
von Kreacher Potter
Die Schatten wurden länger, als er die schmale Straße entlang trottete. Große und alte Bäume filterten das Sonnenlicht zu einem angenehmen Halbdunkel. Die vereinzelten Häuser mit den gepflegten Vorgärten drangen genauso wenig in sein Bewusstsein, wie seine schmerzenden Füße, die ihn hierher getragen hatten, die Vögel, die ihn umzwitscherten oder das laute Krachen aus dem Haus, an dem er gerade vorbei ging. Erst als die Häuser dichter standen und auf einer Seite der Straße ein Bordstein begann, realisierte er seine veränderte Umgebung.
Verstört hob er den Kopf und sah sich um. Er stand vor einer kleinen Anzahl von höheren Gebäuden. Dem Stadthaus, mit seiner Bürgerhalle, schloss sich eine Apotheke, ein Mini-Supermarkt und, in einem, wieder etwas kleineren Haus, der Arzt des Ortes an. Auf seiner Straßenseite waren in einer Reihe älterer Gebäude eine Teestube, ein Wäsche- und Handarbeitsgeschäft und ein Pub Zur schwarzen Gans, der auch einige Tische vor die Tür gestellt hatte. Die Straße, staubtrocken von der wochenlangen, ungewöhnlich trockenen Sommerhitze, war um diese Zeit verwaist. Nur vom Pub her, vor dem ein paar Männer in staubiger und ölverschmierter Arbeitskleidung saßen, wurde seine Ankunft offen begafft. Sie begannen unverhohlen über ihn zu sprechen.
Oh, wie er das hasste. Konnte er nirgendwo hinkommen, ohne dass er spontan zum Mittelpunkt des Gespräches wurde? Der aufkeimende Zorn verdrängte seine Müdigkeit und das Gefühl schmerzender Füße.
Er wechselte die Straßenseite und betrat den kleinen Markt. Die Frau, die bereits begann, die vor der Tür stehenden Obstkisten ins Ladeninnere zu räumen, bedachte ihn mit einem mit einem mürrischen Blick. „Kann ich Ihnen helfen?”
„Ein Brot und ein großes Stück Cheddar, bitte.” erwiderte er. „Und eine Flasche Wasser auch noch.”
Vielleicht war es doch ein Glücksfall, dass er gerade jetzt diesen Ort gefunden hatte. Er hätte nicht mehr viel weiter gehen können, ohne etwas zu essen. Er richtete sich etwas auf. „Entschuldigen Sie bitte, kann ich hier im Ort übernachten?” Und als er ihren abschätzigen Blick auf sich spürte, ergänzte er: „Ich meine ein Zimmer mieten.” In ihren Augen musste er wie ein heruntergekommener Landstreicher aussehen.
Sie senkte die Augen auf seine Einkäufe und packte diese in eine kleine Plastiktüte. Ohne ihn anzusehen sagte sie mit hochgezogenen Augenbrauen, die offensichtliche Zweifel an seiner Zahlungsfähigkeit zeigten: „Sie können in der Gans übernachten oder das Häuschen von Sally Bones mieten. Der Zettel hängt da vorne am schwarzen Brett.” Sie reichte ihm die Tüte mit spitzen Fingern über den Tresen. „Das macht 2 Pfund 35.”
Ein gieriges Glitzern stahl sich in die Augen der Krämerin, als er seinen wohl gefüllten Geldbeutel öffnete und bezahlte.
Sie räusperte sich und setzte ein gewinnendes Lächeln auf. „Bitte entschuldigen Sie, dass ich eben so kurz angebunden war, aber es sind ja derzeit so viele Kriminelle unterwegs. Da muss man schon ein bisschen vorsichtig sein. Erst vor ein paar Tagen ist die Bank von Puddenham ausgeraubt worden.”
„Das ist schon in Ordnung. Wo wohnt diese Mrs. Bones?” antwortete er matt. Er griff sich sein Abendessen, die große Tüte, die er am Eingang stehen gelassen hatte und angelte nach dem Zettel am schwarzen Brett.
„Ich wollte damit natürlich nicht sagen, dass Sie etwas damit zu tun haben. Ich meine, das sieht man doch sofort, dass Sie ein feiner junger Mann sind.”
„Danke.” antwortete er leicht angewidert über das anbiedernde Verhalten, „wie muss ich jetzt gehen?”
Sie hielt ihm hilfsbereit die Tür auf und sagte: „Das ist ganz leicht. Die Straße hinunter. Nummer 35 ist auf der linken Seite.”
Er nickte zum Dank mit dem Kopf und verließ fluchtartig das Geschäft. Kaum war er aus der Tür, wurde diese hinter ihm abgeschlossen und die Verkäuferin verschwand im Hintergrund des Ladens. Diese Frau war ihm eindeutig verhasst.
Draußen schlug ihm nach der Kühle des Geschäftes erst einmal wieder die Hitze des Tages entgegen, trotzdem sog er gierig die frische Luft ein, um die Beklemmung abzuschütteln, die sich drinnen über ihn gelegt hatte. Einige Sekunden spielte er mit dem Gedanken, diesen Ort doch schnell hinter sich zu lassen, aber dazu war er eindeutig zu müde. Wie beschrieben, wandte er sich nach rechts und ging die Straße hinunter. Die Gaffer vor dem Pub gaben sich keine Mühe ihre Neugierde zu verbergen und verdrehten die Hälse, um ihm möglichst weit nachzusehen.
Die Main Street war die einzige Straße des Ortes und wurde nach dem kleinen Stadtzentrum von schönen, gemütlich aussehenden Häusern gesäumt, die sich hinter gepflegten Vorgärten mit üppigen Blumenrabatten und Obstbäumen zu verbergen suchten. Auch hier hatten viele der Häuser bereits mehrere Generationen von Besitzern beherbergt.
Einige hundert Meter weiter wartete bereits eine ältere, rundliche Dame am Gartentor vor ihrem Cottage. Sie hatte die Arme über ihrem stattlichen Busen verschränkt und sah ihn mit einem gewinnenden Lächeln an: „Sie müssen der junge Mann sein, der sich für mein Häuschen interessiert.” Mit hochgezogenen Brauen warf sie einen Blick auf seine verstaubte Gestalt und die riesige Plastiktüte, die er bei sich trug. „Griselda Figgs aus unserem Laden, hat natürlich sofort bei mir angerufen und mir von Ihnen berichtet.”
Mit einem kleinen Seufzen fuhr sie fort: „Mittlerweile weiß vermutlich bereits der ganze Ort von Ihrer Ankunft. Und Sie sind?”
„H…, Hank, Hank Porter.” stotterte er überrascht von ihrem Redeschwall bis er sich wieder im Griff hatte.
„Hank? Na gut. Dann werde ich Ihnen mal das Seehaus zeigen.”
„Seehaus?” fragte er.
„Ja, das Seehaus. Es liegt ein paar hundert Meter hinter dem Ort an einem hübschen kleinen See. Sie schaffen die Strecke doch noch?” Ihre Stimme klang so ehrlich besorgt, dass er sich ein kleines Lächeln ab rang und ihr versicherte, dass das ganz bestimmt kein Problem sei.
„Geben Sie mir die kleine Tüte!” verlangte sie resolut. „Wir müssen hier die Straße weiter hinunter.” Sie trat durch die Gartentür hinaus, ließ einen Haustürschlüssel in der Tasche ihre Kittelschürze verschwinden und dirigierte ihn weiter vom Ortskern weg. Dann begann sie mit ihrer hellen, freundlichen Stimme zu erzählen: „Das Häuschen ist natürlich nicht besonders groß, aber dafür wunderschön an einem See gelegen. Mein Vater hat es sich früher für seine Angelwochenenden gebaut. Daher ist es auch nicht winterfest, aber jetzt, in diesem warmen Sommer, kann man es sehr gut dort aushalten. Wir haben früher immer dort auf der Veranda gesessen und in den Sonnenuntergang geschaut.”
Mrs. Bones Stimme drang nur noch von fern an seine Ohren. Er hatte wieder nur noch den Wunsch allein zu sein. Gedankenverloren trottete er neben ihr her und folgte ihr die Straße aus dem Ort heraus. Die Häuser hatten schon vor einiger Zeit aufgehört und sie waren an einem reichen Getreidefeld vorbei gelaufen, bis die Straße eine scharfe Kurve nach links machte. Dort zwängte sich nach rechts ein enger Weg in einen Wald, der hier besonders dicht wuchs. Das Blätterdach der Bäume lieferten angenehmen Schatten und eine erfrischende Kühle. Die ausgedörrte Fahrspur war offensichtlich von einem einspännigen Pferdefuhrwerk ausgefahren. Man sah noch die Eindrücke von den schmalen Holzreifen und den Pferdespuren in der Mitte.
„Das ist doch nicht zu teuer?” fragte Mrs. Bones besorgt.
„Bitte?” schrak er auf. „Entschuldigung, ich war gerade in Gedanken versunken.”
„Ich sagte gerade, dass 10 Pfund für die Woche doch wohl nicht zu viel sind? Aber schauen Sie sich das Häuschen besser erst mal an. Da vorne ist es.”
Vor Ihnen öffnete sich der Wald auf eine kleine Wiese, an der der Weg entlang führte, bis er ein kleines Stück später wieder im Wald verschwand. Auf der Wiese stand ein gut erhaltenes, kleines Holzhaus, dass direkt an einen großen See gebaut worden war. Die Sonne glitzerte auf dem Wasser und er musste geblendet kurz die Augen schließen. Sie schritten auf die Eingangstür zu und erklommen ein paar Stufen zu einer schmalen, umlaufenden Veranda.
„Ich glaube, es wird Ihnen gefallen. Es ist wie geschaffen für eine Person, die sich ein wenig zurückziehen möchte.” Dabei sah sie ihn schräg von der Seite an. „Sie haben hier nur einen Nachbarn,” fuhr Mrs. Bones fort, während sie die Tür auf schloss, „William Moresley, er wohnt allein in einem armseligen, kleinen Resthof einen Kilometer weiter in den Wald hinein. Aber der ist ganz harmlos und lebt sehr zurückgezogen. Es kann gut sein, dass Sie ihn gar nicht zu sehen bekommen.”
Mit einem Ruck öffnete sie die Tür und betrat das Häuschen. „Ein wenig staubig hier drinnen.” sagte sie. „Aber es war ja auch schon lange Niemand mehr hier. Die Möbel können Sie natürlich alle gerne benutzen, aber ich bin nicht sicher, ob sie noch alle heil sind.” Sie stieß einen Schaukelstuhl vor dem Kamin an, der knarrend hin und her wippte. Der aufgewirbelte Staub tanzte in der Abendsonne.
Plötzlich überkam ihn ein kurzes Schwindelgefühl. Er ließ seine Plastiktüte klappernd zu Boden fallen und stütze sich am Esstisch neben der Küchenecke ab.
„Ist alles in Ordnung, Mr. Porter?” fragte Mrs. Bones besorgt und wollte sich schon nach ihm bücken.
„Natürlich, Mrs. Bones. Ich bin nur ein bisschen müde.” Er angelte nach seiner Brieftasche und entnahm ihr eine 10-Pfund-Note. „Ich nehme das Haus, Mrs. Bones. Es ist genau das, was ich gesucht habe.”
Sie verstand den Hinweis, nahm das Geld und verabschiedete sich: „Dann Gute Nacht, Mr. Porter. Wir werden uns bestimmt in den nächsten Tagen sehen und dann können Sie mir sagen, ob alles in Ordnung ist, oder ob Sie noch etwas brauchen.”
„Danke schön!” brachte er noch hervor, bevor sich die Tür hinter ihr mit einem erneuten „Gute Nacht!” schloss.
Er sank auf einen Stuhl und betäubende Müdigkeit legte sich um ihn.
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