
von Kraehenfeder
Hauself: Hallihallo, meine Liebe, das ist ja der Sinn von Cliffs, nicht wahr? :D Nein, ich weiß, sowas ist gemein. Und es hat lange gedauert, bis mir mein Schul-Streß für ein zwei Tage entfiel und mir dafür in den Sinn kam, ein neues Kapitel zu posten. Aber jetzt ist es da! Vielen Dank für dein Kommi, ich freue mich sehr, dass du die Story noch immer interessiert verfolgst (:
Kapitel 24 – Tod, Trauer und Traumata
Leichter Nebel war aufgezogen, ließ die Ermittler des Zaubereiministeriums nur wie dunkle Schatten aussehen. Draco fröstelte selbst noch unter der dicken, grauen Wolldecke, die man ihm in die Hände gedrückt hatte, während man ihn befragt hatte. Jetzt saß er hier auf einer Bank. Alleine. Genauso wie eben Terry…
Draco schluckte schwer und zog sich die Decke fester um die Seiten. Immer noch konnte er nicht richtig realisieren, wen er mit Sirius dort gefunden hatte. Nicht einmal wirklich Zeit Terry ins Gesicht zu schauen hatte er gehabt, denn Sirius hatte ihn sofort an sich gepresst. Als ob Draco noch nie eine Leiche gesehen hätte. Oder Blut. So wie Sirius ihn einschätzte musste er das wirklich denken.
Sich jetzt über Sirius‘ eingeschränktes Blickfeld aufzuregen hielt ihn wenigstens davon ab, realisieren zu müssen, dass Terry ihm nicht mehr helfen würde, die Cornflakes zu finden… Draco fühlte ein leichtes Brennen in seinen Augen und wischte sich schnell mit dem Ärmel übers ganze Gesicht. Terry war so lebhaft gewesen. Es war schwer zu glauben, dass er nicht einfach aufspringen würde und seinen blöden Scherz aufdeckte. Typischer, britischer Humor. Der frühere Ravenclaw wusste doch ganz genau, dass Potter hier immer entlang joggte und wollte seinen Freund doch sicher nur erschrecken.
Draco verdrehte die Augen, wollte sich innerlich selbst schellten, wie infantil solche Gedanken waren. Kein Wunder, dass man ihn für kindisch hielt, aber bei Merlins Bart! Er konnte und wollte nicht glauben, dass er gestern noch beschwingt in Sirius‘ Wohnung Terry Boot seine schreckliche Pizza aufgezwungen hatte und nun nie wieder jemanden haben würde, an dem er seine kulinarischen Ergüsse testen würden könnte…
Potter war hier… Natürlich. Immerhin konnte jemand wie Harry Potter nur Auror werden und Sirius hatte leider seinen Patensohn hierher bestellt. Entweder war er noch immer ziemlich neben der Spur, oder aber Terry-Harry hatten sich in seinem Schädel noch nicht so festgesetzt, wie bei Draco, der eine ganze Woche jeden Tag Terrys Schwärmereien hatte ertragen müssen.
Potter jedenfalls war vollkommen konsterniert, brachte kaum einen vernünftigen Satz heraus. Nein, wirklich erschrocken war er eben nicht. Eher empört… Der Schmerz schien sich noch den Weg durch seinen Venen zu suchen, bevor er ebenso heftig gegen seine Schädeldecke hämmern würde, wie bei Draco. Vielleicht hatte der Blonde aber auch einfach Kopfschmerzen von einer schlaflosen Nacht? Draco hoffte es… Wenn er jetzt hier zu heulen anfing, dann war wirklich nichts mehr von seiner alten Persönlichkeit übrig geblieben. Und Sirius konnte es nicht gebrauchen sich jetzt entscheiden zu müssen, ob er Draco tröstete, oder Harry. Potter war sein Patensohn, das einzige, was ihm von seinem alten Freund, ach so tollen Freund geblieben war und deswegen auch der einzige, der jetzt zählte. Aber Draco hatte Terry auch gemocht. In Hogwarts hatte er Terry sogar mal dazu gekriegt seine Hausaufgaben zu machen. Arithmantik. Ein ausführliches Essay über die Zahl Sieben… Wie hatte er aber nochmal hingekriegt, dass Terry seine Hausaufgaben gemacht hatte? Draco konnte sich nicht mehr erinnern. Ohnehin kam ihm nicht viel in den Sinn, wenn er versuchte sich Terry mit einem dunkelblaugefütterten Hogwarts-Umhang vorzustellen.
Draco glaubte sich daran zu erinnern, dass er Terry immer Trevor genannt hatte…
Warum genau wusste Draco nicht, aber ihn beschlich ein merkwürdiges Gefühl und eine unangenehme Gänsehaut breitete sich auf. Er schaute über die Schulter, aufs Wasser hinaus. Leichte Wellen schlugen gegen die Promenade, neben dem Gemurmel der Auroren das einzige Geräusch. Im Nebel blitzte etwas auf, worauf Draco argwöhnisch die Augenbrauen zusammen zog, sich aufrichtete und an das Geländer trat. Er senkte den Blick und traute seinen Augen kaum, als er auf einer schmalen Stufe jemand allzu bekannten stehen sah.
„Vater?“
Lucius drehte sich nicht einmal um, den Blick aufs Wasser gerichtet lehnte er sich auf seinen Spazierstock und nickte leicht.
„Du… Was machst du hier?“ Sein Vater an der Themse? Passierte. Sicher… Sonst wäre er ja nicht hier, aber dennoch war Draco leicht verwirrt, trotzdem froh über eine Ablenkung.
„Das hat dich nicht zu interessieren“, sagte Lucius kalt. Ob er wusste, was hier gerade los was?
„Weißt du, was hier gerade los ist?“
Lucius schaute über die Schulter und verdrehte die Augen. „Natürlich weiß ich das. Deswegen bin ich ja hier.“
„Wieso bist du hier? Weil…“ Draco runzelte die Stirn, nahm die paar Stufen neben dem Geländer und gesellte sich ans Ufer neben seinen Vater. „Arbeitest du jetzt als Auror?“
„Stell dich nicht dümmer, als du bist, Draco“, schnaubte Lucius genervt. „Ich war bei meinem Termin mit Mr. Potter…“
„Wegen der Fraser-Sache?“, unterbrach Draco seinen Vater, der schnaubend nickte.
„Und da kam zufällig diese Meldung herein.“ Ein leichtes Lächeln umspielte Lucius‘ Mundwinkel. „Allerdings muss ich darauf warten, dass Potter mich wieder meine Arbeit tun lässt. Dieser Junge ist nerviger als du.“
Draco verzog die Mundwinkel, war kurz davor sich zu entschuldigen und winkte dann ab.
„Oh, Draco“, säuselte Lucius, „versinkst du nicht in Trauer um deinen verhurten Freund, so wie Potter? In letzter Zeit könnten deine Tränen doch diesen ganzen Fluss hier füllen.“
„Beobachtest du mich?“, fragte Draco misstrauisch.
Lucius schenkte ihm einen Blick aus den Augenwinkeln und hob eine Braue. „Sollte ich?“
„Würdest du?“
„Bring mich nicht in Versuchung das tun zu wollen. Anscheinend scheint dein Leben ja sehr spannend zu sein. Mord, Drogen und…“ Anstatt weiterzusprechen klopfte Lucius Draco kräftig aufs linke Schulterblatt. Der Jüngere zischte auf. Genau auf seine Tätowierung… „Deine Mutter vermisst dich, Sohn.“
„Ich dachte, ich bin nicht mehr dein Sohn“, gab Draco zurück. Schmerzhaft fest ballte er die Hände zu Fäusten, damit er sich nicht die prickelnde Stelle auf der Schulter rieb und Schwäche zeigte. Natürlich hatte er auch schon sein Bett vermisst, aber…
„Du kannst zurückkommen, wann immer du möchtest. Wann immer es dir zu viel wird…“, sagte Lucius hinterhältig lächelnd, was Draco nur aus den Augenwinkeln mitbekam.
„Sag mir nicht…“ Dracos Stimme brach und einen Moment kniff er die Augen zusammen, bevor er sich zu seinem Vater drehte. „Vater, sag mir nicht, dass du etwas… etwas mit Terrys Tod zu tun hast.“
„Ich war bei Mr. Potter. Tut mir Leid dich enttäuschen zu müssen“, sagte Lucius gleichmütig. „Sicherlich hätte es dir gefallen, mir daran die Schuld zu geben. Aber beachte die Gesellschaft in der du dich befindest. Ein billiger Stricher… Du glaubst nicht wirklich, an sowas würde ich mir die Finger schmutzig machen. An solchem Abschaum? Der tötet sich selbst schneller, als ich meine Finger hätte rühren können.“
„Terry war nicht so jemand“, behauptete Draco. „Rede nicht schlecht von ihm. Er hat mir sehr geholfen…“
Lucius schüttelte den Kopf. „Dir ist nicht mehr zu helfen, Junge“, raunte er. „Trauerst du ernsthaft um eine kleine Made, nur weil er kurz davor war, dich mit auf seinen Lieblingsstrich zu nehmen, damit du deinen Körper genauso verkaufst? Du solltest froh sein, dass die Welt einen Schandfleck weniger hat.“
„Du hast etwas damit zu tun“, keuchte Draco und wich zurück, stolperte fast die Steintreppe herauf. „Glaub nicht, ich würde dich decken. Ich weiß, was du abwickelst, Vater und ich finde es nicht in Ordnung.“
Lucius drehte sich zu ihm herum. „Ich bitte dich, Draco. Willst du mich jetzt retten? So wie Black? Was hast du davon? Dein schlechtes Gewissen wirst du so niemals erleichtern.“
„Du bist nicht mehr zu retten“, presste Draco hervor, jetzt wirklich den Tränen nahe. „Ich werde das melden. Darauf kannst du dich verlassen.“
„Ich habe nichts damit zu tun“, sagte Lucius ruhig. „Mache dich ruhig zum Narren. Darin hast du dich in letzter Zeit ja wunderbar geübt.“
Dracos Stimme zitterte. „Bastard.“
Die grauen Augen seines Gegenübers blitzten gefährlich auf. Mit zwei Schritten war Lucius bei seinem Sohn und presste ihn den Spazierstock unters Kinn. „Denke nicht, du könntest mit mir reden, als wäre ich einer deiner unterbelichteten… Freunde. Du wirst noch wimmernd zu mir zurückkriechen und mir den Umhangsaum küssen, damit ich dich wieder in dein Kinderzimmer lasse.“
Das Kinn reckend wischte Draco den Stock weg. „Darauf kannst du lange warten. Vorzugsweise in Askaban“, zischte er und drehte sich um. Lucius hatte Recht. Beweise gab es dafür nicht, aber Draco war sich mehr als sicher, dass sein Vater irgendetwas mit Terrys Tod zu tun hatte. Es kümmerte doch sonst niemanden, ob irgendeine männliche Prostituierte von einem Freier zerfleischt wurde. Niemanden der den Zusammenhang nicht beachtete. Harry Potter joggte hier vorbei, wie Draco sich eben schon ins Gedächtnis gerufen hatte. Harry Potter hatte Terry sehr gerne gehabt und hätte ihn finden sollen, oder? Aber warum hätte Lucius das dann so legen sollen, dass er gerade seinen Termin mit Harry hatte? Am Ende hatte Lucius doch nichts damit zu tun…
Dracos Schritte verlangsamten sich automatisch, als seine Zweifel sich festigten. Wieder zog er sich die graue Wolldecke fester um die Schultern. Nein, er kam nicht drauf. Er konnte sich so zwar wunderbar ablenken und verdrängen, dass er gerade so ziemlich den einzigen Freund verloren hatte, der ihm geblieben war, aber er kam einfach nicht auf den slytheringrünen Zweig!
Sirius war noch immer bei Harry, der ganz beschäftigt irgendetwas notierte, aber kreidebleich war. Tränen brachten die grünen Augen noch mehr zum Leuchten, aber er versuchte sich nichts anmerken zu lassen. In seiner Position war es sicher nicht vorteilhaft mit Terrys Schicht in Verbindung gebracht zu werden. Aber das war Dracos Meinung und Potter gab da sicher einen Scheiß drauf…
„P-Potter?“, begann Draco. Sofort bekam er die ganze Aufmerksamkeit und fühlte sich das erste Mal wirklich unwohl bei so viel Beachtung. Er schluckte. Sirius schaute ihn eher strafend an, als ob er nerven und stören würde, aber Potter schien fast froh darüber zu sein, ihn zu sehen. „Ich… Ich…“
„Ist dir noch irgendetwas eingefallen?“ Potters Stimme war nicht mehr als ein heiseres Wispern. Er räusperte sich und blickte fast entschuldigend.
Draco schaute über die Schulter. Lucius starrte wieder das Wasser an.
„Oh, ja… Ich habe deinen Vater heute Morgen verhört“, sagte Harry leise. „Wollt ihn nicht… gehen lassen… Entschuldigung.“
Als Draco sich wieder umdrehte, hatte Harry sich abgewandt und fuhr sich wirr durch die schwarzen Haare. Er atmete schwer, versuchte zu verbergen wie schlecht es ihm ging und schaffte das auch sehr gut.
„Wenn ihr dann nichts mehr habt“, fuhr Harry fort, als er tief durchgeatmet hatte. „Jemand muss Terrys Eltern Bescheid sagen. Sie haben sich… zwar jahrelang nicht mehr gesehen, aber… Ich…“
„Ist schon richtig, Harry“, sagte Sirius mit belegter Stimme. Eine Hand legte er auf Harrys Schulter. „Eltern haben ein Recht sowas zu erfahren. Wir können nicht einschätzen, was für eine Beziehung Terry zu seinen gehabt hatte.“
Harry machte sich los, schaute seinen Paten fast zornig an. „Ich kann!“, fauchte er.
Sirius räusperte sich. „Natürlich… Aber vielleicht solltest nicht du…“
„Ich liebe ihn“, presste Harry hervor, die Hände vor unterdrückter Wut zitternd. „Akzeptier es endlich, Sirius. Freu dich, wenn ich nicht zusehen muss.“
„Was?!“
„Ich weiß doch ganz genau, dass du dir das gewünscht hast“, sagte Harry vollkommen überzeugt. „Du hast ihn nicht mit mir sehen wollen. Innerlich bist du doch froh, dass er… Du bist so erbärmlich, Sirius. Nur weil du’s nicht hinkriegst glücklich zu werden…“
„Potter, es reicht“, schaltete Draco sich ein, bevor das wieder ausartete. „Sirius…“
„Du kannst doch auch nicht mehr, als alles gutzuheißen, was Sirius tut! Wenn der Kerl dich vergewaltigen würde, fändest du es auch noch toll, oder?!“, brüllte Harry zornesrot. Einige Leute drehten sich nach ihrem Chef um, aber den kümmerte das nicht. Er brauchte etwas, an dem er seine Wut auslassen konnte und da war es ihm egal, dass weder Sirius noch Draco ihm im Moment etwas Böses gewollt hatten.
Sirius allerdings war tief getroffen, glaubte er doch eh, Draco genau das angetan zu haben, was Harry ihm vorgeworfen hatte. „Ich… Ich hab…“ Gehetzt schaute er zu Draco, dachte höchstwahrscheinlich, der hätte überall rumerzählt, was damals passiert war.
„Wa…“ Harry zog die Augenbrauen zusammen, scherte sich kaum um die Tränen, die seine Wangen herunterliefen. „Was hast du?“ Sein Blick fiel auf Draco, der ahnungslos mit den Schultern zuckte. Anscheinend machte das Harry aber nur noch misstrauischer und im Moment war er genauso auf der Suche nach Ablenkung wie Draco. Tod… Das vertrug keiner in ihrer Generation. Keiner von ihnen konnte normal damit umgehen, wenn es jemanden erwischte, der ihnen etwas bedeutete. Sie hatten alle irgendwen verloren und Potter mehr Leute, als Draco Finger hatte.
„Ich würde gerne nach Hause“, sagte Draco mit kratziger Stimme. Er deutete auf seinen Vater. „Ich fühl mich nicht… besonders und… Terry. Ähm…“ Er wollte Sirius‘ Hand greifen, aber der verschränkte schnell die Arme vor dem Bauch und drehte sich halb weg. „Wenn du… Potter… Ich meine, Harry, wenn du Hilfe brauchst… nur im Bezug auf Terry, dann sag mir Bescheid, ja? I-Ich hatte ihn sehr gerne.“
Harry schien halb geschockt, halb verblüfft, nickte aber nur. „Wir ermitteln in der Sache, aber es wird… wird wohl kaum etwas bringen. So etwas passiert öfter mit… Leuten wie… Leuten, die diesen Beruf ausüben. Wir können nichts tun, ohne Hinweise. Aber wenn euch noch etwas einfällt, irgendetwas, dann scheut euch bitte nicht mir Bescheid zu sagen.“ Potter atmete tief durch und nickte abschließend. Er entschuldigte sich nicht bei Sirius und drehte sich weg, verschwand im Nebel und ließ seinen Paten wieder voller Schuldgefühle zurück. Schuldgefühle, die Draco jetzt beseitigen musste, bevor sie Sirius auffraßen. Was ihm kaum Zeit lassen würde, zu trauern.
Einerseits gut, andererseits…
„Sirius, gehen wir heim, bitte?“ Draco warf noch einen Blick zu Lucius, der weiter starr auf die Themse sah. Er wollte Sirius sagen, was er vermutete, aber dazu musste der erst einmal wieder aufnahmebereit sein.
„Sicher…“, hauchte Sirius und zog seinen Zauberstab. „Apparieren?“ Er winkelte den Arm an, damit Draco sich einhaken konnte. Der Jüngere nahm stumm das Angebot an und spürte schon bald, wie ihm furchtbar schwindelig wurde. Sie landeten vor Sirius‘ Haustür, die er erst magisch entriegeln musste, bevor Draco sich aufs Sofa fallen lassen konnte. Ihm war schlecht. Nicht nur vom Apparieren…
Sirius setzte sich neben ihn. Archie schien zu fühlen, dass etwas nicht stimmte und schwamm langsam zwischen den beiden Männern umher, stupste sie nicht an. Eine ganze Weile sagten sie nichts, sahen sich nicht an und berührten sich auch nicht. Draco war es nicht gewohnt jemanden in so einer Situation zu trösten und Sirius würde ihn kaum von sich aus anfassen, vor allem nicht, nachdem, was Harry rausgehauen hatte.
„Er war nur wütend, Sirius“, sagte Draco schließlich. „Du weißt, warum… Zorn ist… ein unkontrollierbarer Gefühlsausbruch. So geht er eben mit Terrys Verlust um. Ph-Phasen…“
„Du redest, als würde es dir vollkommen am Arsch vorbeigehen. Ist das deine Art und Weise damit umzugehen?!“, schnauzte Sirius ihn plötzlich an und fuhr ruckartig hoch. Wütend stampfte er an sein Fenster und starrte in den Innenhof.
Um nicht zurückzubrüllen befeuchtete Draco sich die Lippen. Er wusste nicht, was er jetzt sagen sollte. Sich zusammenstauchen zu lassen… Das würde er jetzt nicht aushalten. Eigentlich hätte er jetzt gerne eine Schulter zum Anlehnen gehabt… Sirius‘ Arme, die ihn halten würden, damit er endlich… Draco schniefte und presste sich eine Hand auf den Mund.
„Oh, fang bloß nicht an zu flennen, nur weil ich dir meine Meinung gesagt habe!“ Sirius trat hörbar hinter ihn, die Hände hinter Draco auf der Lehne abstützend. „Du findest doch alles toll, was ich mache. Harry hat doch Recht. Du stehst drauf, wenn ich dir wehtue.“
Draco schüttelte den Kopf. Archie stupste ihn fordernd an, als wolle er, dass sein Schwarm mal den Mund aufkriegte, aber mehr als Schluchzen würde da jetzt nicht rauskommen.
„Als ob Terry…“
„Sirius!“, fuhr Draco dazwischen und drehte sich um. Flehentlich schaute er den Schwarzhaarigen aus tränenden Augen an. Sirius‘ Gesichtszüge entspannten sich leicht, verloren zumindest den Zorn. Aufseufzend packte er Draco unter den Armen und zog ihn richtig hoch, presste ihn dicht an sich. Der Jüngere kniete auf der Couch und schlang die Arme um Sirius‘ Nacken, das Gesicht an dessen Schulter pressend. Er fing nicht an bitterlich zu weinen, verspürte aber das Bedürfnis und fühlte auch das Brennen in seinen Augen, sowie den harten Kloß in seinem Hals. Sirius klammerte sich ebenso an Draco fest, vergrub das Gesicht in dessen Haaren und schnappte mehrmals nach Luft.
Draco fragte sich einen Moment, was Terry und Sirius wohl zusammen erlebt hatten… Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass die beiden vielleicht sogar mal etwas miteinander gehabt hatten, dass Sirius deswegen vielleicht deprimiert war…
„Warum Terry?“, hauchte Draco.
Sirius schüttelte nur den Kopf.
„Er war doch gerade so glücklich…“
Augenblicklich versteifte Sirius sich vollkommen, grub die Fingernägel tief zwischen Dracos Schulterblätter.
„Und Potter…“
„Genug!“ Barsch schupste Sirius ihn weg. Draco verlor das Gleichgewicht und fiel vom Sofa, ehe Sirius reflexartig die Hand ausstrecken konnte. Während Draco sich den schmerzenden Rücken rieb, ballte Sirius seine Hand schnell zur Faust. „Sprich jetzt bloß nicht von Harry.“
Draco verzog die Mundwinkel und wollte sich aufsetzen, sank aber ächzend zurück auf den Boden. „Sirius, es reicht! Du hast mir wehgetan und…“
„Das ist eine Ausnahmesituation!“, blaffte Sirius ärgerlich. „Ich hab dich Weichei nicht mal richtig angefasst. Wenn du heulen willst, dann geh ins verdammte Schlafzimmer!“ Er deutete auf sein Fenster, was Draco dazu veranlasste skeptisch die Augenbraue zu heben. Sirius schaute nach, was Draco diese Reaktion entlockte und rollte mit den Augen. Seine Hand zitterte, als er sie letzten Endes auf sein Schlafzimmer richtete.
„Entschuldige dich“, verlangte Draco kalt. „Und dann hilf mir auf.“
„Wag es nicht mir ansatzweise Befehle zu geben. Ich bin nicht dein bescheuerter Hauself“, knurrte Sirius, die grauen Augen zu schmalen Schlitzen verengend.
Draco öffnete den Mund für eine patzige Antwort, aber er besann sich schnell. Sirius wollte provozieren und wenn er sich darauf einließ, dann würde das nur böse für ihn enden. Also wandte er sich kopfschüttelnd Archie zu.
„Ja! Ignoriere mich ruhig“, fuhr Sirius ärgerlich fort. „Dein allwissendes Psychogetue ertrag ich eh nicht mehr.“ Draco schreckte auf, als Sirius sich auf den Absätzen umdrehte und auf die Tür zu marschierte.
„Sirius?“ Hastig richtete er sich auf, stöhnte auf und presste sich eine Hand auf den unteren Rücken. „Komm sofort wieder her!“, befahl Draco, aber Sirius donnerte die Tür hinter sich zu. „Scheiße…“ Als Draco die Haustür erreichte und aufzog, war das Treppenhaus leer. Sirius war disappariert, wie die ungeöffnete Eingangstür, welche auf die Straße führte, bewies. Ziemlich verzweifelt raufte Draco sich die Haare. Sirius alleine? Jetzt? In diesem Zustand? Nein, nein… Das würde mit Sicherheit nicht gutgehen. Schaubend sank Draco auf die Treppenstufen, versuchte sich zu erinnern, ob Sirius jemals erwähnt hatte, wo er sich so rumtrieb, wenn er nicht arbeitete, aber im Grunde, wusste er gar nichts über diesen Mann.
Außer, dass sein Temperament mehr als hitzig war…
Gerade schien es gut zu werden und dann das… Draco fühlte sich gestresst, ausgepowert schon nach zwei Tagen in sowas Ähnlichem wie einer Beziehung zu Sirius Black und dass das nun wirklich nicht gut war, konnte er sich schon denken.
Er schaute über die Schulter, hatte für einen Bruchteil einer Sekunde das Bild eines ziemlich durchsichtigen Terrys, der versuchte in seine Wohnung zu kommen, vor Augen, und richtete sich schwerfällig auf. Mit einem „Alohomora“ öffnete er die Tür und trat gleich in Terrys Wohnzimmer. Dort auf dem wackeligen Holztisch stand noch ein voller Aschenbecher und ein Glas, das einen klebrigen, braunen Rest am Boden enthielt.
„Igitt… Sauberkeit war nicht dein Ding, was Terry?“, murmelte Draco, steckte die Hände in die Hosentaschen und setzte sich auf die beige Couch. Sie quietschte und Draco sackte tief ein. Irgendwann in den letzten beiden Tagen schien sie kaputt gegangen zu sein. Aber wer wusste schon, was Boot auf ihr trieb… Mit Potter zum Beispiel.
Oh, getrieben hatte.
Draco erschreckte sich, als er etwas schuhuhen hörte. Mit einem erbärmlichen Laut landete Terrys kleine, miserabel aussehende Eule auf Dracos Schoß. Soweit er sich erinnerte, hieß sie Owly und war jetzt Waise. Draco beobachtete, wie das felsfarbene Federvieh sich an einer toten Fliege neben Terrys Aschenbecher satt fraß. Er würde sie gleich mit in Blacks Wohnung nehmen, bevor sie ihrem Herrchen im Himmel Gesellschaft leistete.
Falls Terry in das kam, was er immer als Himmel bezeichnet hatte… Die Muggelseite an ihm. Draco nahm Owly in die Hand, ließ sie fröhlich schuhuhen, weil ihr Aufmerksamkeit zu Teil wurde, und begab sich in Terrys Schlafzimmer. Es war stockfinster. Draco klappte den Lichtschalter um, aber anscheinend war die Glühbirne durchgebrannt.
„Lumos“, murmelte Draco und schaute sich um. Terry hatte nur eine Schaumstoffmatratze, nicht einmal mit Bettlaken bezogen, dafür aber mit ein paar Brandflecken überzogen. Anscheinend schlief er unter einem Handtuch, wenn ihm kalt wurde.
Oh, geworden war…
Draco seufzte und drehte sich der Kommode zu. Eine ganze Menge Fotos standen dort, zeigten Terrys Familie und ihn selbst, als er wohl noch ein junger, arroganter Ravenclaw gewesen war, der sich nicht den Verstand hatte rausvögeln lassen. Die Bilder bewegten sich nicht. Meistens waren sie schon ziemlich vergilbt und das Glas der Rahmen hätte mal wieder geputzt werden müssen. Draco entfernte den Staub mit einem Zauberstabschlenker, erstaunt darüber, wie Terrys tiefblaue Augen früher vor Enthusiasmus geglüht hatten. Tot hatten sie nie gewirkt, aber trüb und müde…
Oh, jetzt natürlich vollkommen leer…
Draco schüttelte über sich selbst den Kopf, betrachtete das einzige Bild, das sich bewegte. Ein Zeitungsausschnitt, neben eine leere Plastikhülle von irgendetwas Quadratischem gelehnt. Draco musste schmunzeln, als er Potter erkannte. Es schien ein recht alter Artikel gewesen sein, so unbeholfen, wie Harry aussah. Irgendwie machte ihn die alleinige Anwesenheit solch eines Fotos deprimierter als ohnehin schon.
Er hatte kein Bild von Sirius und er bezweifelte, dass sie mal zusammen eines schießen lassen würden. Wenn Sirius sich jetzt an der Themse würde aufschlitzen lassen, dann hätte Draco nur die Erinnerung in seinem Kopf und er wusste nicht, ob das wirklich reichen würde, damit er sich immer ins Gedächtnis rufen konnte, wie der Black’sche Stammhalter nun aussah…
„Malfoy?“
Draco fuhr herum, richtete den leuchtenden Zauberstab auf den Neuankömmling und musterte Potter, der sich geblendet abwandte.
„Was machst du hier?“
Draco öffnete den Mund um zu antworten, aber er hatte eigentlich keine Ahnung, was er hier tat. Potter wartete einen Moment ab, bevor er schief lächelte.
„Schon klar“, murmelte er. „Wo’s Sirius?“
Owly surrte in seiner Hand, als Draco mit den Schultern zuckte. Er zischte auf und verspürte das dringende Bedürfnis seine Tätowierung mit den Fingernägel zu bearbeiten, bis der Juckreiz nachließ.
„Nich‘ gut“, nuschelte Harry. „Is‘ doch so anfällig im Moment. Braucht Aufmerksamkeit, weil seine Welt schon wieder untergeht…“
Aber selbst, dachte Draco und seufzte auf. „Ich geh wieder runter. Lass dich mal lieber allein…“, sagte er und schob sich an Harry vorbei ins Wohnzimmer. „Potter?“
„Hm?“
„Warst du bei seinen Eltern?“, wollte Draco wissen, drehte sich aber nicht noch einmal um.
„Noch nicht“, antwortete Harry. „Ich brauch erst einmal… nen Moment für mich.“
„Dann lass ich dir den mal…“, murmelte Draco, schaute auf Terrys Sofa und stutzte. Hatte Terry nicht mal erwähnt, dass er Lucius Malfoy irgendwo gesehen hatte, wo sich ein Malfoy eigentlich nicht herumtrieb? Was, wenn ihm das wieder passiert war und dieses Mal nur zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt? „Potter?“
„Was denn noch?“
„Könntest du kurz mit runterkommen? Ich glaub, ich muss dir noch was sagen“, meinte Draco und ging voraus. Potter schnaubte, bevor er Draco in Sirius‘ Wohnung folgte.
„Aber heul mich nicht voll, wenn ihr euch gestritten habt“, versuchte Harry wohl ansatzweise witzig zu sein, aber das schlug dermaßen fehl, dass er fast in Tränen ausbrach. Jedenfalls vergrub er das Gesicht in den Händen und ließ sich von Archie mitleidig anstupsen. Draco setzte Owly auf die Theke und schenkte der Eule einen Keks, worauf sie sich freudig stürzte.
„Was trinken?“, fragte Draco tonlos.
Harry nickte. Kurz darauf bekam er ein stilles Wasser vor die Nase.
Draco wusste nicht wirklich, ob das der richtige Zeitpunkt war, aber wann sollte er es sonst machen? Außerdem brachte ihn der Juckreiz fast um. Er zog sich kurzerhand das Hemd aus und hoffte einfach, dass Potter weiter in seine Hände jammern würde, während Draco Malfoy total unbeholfen versuchte sich ein bisschen Salbe auf die Tätowierung zu schmieren. Währenddessen erzählte er von seiner nicht sehr stichhaltigen Vermutung, Lucius könnte etwas damit zu tun haben. Entgegen seiner Befürchtung reagierte Harry aber merkwürdig professionell. Ebenfalls als er sich umdrehte und Draco bei dem peinlichen Versuch entdeckte, sich von seinem Juckreiz zu befreien.
„Dein Vater hat Recht mit dem Alibi“, meinte Potter, störte sich gar nicht daran, was sein halbnackter Ex-Erzfeind dort trieb und drehte sich wieder um, das Wasserglas zwischen den Fingern drehend. „Aber ich würde lügen, wenn der Gedanke mir nicht zusagen würde. Malfoy dreht ziemlich krumme Dinger in letzter Zeit und wurde öfter in… dieser Gegend gesehen.“
„Hat Terry mir auch mal erzählt“, sagte Draco leicht rosa um die Nase. Er hätte Sirius bitten müssen sich heute Morgen nochmal besser darum zu kümmern. Am Ende würde er Terry wegen einer entzündeten Tätowierung bald wiedersehen.
Oh, Mann! Draco verdrehte die Augen. Kein Wunder, dass Sirius sauer auf ihn war, wenn er die ganze Zeit so widerlich mit dem Thema Tod umging. Da musste man ja sensibel sein… Aber andererseits durfte er denken, was er wollte. Terry hätte das gut gefunden. Ganz sicher.
Harry zuckte leicht zusammen, als Dracos Terrys Namen benutzte. „Ich kann nicht mehr tun, als ein Auge auf deinen Vater werfen, Draco“, sagte er. Der Blonde fand es doch ziemlich gewöhnungsbedürftig seinen Namen aus Potters Mund zu hören. Das war fast so schlimm, wie das eine Mal, als Weasley dasselbe getan hatte… „Aber ich werde alles was in meiner Macht stehen tun, um denjenigen zu finden, der Terry das angetan hat“, fügte Harry hinzu.
Draco nickte. Typisch… „Kann ich… Na ja, kann ich dir helfen?“
Sofort fuhr Harry herum, richtete sich auf und fuhr sich durch die Haare. „Du?“, fragte er ungläubig.
Angesichts der Umstände behielt Draco seine sarkastische Bemerkung für sich und rückte etwas hinter Sirius‘ neueste Pflanze, damit man, eher gesagt Potter, ihm nichts wegguckte. Ah! Jetzt machte es auch Klick, wo Sirius hin war! Sicher ließ er seinen Frust beim Düngerkaufen aus…
„Klar kannst du“, sagte Harry und tauchte neben der Pflanze auf. Er lehnte sich über die Theke und nahm Draco seine Salbe weg, als er wohl nicht mehr ansehen konnte, wie der sich damit plagte. „Immerhin hast du deinen Vater in Verdacht. Besorg mir Beweise.“ Eigentlich wäre das zu gefährlich für einen Zivilisten. Daran erkannte man wohl, dass es Harry um sehr viel ging…
Draco schluckte. „So einfach wird das nicht. Er hat mich rausgeworfen.“
„Dann schleim dich wieder ein. Das kannst du doch“, meinte Potter. „Dreh dich mal um. Ich helfe dir.“
„Nein! Lass bloß deine Pfoten von mir!“ Draco wich zurück, als Harry auf ihn zutrat.
Mit den Augen rollend verschränkte der Auror die Arme vor der Brust. „Also?“
„Ich kann’s versuchen“, murmelte Draco. „Aber ich kann Sirius jetzt nicht alleine lassen, verstehst du? Er braucht mich?“
„So sehr, dass er weggeht?“ Harry hob die Augenbrauen, als Draco aufschnaubte. „Und du lässt dir das wirklich gefallen? Ich hatte dich anders eingeschätzt.“
„Was?“, fragte Draco verwirrt.
Harry fasste sich an den eigenen Rücken und deutete dann auf Draco. „Das.“
„Äh…“ Vergeblich versuchte Draco über die Schulter zu schauen.
„Malfoy, du Volldepp!“ Mit voller Wucht schlug Harry sich vor die Stirn. „Du hast da einen widerlichen Bluterguss. Und so wie Sirius vorhin reagiert hat… Ich vermute nicht, dass eure Beziehung die harmonischste ist.“ Er hob eine Augenbraue und setzte den Blick auf, den er auch gezeigt hatte, als er Draco wegen dieser Fraser-Sache ausgefragt hatte. Wahrscheinlich dachte er, dass man das so machte oder dass er dabei cool aussah.
„Geht dich nichts an, Potter. Lenk dich mit was anderem ab“, sagte Draco barsch. „Es ist schwer genug für mich Sirius‘ Wündchen zu versorgen. Deine will ich nicht auch noch.“
Zornig zog Harry die Augenbrauen zusammen. „Pass auf, was du sagst.“
„Was sonst?“ Erwartungsvoll hob Draco die Augenbrauen. „Willst du mich zum endgültigen Schweigen bringen? Wunderbar, aber dann fehlt dir die einzige Möglichkeit an meinen Vater zu kommen und ich verwette alles, was ich habe darauf, dass er seine Finger mit im Spiel hatte.“
„Viel verlieren kannst du da ja nicht“, erwiderte Harry.
Draco gab ein hohles Lachen von sich, was Harry nicht zusagte. Immerhin trauerte er ja.
„Oh, glaub bloß nicht, ich würde mich super fühlen“, raunte Harry, als wäre er mal eben in Dracos Kopf geschlüpft. „Aber eher streichele ich Sirius‘ verrückten Strauch, bevor ich dir mein Herz ausschütte, Malfoy.“
„Nenn mich ruhig wieder Malfoy, Potter. Das geht mir am Arsch vorbei“, gab Draco zurück. „Geht mir einzig und allein um Terry.“ Und ein paar familieninterne Sachen… „Gib mir nur etwas Zeit für Sirius.“
„Damit er dich vorher totprügeln kann?“, haute Harry ernst raus.
Draco gluckste. „Merlin, reg dich ab, Potter. Ich bin gefallen.“ Damit drehte er sich um und starrte aus dem Küchenfenster. Schummeriges Licht fiel durch die Jalousien, wodurch Draco erst jetzt merkte, dass Sirius wohl schon eine ganze Weile Dünger kaufen war. Er machte sich Sorgen.
„Irgendwann fällst du die Treppe runter, was?“, bohrte Potter weiter. Er war genau wie Sirius. Einfach bei jemand anderem nach Schmerz graben um seinen eigenen zu vergessen. Aber Draco ließ das nicht mit sich machen. „Ich weiß, wie sowas endet. Haben wir oft genug, ja? Meistens sind es… Frauen, aber… Du kannst Sirius nicht helfen, Draco. Kapier das und verpiss dich, bevor es böse für dich endet. Ich kenne ihn schon länger, als du. Glaubst du ernsthaft, es hätte nie jemand versucht ihm zu helfen? Warum glaubst du, hat er kaum noch Kontakt zu Remus? Er akzeptiert dich nur länger in seiner Nähe, wenn du ihn wie das behandelst, für das er sich hält: Dreck.“
„Halt einfach dein Maul, Potter und geh deinen Freund betrauern“, zischte Draco. „Falls du das nicht schon wieder vergessen haben solltest. So wie du dich benimmst könnte man meinen, Terry hätte nie existiert.“ Oder wollte Potter ihn gerade dazu bringen Sirius schneller aufzugeben um sich hinter Lucius zu klemmen, weil er so irgendwie die Chance auf Rache sah? Draco verzog bei diesem Gedanken die Mundwinkel. Noch jemand der ihn so ziemlich ausnutzte. Wie Sirius… Nur Potters Finger waren nicht schwitzig und kalt…
„Was soll das?“, raunte Draco nach hinten.
„Dean hat das gemacht, oder?“, fragte Potter und fuhr die dunklen Linien auf Dracos Schulter nach. Ob er Salbe an den Fingern hatte, merkte Draco nicht wirklich.
„Mhm…“
„Schon interessant was aus uns allen geworden ist, oder?“, fuhr Potter fort. „Fred und George haben mehr Gold als ihnen gut tut, Hermione befreit Hauselfen auf der ganzen Welt und Ron spielt Quidditch im Verein! Hätte ich bei seiner Phobie früher nie gedacht… Er nimmt es dir immer noch sehr übel, dass du Weasley is our King veröffentlichen lassen hast. Haut ihm…“
„…bei jedem Spiel vom Besen. Hab ne Dauerkarte nur um das zu sehen.“
„Arschloch.“
„Und stolz darauf.“ Draco drehte sich herum und wischte Potters Hand weg. „Jetzt Pfoten weg.“
Der Blick aus den plötzlich so leuchtenden grünen Augen gefiel Draco irgendwie gar nicht… jedenfalls nicht wirklich… so halb… ein bisschen… „Warum?“
Fast hätte Draco schon wieder gelacht. „Lass den Quatsch, Potter. Ich bin nicht da, um dich abzulenken. Erst Recht nicht so.“
Harry hob die Augenbrauen. „Ich würde dir nicht wehtun.“ Er kam einen Schritt näher, was Draco die Mundwinkel verziehen ließ. Sich zu seiner vollen Größe aufrichtend schaute er auf den geringfügig Kleineren herunter, aber davon ließ sich Potter nicht von seiner Suche nach Zerstreuung abbringen. „Sirius tut’s, nich‘? Ich hätt’s mir schon denken können, als du hier so verstört gesessen hast, während er auf seiner Geschäftsreise war. Terry zu Folge warst du bis vor kurzem ja noch ne Jungfrau. Hätte ich gar nicht gedacht…“
Draco errötete leicht. Terry, das verdammte Plappermaul! Wenn er noch leben würde, dann könnte er was erleben. „Terry würde das gar nicht gern hören, was du hier gerade von dir gibst, Potter“, sagte Draco, packte Harry am Handgelenk, als der den Arm ausstreckte, und hielt ihn davon ab, irgendwas von ihm anzutatschen. „Ich werf dich gleich raus, egal, ob du trauerst, oder nicht.“
„Konsequenz? Kauf ich dir nicht ab. Sonst wäre das hier…“ Harry hob die andere Hand und fuhr die schmale, weiße Narbe an Dracos rechtem Mundwinkel nach. „…nicht da, oder? Hätte auch nie geglaubt, dass Draco Malfoy sich so behandeln lassen würde… Schon krass, was aus uns allen geworden ist, oder?“ Er fixierte Draco mit diesen widerlichen, krötengrünen Augen, die nichts, wirklich absolut nichts, bei dem ehemaligen Slytherin auslösten. Draco kniff die Augen zusammen, als die warmen Finger über seine Lippen fuhren, Potter seine andere Hand aus Dracos Griff befreite und auf den verletzten Rücken legte. Erst jetzt kam er noch näher, drückte Draco so gegen die Arbeitsfläche, dass der nicht einmal die Andeutung von Schmerz fühlte, und nur die Hand auf seinem Rücken, jede zarte Berührung von den schmalen Fingern zehnmal stärker wahrnahm, als gut war. Ihm durch das blonde Haar fahrend zog Harry Draco kurzerhand an seine Brust, tat einen schier endlosen Moment nichts, indem Draco einfach darauf wartete, eine Erklärung hierfür zu bekommen. Zwei Herzschläge lang spürte er Harrys Atem auf seinen Lippen, wusste dass das genau der Moment war, indem er irgendwie deutlich machen musste, dass es falsch war…
„Hast du getrunken?“, fragte er schließlich, leiser, als er klingen wollte.
„Ein wenig…“ Harrys Oberlippe streifte Dracos Unterlippe, als er sprach.
„Drogen?“
„Nein…“
Draco öffnete die Augen und lehnte sich mit dem Oberkörper weg von Harry. „Warum?“
„Ich vermisse Terry, ich wollt ihn aber nicht vergessen…“, antwortete Harry betrübt. Er senkte das Kinn und holte tief Luft. Ob seine Antwort Sinn machte, wusste Draco nicht.
„Ich bin aber nicht Terry“, sagte er.
Harry hob den Blick wieder, schmunzelte leicht. „Du bist auch nicht mein Vater.“
Die Augenbrauen zusammenziehend schnaubte Draco. „Aber du?“, zischte er.
„Remus zu Folge bin ich eher wie meine Mutter“, sagte Harry, bevor er die Stirn regelrecht nach vorne gegen Dracos Schulter schlug. Der Blonde spürte Tränen auf seiner Haut, wusste nicht, wie er reagieren sollte und tätschelte unbeholfen Harrys Rücken. „Sie sterben alle“, krächzte er und klammerte sich an Dracos Unterarmen fest. „Immer wenn ich… Scheiße, ich glaub, ich bin verflucht. Alle die ich liebe sterben oder haben unglaublich viel Pech. Ich bin Schuld, dass er tot ist… Ich hab doch gesagt, ich kann das nicht und…“
„Pscht“, machte Draco, streichelte vorsichtig über das schwarze Haar und seufzte. Diese Situation war unwirklicher, als sein ganzes Leben in der letzten Zeit. Hätte man ihm früher gesagt, dass er Potter mal trösten würde, dann wäre er schallendes Gelächter ausgebrochen. „Du kannst nichts dafür, dass Weasley einfach ein schlechter Hüter ist.“
Harry lachte heiser auf, wirklich fröhlich klang er natürlich nicht. Erst Recht nicht, als er sprach. „Wir haben uns gestritten. Gestern Abend. Ich wollte nicht, dass er weiter… diesen Job macht und hab gemeint, wenn er nichts findet, dann könnte ich da was für ihn regeln. Irgendwie… hat ihm das wohl nicht gefallen, dabei wollte ich nur… Das ist doch kein Leben! Ich wollte nur, dass es ihm gut geht… aber er hat gesagt, ich könne mir mein Mitleid in den Arsch schieben. Das brauche er nicht, genauso wenig wie meine… Almosen. Dabei ist Terry doch… Ich wollte nur…“ Potter sackte richtig zusammen und Draco hatte Mühe ihn auf den Beinen zu halten. Dass er das überhaupt tat, war wohl schon ein kleines Wunder. „Hab ihm ge-gesagt, wenn er’s sich überlegt, weiß er ja, wo er mich findet. Und jetzt… liegt er genau da, wo ich jeden morgen jogge. Das ist doch kein Zufall, Malfoy!“
Draco murmelte etwas Unverständliches, dass Potter interpretieren konnte, wie er wollte. Was, wenn es wirklich einfach ein tragischer Zufall gewesen war und Lucius nichts damit zu tun hatte, diesen Vorfall nur nutzen wollte, damit sein einziger Erbe sich ihm wieder zuwandte? Zuzutrauen wäre es ihm… Draco wusste es nicht. egal wie er es drehte und wendete… Viel zu viele unbekannte Variablen…
„Tut mir sehr Leid für dich, Harry“, sagte Draco nachdem Potters Schluchzen verebbt war. „Aber egal, ob es Terry jetzt gut oder schlecht geht, er hätte nicht gewollt, dass du dein Leben unnötig aufs Spiel setzt, weil du dich in irgendwas verrennst. Du kannst es vielleicht als Pech bezeichnen, dass so viele sterben, die du kennst, aber wenn du es von der positiven Seite betrachtest, dann lebst du immer noch. Ist das nicht Glück? Du kannst leben, damit die, die du liebst nicht in Vergessenheit geraten. Jemand ist erst tot, wenn man nicht mehr an ihn denkt.“
Potter schüttelte den Kopf, als könne er nicht verstehen, was Draco da von sich gab.
„Manchmal versteh ich euch Gryffindors nicht“, sagte Draco. „Ihr lebt und tretet das mit Füßen, weil ihr Verluste erlitten habt. Einfach darauf zu warten, dass ihr irgendwann wieder mit denen zusammen seid, die ihr vermisst, dass ist doch… Betrug! Ich meine, ich will nicht sterben und ich habe ebenfalls Menschen verloren und ja, ich habe sie gemocht, auch wenn es Slytherins und Todesser waren.“
Potter blieb still. Was in seinem Kopf vorgehen musste, wusste Draco nicht. Er war vielleicht gut in Okklumentik, aber Legilimentik lag ihm nicht. Auch wenn er es sich so manches Mal bei Sirius wünschte.
„Okay?“ Draco drückte den Schwarzhaarigen weg und starrte das Neon-Schild – Open, aber wofür open wusste Draco noch immer nicht – über Sirius‘ Arbeitsfläche an.
„Ich glaub, ich geh jetzt besser.“ Harry war leicht rosa um die Nase geworden, als ihm wohl endlich klar wurde, wie dämlich diese Situation war. „Man sieht sich.“ Ein paar Schritte zurücktaumelnd streckte Harry die Hand aus. Draco zögerte einen Moment. Ein Handschlag mit Harry Potter? Er hatte ein Déjà -Vu…
„Sorry.“ Draco schüttelte den Kopf, nicht Harrys Hand.
Verwirrt zog der Retter der Zaubererwelt die Augenbrauen zusammen, grinste schief und ließ die Hand sinken. „Aber umarmen geht?“
„Ich hab nur gehofft, dass Sirius reinkommt und sehr eifersüchtig wird“, behauptete Draco. „Jetzt hau endlich ab.“
Harry winkte ab und drehte sich um.
„Potter?“
„Hm?“
„Remus… Professor Lupin, ja?“
Harry nickte. „Was ist mit ihm?“
„Warum spricht er nicht mehr mit Sirius?“, wollte Draco wissen.
Sich herumdrehend schüttelte Harry den Kopf. „Sie reden miteinander. Aber mehr… aus Pflichtgefühl“, sagte er. „Ich weiß nicht, was da passiert ist. Viel mehr als Weihnachtskarten sind eben nicht drin, auch wenn sie sich beide ziemlich vermissen. Remus sieht ja seinen eigenen Sohn kaum.“
„Er hat einen Sohn?“, fragte Draco verwundert.
„Hat Snape dir das nie erzählt?“, wollte Potter skeptisch wissen.
Draco verdrehte. „Ey, so dicke sind wir auch nicht, ja?“
„Ich dachte… Er hat sonst nie jemanden beim Vornamen genannt, Draco.“
Errötend reckte Draco das Kinn. „Fick dich, Potter. Jetzt sag mir verdammt nochmal, wieso Werwölfe Kinder in die Welt setzen, ohne das ich was davon merke?“
„Weil du blond bist, vielleicht?“, schlug Harry schulterzuckend vor. Draco schenkte ihm einen bösen Blick. „Okay, hör zu. Remus hat 97 Sirius‘ Großcousine geheiratet. Kurz darauf ist sie schwanger geworden, Teddy kam auf die Welt und…“ Er senkte den Blick. „Sie ist tot. Nachdem der Krieg zu Ende war, ist Remus zurück nach Hogwarts gegangen um Verteidigung gegen die dunklen Künste zu unterrichten und somit genug Gold zu haben, damit er Teddy durchbringen kann. Der lebt bei Sirius‘ Cousine Andromeda.“
Dracos Augen weiteten sich. „Die Andromeda? Meine Tante?“ Merlin, da war ja was an ihm vorbeigegangen. „Das heißt, der kleine Werwolf ist mit mir…“ Er tippte sich gegen die Brust, wurde sich dadurch bewusst, dass er immer noch ziemlich nackt war und schnappte sich sein Hemd. „Äh… Mit mir verwandt? Mein Cousin?“
Potters grüne Augen weiteten sich. „Igitt… Sirius und du seid ja auch verwandt.“ Er würgte.
„Was auch immer… Mag Sirius kleine Kinder? Wie alt ist der? Fünf?“
„Vier“, sagte Harry und zückte seine Brieftasche. Stolz präsentierte er ein Foto von sich mit einem kleinen Jungen auf dem Schoß. Irgendein Zaubertrank musste schief gegangen sein, dass der Kleine so grässlich türkisfarbene Haare hatte. „Ich bin Patenonkel.“
Draco hob eine Augenbraue. Hatte er da schon den Grund, warum Remus und Sirius sich entfremdet hatten? Sirius war mit seinen Drogeneskapaden nun aber auch wirklich alles andere als geeignet sich um ein kleines Kind zu kümmern. Sollte Remus da einmal Klartext geredet haben, dann würde das einiges erklären, aber…
„Terry hat Kinder gemocht“, murmelte Potter vor sich hin. „Ich hätte ihm Teddy vorstellen können. Alleine schon die Ähnlichkeit ihrer Namen hätte sie beide zum Lachen gebracht.“
Draco überhörte den größten Teil von Potters Rede, als er sich sein Hemd über den Kopf zog. „Vernünftige Gesellschaft würde Sirius sicher gut tun“, sagte er und richtete sich die Haare.
Harry zuckte mit den Schultern. „Kann sein. Sirius ist und bleibt Sirius. Konzentrier dich lieber auf andere Dinge. Erst Recht, wenn er dich so behandelt“, sagte er. „Ich muss dann…“ Er winkte, steckte seine Geldbörse wieder weg und schlurfte aus der Wohnung. Draco schaute ihm einen Moment nach und packte schließlich Owly, die immer noch auf der Theke gesessen hatte. Vielleicht konnte er…
Vielleicht konnte erst einmal versuchen zu verarbeiten, dass Potter ihn angegraben hatte, dass Sirius verschwunden war und Terry nie wieder auftauchen würde…
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