von Jolie Black
Kapitel 27
In der Halle traf Sirius auf Mrs Weasley, ihren Sohn Bill, Dädalus Diggel, Sturgis Podmore und Mundungus Fletcher. Die vier Zauberer trugen noch ihre Reisemäntel. Offensichtlich waren sie gerade erst eingetroffen. Mundungus Fletcher trug einen großen Pappkarton unter dem Arm. Sirius begrüßte sie im Flüsterton, und Bill und Sturgis Podmore kamen Mrs Weasley bereitwillig zur Hilfe, um mit ihren Zauberstäben die übrigen Stühle, die sie bereitgestellt hatte, in die Küche zu transportieren. Sirius schloss die Tür des Speisesaals hinter ihnen und wollte der kleinen Gruppe eben folgen, als er ein hastiges Flüstern hinter seinem Rücken hörte. Es kam aus der Richtung des Treppenhauses.
„Die Luft ist rein“, sagte die gedämpfte Stimme eines der Weasley-Zwillinge. Sirius machte kehrt, ging zur Treppe zurück und schaute hinauf. Gegen das Gaslicht im Flur oben konnte er deutlich die Umrisse von fünf Gestalten ausmachen, die wie eine Bande Kobolde eng zusammengedrängt auf den obersten Treppenstufen hockten. Sie erstarrten, als sie ihn erblickten.
„Totstellen bringt gar nichts“, sagte Sirius und begann, die Treppe zu ihnen hinaufzusteigen. Sie rückten noch dichter zusammen, schlossen ihre Reihen gegen ihn. Die beiden jüngsten Weasleys saßen vorne, Hermine und die Zwillinge dahinter ihnen, und sie blickten ihm alle mit dem gleichen stillen Trotz entgegen.
„Was macht ihr hier?“ fragte Sirius unnötigerweise und hielt auf halber Treppe an.
„Mum sagte, wir dürften nicht herunterkommen und mit niemandem von euch reden“, sagte Fred neunmalklug. „Also sitzen wir hier oben und reden miteinander.“
„Dann hätte ich einen guten Rat für euch.“
„Du schickst uns ins Bett“, sagte Ginny tonlos.
„Nein. Ich schlage vor, wenn ihr nicht gesehen werden wollt, dann sitzt ihr besser im Dunkeln.“ Sirius deutete mit seinem Zauberstab über Georges Schulter hinweg auf die Gaslampe oben im Flur, die folgsam erlosch. Dann stieg er die restlichen Stufen hinauf und ließ sich unterhalb von Ginny und Ron nieder.
„Sirius“, fragte Fred eifrig und lehnte sich an Ron vorbei zu ihm herab, „wer waren denn all die Leute, die mit Bill gekommen sind?“
„Ja, und die kleine Hexe mit den schwarzen Haaren, die vorher kam?“ fügte George hinzu.
Sirius runzelte die Stirn. „Ihr wisst, was Kreacher jetzt sagen würde, oder? Stecken überall ihre Nasen rein, würde er sagen.“
„Bitte sei nicht böse“, bat Hermine. „Wir haben niemanden gestört, es hat uns keiner gesehen.“
„Das will ich hoffen.“
„Ganz bestimmt nicht. Keiner hat hier hoch geschaut. Sie scheinen alle viel zu beschäftigt.“
„Außer Snape“, sagte Ron grimmig. „Snape ist nur beschäftigt mit seiner eigenen Bosheit, wie immer.“
Sirius musste an die Begegnung in der Eingangshalle denken, und er fühlte, dass er rot wurde. „Das habt ihr gehört?“
„Haben wir“, gab Hermine zu.
„Aber wir sind auf deiner Seite“, fügte Fred mit Nachdruck hinzu. „Wie kann man nur so ein elender Mistkerl sein?“
„Oh, das können wir glaub ich alle, wenn wir es darauf anlegen“, sagte Sirius, nicht sehr erpicht darauf, das Thema weiter zu verfolgen.
„Aber er ist immer so, oder?“ beharrte Ginny.
„Man fragt sich, was eigentlich an ihm nagt“, sagte Fred.
„Was auch immer es ist“, sagte George leichthin, „ich hoffe, es hat ihn bald komplett aufgefressen. Am besten noch vor Ende der Sommerferien.“
Sirius grinste, aber dann kehrte die Erinnerung an das, was er eben in der Küche mit angesehen hatte, zurück, und sein Grinsen gefror. „Sag sowas nicht!“ fauchte er George an. Der zuckte regelrecht zusammen.
„Pst!“ zischte Hermine plötzlich. Sie hielten inne und lauschten, wie sich die Haustür unten öffnete. Einen Augenblick später traten die beiden hochgewachsenen Gestalten von Minerva McGonagall und Elphias Doge ins Haus.
„… und es ist sehr zuvorkommend von Emmeline, dass sie heute Nacht aushilft“, sagte Minerva McGonagall gerade. „Ich habe nie ein wirklich gutes Gefühl, wenn Mundungus Fletcher an der Reihe ist, aber wir brauchen jeden Freiwilligen. Und ab jetzt wird es alles vermutlich noch schwieriger zu organisieren.“
„Aber es ist doch selbstverständlich, dass die Sicherheit des Jungen für Albus höchste Priorität genießt“, antwortete Elphias Doge mit seiner pfeifenden Stimme. „Er weiß doch, wie viel auf dem Spiel steht, was Harry Potter betrifft.“
„Da haben Sie recht, Elphias“, seufzte Minerva McGonagall. Ihre Schritte verklangen im hinteren Teil der Halle, und ihre Stimmen verloren sich in der Ferne.
„Wer ist denn - “ begann Fred.
„Ich fände es deutlich einfacher, eure Fragen nicht zu beantworten, wenn ihr sie gar nicht erst stellen würdet“, unterbrach ihn Sirius.
„Aber da war die Rede von Harry!“ flüsterte Hermine aufgeregt.
„Wir reden alle hin und wieder über Harry. Das ist doch wohl erlaubt?“
„Wenigstens haben die da eben keinen himmelschreienden Mist über ihn verbreitet“, sagte Ron düster.
Jetzt war die Reihe an Sirius, erstaunt zu sein. „Wer verbreitet himmelschreienden Mist über Harry?“
Hermine und Ron tauschten einen vielsagenden Blick.
„Liest du den Tagespropheten, Sirius?“ fragte Hermine in bemüht beiläufigem Ton.
„Hin und wieder.“ Sirius zuckte mit den Schultern. „Was hat das mit Harry zu tun?“
„Sie schreiben fiese Sachen über Harry“, sagte Ginny leise.
„Oh, die brauchen immer jemandem, auf dem sie rumhacken können. Der Tagesprophet schreibt über mich seit geschlagenen vierzehn Jahren nichts als himmelschreienden Mist, und sie haben den Spaß daran immer noch nicht verloren.“
„Aber Sirius, das hier ist richtig übel“, sagte Hermine ernst. „Wirklich richtig übel.“
„Liest denn Harry den Tagespropheten?“
„Wir glauben nicht“, sagte Ron bedächtig. „Er sagt jedenfalls nie etwas darüber, wenn er schreibt.“
„Na, wozu macht ihr euch dann Sorgen?“ Sirius gab sich Mühe, unbekümmert zu klingen, aber in Wirklichkeit beunruhigte diese Neuigkeit ihn sehr. Harry hatte schon früh die hässlicheren Seiten der Tatsache kennen gelernt, dass er in der Zaubererwelt eine Berühmtheit war. Aber wenn der Tagesprophet ausgerechnet jetzt eine neue Schmutzkampagne gegen ihn gestartet hatte, dann war sie vermutlich gnadenlos. Sirius konnte nur hoffen, dass Harry absolut nichts davon wusste - wie von fast allem, was ihn betraf.
„Wo wir gerade von Harry sprechen“, versuchte Sirius das Thema zu wechseln, „danke, dass ihr Hedwig hergeschickt habt. Das war eine gute Idee.“
„Es war genaugenommen Bills Idee“, sagte Hermine schnell und lief rot an.
Diesmal war es Ginny, die sie anzischte, still zu sein. Die Haustür hatte sich wieder geöffnet, und vier weitere Gestalten traten im Gänsemarsch ein. Im Widerschein der matt orangenen Straßenlaternen konnte Sirius erkennen, dass die vorderste von ihnen einen Bowler trug, und er wusste, wen er vor sich hatte, noch bevor sie den Lichtkreis der Gaslampen in der Halle erreichten.
Alastor Moody steuerte direkt auf das hintere Ende der Halle zu, die Augen auf den Fußboden gerichtet, mit seinem unverkennbaren Klonk bei jedem zweiten Schritt. Ihm folgte Nymphadora Tonks, heute mit einem langen Pferdeschwanz. Dann kam Kingsley Shacklebolt, der eine Aktentasche dabei hatte. Remus Lupin in seinem alten Trenchcoat bildete den Schluss und zog die Tür hinter ihnen zu.
„Kommt schon“, rief Moody seinen Begleitern in gedämpftem Ton zu. „Ein bisschen Beeilung, bitte! Wir sind spät genug dran.“
„Ach ja?“ fragte Tonks gutgelaunt und folgte ihm in Richtung der Küchentreppe. „Wer war denn der letzte am Treffpunkt?“
„Kommt jetzt“, wiederholte Moody ungeduldig. „Die anderen sind schon alle da.“
„Dumbledore auch?“ fragte Lupin.
Es folgte eine kurze Stille. Die ungleichen Schritte waren verstummt. „Ähm - nein“, ließ Moody sich dann vernehmen. „Dumbledore noch nicht. Und Sirius fehlt auch noch“, fuhr er nach einer weiteren Pause fort. „Der sitzt mit Molly und Arthurs Kindern auf der Treppe über unseren Köpfen und hört jedes Wort, das wir reden, mit.“
Jetzt kehrten die ungleichen Schritte unaufhaltsam zum Fuß der Treppe zurück, und Sirius musste zugeben, dass auch ihm nichts Besseres einfiel, als sich tot zu stellen. Moody langte am unteren Treppenabsatz an, und die kleine Gruppe oben war plötzlich in ein blendend helles Licht von der Spitze seines Zauberstabes getaucht.
„Wen haben wir denn hier?“ brummte Moody. Es war unmöglich zu sagen, ob er amüsiert oder verärgert war.
Sirius schirmte seine Augen mit der Hand ab und versuchte, Moodys Gesicht hinter der grellen Lichtquelle auszumachen. „Schalt das Ding aus“, sagte er gereizt.
Moody senkte seinen Zauberstab, und das gleißende Licht erlosch. „Versteckst du dich da vor jemandem, oder kommst du mit runter?“ fragte er mürrisch.
„Ich komme gleich nach.“
Der alte Auror zuckte mit den Schultern, steckte seinen Zauberstab wieder ein und hinkte davon.
“Der ist so unheimlich“, flüsterte Ginny, als sie ihn die Küchentreppe hinabsteigen hörten.
„Pst!“ Hermine warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.
„Er hat nicht auch magische Ohren, oder?“ gab Ginny zurück.
„Wer weiß?“ gab George zu bedenken. „So was kann ganz brauchbar sein.“
„Immer wachsam!“ grinste Fred.
Hermines Blick verfinsterte sich noch mehr. „Ihr seid nicht nett“, sagte sie. „Er war ein großartiger Auror. Und ein großartiger Lehrer.“
„Woher willst du das so genau wissen?“ fragte George spitz. „Wir haben letztes Jahr nicht wirklich viel Unterricht mit ihm erlebt, oder?“
„Daran solltet ihr ihn besser nicht erinnern“, sagte Sirius trocken, aber Fred und George grinsten nur umso mehr. „Und wo wir gerade von magischen Ohren sprechen“, fuhr Sirius fort und warf den Zwillingen einen sehr strengen Blick zu. „Jetzt, wo Moody hier ist, könnt ihr darauf zählen, dass sich seine immerwährende Wachsamkeit nicht auf die Küche beschränken wird. Also tut mir den Gefallen und unternehmt heute Abend nichts, was er nicht sehen und was eure Mutter nicht wissen sollte, das könnt ihr nämlich getrost gleichsetzen. Tut, was eure Mutter gesagt hat, und verlasst euch nicht auf meine Fürsprache, falls ihr etwas anderes vorhattet. Verstanden?“ Er schaute sie alle der Reihe nach an und wartete auf ihre Zustimmung.
„Ja“, sagte Hermine leise.
„Okay“, flüsterte Ginny, und Ron nickte.
„Fred? George?“
„Wir sind volljährig“, sagte Fred in rebellischem Ton.
„Heißt das ja oder nein?“
„Warum können wir nicht - “
Aber George versetzte seinem Bruder einen Stoß in die Rippen. Sie wechselten einen Blick, und Fred zuckte mit den Schultern. „Na gut, ja“, sagte er unwillig, und George nickte.
„Gut. Dann muss ich jetzt runter.“ Sirius stand auf, aber Ginny hielt ihn am Ärmel zurück.
„Warte“, sagte sie. „Wo ist denn Dad?“
„Noch bei der Arbeit, nehme ich - “ Sirius hielt inne. Nein, Arthur Weasley war nicht mehr bei der Arbeit. Sirius hatte gerade mit eigenen Augen Minerva McGonagall, Moody, Lupin und die beiden Auroren das Haus betreten sehen. Da war es nicht schwer zu erraten, wen sie heute Nacht im Ministerium zurückgelassen hatten, um die Mysteriumsabteilung zu bewachen.
„Ja, wo bleibt er denn?“ echote Ron seine Schwester, und sein Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an.
Sie haben ein Recht, es zu erfahren, dachte Sirius. Sie haben ein Recht zu wissen, dass ihr Vater da draußen für den Orden sein Leben riskiert. Er sah zu den jungen Weasleys herab und begegnete fünf Augenpaaren, die ihn alle voller Erwartung ansahen. Er öffnete den Mund, um zu sprechen.
Was sie nicht wissen, das kann man auch nicht aus ihnen herauslocken, sagte eine kleine Stimme in seinen Gedanken. Das solltest du dir hin und wieder klarmachen.
„Sirius?“ fragte Albus Dumbledores tiefe, ruhige Stimme vom Fuße der Treppe her. „Kommst du?“
* * *
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Zurück zur Übersicht - Weiter zum nächsten Kapitel