von Jolie Black
Kapitel 23
Sirius drehte sich zu ihr um. Hermine saß noch immer auf dem Bett, hielt Krummbein in den Armen und starrte auf den staubigen Koffer unter dem Fenster, der ihrem eigenen so ähnlich sah. Auf der Vorderseite war, deutlich sichtbar von ihrem Platz, der Name „Regulus Black“ aufgemalt.
„Mein Bruder“, sagte Sirius kurz angebunden und wandte ihr wieder den Rücken zu.
„Du hast einen Bruder?“ Der linke Verschluss gab mit einem hässlichen Geräusch nach, Metall auf Metall. „Wo ist er denn? Was macht er?“
Sirius war sich nicht sicher, ob er darüber sprechen wollte. „Nicht mehr viel macht er“, sagte er über die Schulter. „Er ist seit fünfzehn Jahren tot.“
Hermine holte hörbar Luft. „Das tut mir sehr leid.“
„Mir nicht, also vergiss es.“ Der zweite Verschluss sprang mit einem ähnlichen Knirschen auf. Sirius wartete auf ein weiteres Japsen, aber es kam nicht. Er wandte sich zurück zu den Mädchen, die ihn beide mit großen Augen anstarrten.
Hermine schüttelte den Kopf, als ob sie sich verhört hätte. „Wie - wie meinst du das?“
„Genau so, wie ich es gesagt habe.“ Sirius zuckte mit den Schultern. „Mir tut es nicht leid, also braucht es dir auch nicht leid zu tun.“
„Aber - aber er war doch dein Bruder!“ Hermine klang schockiert.
Sirius wünschte, sie würde das Thema wechseln. „Ja, vielleicht war er das“, sagte er grob, „aber vor allem war er ein Riesenidiot. Er hat es nicht besser verdient. Ich habe es mir schließlich nicht ausgesucht, mit ihm verwandt zu sein, also muss ich mir auch nicht die Augen darüber ausheulen, was er aus seinem Leben gemacht hat, oder?“
„Sag sowas nicht!“ fauchte ihn Ginny Weasley plötzlich an. Sie stand noch immer neben der Tür, die Hände zu Fäusten geballt und sehr bleich im Gesicht. Sirius stand auf und machte einen Schritt auf sie zu, und sie wich zurück, als ob sie einen Angriff erwartete, aber sie schaute ihm trotzig ins Gesicht. Ihre Augen glänzten vor Tränen, und ihre Mundwinkel zuckten.
„Sie hat recht“, sagte Hermine leise. „Sag sowas nicht, Sirius.“
„Und wenn's doch - “ setzte er an, als Ron den Kopf zur Tür hereinsteckte.
„Wer streitet sich hier rum?“ fragte er. „Mir ist langweilig. Warum bin ich der einzige, der allein in einem Zimmer hocken muss?“
„Das wollte ich euch gerade fragen“, gab Sirius zurück, dankbar für die Ablenkung. „Wo steckt denn Percy?“ Er wandte sich wieder Hermine zu, die ihm noch eine Erklärung für ihre stille Warnung von vorhin schuldete. „Und warum wolltest du nicht, dass ich danach frage?“
Die beiden Weasleys und Hermine tauschten ein paar sehr vielsagende Blicke. Ron runzelte die Stirn, als er Ginnys Tränen sah. Ginny schniefte und guckte weg. Hermine schüttelte den Kopf, Ron zuckte mit den Schultern, Hermine hob die Augenbrauen, und Ron sagte:
„Er kommt nicht.“
„Das sehe ich. Warum nicht?“
Hermine seufzte. „Mach die Tür zu, Ron“, sagte sie.
Ginny setzte sich neben sie auf das Bett und streichelte Krummbeins orangerotes Fell. „Erklär du“, sagte sie leise zu Hermine.
„Nein, lass Ron erklären.“
Ron lehnte sich gegen die Innenseite der Tür und schob die Hände in die Hosentaschen. „Es ist ziemlich kompliziert“, sagte er.
Soviel war klar. Sirius ließ sich auf dem alten Koffer seines Bruders nieder, stützte die Ellenbogen auf die Knie und verschränkte die Hände. „Erzähl.“ Krummbein machte einen Satz vom Bett herunter und kam, um seinen Kopf an Sirius' Knie zu reiben.
„Percy ist ausgezogen“, sagte Ron.
„Und das ist alles?“ fragte Sirius, überzeugt, dass dem nicht so war. „Das ist doch wohl erlaubt, wenn man fast zwanzig ist und sein eigenes Geld verdient?“
„Es ist nicht alles“, erklärte Hermine. „Es war - es kam ziemlich plötzlich. Er ist eigentlich mehr von zu Hause abgehauen.“
„Nach einem furchtbaren Streit mit Dad“, ergänzte Ron.
„Er sagte, er wollte nicht mehr zur Familie gehören“, sagte Ginny mit belegter Stimme.
„Und dann hat er einfach seine Sachen gepackt und ist gegangen“, schloss Hermine.
Sirius sah auf seine Hände herab und seufzte. Es klang so vertraut. Er hatte ihn deutlich vor Augen, den wütenden jungen Mann, wie er all den Ärger und den Frust so vieler Jahre herausschrie, mitten in die Gesichter derer, die er nicht mehr seinen Vater und seine Mutter nennen konnte, und wie er dann eine Treppe herunterpolterte, mit der ganzen Macht seiner Wut die Haustür hinter sich zuknallte, und sich endlich frei fühlte, zum ersten Mal in seinem Leben wirklich frei. Er konnte sich so gut vorstellen, wie Percy sich gefühlt haben musste. Und trotzdem - aus der Perspektive derer, die zurückblieben, hörte sich alles ganz anders an. Sirius war sich plötzlich nicht mehr sicher, wer im Recht war und wer im Unrecht.
„Na, wenn er sich wirklich zu Hause nicht mehr wohlgefühlt hat, dann ist es vielleicht besser für ihn, wie es jetzt ist“, sagte er langsam. „Eigentlich ist das ganz normal, irgendwann will man einfach sein eigenes Leben leben...“
„Das ist es nicht“, sagte Ron. „Du hättest ihn hören sollen, es war schlimm. Er hat Sachen zu Dad gesagt… dass Dad seiner Karriere im Ministerium im Weg steht, dass er Percys Zukunft gefährdet.“
Sirius runzelte die Stirn. „Wie kommt er dazu?“ fragte er. „Was hat denn euer Vater gegen Percys Karriere?“ Er konnte sich mit bestem Willen nicht vorstellen, dass Arthur Weasley nicht alles tat, um seinen erfolgreichen Sohn zu unterstützen.
„Percy war ganz schön unter Druck in letzter Zeit“, erklärte Hermine. „Es gab eine Untersuchung über den Tod von Barty Crouch senior, Percy wurde vernommen, und es sah nicht gut für ihn aus. Und dann, am Montag, kam Percy von der Arbeit nach Hause und sagte, die Untersuchung sei abgeschlossen und sie hätten ihn befördert.“
„Sie haben ihn was?“
„Sie haben ihn befördert. Er ist jetzt Junior-Irgendwas des Ministers. Ein ziemlich hoher Posten direkt in Fudges Vorzimmer.“
„Und Dad war darüber überhaupt nicht glücklich“, fuhr Ginny fort. „Er meinte, Percy sollte sich das gut überlegen und vielleicht besser in der Abteilung bleiben, wo er bisher war, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Daraufhin wurde Percy erstmal wieder so klein mit Hut.“
Niemand lachte.
„Aber dann ist er explodiert und hat all diese Dinge gesagt, dass Mr Weasley im Ministerium für Percy eher ein Hindernis ist als eine Hilfe, und so weiter“, ergänzte Hermine.
„Und so nett hat er es bestimmt nicht ausgedrückt“, sagte Ron düster. „Da fing das Gebrüll dann so richtig an. Mum schickte uns alle nach oben - “
„ - aber Fred und George hielten schon ihre Langziehohren bereit, und so haben wir auch den Rest mitgehört“, schloss Ginny.
„Was für Ohren?“ fragte Sirius.
Hermine warf Ginny einen halb erschrockenen, halb vorwurfsvollen Blick zu, aber Ginny zuckte mit den Schultern.
„Langziehohren“, sagte Ron. „Fred und George basteln lauter solche Sachen, sie wollen nach der Schule einen Scherzartikelladen aufmachen… Langziehohren kriechen über Treppen, durch Flure und unter Türen durch und sonst wo hin, und man kann damit Gespräche belauschen.“
Sirius hob eine Augenbraue.
„Wir wissen, dass das nicht in Ordnung war“, sagte Hermine schnell.
„Das meine ich nicht“, sagte Sirius. „Aber erzählt weiter.“
„Es wurde immer schlimmer“, fuhr Hermine fort. „Percy sagte also all das über seine Karriere und dass Mr Weasley ihn nicht genug unterstützen würde.“ Sie warf Ron einen unsichereren Blick zu. „Und dann sagte er noch, dass er stolz wäre, direkt für den Minister arbeiten zu dürfen, und dass der Minister entscheiden würde, wohin es mit der Zaubererwelt geht, und nicht Dumbledore, und das alle, die das anders sehen würden, es verdient hätten - “
„ - schnurstracks gefeuert zu werden“, sagte Ginny tonlos. „Das hat er gesagt.“
„Wie kam die Rede denn auf Dumbledore?“ fragte Sirius überrascht.
Ron zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ist das wichtig?“
„Stimmt, schon komisch eigentlich.“ Hermine und runzelte die Stirn. „Aber ich kann mich auch nicht mehr erinnern. Tut mir leid.“
„Macht nichts“, sagte Sirius schnell. „Was sagte euer Vater dazu?“
„Dad sagte, Percy dürfe nicht so über Albus Dumbledore reden“, berichtete Ron. „Und das sagte er ziemlich laut. Und dann brüllte Percy zurück, dass Dad ein Idiot wäre, wenn er sich auf Dumbledores Seite stellt, und dass Dumbledore Riesenärger kriegen würde, und dass es Dad genau so ergehen würde, und dass er - also Percy - schon wüsste, wem er zur Treue verpflichtet ist, und wenn Mum und Dad das Ministerium verraten wollten, dann würde er schon dafür sorgen, dass jeder erfährt, dass er nicht mehr zur Familie gehört.“
„Und danach stürmte er aus der Küche, packte seine Sachen und ging“, schloss Hermine.
„Ohne ein weiteres Wort“, fügte Ginny bekümmert hinzu.
Sirius' Gedanken überschlugen sich. Eine Meinungsverschiedenheit zwischen Vater und Sohn über eine berufliche Entscheidung war nichts Ungewöhnliches. Unerfreulich vielleicht, aber kein echter Grund zur Sorge. Aber dass diese Meinungsverschiedenheit plötzlich in den Vorwurf des Verrats umgeschlagen war, das war mehr als beunruhigend.
„Moment mal“, sagte Sirius zu Ron. „Hat er genau das gesagt, dass Dumbledore Riesenärger kriegen wird, und dass es euren Eltern genauso ergehen wird, wenn sie sich auf die falsche Seite stellen?“
„Ja, das hat er gesagt. Und zwar laut genug, um es selbst ohne Langziehohren deutlich zu verstehen.“
„Er sagte, er wolle nichts damit zu tun haben, wenn sie das Ministerium verraten?“
Ron nickte.
„Verraten ist ein ziemlich hartes Wort.“
„Das hat er aber gesagt.“
„Was denkst du, Sirius?“ fragte Hermine.
„Ich frage mich, was, oder wer, Percy auf die Idee gebracht hat, seinen eigenen Eltern Verrat vorzuwerfen, nur weil sie ihm davon abgeraten haben, die Stelle in Fudges Vorzimmer anzunehmen“, sagte Sirius langsam. Er hatte Dumbledores Worte noch im Ohr. Ihr werdet feststellen, dass es Menschen gibt, denen ihr nicht trauen könnt - vielleicht auch unter euren Freunden, und vielleicht sogar in euren eigenen Familien. Er hoffte inständig, dass Mr und Mrs Weasley sich diesen Rat zu Herzen genommen hatten, selbst gegenüber ihrem eigenen Sohn.
„Wo ist Percy jetzt?“ fragte er die drei.
„Das wissen wir nicht“, sagte Ginny. „Wir glauben, dass er erstmal bei Kollegen untergekommen ist, aber Dad sagt, er fragt herum und sucht eine eigene Wohnung.“
„Weiß er, wo ihr seid?“
„Nö“, sagte Ron knapp.
„Sicher nicht?“
„Ganz sicher nicht.“
„Er war ja schon weg, bevor Mr und Mrs Weasley uns erzählen konnten, dass wir herkommen würden“, erklärte Hermine. „Am Montag Abend, da war Percy noch gar nicht von der Arbeit zurück, sagte Mr Weasley beim Essen nur, dass er und Mrs Weasley etwas Wichtiges mit uns zu besprechen hätten, aber dass wir auf Percy warten sollten. Als Percy dann kam, war er völlig aus dem Häuschen wegen seiner Beförderung und wollte zuerst davon erzählen, und dann fing der Streit an, und wir wurden ins Bett geschickt und hörten überhaupt erst am Dienstag Morgen von diesem Haus. Da war Percy definitiv schon weg.“
Sirius fühlte eine Woge der Erleichterung in sich aufsteigen. Wenn die Weasleys ihren Kindern auch nur einen Tag früher von ihren Plänen erzählt hätten, oder wenn Percy soviel Raffinesse gehabt hätte, seine neue Position als Fudges persönlicher Schoßhund auch nur einen Tag länger für sich zu behalten, dann wüsste Fudge jetzt vermutlich längst alles über den Orden des Phönix. Sirius wurde heiß und kalt bei der Vorstellung. Sie mussten dem Himmel dafür danken, dass Percy so ein aufgeblasener Wichtigtuer war - es hatte eine Katastrophe verhindert.
„Sirius?“ fragte Hermine.
„Was ist?“ Sirius blinzelte, noch immer in Gedanken.
„Du siehst ziemlich besorgt aus.“
„Oh, ich bin nicht besorgt, ganz und gar nicht“, sagte er, bemüht, seine Beklemmung abzuschütteln. „Eigentlich ist doch jetzt alles in Ordnung, oder?“ Er lächelte die beiden Mädchen an, hörte damit aber schnell wieder auf, als er ihre unglücklichen Gesichter sah. Für sie, so wurde ihm klar, war im Augenblick ganz und gar nichts in Ordnung. „Hört mal, ich wollte damit nicht - “ Ihm fehlten die richtigen Worte, um ihnen den Grund seiner Erleichterung zu erklären. „Es tut mir leid, das mit eurem Bruder”, sagte er schließlich. Er schaute von Hermine zu Ginny, von einem kleinen traurigen Gesicht zum anderen. Rons Schwester blickte ausdruckslos zurück. „Nein, wirklich, es tut mir ehrlich leid. Glaubt mir das. Bitte.“
Die beiden Mädchen wechselten einen Blick, und schließlich nickten beide.
* * *
A/N: Ich bin bis Mitte nächster Woche offline, deshalb gibt es als Entschädigung gleich ein zweites Kapitel dazu. ;-)
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Zurück zur Übersicht - Weiter zum nächsten Kapitel