von Jolie Black
Kapitel 34
Sirius und Tonks wechselten unwillkürlich einen fast panischen Blick, aber Lupin schien viel zu sehr in Gedanken, um es zu bemerken. Dann erhoben sich Mr und Mrs Weasley, um ihn zu begrüßen, Bill zog einen Stuhl für ihn heran, Ron und Hermine packten ihr Schreibzeug zusammen, und Tonks' und Sirius' betretenes Schweigen ging glücklicherweise in der allgemeinen Geschäftigkeit unter.
Lupin ließ sich auf den Stuhl fallen, gähnte, entschuldigte sich, und nahm dankbar den Kelch mit Kürbissaft entgegen, den Sirius vor ihm auf den Tisch stellte.
„Wann habt ihr Snape das letzte Mal gesehen?“ fragte er die anderen Ordensmitglieder ohne Einleitung.
Die jungen Weasleys lauschten mit angehaltenem Atem.
„Das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe, war spät am Freitagabend“, sagte Mrs Weasley. „Da kam er vorbei und hinterließ eine Nachricht für Moody. Aber ich habe keine Ahnung, worum es da ging. Weißt du etwas Näheres, Tonks? Hast du nicht in der Halle mit ihm gesprochen?“
„Oh, das habe ich”, sagte Tonks und grinste peinlich berührt. „Aber dieses Gespräch wollte ich eigentlich so schnell wie möglich wieder vergessen.“
„Wieso?“ fragte Bill neugierig. „Ihr habt doch nicht etwa über UTZ-Kurse in Zaubertränken gesprochen?“
„Doch, ich fürchte, das haben wir.“
„Aber er mochte deine Komplimente nicht?“ fragte Sirius unschuldig.
„ So weit sind wir gar nicht gekommen“, sagte Tonks düster. „ Ich habe natürlich gleich falsch angefangen. Ich habe ihn zuerst gefragt, ob er sich überhaupt an mich erinnert.“
„Und?“
Tonks lief rot an. „Und darauf sagte er, ?Natürlich erinnere ich mich, Sie sind die, die mich immer hinter meinem Rücken nachgeäfft hat, wenn Sie dachten, ich schaue in die andere Richtung.' Drehte sich um und stelzte davon. Ende der Durchsage.“
Bill und Sirius brachen in lautes Lachen aus. „Er ist aber auch so ein Mistkerl.“ Bill schüttelte hilflos den Kopf.
Lupin räusperte sich ungeduldig. „Aber seitdem hat keiner von euch ihn mehr gesehen, oder wenigstens von ihm gehört?“ wiederholte er seine anfängliche Frage ohne eine Spur von Humor.
„Hätten wir das sollen?“ fragte Arthur Weasley verwundert. „Ist etwas passiert?“
„Das würden wir gerne wissen”, sagte Lupin ernst. „Snape ist verschwunden.“
„Wen kümmert's?“ schnaubte Sirius.
„Moment mal.“ Arthur Weasley runzelte die Stirn. „Sollte Snape nicht - “
„Ich glaube, es ist höchste Zeit, dass ihr Kinder ins Bett geht”, unterbrach ihn Mrs Weasley. Sie stand auf und schaute auffordernd in die Runde.
Hermine nickte und schickte sich ins Unvermeidliche. Auch Ginny erhob sich, wenngleich zögerlich, vom Fußboden und nahm Krummbein auf den Arm, der sich ebenso ungern loszureißen schien wie sie. Ron dagegen blieb stur auf seinem Stuhl sitzen. „Das ist nicht fair”, murmelte er.
„Komm schon, Ron, wir schauen, was bei Fred und George los ist”, sagte seine Schwester, und es schien Sirius, als tauschten sie bei diesen Worten einen sehr vielsagenden Blick.
„Okay”, sagte Ron, urplötzlich überzeugt, und die drei trotteten aus der Küche.
Kaum waren sie fort, wandten sich die Ordensmitglieder augenblicklich wieder Lupin zu.
„Verschwunden?“ wiederholte Bill. „Aber wie das denn?“
„Keine Ahnung. Deswegen frage ich ja. Es scheint, als ob überhaupt niemand aus dem Orden ihn seit letztem Freitag gesehen oder von ihm gehört hat. Seitdem ist er wie vom Erdboden verschluckt.“
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihm Tonks' Komplimente so wenig gefallen haben“, sagte Sirius und probierte es mit einem Grinsen, das aber niemand teilen mochte.
„Das sind erst drei Tage”, sagte Arthur Weasley nachdenklich. „Es könnte immer noch ein Zufall sein, oder?“
„Unwahrscheinlich“, sagte Lupin düster. „Er sollte sich zurückmelden, sobald er konnte, und er hat es bis jetzt nicht getan. Dumbledore macht sich Sorgen, das ist nicht zu leugnen. Er glaubt nicht an Zufälle, in diesem Fall schon gar nicht.“
„Snape macht sich bestimmt nur einen Spaß daraus, uns allen einen gehörigen Schrecken einzujagen”, murmelte Sirius.
„Spaß“, erwiderte Lupin eisig. „ist vermutlich das letzte Wort für das, was Snape gerade tut.“
„Wenn es das ist, was er tut.“
„Was soll es denn sonst sein?“ fragte Arthur Weasley, aber die Frage blieb unbeantwortet im Raum stehen, und sie legte sich wie eine dunkle Wolke über die Anwesenden.
„Du denkst doch nicht - “ begann Bill.
„Ich würde es ihm zutrauen“, sagte Sirius.
„Das dürfen wir nicht”, widersprach ihm Arthur Weasley entschieden. „Wenn wir das tun, dann werden wir verrückt.“
Eine kurze Stille trat ein.
„Was ist denn mit der nächsten Versammlung am Zweiten?“ fragte Tonks von ihrem Platz auf dem Boden. „Findet die dann einfach ohne ihn statt?“
„Die ist bis auf weiteres vertagt”, sagte Lupin kurz angebunden.
„Aber wie - oh, was ist denn das?“ Tonks zeigte plötzlich zur Küchentür. Ein kleines, rosafarbenes Etwas schien durch den Spalt unter der Tür hereingekrochen zu sein. Es war ein kurzes Stück Schnur, das in etwas endete, das verdächtig wie ein Ohr aussah. Mrs Weasley gab ein aufgebrachtes Zischen von sich, durchquerte den Raum mit erstaunlicher Geschwindigkeit, riss die Tür auf und stapfte die Treppe hinauf, um die Ursache der Störung zu erkunden.
„Was war denn das?“ fragte Bill.
„Ich habe sie gewarnt“, gab Sirius mit einem Achselzucken zur Antwort.
Einen Augenblick später brach über ihren Köpfen die Hölle los. Mrs Weasley brüllte aus Leibeskräften, so wütend, dass ihre Stimme sogar die von Mrs Black übertönte, die sofort in das Höllenkonzert eingestimmt war und Mrs Weasleys Zornesausbruch nun eifrig um eine Auswahl ihrer abstrusesten Beleidigungen ergänzte. Beide Stimmen zusammen schallten mit einer solchen Macht durch das Haus, dass die Türen und Fensterläden klapperten.
Remus Lupin seufzte, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und hielt sich die Ohren zu.
„Bill“, sagte Mr Weasley, „sei doch so gut und mach die Tür zu.“
* * *
Die hässliche Szene, die auf Mrs Weasleys Entdeckung der Langziehohren folgte, warf einen dunklen Schatten über Harrys gesamten Geburtstag. Die Langziehohren, jedenfalls all die, die Mrs Weasley hatte finden können, waren auf dem Müll gelandet, aber sie waren nicht vergessen. Mrs Weasley warf ihren Kindern strafende Blicke zu, sobald sie ihr auch nur unter die Augen kamen, aber auch Sirius war bei ihr in Ungnade gefallen. Offensichtlich war sie überzeugt davon, dass Sirius mit ihren Kindern unter einer Decke gesteckt hatte, was den Lauschangriff betraf - oder dass er sie sogar dazu angestiftet hatte. Das allein hätte Sirius nicht wirklich gestört. Es war ja zumindest die halbe Wahrheit. Aber was ihm gar nicht gefiel, war, dass die jungen Weasleys offensichtlich genau das Gegenteil von ihm glaubten. Sie mieden ihn nicht so, wie sie ihrer Mutter aus dem Weg gingen, aber es schien ihm auch keiner von ihnen richtig in die Augen sehen zu wollen. Ob sie dachten, dass er sie bei ihrer Mutter verpetzt hatte, oder ob sie selbst ein schlechtes Gewissen hatten, ihr Versprechen ihm gegenüber gebrochen zu haben, bemühte Sirius sich nicht herauszufinden.
Selbst die Besuche von anderen Mitgliedern des Ordens vermochten die Stimmung nicht zu heben. Es gab noch immer keine Neuigkeiten von Snape, aber die Gespräche drehten sich selten um ein anderes Thema. Sie sprachen jetzt nur noch im Flüsterton davon, aber sie wiederholten immer wieder die gleichen Fragen, alle getrieben von der gleichen Sorge, und verloren sich, da sichere Antworten fehlten, in Spekulationen.
Eine dichte Wolke von Trübsinn hing über dem Grimmauldplatz, und es gab keine Anzeichen, dass sie bald weiterziehen würde. Im Gegenteil, Sirius schien es, als ob sie im Laufe der folgenden Tage noch schwärzer und schwerer wurde. Draußen war es jetzt sehr warm. Eine drückende Sommerhitze lastete auf dem Haus und auf allen seinen Bewohnern. Die Luft wurde immer stickiger, und der süßliche Geruch von Fäulnis wurde von Tag zu Tag stärker. Sie hielten die Vorhänge zum Schutz vor der unerbittlichen Sonne geschlossen, aber selbst unten in der Küche war es meist unerträglich warm, und die Nächte brachten kaum Erleichterung.
Sirius fühlte sich eingesperrter im Haus als je zuvor. Es war, als ob die Wände um ihn herum immer näher zusammenrückten, wie um ihn zu ersticken. Eine unerklärliche böse Vorahnung hatte von ihm Besitz ergriffen, die sich langsam aber sicher zu einer dumpfen Angst steigerte. Es fühlte sich an, als ob die Zeit selbst ihren Atem anhielt, als ob Tage und Nächte in einen einzigen unendlichen Augenblick zusammenflossen, zum Zerreißen gespannt.
Schließlich kam der Abend des zweiten August, und Sirius' Unruhe war so groß geworden, dass er kaum mehr auf seinem Stuhl in der Küche stillsitzen konnte, wo er, Remus Lupin, Alastor Moody und Kingsley Shacklebolt sich wieder einmal versammelt hatten, um auf eine Nachricht von Snape zu warten. Er wanderte im Raum auf und ab wie ein Tiger im Käfig, während seine drei Gefährten am leeren Kamin saßen und vor sich hin grübelten. Sirius legte bestimmt eine halbe Meile zurück und ignorierte dabei beharrlich Moodys genervte Blicke, bis ihm das Gelaufe selbst über wurde.
„Falls mich jemand sucht”, sagte er in den Raum hinein, „ich bringe Seidenschnabel sein Abendessen.“
Krummbein, zuverlässig wie immer, seitdem er den Grimmauldplatz Nummer zwölf zu seinen Jagdgründen gemacht hatte, hatte eine neue Handvoll Ratten für den Hippogreif erlegt. Die Hitze erlaubte es nicht, mit ihrer Verfütterung bis zum nächsten Morgen zu warten. Aber der vertraute Anblick, wie sich Seidenschnabel mit Klauen und Schnabel gierig über sein Futter hermachte, drehte Sirius heute den Magen um, und der süße Blutgeruch vertrieb ihn bald aus dem Zimmer, so dass ihm nichts anderes übrig blieb, als wieder zu seinen mürrischen Gefährten in die Küche zurückzukehren.
Aber dort war etwas geschehen. Irgend etwas war passiert. Sirius wusste es, noch bevor er ihre aufgeregten Stimmen die Treppe hinaufhallen hörte.
„Ist das sicher?“ hörte er Kingsley Shacklebolt fragen, als er die Treppe heruntergestürzt kam, drei Stufen auf einmal nehmend. „Kannst du was Genaueres herausfinden?“
Sirius blieb wie angewurzelt in der offenen Küchentür stehen. Seine Freunde hatten sich mit dem Rücken zu ihm um den Kamin versammelt und starrten in die grünlichen Flammen, die darin tanzten. Sirius konnte den Kopf, der dort sitzen musste, nicht sehen, aber erkannte sofort Arthur Weasleys Stimme, als er sprach.
„Ich versuche es”, sagte der atemlos. „Ich habe keine Ahnung, vielleicht ist es ja doch nur ein Gerücht… ein schlechter Scherz… vielleicht solltet ihr Sirius besser noch nichts davon erzählen…“
„Nichts wovon?“ fragte Sirius scharf.
Die drei Zauberer am Kamin fuhren zu ihm herum und rückten augenblicklich näher zusammen, wie um das Feuer zu verdecken. Es tat einen kleinen Plopp, der nur bedeuten konnte, dass Mr Weasley wieder verschwunden war.
„Was solltet ihr mir besser nicht erzählen?“ wiederholte Sirius ungeduldig. „Was ist denn passiert?“ Er schaute zuerst zu Moody, dessen Gesicht eine undurchdringliche Maske war, dann zu Kingsley, der sehr wenig überzeugend mit den Schultern zuckte, und schließlich zu Lupin.
„Nichts”, sagte Lupin, aber es wollte ihm nicht gelingen, Sirius' Blick zu erwidern. Sirius konnte förmlich dabei zusehen, wie sein Freund mit sich kämpfte. Und er verstand.
„Es ist etwas mit Harry, oder?“ fragte er heiser, und er spürte, wie sich sein Magen schmerzhaft zusammenkrampfte.
Lupin schüttelte den Kopf, aber er mied noch immer Sirius' Blick. Sirius machte einen Schritt auf ihn zu.
„Na gut”, platzte Moody heraus. „Sirius, wir haben gerade eine Nachricht aus dem Ministerium bekommen. Harry hat gezaubert, und sie haben ihn aus Hogwarts rausgeworfen.“
* * *
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