von Jolie Black
Kapitel 33
Sie hatten sich kaum am Küchentisch zum Essen niedergelassen, als die Haustür sich wieder öffnete.
„Das muss Dad sein!“ rief Ginny.
Sie lauschten den Schritten, die über ihren Köpfen die Halle durchquerten. Dann tat es plötzlich einen dumpfen Schlag, und jemand unterdrückte einen Fluch.
„Nein, das ist Tonks“, sagte Sirius.
„Wer ist Tonks?“ fragte Ron neugierig.
„Ein Auror.“
Die Gesichter der jungen Weasleys nahmen augenblicklich einen Ausdruck tiefster Ehrfurcht an.
“Wartet's ab“, sagte Sirius, und zu seinem großen Vergnügen verfehlte Tonks' Auftritt seine Wirkung nicht. Fünf Kinnladen fielen fast bis zum Boden herab, als sich die Tür öffnete und der Auror hereinschaute. Tonks sah wieder einmal wie das genaue Gegenteil von dem aus, was sich ein durchschnittlicher Zauberer unter einem Ehrfurcht gebietenden Jäger schwarzer Magier vorstellte. Sie trug wieder ihre ausgeblichenen Jeans und das Quidditch-T-Shirt, und ihre Haare, die ihr wild in alle Richtungen vom Kopf abstanden, waren schreiend pink.
„Hi ihr!“ rief sie fröhlich von der Tür aus. „Will euch gar nicht lange stören! Wollte nur schnell - “
„Komm doch herein, Tonks“, lud Mrs Weasley sie freundlich ein.
Tonks schloss die Tür hinter sich und kam zum Esstisch herüber. Fünf Paar weit aufgerissener Augen folgten jeder ihrer Bewegungen.
„Was gibt's Neues?“
„Möchtest du mit uns essen?“
„Sie sind ein Auror?“
Sirius, Mrs Weasley und Ron hatten alle zur gleichen Zeit gesprochen.
„Du darfst dich auch erstmal setzen”, sagte Bill und zog einen Stuhl für sie heran.
Tonks nickte ihm dankbar zu. „Neuigkeiten zuerst. Molly, Arthur lässt ausrichten, dass er heute erst spät zurückkommt. Wir haben die Wachdienste jetzt auf Acht-Stunden-Schichten umgestellt, also kann er erst - “
„Tonks!“ unterbrach Mrs Weasley sie mit einem unbehaglichen Blick in Richtung ihrer Kinder.
„Oh - tut mir leid.“ Tonks wurde rot.
„Was für ein Wachdienst?“ fragte George eifrig. „Die Auroren bewachen also etwas?“
„Aber ja“, sagte Tonks ernst. „Geheimnisse.“
Die jungen Weasleys sahen sehr enttäuscht aus.
„Aber unser Dad ist doch gar kein Auror“, bemerkte Ginny scharfsinnig.
Mrs Weasley runzelte die Stirn. „Würdest du bitte so nett sein und einen extra Teller und Kelch für Tonks holen, Ginny?“ forderte sie ihre Tochter in fast drohendem Ton auf. Ginny zog eine Grimasse, aber sie stand auf und tat wie geheißen.
„Ist Tonks Ihr richtiger Name?“ fragte Hermine neugierig.
Sirius und Bill grinsten sich über den Tisch hinweg an.
„Nein, in Wirklichkeit heißt sie - “ begann Bill.
„Seid still, ihr zwei.“
„Sie heißt in Wirklichkeit Nymphadora“, sagte Sirius, ohne auf Tonks' Protest zu achten. „Und wie ihr seht, hört sie diesen Namen wirklich gern.“
„Warum denn nicht?“ fragte Ginny und stellte einen Teller und einen Silberkelch vor Tonks auf den Tisch. „Nymphadora ist doch ein schöner Name.“
„Aber nicht für mich“, sagte Tonks mürrisch.
„Ist er wohl“, beharrte Ginny. „Ich nenne Sie Nymphadora.“
„Wenn du das tust, dann nenne ich dich Ginevra“, drohte Tonks. „Würde dir das vielleicht gefallen?“
Aber darauf schüttelte Ginny nur hastig den Kopf, geradezu entsetzt von der Vorstellung, und erhob keine Einwände mehr.
Einen Augenblick später war die Namensfrage vergessen. Fred, George und Ron hatten Tonks komplett in Beschlag genommen und bombardierten sie in solch einem Tempo mit Hunderten von Fragen über ihre Arbeit, dass sie kaum zum Antworten kam, geschweige denn zum Essen.
„Gütiger Himmel“, sagte Bill über das aufgeregte Geplapper hinweg zu seiner Mutter. „Meinst du nicht auch, dass es eine weise Entscheidung war, mich von dem Beruf fernzuhalten?“
„Oh, richtig“, sagte Hermine. „Bill, warum bist denn du nicht Auror geworden? Bei deinen UTZ-Ergebnissen hat dich das Ministerium doch vermutlich darum angefleht, dich zu bewerben?“
„Gringotts zahlte besser“, grinste Bill.
* * *
Diese gemeinsamen Abendessen wurden bald zur Tradition am Grimmauldplatz Nummer zwölf. Mehr als einmal in der folgenden Woche schauten Mitglieder des Ordens auf dem Hin- oder Rückweg vom Ministerium dort vorbei, und sie wurden immer herzlich eingeladen, zum Essen zu bleiben. Am Ende der Woche war immer noch nichts geschehen, was auf einen bevorstehenden Angriff der Todesser auf das Ministerium hinwies, wie ihn Dumbledore befürchtet hatte, und Moody verkündete, dass eine Person zur Zeit von jetzt an für den Wachdienst ausreichen würde.
Remus Lupin verbrachte jetzt wieder mehr Zeit am Grimmauldplatz, und er fand immer einen Augenblick, bei Hermine in der Bibliothek vorbeizuschauen und mit ihr die seltsamen magischen Phänomene zu diskutieren, die ihr in den Büchern dort begegneten.
Auch Tonks tauchte regelmäßig auf und half hin und wieder Sirius und den jungen Weasleys dabei, das Haus zu entrümpeln - eine Aufgabe, die immer noch längst nicht bewältigt war. Nachdem Hermine aus ihrem täglich wechselnden Aussehen geschlossen hatte, dass Tonks ein Metamorphmagus sein musste, war sie zum Abendessen noch willkommener als vorher. Sie zeichnete jetzt regelmäßig für das abendliche Unterhaltungsprogramm verantwortlich und ließ sich geduldig verrückte Nasen und wilde Frisuren wachsen, um die anderen zum Lachen zu bringen.
Mrs Weasley schien nicht wirklich glücklich darüber, dass ihre Kinder so viel mit dem Orden in Kontakt kamen, aber sie protestierte auch nicht. Sirius vermutete, dass sie es hauptsächlich ihm zuliebe duldete, wo ihm Gesellschaft doch so viel bedeutete. Im Gegenzug achtete er dafür sehr darauf, dass die jungen Leute nicht allzu oft in Versuchung gerieten, ihr Versprechen gegenüber Albus Dumbledore zu brechen.
„Nein, könnt ihr nicht”, sagte er zu Ron und Hermine, als sie ihn zum hundertsten Mal in dieser Woche fragten, ob sie Harry nicht wenigstens ganz allgemein schreiben durften, dass sie nicht mehr zu Hause im Fuchsbau waren, sondern jetzt nach Leibeskräften den Leuten halfen, die daran arbeiteten, Du-weißt-schon-wen aufzuhalten.
Sie saßen einander gegenüber am Ende des Küchentisches, Ron und Hermine auf der einen und Sirius auf der anderen Seite. Sirius und Hermine hatten beide ein Stück Pergament vor sich liegen, und sie waren gerade dabei, ihre Geburtstagsgrüße an Harry zu schreiben. Sie gaben sich dabei äußerste Mühe, dass nichts in ihren Briefen Harry verraten konnte, dass sie sich beim Schreiben praktisch gegenseitig über die Schulter schauten. Sirius schüttelte mehr als einmal den Kopf darüber, wie absurd sich das anfühlte.
Bill und seine Eltern hatten sich am anderen Ende des Tisches niedergelassen. Bill und Mr Weasley lasen jeder ein Teil des Tagespropheten, und Mrs Weasley stopfte Strümpfe. Tonks und Ginny saßen im Schneidersitz auf dem Fußboden vor dem Kaminfeuer. Sie hatten eine alte, zum Stopfen schon viel zu zerrissene Socke zu einem Ball zusammengerollt und warfen sie sich gegenseitig zu, während Krummbein in der Mitte versuchte, sie zu fangen.
„Oh, schon gut“, seufzte Hermine. „Armer Harry, ich bin es wirklich leid, ihm jedes Mal nur zur schreiben, dass wir nichts schreiben können!“
„Da geht's mir doch nicht anders“, brummte Sirius und überflog seinen Brief, der genau so vage und nichtssagend war wie die vorherigen.
„Schreib, dass Harry bald zu uns kommen kann“, ordnete Ron an, und Hermine nickte und griff wieder zur Feder. „Kann er doch, oder, Mum?“ fragte Ron seine Mutter, auch zum hundertsten Mal in dieser Woche. „Dumbledore meinte doch, er könne im August zu uns in den Fuchsbau kommen, warum dann nicht hierher?“
Mrs Weasley schaute von ihrer Handarbeit auf und schüttelte den Kopf. „Weil das hier eben nicht der Fuchsbau ist, Ron“, sagte sie entschieden. „Dies hier ist nicht der richtige Ort für Harry.“
„Eigentlich“, sagte Sirius recht laut, „denke ich, dass es für Harry gerade jetzt der einzig richtige Ort wäre. Wenn irgend jemand zum Orden gehören sollte, dann er, nach allem, was er geleistet hat.“
„Sirius“, sagte Mrs Weasley müde, „Harry ist erst vierzehn, Harry gehört zu seiner Familie.“
Sirius schnaubte. „Die sind nicht seine Familie. Mit denen ist er nur verwandt. Frag Harry doch, wen er als seine wirkliche Familie ansieht.“
„Du weißt ganz genau, dass dies alles sehr wenig damit zu tun hat, was Harry darüber denkt.“
„Ja, eben, genau das ist das Problem“, beharrte Sirius trotzig. „Keinen von euch kümmert es, keiner von euch hat auch nur die geringste Ahnung, was Harry wirklich denkt, und wie er sich gerade fühlen muss.“
„Ach, aber du weißt es so genau?“ fragte Mrs Weasley spitz zurück und schüttelte die Hand ab, die ihr Mann beruhigend auf ihren Arm gelegt hatte.
„Ich kann mich wenigstens in seine Situation versetzen. Glaub mir, das fällt mir nicht besonders schwer.“
Ron und Hermine tauschten einen betretenen Blick. Tonks und Ginny hatten ihr Spiel unterbrochen und achteten nicht auf Krummbein, der sie anbettelte, weiter zu machen.
„Sirius, Harry wird bestimmt nicht herkommen wollen, nur damit du dich besser fühlst“, sagte Mrs Weasley scharf.
Sirius lachte auf und warf seine Feder auf den Tisch. „Damit ich mich besser fühle? Ich? Ich will, dass Harry glücklich ist!“
„Es geht nicht darum, glücklich zu sein, sondern am Leben zu bleiben“, sagte Mr Weasley leise.
Eine unangenehme Stille trat ein. Dann hob Sirius die Feder auf, unterzeichnete seinen fertigen Brief mit so kräftigen Strichen, dass er fast das Pergament zerfetzte, ließ die Feder wieder fallen und wandte sich demonstrativ von den anderen weg zum Feuer.
Tonks und Ginny kehrten langsam zu ihrem Ballspiel zurück, Bill und sein Vater wandten sich wieder ihrer Zeitung zu, und Mrs Weasley widmete sich wieder ihren Socken.
„Mrs Weasley?“ begann Hermine schüchtern nach einem Augenblick. „Ich wollte fragen, darf ich denn auch nach dem sechsten August noch hier bleiben?“
„Was ist denn am sechsten August?“ fragte Bill.
„Das ist der Tag, an dem meine Eltern aus Amerika zurückkommen“, erklärte Hermine. „Ich sollte dann eigentlich wieder nach Hause und Mr und Mrs Weasley nicht mehr zur Last fallen, aber jetzt möchte ich wirklich nicht weg von hier.“
„Oh, du fällst uns doch nicht zur Last, Liebes“, sagte Mrs Weasley freundlich. „Aber bist du sicher, dass deine Eltern damit einverstanden sind, dass du den ganzen Sommer bei uns verbringst?“
„Ich schreibe ihnen gleich und frage“, sagte Hermine schnell. „Ich bin sicher, sie haben nichts dagegen.“
„Deine Eltern lassen dich echt dein eigenes Leben leben, oder?“ staunte Tonks. „Was erzählst du ihnen denn, was du die ganze Zeit machst?“
„Nichts vom Orden natürlich“, sagte Hermine eilig und wurde rot. „Aber selbst wenn ich das tun würde, würden sie es nicht verstehen. Sie wissen nicht viel von unserer Welt. Sie sind Muggel, weißt du.“
„Oh, ich nehme an, das macht die Sache deutlich einfacher.“ Tonks klang jetzt geradezu neidisch. „Ich wünschte, meine Mum würde das genau so locker nehmen. Sie hat sich gerade erst wieder bitter beklagt, dass sie in letzter Zeit so wenig von ihrer vielbeschäftigen Tochter sieht. Mit so was muss ich mich zu Hause herumschlagen, und ich bin immerhin fast doppelt so alt wie du, Hermine.“
„Und was erzählst du Andromeda dann?“ fragte Sirius Tonks und vergaß ganz, dass er eigentlich beschlossen hatte, nicht zuzuhören.
„Dass ich einen neuen Freund habe“, sagte Tonks leichthin.
Der ganze Raum brach in Gelächter aus.
„Na, ein exzellenter Vorwand!“ rief Mr Weasley.
„Vorwand?“ fragte Bill neugierig.
Tonks warf Sirius einen schnellen Blick zu. „Na gut“, sagte sie. „Mehr als ein Vorwand.“
„Und weiß dein neuer Freund schon von seinem Glück?“ fragte Sirius beiläufig.
„Ich glaube noch nicht“, antwortete Tonks mit einem geheimnisvollen kleinen Lächeln. „Er braucht noch ein bisschen Zeit.“
Bill blickte von Tonks zu Sirius und wieder zu Tonks und runzelte die Stirn. „Es ist doch nicht Sirius, oder?“ fragte er, sichtlich bemüht, ein breites Grinsen zu unterdrücken.
Tonks gab keine Antwort darauf, aber ihre Augen, die heute das strahlende Blau des Sommerhimmels spiegelten, funkelten vor heimlichem Glück.
In diesem Moment war Sirius sich sicher, dass er die Wahrheit kannte. Aber er fand es schwer zu entscheiden, ob er lachen oder weinen sollte.
„Nein, es ist nicht Sirius“, sagte er schicksalsergeben. „Sirius ist bis in alle Ewigkeit dazu verdammt, niemals etwas anderes zu sein als Trauzeuge.“
„Heiratet jemand?“ fragte Remus Lupins Stimme von der Tür.
* * *
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Zurück zur Übersicht - Weiter zum nächsten Kapitel