
von Muggelchen
Mit Wobbel war Harry zunĂ€chst in die Winkelgasse zurĂŒckgegangen, um von dort aus wieder nach Hogwarts zu gelangen, doch gleich, nachdem beide einen FuĂ auf den Asphalt der magischen EinkaufsstraĂe gesetzt hatten, sagte Wobbel in beunruhigendem Tonfall: âMr. Potter, Sir? Es zĂ€hlt zu meiner Aufgabe, Sie darĂŒber zu informieren, dass Sie verfolgt werden!â
âVerfolgt, Wobbel?â, fragte Harry gespielt erstaunt. âVon wem?â
Wobbel schnippte einmal mit den Finger und erklĂ€rte dann: âJetzt kann er uns nicht mehr hören, Sir. Es ist ein Elf, Mr. Potter. Er ist getarnt und tauchte in dem Moment auf, als wir die Winkelgasse betreten haben.â
âUnd wenn er nur durch Zufall hier ist?â, fragte Harry naiv wirkend.
âAch, Mr. Potterâ, Wobbel schĂŒttelte den Kopf, âder andere Elf huscht um uns herum. Er ist Ihnen auf den Fersen â ganz sicher!â
Harry ĂŒberlegte einen Moment und fragte dann: âUnd jetzt kann er uns nicht mehr hören?â
âNein, man hat mich in der Abwehr sehr gut ausgebildet, Sir!â, erklĂ€rte Wobbel mit vor Stolz geschwellter Brust, so dass Harry erleichtert lachen musste.
UnbekĂŒmmert fragte er seinen Hauself: âSag mal, kannst du auch machen, dass er verschwindet? Also, dass er mir nicht mehr folgen kann und mich nicht mehr ausspionieren kann?â
âAber sicher, Sir! Soll ich es jetzt machen?â, fragte Wobbel, der schon Mittelfinger und Daumen zusammenfĂŒhrte, um den entsprechenden Zauber mit einem Fingerschnipsen durchzufĂŒhren.
Einen Moment zögerte Harry und er fragte: âEs wird ihm aber nicht wehtun oder?â
Wobbel schĂŒttelte beruhigend den Kopf und erklĂ€rte: âMein Zauber wird seinen Verfolgungszauber aufheben, Sir. AuĂerdem belege ich Sie auch gern mit einer anhaltenden Stillewolke, damit kein Wort an sein Ohr dringen kann. Wenn Sie wollen, kann ich das nur auf diesen Elf beschrĂ€nken oder auch auf alle Elfen anwenden. Na ja, auĂer mir vielleicht. Wie möchten Sie es haben, Sir?â
Es klang fast so, als hÀtte ein Kellner gefragt, wie er sein Steak gern hÀtte.
Harry lĂ€chelte und erklĂ€rte: âNur fĂŒr diesen Elf, Wobbel. Ich hab zwei Freunde unter den Elfen in Hogwarts. WĂ€re schade, wenn die mich nicht mehr verstehen könnten. Aber halt mich auf dem Laufenden, falls ein anderer Elf mich beschatten sollte!â
Wobbel nickte und schnippte mit den Fingern. Gleich danach bemerkte Harry, dass der spionierende Hauself ihn in der Menschenmenge auf der magischen EinkaufsstraĂe zu verlieren schien. Er konnte ihm nicht mehr einfach so hinterher gehen. Nachdem Harry appariert war und vor Hogwarts Toren stand, da war der Spion nicht hinterhergekommen â nur Wobbel stand neben ihm und sagte mit leuchtenden Augen und breitem Grinsen: âSehen Sie, Sir? Er kann nicht mehr folgen!â
In den Kerkern machte sich Severus weiterhin Gedanken ĂŒber die Pergamentrollen, die man aus seinem Geheimversteck entwendet hatte, doch seine SchĂŒlerin versuchte immer wieder, ihn aus seinen Ăberlegungen zu reiĂen.
Sie wandte sich an ihn und sagte freudestrahlend: âProfessor? Noch eine halbe Stunde und der Trank ist fertig.â
Severus lĂ€chelte, aber nur, weil sie sich wieder von ihm abgewandt hatte und es nicht sehen konnte. Der Trank mĂŒsste auch in der Praxis auf die Art wirken, wie Miss Granger es in der Theorie ausgearbeitet hatte, dachte er. Nach der Einnahme wĂŒrden die kleinen Magieteilchen, die Korpuskel, wie hunderttausende von GlĂŒhwĂŒrmchen anfangen zu leuchten und die Magie bereits im Ruhezustand wie eine Aura um den menschlichen Körper herum zum Glimmen bringen. WĂ€hrend der Anwendung von Magie, wenn zum Beispiel ein einfaches âWingardium Leviosaâ ausgefĂŒhrt werden wĂŒrde, wĂŒrden die Korpuskeln â je nach Zauber â möglicherweise sogar die Farben Ă€ndern, was natĂŒrlich ausfĂŒhrlich getestet werden mĂŒsste. Miss Granger hatte gestern erst wieder fröhlich enthusiastisch erlĂ€utert, dass man diesen Trank bei Squibs anwenden könnte, um zu sehen, auf welche Art deren Magie verkĂŒmmert wĂ€re beziehungsweise welche magischen FĂ€higkeiten bei ihnen durchaus vorhanden wĂ€ren und vielleicht sogar ausgebaut werden könnten.
âWenn der Trank fertig gestellt wurde, Miss Granger, dann erwarte ich, dass Sie ihn zu sich nehmenâ, sagte er nĂŒchtern, wĂ€hrend er sich Notizen zum Projekt machte.
âWie bitte?â, fragte sie erschrocken nach. âSie wollen, dass ich das an mir teste?â
Er blickte von seinen Unterlagen auf und erwiderte mit emotionsloser Miene: âAber natĂŒrlich! Es ist Ihre Theorie. Ich verstehe vollkommen, dass Sie auch die erste Person sein möchten, die am eigenen Leib die Probe aufs Exempel macht. Ich werde Ihnen diese Ehre natĂŒrlich nicht entreiĂen.â
Verdutzt und etwas aus der Bahn geworfen fragte sie besorgt: âAber Sir⊠Was ist, wenn ich mich damit vergifte?â
âDann, Miss Granger, können Sie von GlĂŒck reden, dass Sie keiner anderen Person Schaden zugefĂŒgt habenâ, erwiderte er mit der Andeutung eines frechen Grinsens auf den Lippen.
âProfessor Snape, ich habe keine Ambitionen, mein Leben so frĂŒh zu beenden. Ich will mich nicht vergiften undâŠâ
Er unterbrach sie mit erhobener Hand, wĂ€hrend er von seinem Schreibtisch aufstand und zu ihr hinĂŒberging.
âMiss Granger, keine Sorge. Ich habe sicherlich noch irgendwo einen Bezoar herumliegenâ, sagte er recht beilĂ€ufig, wĂ€hrend er sein hĂ€misches Grinsen nun nicht mehr verbergen konnte. Als sie nichts entgegnete, erklĂ€rte er: âWas meinen Sie wohl, wie die groĂen ZaubertrĂ€nkemeister und âmeisterinnen der Welt ihre Entdeckungen gemacht haben? Sicherlich nicht, indem sie einem Knuddelmuff die neuen TrĂ€nke eingeflösst haben. Ich erwarte von Ihnen als meine MeisterschĂŒlerin nicht nur, dass Sie sich dessen bewusst sind, sondern es auch in die Tat umsetzen. Beim Kochen probieren Sie zwischendurch doch auch oder etwa nicht?â
VerschĂ€mt antwortete sie: âIch kann gar nicht kochen.â Lediglich mit einer hochgezogene Augenbraue kommentierte er ihren Satz, bevor sie mit betroffener Stimme hinzufĂŒgte: âBarnaby Belby ist vor zwei Tagen verstorben. Er hat sichâŠâ
Er unterbrach erneut und beendete ihren Satz mit den Worten: ââŠdurch jahrelange Unachtsamkeit langsam vergiftet. Ja, das Schicksal des Apothekers und Alchimisten ist mir bekannt. Er hat viel zu spĂ€t SchutzmaĂnahen zur Vorbeugung ergriffen, doch er war sich im Nachhinein seiner Fehler bewusst. Sie, Miss Granger, wissen im Vorfeld, was auf Sie zukommen wird. Ihre Theorie ist vorbildlich ausgearbeitet. Sollten in der Praxis tatsĂ€chlich Ungereimtheiten auftreten, dann mit Sicherheit nur in so geringem MaĂe, dass Sie es nicht einmal bemerken wĂŒrden. Ich hege keinen Zweifel daran, dass der Trank genauso wirkt wie er wirken soll.â
âWarum trinken Sie dann nicht das Zeug?â, fragte sie eingeschnappt.
âZeug?â, wiederholte er ein wenig erbost. âDieser Trank ist nicht nur von den Zutaten her Ă€uĂerst wertvoll, meine liebe Miss Granger, sondern auch von der Wirkung, die er hervorrufen wird. Und um Ihre Frage mit Ihren eigenen Worten zu beantworten: Ich trinke mein âZeugâ und Sie das Ihre! Ich wĂŒrde Sie niemals dazu ĂŒberreden, etwas Gebrautes von mir zu sich zu nehmen, das ich nicht selbst schon an mir ausprobiert habe.â
Mit zusammengekniffenen Lippen schaute sie zu Boden und lieĂ sich die Situation durch den Kopf gehen. Das hier war ihr erstes, ernst zu nehmende Projekt: ein Trank, der auf ihren eigenen Ideen basierte; ein Mittel, das auch, wenn es denn wirken sollte, zur Diagnose von magischen VerĂ€nderungen eingesetzt werden könnte. Sie hatte â zumindest schon in der Theorie â einen Trank geschaffen, der sogar KrankenhĂ€usern von Nutzen sein könnte und somit auch vielen Zauberern und Hexen. Es wĂ€re nur richtig, ihn auch selbst zu testen. Doch Professor Snape war im Gegensatz zur ihr ein Meister in ZaubertrĂ€nken und dazu noch einer der besten. Wenn er etwas Neues zusammenbrauen wĂŒrde, dann hĂ€tte sie keine Bedenken in Bezug auf das Resultat, so dass sie, ohne dass er ihren GedankengĂ€ngen folgen konnte, einfach sagte: âIch wĂŒrde alles trinken, was Sie zusammenbrauen.â
Er starrte sie fĂŒr einen Moment lang an, bevor er das von ihr Gesagte so deutete, wie sie es gemeint haben musste, weshalb er entgegnete: âTrotz Ihres schmeichelhaften Kompliments mĂŒssen Sie sich darĂŒber im Klaren sein, dass Sie nicht Ihr Leben lang auf Testpersonen zurĂŒckgreifen können. Sie könnten es gar nicht mit Ihrem eigenen Gewissen vereinbaren, stĂ€ndig andere Menschen in potenzielle Gefahr zu bringen.â Er seufzte einmal, nachdem er bemerkt hatte, dass sie ihn noch immer nicht angesehen hatte, so dass er anbot: âMiss Granger, nur dieses eine Mal stelle ich mich Ihnen zur VerfĂŒgung. Wenn Sie es möchten, werde ich den Trank testen!â
Jetzt schaute sie ihn endlich an und zwar sehr verdutzt, bevor sie unglĂ€ubig fragte: âSie wĂŒrden es tatsĂ€chlich trinken?â
FĂŒr ihn klang es so, als wĂ€re sie von ihrem Trank nicht sehr ĂŒberzeugt, so dass er beteuerte: âNatĂŒrlich! In dem Trank ist keine einzige Zutat, die ernsthafte gesundheitliche SchĂ€digungen hervorrufen könnten. Auch die Wirkungen der Zutaten untereinander sind ungefĂ€hrlich. Es gibt fĂŒr mich keinen Grund, eine negative Reaktion zu befĂŒrchten.â
Severus bemerkte, wie sie sein Gesicht musterte, um womöglich nach einer LĂŒge zu suchen, doch er hatte ihr die reine Wahrheit gesagt. Er fĂŒrchtete den Trank an sich nicht und ging auch von keinen unangenehmen Nebenwirkungen aus. Es war ihm nur nicht ganz geheuert, welche Farben der Trank bei ihm ans Tageslicht bringen wĂŒrde. Das war das Einzige, was ihm wirklich Sorgen bereitete. Als sie ihm in die Augen blickte, fĂŒhlte er sich fĂŒr einen Moment wie paralysiert, doch ihre Stimme erweckte ihn wieder aus seiner Starre, als sie sagte: âNein nein, schon gut. Ich werde ihn testen.â
In ein Glas fĂŒllte Hermine fĂŒnfzig Milliliter ihres Trankes, wĂ€hrend sich Severus neben sie stellte und jeden ihrer Handgriffe beobachtete. Sie hielt sich das Glas unter die Nase und roch daran, bevor sie ihm erneut in die Augen blickte. Plötzlich fiel ihr etwas an ihrem Professor auf, das ihr neulich schon aufgefallen war, doch vor wenigen Tagen konnte sie nicht sagen, was es gewesen war, das ihn so anders erscheinen lieĂ.
Dieses Mal wusste sie es und sie sprach es unverblĂŒmt an: âSagen Sie, sind Ihre Augen heller geworden?â
Erschrocken weiteren sich seine Lider, bevor er wieder seine Maske zurechtrĂŒckte, auf seine Notizen starrte und erwiderte: âSie mĂŒssen sich irren. Das ist sicherlich nur das Licht hier unten.â
Sie gab nicht auf und forderte mutig: âSehen Sie mich nochmal an, bitte!â
WĂŒtend schnaubte er, bevor er â ohne sie anzublicken â grantig sagte: âWenn Sie die GĂŒte hĂ€tten, den Trank einzunehmen, damit wirâŠâ
âWas ist denn schon dabei, wenn Sie mich einmal ansehen?â, fragte sie hartnĂ€ckig.
In diesem Moment blickte er auf und seine Augen waren wieder dunkel, nahezu nachtschwarz, bevor er mit schmieriger Stimme verinnerlichte: âMeine Augen oder ihre Farbe gehen Sie ĂŒberhaupt nichts an, Miss Granger!â
Ihr Herz hatte einen Schlag ausgesetzt, weil er wieder so wĂŒtend schien wie damals, als er sie an seinem Denkarium hatte stehen sehen, doch bevor die Situation eskalieren konnte, klopfte es an der TĂŒr. Barsch bat der Professor den unverhofften Gast herein. Es war Harry undâŠ
âHi Severus, darf ich vorstellen? Das istâŠâ
Als Harrys Blick auf Hermine fiel, die so sauer dreinschaute, hielt er erschrocken inne. Sie wĂŒrde sicherlich böse auf ihn sein, weil er nun einen Hauself besaĂ. Seine Gedanken ĂŒberschlugen sich und er suchte nach einer ErklĂ€rung, die sich nur stotternd formte, so dass er auf Wobbel zeigte und abgehackt sagte: âHermine, das ist nicht⊠nicht so, wie du⊠Es tut mir Leid, ehrlich! Du weiĂt, dass ich B.ELF.ER immer ernst genommen habe, aber⊠Du musst mir glauben, Hermine!â
Sie rollte mit den Augen, bevor sie gleichgĂŒltig entgegnete: âKrieg dich mal wieder ein, Harry!â Sie schnaufte verachtend, nachdem sie flĂŒsternd hinzugefĂŒgt hatte: âVon wegen ernst genommen.â
âHarry, wie geht es Ihren Kopfschmerzen?â, fragte Severus mit hochgezogenen Mundwinkeln, was einem LĂ€cheln sehr, sehr nahe kam, denn er glaubte, die Antwort zu kennen.
Sein junger Kollege sagte erleichtert klingend und mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck: âIch habe keine Kopfschmerzen mehr, aber es sieht so aus, als hĂ€ttet ihr beide welche. Doch bevor ich euch davon erlöse, möchte ich eine Sache klarstellen!â Er holte tief Luft bevor er in den Raum hinein sagte, damit die beiden Elfen, die Severus und Hermine ausspionierten, es auch deutlich hören wĂŒrden: âWenn Professor Dumbledore wirklich glaubt, ich wĂ€re eine Gefahr fĂŒr diese Welt, weil ich möglicherweise ein neuer dunkler Lord werden könnte, dann möchte ich, dass er sich an mich wendet und mit mir persönlich ĂŒber diese Angelegenheit spricht!â
Gleich darauf blickte Harry verschmitzt lÀchelnd zu seinem Hauselfen hinunter und nickte ihm einmal zu. Wobbel schnippte locker mit den Fingern der rechten Hand und Harry sah, wie beide Elfen durch einen blauen Schutzwall, Àhnlich einer kleinen Schockwelle, aus dem Zimmer gedrÀngt wurden.
âSo, das wĂ€re erledigt!â, sagte Harry, bevor er tief durchatmete.
âSie sind wirklich weg?â, fragte Hermine angespannt.
Nach seinem Kopfnicken lieĂ sie ihre Schultern locker hĂ€ngen. Entspannung machte sich in ihr breit, doch nicht bei Severus, denn der sagte gleich darauf sehr ernst: âHarry, ich bin bestohlen worden und das, was man mir entwendet hat, könnte die Fronten zwischen Ihnen und Albus nur noch verhĂ€rten! Ich muss es wiederbekommen und ich muss wissen, wer es gelesen hat!â
In der âAbteilung fĂŒr magische UnfĂ€lle und Katastrophenâ wurde gerade die Post von Hauselfen verteilt. Mrs. Barmy-Bedlam ging wie ĂŒblich zunĂ€chst die EilantrĂ€ge durch, um gleich darauf die bereits wartenden Vergissmich fĂŒr den AuĂendienst einzuteilen und loszuschicken, um Muggel von ihren verstörenden Erinnerungen an laufende Bettpfannen, sprechende Spiegel oder rĂŒlpsende Blumenvasen zu befreien. Nachdem Mrs. Barmy-Bedlam die AuftrĂ€ge an die Angestellten verteilt hatte und diese sich auf den Weg gemacht hatten, widmete sie sich der restlichen Tagespost. Sie arbeitete seit ĂŒber drei Jahrzehnten in dieser Abteilung und war einiges gewohnt, doch heute brachte ein Brief sie völlig aus der Fassung. Sie las ihn wieder und wieder, doch sie konnte ihn weder bearbeiten noch einer anderen Abteilung zukommen lassen, so dass sie ihn zunĂ€chst beiseite legte.
Als Mrs. Barmy-Bedlam mit der Post und ihrer allgemeinen Arbeit fertig war, las sie nochmals den Brief, der sie die ganze Zeit ĂŒber beschĂ€ftigt hatte, denn darin stand:
âSehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Zaubereiministeriums,
ich reiche hiermit Beschwerde wegen eines Vergissmich-Zaubers ein, der in Ihrer Abteilung genehmigt und am 14.02.1978 an mir selbst angewendet worden war. Der Grund meiner Beschwerde ist, dass ich zu diesem Zeitpunkt erst acht Jahre alt war.
Die in dem Buch âGeschichte der Zaubereiâ angegebenen GesetzesauszĂŒge besagen ausdrĂŒcklich, dass vor der Anwendung eines Vergissmich-Zaubers an minderjĂ€hrigen Muggeln in jedem Fall individuell von einem Beirat entschieden werden muss, ob ĂŒberhaupt eine Gefahr fĂŒr die Zaubererwelt besteht und ob ein Vergissmich-Zauber eingesetzt werden darf.
DarĂŒber hinaus muss einer minderjĂ€hrigen Person vor der DurchfĂŒhrung eines Vergissmich-Zaubers ein Jugendvertreter Ihres Zaubereiministeriums zugewiesen werden, dessen Aufgabe darin besteht, im Vorfeld wie auch nach einem vollzogenen GedĂ€chtniszauber sich um die minderjĂ€hrige Person zu kĂŒmmern. Das alles war nicht der Fall, wie eine Zeugin es bestĂ€tigen kann.
Sie haben somit gegen § 132 des Muggelschutz-Gesetzes verstoĂen, welcher sich in Abs. 2 und 3 (Muggelabwehrzauber) ausfĂŒhrlich mit dem Umgang von MinderjĂ€hrigen befasst.
Mit freundlichen GrĂŒĂen,
Anne Adairâ
Mrs. Barmy-Bedlam ĂŒberlegte kurz und marschierte dann mit dem Brief zu einer Kollegin im gleichen Stockwerk, die beim âKomitee fĂŒr muggelgerechte Entschuldigungenâ arbeitete, doch auch die konnte mit der Beschwerde nichts anfangen, da der Fall schon 25 Jahre zurĂŒckliegen wĂŒrde und das Komitee lediglich die Aufgabe hatte, magische Geschehnisse, die man vor Muggeln nicht vertuschen konnte, mit unverdĂ€chtigen ErklĂ€rungen abzutun â dazu war es lĂ€ngst zu spĂ€t. Der Fall von Miss Adair behandelte ein anderes Gebiet.
Die Kollegin riet: âGeh doch mal zur Abteilung fĂŒr magische Strafverfolgung ins âBĂŒro gegen den Missbrauch der Magieâ. Vielleicht können die was damit anfangen.â
Mrs. Barmy-Bedlam stutzte einen Augenblick, bevor sie die Worte ihrer Kollegin begriffen hatte und erklĂ€rte dann erbost: âAber das wĂŒrde ja bedeuten, dass meine Abteilung sich des Missbrauchs der Magie strafbar gemacht hĂ€tte!â
Mit einer hochgezogenen Augenbraue kommentierte die Kollegin des Komitees diese Anmerkung, so dass Mrs. Barmy-Bedlam nervös ein Stockwerk tiefer in den zweiten marschierte und etwas gehemmt an die TĂŒr des Abteilungsleiters des âBĂŒros gegen den Missbrauch der Magieâ klopfte. Auch der studierte die Beschwerde von Miss Adair und sagte kopfschĂŒttelnd und vorwurfsvoll: âDa haben Sie Ihren Job wohl nicht richtig gemacht, wie? Es gab noch nie â wirklich nie â eine Beschwerde ĂŒber die Anwendung eines Vergissmich-Zaubers von der Person, an der der Zauber angewandt worden ist.â
Mrs. Barmy-Bedlam schaute verschĂ€mt zu Boden und fragte eingeschĂŒchtert: âHaben wir fĂŒr solche FĂ€lle eine Beschwerdeabteilung?â
Der Abteilungsleiter des âBĂŒros gegen den Missbrauch der Magieâ erklĂ€rte sarkastisch: âEs gab noch nie Beschwerden in dieser Hinsicht! Wie auch? Die Muggel sollten in der Regel nicht einmal mehr wissen, dass es etwas geben könnte, worĂŒber sie sich ĂŒberhaupt beschweren können!â Er war etwas lauter geworden, empfahl jedoch am Ende: âGehen Sie zu meiner stellvertretenden Vorgesetzten. Sie wissen, wo sich Miss Bonesâ BĂŒro befindet?â Mrs. Barmy-Bedlam nickte und ging den Gang hinunter, bis sie Miss Bonesâ Vorzimmerdame ihr Anliegen erklĂ€ren konnte.
In den Kerkern strĂ€ubte sich Severus, etwas ĂŒber den Inhalt der gestohlenen Pergamentrollen zu sagen, so dass Harry und Hermine sich keinen Reim daraus machen konnten, warum die Beziehung zwischen dem Direktor und Harry sich dadurch möglicherweise verschlechtern könnte.
âNa ja, vielleicht bekommt Albus ja in dieser Sekunde meine Nachricht ĂŒbermittelt und ich hoffe, dass wir morgen wĂ€hrend des FrĂŒhstĂŒcks einen kleinen GesprĂ€chstermin ausmachenâ, sagte Harry aufatmend.
Er wollte wirklich mit Albus reden und von dem Direktor persönlich hören, warum der so schlecht von ihm dachte. Es lag Harry weniger daran sich zu rechtfertigen, denn dass hatte er nicht nötig, doch er wollte die GrĂŒnde erfahren. Manchmal zweifelte Harry nĂ€mlich selbst. Arthur hatte es so schön auf den Punkt gebracht, indem er erklĂ€rt hatte, dass einige aus dem Orden ihrer eigenen Meinung nicht trauen wĂŒrden, weil es Dumbledore war, der das Gegenteil behauptete. NatĂŒrlich war es schwer, einem mĂ€chtigen angesehenen Zauberer wie ihm nicht zu glauben. HĂ€tte Albus frĂŒher einmal behauptet, Hermine wĂ€re eine bösartige Hexe, dann hĂ€tte Harry diese Aussage selbstverstĂ€ndlich auch fĂŒr bare MĂŒnze genommen â zumindest fĂŒr einen kurzen Augenblick.
Am Abend wollte Harry etwas Entspannen und so nahm er Siriusâ Einladung an, mit ihm zu Anne zu gehen, um sich von ihr bekochen zu lassen. Durch den Kamin flohten sie in den Pub âZum Tropfenden Kesselâ, um von ihm aus in die Muggelwelt zu gelangen.
In Annes Wohnung angelangt schlug ihnen gleich der wohlriechende Duft eines Zwiebelbratens entgegen, zu welchem sie Sauerkraut und Knödel reichen wĂŒrde.
Nachdem sie gegessen hatten, stellte Harry laut fest: âAlso das ist doch mal was anderes, als das Essen in Hogwarts!â Danach rieb er sich den vollen Bauch, bevor sie sich ins Wohnzimmer begaben und es sich auf Couch und Sessel gemĂŒtlich machten. Harry durfte Musik auswĂ€hlen und derweil wurde ihm bewusst, wie fremd ihm die Muggelwelt bereits geworden war. Viele Musikgruppen kannte er gar nicht mehr und so wĂ€hlte er einfach âDas weiĂe Albumâ von den Beatles, denn da konnte er seiner Meinung nach nichts falsch machen.
Irgendwann stellte Harry die Frage, warum der Bruder von Annes bester Freundin als Junge in Frankreich zur Zaubererschule gegangen war und Sirius, der die Geschichte von Anne erfahren hatte, machte den Anfang, indem er erklĂ€rte: âEr war wohl ein kleines Sprachgenie und konnte schon mit neun Jahren ganz gut Französisch. Aber mal nebenbei: Es ist es mir sowieso ein RĂ€tsel, wie das mit den Einladungen ĂŒberhaupt funktioniert. Ich meine, viele Kinder, besonders muggelstĂ€mmige, wissen ja nicht einmal, dass sie zaubern können. Trotzdem mĂŒssen sie ja irgendwo registriert sein, sonst könnten sie zu entsprechender Zeit doch keinen Brief bekommen.â
Anne erzĂ€hlte weiter: âBevor Frank ĂŒberhaupt wusste, dass er ein Zauberer ist, haben seine Eltern mit dem Direktor seiner Grundschule ausgemacht, dass er im nĂ€chsten Schuljahr als AustauschschĂŒler nach Frankreich gehen durfte und da bekam er auch schon den Brief von der Zaubererschule in Frankreich und nicht von Hogwarts. Die mĂŒssen irgendwie auf die Entscheidung von Franks Eltern RĂŒcksicht genommen haben. Frag mich nicht, wie das gehen soll⊠Kannst ja mal Dumbledore fragen, ob er da Licht ins Dunkel bringen kann. Interessant wĂ€re es schon, mal zu wissen, ob irgendwo eine Art âmagischer Karteikastenâ existiert, der von ganz allein die Namen von Neugeborenen notiert, die in elf Jahren einen Brief von einer Zaubererschule erhalten sollen.â
Ja, dachte Harry, die Ăberlegung hatte was. Dass man den Namen âHarry James Potterâ vorgemerkt hatte, war ihm klar, aber was war beispielsweise mit Hermine? Wusste sie schon frĂŒh, dass sie eine Hexe war oder lieĂen sich die MerkwĂŒrdigkeiten, die möglicherweise â wie bei ihm selbst â in ihrer nĂ€heren Umgebung geschehen waren, erst mit der Einladung der Zaubererschule erklĂ€ren?
âWas macht Frank jetzt?â, fragte Harry neugierig.
Anne schluckte einmal, bevor sie erklĂ€rte: âDer liegt auf dem Abney Park Cemetery. Beth hat mir neulich erst anvertraut, dass er im Krieg gefallen war â also in âeuremâ Krieg gegen diesen Wahnsinnigen.â
âVoldemortâ, murmelte Harry und Anne nickte daraufhin.
Etwas enttĂ€uscht klingend fĂŒgte Anne hinzu: âNachdem er gestorben war, hat Beth mir damals einfach erzĂ€hlt, ihr Bruder wĂ€re bei einem Autounfall ums Leben gekommen.â
Mit zusammengekniffenen Lippen nickte Harry, bevor er monoton entgegnete: âJa, das kommt mir bekannt vor.â
Unweigerlich kam das GesprÀch auf Annes Erlebnis mit den Vergissmich und Harry sowie Sirius stimmten erneut zu, dass es moralisch nicht vertretbar wÀre, bei Kindern solche Vergessenszauber anzuwenden.
Mit einem gehĂ€ssigen Funkeln in den Augen erzĂ€hlte Anne: âIch habe einen Beschwerdebrief an euer Ministerium geschickt!â
Hier fielen Harry beinahe die Augen raus, bevor er fragte: âWie denn das? Doch nicht mit der Muggelpost? Der arme PostboteâŠâ
Er sah vor seinem inneren Auge, wie ein Muggelpostbote in der Telefonzelle stand, die einen fĂŒr Muggel unerkannten Zugang zum Zaubereiministerium darstellte, und verzweifelt nach einem Briefkastenschlitz suchte.
âNein, natĂŒrlich nicht. Sirius hat meinen Brief per Eule weggeschickt. Bin mal gespannt, ob ich eine Antwort erhalten werde und wenn ja, wie man die wohl schicken wird. Ich ĂŒberlege mir jetzt schon, was ich meinen Nachbarn erzĂ€hlen soll, wenn bei mir plötzlich ein Vogel mit einem Brief am Bein ans Fenster klopftâ, erklĂ€rte sie belustigt.
Mit einem Male beschlich Harry ein ungutes GefĂŒhl und deswegen gab er seine Bedenken preis, indem er sagte: âAber nicht, dass die nachtrĂ€glich noch einmal herkommen undâŠâ
âNein, dĂŒrfen sie gar nicht!â, unterbrach ihn Sirius. âWeilâ, er kramte etwas aus seiner Hosentasche und hielt Anne gleich darauf eine kleine Schachtel unter die Nase, die er öffnete, âich Anne jetzt fragen werde, ob sie tatsĂ€chlich so verrĂŒckt ist â was ich innerlich bejahen möchte â und mich heiraten wĂŒrde!â
Sie grinste breit und schlug sich die HĂ€nde vor den Mund, bevor sie ein fiependes GerĂ€usch von sich gab, womit sie ihre Aufregung kundtat. Da sie immer noch nichts sagen konnte, sondern nur wie gebannt auf den Ring starrte, sagte Sirius noch mit einem fröhlichen Gesichtsausdruck: âDenn wenn ein Muggel mit einem Zauberer liiert ist, können die ĂŒberhaupt nichts machen!â
Nachdem Anne sich endlich â zu Siriusâ Erleichterung â Ă€uĂern konnte, steckte er ihr den Ring an den Finger und Harry war der Erste, der den beiden freudestrahlend gratulieren durfte. Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich, so dass Anne eine Flasche Perrie Jouet öffnete, einen Champagner, der wegen seiner kunstvoll mit Windröschen verzierten, handbemalten Flasche auch gern âFlower-Bottleâ, also âBlumenflascheâ genannt wurde und den sie, wie sie erzĂ€hlte, vor etlichen Jahren von einem Freund zur bestandenen FĂŒhrerscheinprĂŒfung geschenkt bekommen hatte.
Sirius war so frech und fragte Harry: âWie stehtâs mit Ginny? DemnĂ€chst etwas Ăhnliches vor, wieâŠâ Er hielt inne und nahm stattdessen Annes Hand, um Harry den Ring zu zeigen, woraufhin Harry nur grinsen musste.
âJa, ich denke, nach der Geburt wage ich diesen Schrittâ, entgegnete er breit lĂ€chelnd.
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Zurück zur Übersicht - Weiter zum nächsten Kapitel