holte Harry zwei Gläser aus dem Schrank, immer noch nicht in der Lage zu entscheiden, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. William Moresley entkorkte derweil die Flasche und ließ einen Finger breit der klaren, bräunlichen Flüssigkeit in die Gläser fließen. „Prost! Auf dass Sie sich hier bald heimisch fühlen werden!” murmelte er undeutlich und stürzte das Glas auf einen Schluck hinunter. Harry nippte nur kurz und verschluckte sich fast an dem scharfen Getränk.
„Nun erzählen Sie mal”, begann der Nachbar ein Gespräch, das mehr einem Verhör gleichen würde, „was treibt Sie denn so in Ihrem Alter nach Idlington? Sie können doch kaum über zwanzig sein.” Er betrachtete Harry, der immer noch neben dem Tisch stand, abschätzend von Kopf bis Fuß.
Noch mit dem Hustenreiz kämpfend, antwortete Harry wahrheitsgemäß: „Ich war schon eine ganze Weile unterwegs und bin auf meiner Wanderung nur durch Zufall hierher gekommen.” Harry wurde urplötzlich klar, dass er bisher noch nicht einmal gewusst hatte, wie dieser Ort hieß.
„Müssten Sie nicht noch zur Schule gehen?”
„Nein, nicht mehr. Ich bin mit der Schule fertig!” antworte Harry und konnte die Bitterkeit in seiner Stimme nicht ganz vertreiben, aber der Alte schien das nicht gehört zu haben. „Ich genieße jetzt die Freiheit und mache erst mal Urlaub.”
„Seltsames Gepäck für eine Wanderung!” sagte Mr. Moresley mit einem schrägen Blick aus zusammengekniffenen Augen auf die riesige Plastiktüte.
„Mein Rucksack ist vor kurzem zerrissen und ich konnte mir noch nichts Neues besorgen.” sagte Harry schnell.
Der Alte goss sich noch einen Schnaps ein, schielte auf Harrys noch fast volles Glas und pfropfte den Korken wieder auf den Hals. „Wo kommen Sie eigentlich her, Mr. Porter. Und wo wollen Sie hin?” Er warf einen weiteren neugierigen Blick auf Harry, als ob dem die Antworten auf die Stirn geschrieben wären.
Harry wurde vorsichtiger und umging den ersten Teil der Frage. „Ich weiß noch gar nicht genau, wo ich hin will. Ich denke, ich werde es mir hier erst einmal ein bisschen gemütlich machen. Es ist ein netter kleiner Ort. Leben Sie und Ihre Familie schon lange hier?” fragte er zurück, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.
„Ich lebe allein.” entgegnete Mr. Moresley kurz angebunden. „Am Ende der Straße hinter dem Wald gehört mir ein kleiner Hof.”
„Für die weite Strecke bis zum Ort und bei den schlechten Wegverhältnissen brauchen Sie bestimmt einen guten Wagen?” fragte Harry freundlich.
„Nein!” brummte der Alte. „Ich habe keinen Führerschein. Habe ihn nie gebraucht. Wenn ich ins Dorf möchte, spanne ich meine Luise an.” Er sah sich noch einmal um. „Wenn Sie länger bleiben wollen, werden Sie hier noch eine Menge tun müssen. Wenn Sie Hilfe brauchen, kann ich Sie mit Luise gerne mal in den Ort fahren.”
„Vielen Dank!” entgegnete Harry überrascht. „Ich werde mich gerne bei Ihnen melden.”
„Ich werde jetzt gehen.” Der Alte stütze sich schwer auf seinen Stock, als er sich erhob. “Wiedersehen!” sagte er, öffnete die Tür und verschwand genauso plötzlich, wie er gekommen war.
„Auf Wiedersehen!” antwortete Harry, verblüfft über den überraschenden Aufbruch. „Es war schön, dass Sie vorbei geschaut haben.” Doch die schweren Schritte des Nachbarn waren schon die Stufen hinunter gepoltert und entfernten sich knirschend über den Kies des Fahrweges in Richtung des Waldrands.
Doch so sehr er sich zuerst über das Eindringen des alten Mannes in sein Leben geärgert hatte, war die Hütte jetzt auf einmal wieder sehr leer. Dieses Mal bemerkte er rechtzeitig, dass seine Gedanken schon wieder begannen, sich nur um sich selbst zu drehen, dass alles um ihn herum dunkler und furchterregender wirkte. Er streckte sich, warf die Eingangstür zu, schob die dunklen Gedanken ganz nach hinten in seinem Kopf und begann sein Putzprogramm.
Ungefähr eine Stunde später hatte er die Decken und Teppiche ausgeschüttelt und zum Auslüften in die Sonne gelegt, vom langen Liegen verströmten sie einen muffigen Geruch, die Schränke abgewischt und den Boden ausgefegt. In der Luft tanzten noch die Staubpartikel wie kleine Elfen in dem breiten Sonnenstrahl, der durch das Fenster herein schien. Eine leichte Brise zog quer durch die weit geöffneten Fenster und trug den Staub nach draußen. „Nicht so gut, wie ein Hauself, aber für mich reicht es!” bemerkte er zufrieden.
Er hatte sich gerade hingesetzt um sein Werk zu bewundern, da bemerkte er, wie im Schlafzimmer ein Dielenbrett ein bisschen hoch stand. Neugierig geworden ging er näher. Er schob mit aller Kraft den schweren Schrank ein Stückchen weiter, bis die Diele ganz frei lag. Sie lag nur locker auf und verbarg unter sich einen länglichen Hohlraum. Zu Harrys Enttäuschung war dieser zwar leer, aber, erinnerte er sich, er hatte ja auch ein paar Sachen, die die Menschen hier besser nicht zu sehen bekamen. Behutsam legte er den Tarnumhang, seinen Zauberstab und den größten Teil seines Geldes in die Vertiefung. Dabei bemühte er sich instinktiv, den Zauberstab nicht direkt zu berühren, um dem Ministerium nicht die entfernteste Möglichkeit zu geben, ihn zu orten. Indem er die Diele zufrieden wieder auflegte und den Schrank darüber schob, besiegelte er für sich sein Verschwinden aus der Zaubererwelt. Er würde auch ohne Zauberei leben können.
Er hatte gerade schweißgebadet den schweren Schrank wieder an seine Stelle gerückt, da hörte er schon wieder Schritte auf der Veranda und jemand klopfte an die Vordertür. „Sind Sie da, Mr. Porter?” war die helle Stimme von Mrs. Bones zu hören.
„Ich komme Mrs. Bones!” rief er, warf mit einem Griff die, jetzt leichtere, Plastiktüte in den Schrank und eilte zur Tür.
„Guten Tag, Mr. Porter”, flötete sie fröhlich, als sie trippelnden Schrittes in die Hütte trat. Ihre Erscheinung hatte sich gegenüber dem gestrigen Tag nur durch eine andere Kittelschürze mit lila Karomuster geändert.
Sie sah sich mit hochgezogenen Augenbrauen um, stemmte die Hände in die beleibten Hüften und bemerkte hocherfreut: „Sie haben sich hier ja schon mächtig ins Zeug gelegt.”
„Was ich machen konnte, habe ich geschafft.” sagte Harry etwas verlegen.
„Doch, das sieht sehr gut aus!” und munter plappernd fuhr sie fort: „Ich habe mir schon fast so etwas gedacht, als Sie heute morgen nicht im Dorf aufgetaucht sind.” Ohne Pause sprach sie weiter: „Allerdings können doch das bisschen Brot und Käse nicht lange reichen.” Mit einem kleinen Schwung stellte sie ein arg ramponiertes Essgeschirr auf den Tisch. „Deswegen habe ich beschlossen, Ihnen etwas von meinem köstlichen Stew vorbei zu bringen, das ich heute für Mr. Bones und mich gekocht habe.”
„Vielen Dank!” brachte Harry erstaunt hervor.
„Setzen Sie sich, mein Junge,” fuhr Mrs. Bones fort, als wäre sie nicht unterbrochen worden, „setzen Sie sich und essen Sie, solange es noch warm ist.” Sie angelte Besteck aus der Schublade der Anrichte und reichte es Harry. „Mr. Bones”, fuhr sie in ihrem liebenswürdigsten Ton fort, während sie sich Harry gegenüber am Tisch niederließ, “war ja eigentlich der Meinung, dass ich direkt zur Polizei gehen sollte, um Sie anzuzeigen, denn wenn ein junger Mann sich allein in einem so versteckten Winkel der Weltgeschichte nieder lässt, dann hätte er bestimmt etwas ausgefressen.”
Harry verschluckte sich fast an dem heißen Stew und musste heftig husten.
„Aber ich habe ihm gesagt, dass Sie nur ein liebenswerter, netter Junge sind, der hier ein paar Tage Urlaub verbringen möchte. Ein Bankräuber sieht doch ganz anders aus, oder nicht?” sie blickte Harry aus verschmitzt lächelnden Augen an. Der konnte nur nicken.
Sally Bones stand schwungvoll auf und ging durch den Raum zur geöffneten Verandatür. „Wie häufig habe ich früher im Sommer hier gebadet und meinem Vater die Fische verscheucht.” Sie musste lächeln, als sie nach draußen blickte.
Harry, dem nichts zu sagen einfiel, aß gespannt weiter. Mrs. Bones drehte sich zu Harry um. „Ich habe damals sogar meinem Vater geholfen, dieses Haus zu bauen und kenne jede Ecke, wie meine Westentasche.” Harrys Blick fiel unwillkürlich auf die lose Bodendiele, aber Mrs. Bones bemerkte davon glücklicherweise nichts, denn sie hatte den Blick schon wieder nach draußen gerichtet.
„Einen ganzen Sommer haben wir dafür gebraucht und Mutter war gar nicht glücklich, dass sie uns so selten zu Gesicht bekam. Später hat dann mein Sohn hier häufig den Sommer verbracht, bevor er nach London gezogen ist.” Sie seufzte leise. „Aber so ist der Lauf der Dinge. Er ist da jetzt irgendetwas Hohes in der Bank und kommt nur noch ein bis zweimal im Monat kurz nach Hause. Meistens übernachtet er noch nicht mal hier.”
In Harry wuchs der leise Verdacht, dass Mrs. Bones ihn in die Rolle eines Ersatzsohnes drängen wollte und, bei aller Dankbarkeit für ihre Fürsorge, fing allein der Gedanke daran an, ihn zu beengen.
„Seitdem habe ich das Haus gar nicht mehr benutzt, sondern nur versucht es ab und an zu vermieten.“ Sie schaute ihn scheu von der Seite an. „Aber ehrlich gesagt, sind Sie der erste Mieter überhaupt. Hier kommen kaum Fremde her, obwohl es hier so schön ist.“ Sie deutete in einer weit ausholenden Geste auf das Dorf.
Er schob den leer gegessenen Aluminiumtopf von sich und sagte, „Vielen Dank Mrs. Bones für diese gelungene Überraschung. Das war genau das Richtige. Ich hatte übrigens heute morgen doch schon einen Besuch.”
„Ach, dann war der alte William hier?” entgegnete sie neugierig. “Hat er wieder seinen fürchterlichen selbst gebrannten Whisky mitgebracht? Seien sie bloß vorsichtig, davon kann man blind werden!” Ein Schmunzeln umspielte ihre Lippen, als sie Harrys verdutzten Blick sah. „Ja, wir sind hier schon eine eingeschworene Gemeinschaft. Jeder kennt Jeden, aber das ist in einem so kleinen Dorf wahrscheinlich normal. William beispielsweise geht nur selten irgendwo Besuche machen und will in seiner Bruchbude auch keinen haben, aber wenn er irgendwo plötzlich auftaucht, hat er immer eine Flasche von seinem selbst gemachten Fusel dabei.“
Sie kicherte leise und mit einem Blick auf den leer gegessenen Topf und Harrys satten und zufriedenen Gesichtsausdruck sagte sie: „So, dann werde ich mich mal wieder auf den Weg machen.”
Harry erhob sich. „Vielen Dank, Mrs. Bones. Das Stew war köstlich. Ich bringe Ihnen selbstverständlich nachher den Topf abgewaschen vorbei, wenn ich zum Einkaufen ins Dorf komme.”
„Ja, das ist gut. Kommen Sie gerne vorbei, wir sind bestimmt zu hause. Es ist bestimmt gut wenn Sie ein bisschen unter die Leute kommen. Die jungen Leute des Ortes treffen sich übrigens fast jeden Abend vor der Gans. Vielleicht möchten Sie ja mal dazu kommen?”
„Ich glaube, erst einmal nicht. Ich möchte hier nur zur Ruhe kommen und mich erst einmal selbst wieder finden.” wiegelte Harry schnell ab.
Sie lächelte ihn an. „Natürlich, wir werden sehen. Lassen Sie sich Zeit!” und mit einem besorgten Blick auf Harry schloss sie die Tür hinter sich.
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