von Jolie Black
Kapitel 28
Die Küche summte wie ein Bienenstock, als Sirius und Dumbledore eintrafen. Die Aufmerksamkeit aller Anwesenden war auf die Gruppe der Auroren gerichtet. Die anderen Ordensmitglieder umringten sie und bombardierten sie mit Fragen, und Kingsley Shacklebolt machte sich unbeliebt, weil er sich weigerte zu antworten, bevor die Versammlung offiziell begonnen hatte. Als Dumbledore eintrat, sah Shacklebolt entsprechend erleichtert aus.
“Guten Abend”, begrüßte Dumbledore sie alle mit seiner ruhigen Stimme, die aber denoch den ganzen Raum ausfüllte. Die Gruppe der Hexen und Zauberer um die Auroren löste sich auf, und sie begannen, sich um den großen Tisch herum niederzulassen. Das aufgeregte Gemurmel wollte gleichwohl nicht verstummen.
“Liebe Freunde”, eröffnete Dumbledore am Kopfende des Tisches die Versammlung. “Ich habe euch alle zusammengerufen, weil der Phönixorden eurer Hilfe bedarf, und zwar dringend. Die Dinge kommen in Bewegung.” Sein Blick glitt über den versammelten Orden hinweg, und langsam trat Stille ein.
Sirius hatte auf dem letzten freien Stuhl zwischen Bill Weasley und Sturgis Podmore Platz genommen und schaute sich nach seinen Freunden um. Kingsley Shacklebolt stand neben Dumbledore, noch immer die Aktentasche in der Hand. Moody hatte sich auf Dumbledores anderer Seite niedergelassen. Sein Bowler lag vor ihm auf dem Tisch. Tonks saß ein paar Plätze weiter hinten in der Reihe, und neben ihr, ganz am Fußende des Tisches, entdeckte Sirius schließlich Remus Lupin. Sirius versuchte, einen Blick von ihm aufzufangen, aber Lupin schaut überhaupt nirgendwo hin. Er hatte seinen Blick auf die Tischplatte vor ihm gesenkt, und sein schmales Gesicht war so bleich und angestrengt wie das von Tonks am Tag zuvor. Tonks selbst schien dagegen heute wieder sehr viel wacher. Sie lächelte Sirius flüchtig zu, als sich ihre Blicke trafen.
“Der Grund, weshalb der Orden eurer Hilfe bedarf”, sagte Dumbledore, “ist, dass Voldemort - “ Ein Schaudern ging durch den Raum, als der Name fiel. “ - anscheinend seinen ersten großen Schlag plant. Unglücklicherweise wissen wir noch nicht, welche Maßnahmen er genau ergreifen wird, und wann. Aber wir wissen, wo er zuschlagen wird. Sein Ziel ist das Zaubereiministerium.”
Ein erschrockenes Raunen von allen, die davon noch nicht gehört hatten, lief durch den Raum. Nur Mundungus Fletcher, der in seinen Mantel gewickelt in einer Ecke hockte, gab ein sehr zufriedenes Grunzen von sich. “Geschieht den Deppen ganz recht.”
Dumbledore hob beschwichtigtend die Hand. “Ein Schlag gegen das Ministerium ist ein Schlag gegen das Herz der gesamten magischen Gemeinschaft”, sagte er mit Nachdruck. “Und zwar unabhängig davon, wer gerade den Posten des Ministers bekleidet, und unabhängig davon, wie sehr oder wie wenig wir mit der gegenwärtigen Haltung des Ministeriums in Bezug auf die Rückkehr Voldemorts übereinstimmen, Mundungus. Wir können so etwas nicht zulassen.”
“Du-weißt-schon-wer will das Ministerium angreifen?”fragte Elphias Doge ungläubig. “Wäre das nicht ein bisschen gewagt? Verfrüht? Überstürzt?”
“Das wäre es in der Tat”, antwortete Dumbledore. “Ich erwarte daher auch keinen Überfall mit einer Streitmacht im Rücken. Ich nannte es einen Schlag, aber ich spreche nicht von offenem Kampf. Nein, Voldemorts Pläne sind vielmehr auf etwas gerichtet, das das Ministerium “Einmischung” nennen würde, wenn ich es wäre, der dahinter steckt.” Dumbledores Gesicht verfinsterte sich. “Er versucht über seine Mittelsmänner, die Kontrolle über Fudges Entscheidungen bezüglich einer ganz bestimmten Angelegenheit zu erlangen.”
“Und um welche Angelegenheit handelt es sich da genau?” frage Dädalus Diggel höflich.
“Die Reform der Organisationsstruktur der Ministeriumsabteilungen”, gab Dumbledore zurück.
Seine Zuhörerschaft, jedenfalls alle außer Minerva McGonagall und Severus Snape, runzelte bei diesen Worten die Stirn.
“Und das ist die drohende Gefahr, die wir abwenden sollen?” Elphias Doge war sichtlich irritiert. “Nichts weiter als eine Änderung in der Organisationsstruktur der Ministeriumsabteilungen?”
“Wenn du mich freundlicherweise ausreden ließest, Elphias”, erwiderte Dumbledore mit einem ungeduldigen Unterton in seiner Stimme, “dann könnte ich euch in Ruhe erklären, welche Gefahr ich darin sehe. Nun denn, die Reform der Organisationsstruktur der Ministeriumsabteilungen ist ein Thema, das in den vergangenen Jahren schon sehr häufig diskutiert wurde. Natürlich, wie immer bei Diskussionen dieser Art, nie mit einem greifbaren praktischen Ergebnis. Der Minister hat die Debatte offensichtlich jetzt wieder eröffnet. Aber dieses Mal läuft sie in ganz anderen Bahnen als gewöhnlich, und zwar in zweierlei Hinsicht. Erstens schließt die Diskussion dieses Mal den Sonderstatus der Mysteriumsabteilung ein, der - soweit ich mich erinnern kann - in den über hundert Jahren des Bestehens der Abteilung noch nie in Frage gestellt worden ist.“
“Was für ein Sonderstatus ist das genau?” fragte Hestia Jones neugierig.
Dumbledore erteilte mit einem Kopfnicken Kingsley Shacklebolt das Wort.
“Die Tätigkeit der Mysteriumsabteilung wird nach außen hin strikt geheimgehalten”, erklärte der Auror. “Den Mitarbeitern der Abteilung ist es nicht gestattet, darüber zu sprechen, und sie tun es auch nicht. Sie veröffentlichen nie die Ergebnisse oder auch nur den Gegenstand ihrer Forschungen. Infolge dessen ist die Abteilung dem Rest des Ministeriums gegenüber nicht rechenschaftspflichtig. Die Magische Strafverfolgung darf keine Kontrolle über sie ausüben. Sogar der Minister selbst hat keinen Einfluss darauf, was für eine Arbeit dort stattfindet. Seine Befugnisse beschränken sich auf die Ernennung der Mitarbeiter der Abteilung und andere Formalitäten.”
“Und das beabsichtigt der Minister mit dieser Reform zu ändern?” fragte Dädalus Diggel.
“Aber es ist doch auch komisch”, sagte Bill Weasley kopfschüttelnd. “Man sollte meinen, das wäre gar keine so schlechte Idee, wenn man endlich mal rausfindet, was die so treiben. Vielleicht tun die ja was Gefährliches, oder Illegales, oder verschwenden einfach nur öffentliche Gelder.”
“So gesehen hast du ganz recht, Bill” stimmte Dumbledore zu, “aber hinter dieser Angelegenheit steckt mehr, als man auf den ersten Blick meinen sollte. Ich glaube nicht, dass es ein Zufall ist, dass das Ministerium ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt veranlasst werden soll, den Status der Mysteriumsabteilung zu verändern.”
“Wer will das denn veranlassen?” fragte Dädalus Diggel, dem die Formulierung nicht entgangen war.
“Das ist die zweite Besonderheit in dieser Angelegenheit”, antwortete Dumbledore. “Es scheint nämlich nicht Fudges eigene Idee gewesen zu sein, oder die seiner Abteilungsleiter. Fudge hat sie sich offenbar von einem externen Berater einreden lassen, und das ist es, was mich beunruhigt.”
“Ein externer Berater?” wiederholte Diggel verwundert. “Aber das allein ist doch wohl kein Grund zur Sorge? Sie selbst, Albus - “
“Ich weiß, ich war selbst in der Vergangenheit für den Minister beratend tätig. Und das ist für sich genommen selbstverständlich normal und vollkommen unbedenklich. Aber ihr werdet mir zustimmen, dass es nicht länger unbedenklich und schon gar kein bloßer Zufall mehr sein kann, wenn dieser externe Berater auf den Namen Lucius Malfoy hört.”
Wieder ging ein Raunen durch den Raum.
“Ich sehe, dass allein dieser Name genügt, um euch alle misstrauisch zu machen”, bemerkte Dumbledore, “und das mit Recht. Dieser Name ist der Schlüssel dazu, was oder vielmehr wer wirklich hinter dieser Angelegenheit steckt, so harmlos sie sonst erscheinen mag. Es war Lucius Malfoy, der Fudge dazu gebracht hat, den Status der Mysteriumsabteilung überprüfen. Es ist Lucius Malfoy, der ihn drängt, die Abteilung unter die vollständige Kontrolle des Ministeriums zu bringen und ihre Geheimnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und es ist wohl nicht schwer zu erraten, wer dabei - mittelbar oder unmittelbar - hinter den Kulissen die Fäden zieht. Lucius Malfoy ist wieder einmal nichts anderes als eine Marionette.”
Eine betretene Stille trat ein.
“Woher weißt du das alles?” fragte Sturgis Podmore schließlich. Mehrere Köpfe nickten, wie um sich der Frage anzuschließen.
Dumbledore seufzte. “Ich habe es von beiden Seiten bestätigt bekommen. Und für den Augenblick, fürchte ich, muss das genügen.”
Mehr als einer der Anwesenden rutschte bei diesen Worten unruhig auf seinem Sitz herum.
“Ich weiß, dass euch diese Antwort kaum zufriedenstellen kann”, räumte Dumbledore ein. “Ich muss euch bitten, es nicht als Zeichen von Misstrauen gegenüber euch auszulegen. Aber ich kann es nicht riskieren, meine Quellen zu gefährden, die Angelegenheit ist dafür viel zu heikel. Ich würde euch bestimmt nicht um eure Hilfe und eure Unterstützung bitten, wenn ich nicht absolut überzeugt wäre, dass der Aufwand gerechtfertigt ist.“ Fast entschuldigend wendete er sich nach links zu den Auroren und Remus Lupin. Kingsley Shacklebolt nickte nachdenklich. Remus starrte noch immer ins Nichts. Sirius war nicht sicher, ob er überhaupt zuhörte.
“Aber was will Du-weißt-schon-wer denn in der Mysteriumsabteilung?” fragte Hestia Jones. “Was gibt es denn da, was ihn so interessiert?”
Dumbledore gab keine Antwort.
“Aber du selbst weißt es doch hoffentlich, oder?” wollte Moody stirnrunzelnd wissen.
“In der Mysteriumsabteilung gibt es nur sehr, sehr wenige Dinge, Alastor”, erwiderte Dumbledore, ”die ich gerne in Lord Voldemorts Händen sehen würde.”
Moody zuckte förmlich vor dem scharfen Ton zurück. “Ich dachte nur, wir könnten unseren Job vielleicht noch besser machen, wenn wir wüssten, was wir da eigentlich genau bewachen”, murmelte er.
“Bewachen?” fragte Sturgis Podmore neugierig. “Also das war es, was ihr die ganze Zeit gemacht habt?”
“Was wir die ganze Zeit gemacht haben”, brummte Moody, “war unter einem Tarnumhang draußen vor der Tür der Mysteriumsabteilung zu sitzen und irgend etwas zu bewachen, von dem wir keine Ahnung haben, was es eigentlich ist. Und dabei sollt ihr uns ab jetzt alle helfen.”
“Alastor!” Minerva McGonagall schien empört über Moodys Ton.
“Was ist?” fragte er zurück und hob die Augenbrauen. “Ich sage doch nur die Wahrheit!”
“Aber wie sollen wir etwas bewachen, wenn wir nicht wissen, was es ist?” fragte Hestia.
“Genau”, grunzte Moody.
Albus Dumbledore seufzte nochmals und hob wieder die Hand. “Bitte”, rief er. “Lasst uns diese Dinge eins nach dem anderen besprechen. Es ist richtig, dass Alastor Moody hier, und Remus Lupin, und die drei Ministeriumsmitarbeiter unseres Kreises in den vergangenen Tagen auf meine Bitte hin die Mysteriumsabteilung bewacht haben. Arthur Weasley ist jetzt gerade dort. Ich glaube, dass eine unmittelbare Gefahr besteht, dass Voldemorts Mittelsmänner versuchen, in die Abteilung einzudringen, um - um etwas daraus zu stehlen. Das Ministerium tut nichts, um dies zu verhindern. Im Gegenteil, Cornelius Fudge scheint fest entschlossen, in diese Falle, die ihm Voldemort durch Lucius Malfoy gestellt hat, hineinzutappen. Es liegt an uns, sie aufzuhalten. Einige von uns haben diesem Ziel in den vergangenen Tagen schon viel Zeit und Schlaf geopfert. Aber sie sind auf Dauer nicht genug. Wir brauchen die Hilfe eines jeden von euch, der sie geben kann.”
“Aber was ist es denn nun, wo sie so hinterher sind?” beharrte Bill Weasley.
Dumbledore warf ihm einen langen, nachdenklichen Blick zu. Er kämpfte sichtlich damit, wie viel er preisgeben sollte. “Wissen”, sagte er schließlich.
“Wissen?”
“Wissen”, bestätigte Dumbledore. “In den Händen der falschen Person kann Wissen eine mächtige und schreckliche Waffe sein. Wissen kann gebraucht werden, um die Unwissenden zu manipulieren, die Furchtsamen zu verängstigen und die Tapferen zu entmutigen. Das Wissen, nach dem Voldemort strebt, ist von dieser Art. Er hofft, dass dieses Wissen ihn in die Lage versetzen wird, auch die letzten Widerstände auf seinem Weg zum Sieg zu überwinden.”
“Was für eine Art Wissen kann das sein?” fragte Tonks beunruhigt.
Dumbledore wechselte einen Blick mit Minerva McGonagall. Sie sah sehr skeptisch drein, aber sie machte keine Anstalten, Dumbledore zu hindern, als er fortfuhr.
“Ein uraltes Wissen”, sagte Dumbledore. “Ein Wissen, wie es uns nur ein wahrer Seher offenbaren kann.”
“Ein Seher?” flüsterte Hestia Jones in ehrfürchtigem Ton.
“So ist es”, bekräftigte Dumbledore. “Ich weiß, dass die Kunst des Wahrsagens heutzutage nicht mehr überall als ernstzunehmender Zweig der Zauberei anerkannt ist, oder als verlässliche Methode, Kenntnis von der Zukunft zu erlangen. Aber die meisten Hexen und Zauberer halten noch immer große Stücke auf die Prophezeiungen eines wahren Sehers. Die Mysteriumsabteilung dient, neben vielen anderen Aufgaben, als Archiv für solche Prophezeihungen. Es gibt darin einen Raum, in dem sie aufbewahrt werden, Tausende und Abertausende von ihnen. Es ist eine dieser Prophezeihungen, auf die Voldemort es abgesehen hat: die eine, die ihn selbst betrifft. Und er weiß, wie er sie in eine Waffe gegen die verwandeln kann, die sich ihm entgegenstellen.”
“Aber es - es heißt darin doch nicht, dass er - unbesiegbar ist?” fragte Hestia Jones mit zitternder Stimme.
“Nein”, beruhigte Dumbledore sie.
“Wie kannst du da so sicher sein?” wollte Elphias Doge wissen.
“Weil ich weiß, was die Prophezeihung besagt”, erwiderte Dumbledore gelassen. “Ich war der, gegenüber dem sie verkündet wurde, vor vielen Jahren.”
Zum dritten mal ging ein Raunen durch die Runde.
“Aber was sagt sie denn genau?” beharrte Tonks.
Dumbledore seufzte noch einmal. “Ihr müsst bitte verstehen”, sagte er mit einem geradezu unglücklichen Blick in die Runde der erwartungsvollen Gesichter, “dass dies unter allen Umständen ein Geheimnis bleiben muss. Es tut mir leid, aber genau das muss das Ziel all unserer Bemühungen sein. Wir würden Voldemort geradewegs in die Hände spielen, wenn wir dieses Wissen verbreiten würden, und sei es nur untereinander. Denkt daran, es gibt Mittel und Wege, eine Hexe oder einen Zauberer zu zwingen, auch gegen ihren Willen ein Geheimnis preiszugeben.”
“Sieh mal, wenn diese Prophezeihung - “ Elphias Doge sprach das Wort aus, als ob es einen unangenehmen Nachgeschmack hinterließe. “Wenn sie nicht besagt, dass Du-weißt-schon-wer unbesiegbar ist, warum hast du dann solche Angst davor, dass er sie hören könnte? Wie könnte er sie denn als Waffe benutzen, wenn sie nicht seinen Sieg ankündigt?”
“Weil Voldemort nicht die einzige Person ist, von der die Prophezeihung handelt”, erklärte Dumbledore. “Es ist um der Sicherheit dieser anderen Person willen, dass sie geheim bleiben muss. Wir dürfen selbst die bloße Existenz dieser Prophezeihung niemandem außerhalb unseres Kreises offenbaren. Niemandem.” Er blickte erneut mit großem Ernst in die Runde, und seine Augen ruhten deutlich länger auf Sirius als auf allen anderen.
“Also, was können wir tun?” fragte Bill mit einem Seufzer.
“Ich glaube, dass Voldemort hofft, dass es seinen Mittelsmännern gelingen wird, in die Abteilung einzudringen, sich Kenntnis vom Inhalt der Prophezeihung zu verschaffen und ihm davon zu berichten. Die archivierten Prophezeihungen sind mit starken Zaubern geschützt, auf sichtbare wie unsichtbare Weise. Allein sie zu berühren ist gefährlich. Es gibt allerdings Wege, diese Hindernisse zu überwinden. Aber dazu dürfen wir es gar nicht erst kommen lassen. Halten wir Voldemorts Anhänger davon ab, die Abteilung überhaupt zu betreten, und die Prophezeihung ist in Sicherheit.”
“Und wie genau stellen wir das an?” fragte Sturgis Podmore.
Kingsley Shacklebolt zog eine Pergamentrolle aus seiner Aktentasche und breitete sie auf dem Tisch aus. “Hier ist ein Plan des neunten Stockwerks des Zaubereiministeriums”, erläuterte er. “Der vordere Bereich des neunten Stockwerks ist ausgefüllt durch die oberen Ränge der Gerichtssäle - hier.” Er deutete mit seinem Zauberstab darauf, und das Wort “Gerichtssaal” erschien an mehreren Stellen auf dem Pergament, rechts und links von einem langen Korridor. “Dieser Korridor führt von den Aufzügen zum Eingang der Mysteriumsabteilung - das ist die Tür hier.” Er zeigte auf eine Tür am äußersten rechten Rand des Pergaments. Der Plan zeigte nicht, was dahinter lag.
“Es weiß also niemand, wie es dahinter weitergeht?” fragte Elphias Doge und beugte sich über den Tisch, um einen besseren Blick auf den Plan zu erhaschen.
“Ich fürchte, so ist es”, sagte Kingsley mit einem entschuldigenden Blick zu Dumbledore. “Ich habe das ganze Ministerium nach einem Lageplan der Mysteriumsabteilung durchforstet. Ich konnte nichts finden. Sogar die alten Baupläne, die die Zauberei-Zentralverwaltung verwahrt, hören an dieser Tür auf. Alles, was die Mysteriumsabteilung betrifft, ist verschwunden. Wenn da überhaupt je etwas existiert hat.”
“Die Struktur der Abteilung ist äußerst komplex”, ließ sich Minerva McGonagall vernehmen. “Und sie ändert sich fortwährend. Sie besteht aus mehreren Räumen mit Türen, die untereinander verbunden sind, aber diese Verbindungen wechseln ständig. Für Uneingeweihte mag es möglich sein, in die Abteilung hineinzugelangen, aber es wäre nicht leicht, wieder herauszufinden. Und es wäre so gut wie unmöglich, einen verlässlichen Lageplan der Abteilung anzufertigen.”
“Woher wissen Sie das?” fragte Elphias Doge beeindruckt.
“Das Ministerium mag seine Dokumente über die Struktur der Mysteriumsabteilung schon vor langer Zeit vernichtet oder verloren haben, Elphias”, antwortete Minerva McGonagall gelassen. “In der Bibliothek von Hogwarts ist man da weniger nachlässig.”
“Wie dem auch sei”, fuhr Dumbledore fort, “ich hoffe sehr, dass niemand von uns die eigentliche Abteilung betreten muss. Ich bitte euch in der Tat dringend, es nicht zu tun, so lange ihr nicht unbedingt dazu gezwungen seid. Die Studien der Unsäglichen sind den grundlegenden Fragen und Geheimnissen der menschlichen Existenz gewidmet. Damit sind oft gefährliche Experimente verbunden, nicht nur abenteuerliche Theorien. Wenn ihr die Abteilung also doch betreten müsst, dann achtet gut darauf, dass ihr den Gegenständen darin nicht zu nahe kommt. Berührt sie in keinem Fall. Sie könnten tödliche Kräfte haben, auch wenn sie vollkommen harmlos aussehen.”
Seine Zuhörer erschauerten bei diesen Worten.
“Was ist, wenn die Todesser einfach an uns vorbeiapparieren?” fragte Bill. “Dann würden wir nicht mal merken, dass sie da sind.”
“Das ist eine sehr berechtigte Frage”, erwiderte Dumbledore. “Aber glücklicherweise brauchen wir uns deswegen keine Sorgen zu machen. Die Mysteriumsabteilung ist nämlich, anders als der Rest des Ministeriums, appariersicher. Die Bausubstanz dort unten ist bedeutend älter als die der Stockwerke darüber, und sie war schon immer auf diese Weise geschützt. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber es könnte sogar die höchst anspruchsvolle Art des Apparierschutzes sein, die es unmöglich macht, selbst innerhalb des geschützten Raumes zu apparieren und disapparieren. Heutzutage macht man sich diese Mühe meistens nicht mehr, aber früher war das anders. Hogwarts zum Beispiel ist auf diese doppelte Art und Weise geschützt.”
Sirius wurde schlagartig klar, dass Dumbledore ihm gerade genau die Antwort gegeben hatte, die er in all den Büchern in der Bibliothek seines Vaters ebenso verzweifelt wie vergeblich gesucht hatte. Aber ihm blieb kaum Zeit, seine Erleichterung auszukosten.
“Also sollen wir einfach draußen vor dem Eingang Wache halten?” fragte Elphias Doge.
“Genau”, ergriff Kingsley Shacklebolt wieder das Wort. “Der Korridor ist, wie ihr sehen könnt, dafür leicht breit genug. Positioniert euch hier, unter Alastor Moodys Tarnumhang.” Er zeigte auf die genaue Stelle auf dem Plan. “Verhaltet euch still, schlaft nicht ein und haltet Ausschau nach jedem, der versucht, unbefugt die Abteilung zu betreten.”
“Und was tun wir, wenn es jemand versucht?” fragte Bill.
“Ihr setzt sie außer Gefecht. Verpasst ihnen einen Schockzauber oder verhext sie, tut einfach, was nötig ist, um sie aufzuhalten. Dann schlagt ihr Alarm. Wenn es während der regulären Arbeitszeit passiert, versucht sofort, mich oder Tonks hier oder Arthur Weasley zu kontaktieren. Wenn euch das nicht gelingt, sorgt dafür, dass jemand anders die Eindringlinge findet. Aber passt auf, dass euch selbst niemand dabei sieht. Macht euch aus dem Staub, sobald ihr sicher sein könnt, dass jemand vom Ministerium die Angelegenheit in die Hand genommen hat. Dann alarmiert ihr sofort den Rest des Ordens. Dem Porträt des ehemaligen Schulleiters von Hogwarts im Atrium könnt ihr eure Botschaften anvertrauen.”
“Und was ist mit den Mitarbeitern der Abteilung?” fragte Elphias Doge. “Die können wir schließlich nicht daran hindern, zu kommen und zu gehen, wie es ihnen gefällt. Was, wenn einer von denen mit Du-weißt-schon-wem unter einer Decke steckt und die Prophezeihung für ihn herausholt?”
“Das halte ich für äußerst unwahrscheinlich”, sagte Dumbledore. “Die Unsäglichen interessieren sich für nichts außer ihrer Arbeit. Sie sind gebunden durch ihre Schweigepflicht, und sie halten sich strikt daran.”
“Es sei denn, sie heißen Augustus Rookwood”, knurrte Moody.
“Augustus Rookwood ist in Askaban”, sagte Minerva McGonagall gelassen.
“Bis auf weiteres.”
“Bis ans Ende seines Lebens, Alastor.”
“Das also ist es, wofür der Orden eurer Hilfe bedarf”, schloss Dumbledore. “Ich weiß, das heißt viel von euch zu erwarten. Es wird einen Großteil unserer Zeit und Kraft binden; aber wir dürfen dabei auch unsere anderen Aufgaben nicht vernachlässigen. Ich weiß genau, dass wir nicht zahlreich sind, und nicht einmal jeder von uns ist für diese neue Aufgabe geeignet, aus verschiedenen Gründen.” Sein Blick streifte Sirius, als ob er Widerspruch von ihm erwartete, aber Sirius gab sich große Mühe, in die Luft zu starren und so zu tun, als ob er nicht zuhörte. “Diejenigen von euch, die sich zur Verfügung stellen möchten”, fuhr Dumbledore in erstem Ton fort, “muss ich warnen, dass es sich um eine höchst gefährliche Unternehmung handelt. Ihr müsst sechs Stunden am Stück ohne Unterbrechung sehr aufmerksam sein und euch gleichzeitig äußerst leise und unauffällig verhalten. Das Risiko, entdeckt zu werden, ist tagsüber größer, während die Gefahr eines Angriffs eher nachts droht. Aber bei Tag wie bei Nacht müsst ihr bereit sein, euch beiden Gefahren zu stellen. Wenn jemand vom Ministerium euch entdeckt, lasst alles stehen und liegen und bringt euch in Sicherheit. Die Folgen wären äußerst schwerwiegend, wenn man euch dort festnehmen würde. Ich fürchte, dass keiner von uns in diesem Fall viel für euch tun könnte. Selbst meine Möglichkeiten, mich für euch zu verwenden, wären in einem solchen Fall unglücklicherweise nur sehr begrenzt. Ich müsste sogar darauf bestehen, dass ihr jegliche Aussage zu eurer Verteidigung verweigert, um den Orden und unsere Mission zu schützen. Also versprecht mir, dass ihr euer Leben und eure Freiheit immer höher achten werdet als eure Pflicht, wenn es denn so weit kommen sollte. Bitte nicht den Helden spielen.”
“Was genau würde denn passieren, wenn jemand vom Ministerium uns erwischt?” fragte Strugis Podmore besorgt.
“Eure Anwesenheit dort würde eine Straftat darstellen, fürchte ich”, antwortete Dumbledore. “Es sei denn, ihr lasst euch einen sehr guten Vorwand einfallen, warum ihr dort seid. Aber alle die von euch, die nicht selbst für das Ministerium arbeiten, sollten nicht hoffen, dass sie damit durchkommen. Ihr begeht Hausfriedensbruch in öffentlichen Gebäuden, und das wird im Magischen Strafrecht streng geahndet. Wenn Sie uns eine Idee der üblichen Konsequenzen geben könnten, Dädalus - “
“Oh.” Dädalus Diggel schreckte aus seinen Gedanken auf. “Ja. Hausfriedensbruch in öffentlichen Gebäuden. Eine Mindeststrafe von sechs Monaten in Askaban, fürchte ich. Deutlich mehr, wenn man bereits einschlägige Verurteilungen vorzuweisen hat.”
Elphias lachte auf. “Aber Dädalus”, sagte er in einem würdevoll beleidigten Ton, “damit wollen Sie doch sicher nicht andeuten, dass irgend jemand von uns hier vorbestraft ist?”
Eine peinliche Stille trat ein. Sirius konnte ein Dutzend Augenpaare spüren, die ihn anstarrten, und plötzlich hasste er ihr höfliches Mitleid, ihre gnädige Rücksicht, ihre pflichtschuldige Sympathie. Wie sie alle taten, als ob sie ihn verstanden, als ob sie mit ihm fühlen könnten, wo sie doch in Wirklichkeit nicht die geringste Ahnung hatten, was er wirklich empfand.
“Eh!” grummelte Mundungus Fletcher plötzlich mit reichlicher Verspätung aus seiner Ecke, “das is' aber nix, was ei'm peinlich sein muss!”
Alle Köpfe wandten sich zu ihm um.
“Sie werden feststellen, Fletcher, dass die ganz überwiegenden Mehrheit der magischen Gemeinschaft da anderer Meinung ist”, sagte Snape kühl.
Sirius konnte sich nicht helfen. “Hör gut zu, Mundungus”, rief er quer durch den Raum. “Der weiß nämlich genau, wovon er redet!”
* * *
A/N: Weil es dieses Mal mit dem Update so lange gedauert hat, gibt's zur Entschädigung gleich zwei Kapitel.
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