von Jolie Black
Kapitel 19
Lupin kam an diesem Abend nicht mehr zurück. Auch als Sirius am nächsten Morgen aufwachte, war er nicht da. Er hatte auch keine Nachricht geschickt.
Die Küche war klamm, kalt und leer. Sirius aß Mrs Weasleys Obstsalat zum Frühstück, nun doch froh, dass er noch da war, und saß danach noch eine ganze Weile am Feuer. Er erwartete jeden Augenblick, dass eine Eule den Schornstein heruntergesaust kam. Aber es kam keine. Schließlich stand er auf und schaute sich nach etwas um, womit er sich beschäftigen konnte. Aber das Geschirr hatte Kreacher am Abend zuvor gespült und weggeräumt, ganz wie Sirius es ihm befohlen hatte, bevor er sich schlafen gelegt hatte. Es gab nichts für ihn zu tun.
Er verließ die Küche, ging nach oben und begann, von einem Zimmer zum nächsten zu wandern. Eine unheilverkündende Stille herrschte im Haus, die ihn rastlos machte. Er konnte kleine Lebewesen hinter der Wandtäfelung rascheln und trippeln hören. Er wollte gar nicht genau wissen, was für welche es waren.
Seine Unruhe wuchs mit jeder Stunde, die verging. In regelmäßigen Abständen kehrte er in die Küche zurück und schaute nach Neuigkeiten aus dem Kamin, nach irgend einer Nachricht, was draußen vor sich ging, nach einem Zeichen, dass die Welt außerhalb des Grimmauldplatzes Nummer zwölf überhaupt noch existierte. Aber schließlich vertrieb ihn Kreachers Grinsen aus dem Türspalt des Boilerschranks, das mit jeder Stunde breiter wurde, aus dem Raum. Er war sich unangenehm bewusst, dass der Hauself vermutlich jedes Wort der Gespräche von gestern Abend aufmerksam verfolgt hatte und genau wusste, was seinen Herrn quälte. Sirius beschloss, Kreacher beim nächsten Besuch der anderen Ordensmitglieder in eines der Badezimmer in den oberen Stockwerken einzuschließen. Falls die anderen Ordensmitglieder je wieder hier auftauchen würden. Im Augenblick sah es nicht danach aus.
Zum Verzweifeln war es aber noch ein bisschen zu früh, sagte sich Sirius. Sie wollten eben erst erledigen, was Moody ihnen aufgetragen hatte.
Aber was auch immer es war, es dauerte verdammt lange.
Sirius verbrachte einen weiteren Tag in der Bibliothek seines Vaters mit der Lektüre der Verwandlungstheorien vermutlich längst gestorbener Zauberer und Hexen. Aber auch am Dienstag Morgen war er nicht klüger. Mit der Zeit wich sein Ärger darüber, dass die anderen ihn nicht über die Entwicklungen im Ministerium auf dem Laufenden hielten, echter Sorge. Schließlich rührte sich nicht nur Lupin nicht - es meldete sich überhaupt niemand bei ihm. Und für diese vollkommene Funkstille gab es keine Erklärung, außer, dass etwas fürchterlich schief gelaufen war. Aber das konnte, durfte, nicht sein. Und selbst wenn, dann würde irgend jemand aus dem Orden ihm doch Bescheid sagen, und wenn es Remus war, dem etwas zugestoßen war, würde er sofort davon hören. Es sei denn - es sei denn, sie hatten alle beschlossen, dass es besser für ihn war, nichts zu wissen. Genau wie sie Harry behandelten. Vielleicht wollten sie ihn nicht belasten mit der Nachricht, dass etwas Furchtbares passiert war. Vielleicht dachten sie alle, er sei nicht besser als ein vierzehnjähriger Junge, der nicht mehr zu wissen brauchte, als dass er in Ruhe zu Hause sitzen durfte, während die Großen die Sache regelten.
Um die Mittagszeit ging Sirius Seidenschnabel füttern und machte es sich auf seinem gewohnten Platz auf der Fensterbank bequem, während der Hippogreif gierig einen kleinen Haufen frischer toter Ratten verschlang. Sirius selbst verspürte keinen sonderlichen Appetit, und der Anblick von Seidenschnabels Mahl war da nicht gerade förderlich.
„Sieht so aus, als ob Harry noch eine Weile auf uns warten muss, Schnäbelchen“; sagte er zu dem Hippogreif. „Ich wusste es doch, Harry ist auch nicht glücklich dort, wo er gerade ist. Ich weiß genau, wie sich das anfühlt, Tag für Tag zu Hause zu sitzen und zu warten, warten, warten...“
Es wurde nicht besser davon, dass er es laut aussprach. Zu Hause. Dies war nicht sein Zuhause. Es mochte sein Haus sein, es mochte das Haus sein, in dem er aufgewachsen war, aber es war der letzte Ort auf der Welt, der sich für Sirius je wie ein Zuhause anfühlen würde. Er blickte aus dem Fenster. Es war ein grauer Tag. Die Sonne versteckte sich hinter dichten, tief am Himmel hängenden Wolken. Der Grimmauldplatz lag, wie immer, verlassen da. Die Dinge kommen in Bewegung, dachte Sirius. Aber sie bewegen sich ohne mich, von mir weg, außer meiner Reichweite.
„Weißt du, wie sich das anfühlt?“ wandte er sich wieder dem Hippogreif zu. „Keine Ahnung zu haben, was da draußen vorgeht? Harry weiß noch nicht einmal, dass seine Freunde in der Nähe sind. Er muss denken, dass wir ihn alle vergessen haben.“ So wie sie mich vergessen haben, fügte er in Gedanken hinzu. Es auszusprechen würde zu sehr schmerzen. Und hatten sie ihn wirklich vergessen - oder wollten sie einfach nicht, dass er teilhatte an ihren Abenteuern? Flüsterten sie deswegen hinter seinem Rücken, hinter verschlossenen Türen?
Sirius verspürte einen heftigen Drang, jemanden zu schlagen oder etwas mit seinem Zauberstab in tausend Stücke zu zerhexen. Er sah sich in dem Zimmer um, aber er hatte in weiser Voraussicht alle Möbel daraus entfernt. Es war nichts mehr übrig außer dem Haufen zerlumpter Bettdecken auf dem Boden, auf denen der Hippogreif schlief, und selbst die hatte Seidenschnabel längst gründlich zerfetzt.
„Ich hasse es!“ brüllte Sirius die Welt draußen vor dem Fenster an. „ICH HASSE ES!“
Alarmiert erhob sich Seidenschnabel auf die Vorderbeine und schlug mit seinen mächtigen Flügeln, bis sie die Zimmerwände streiften. Der Raum wirkte plötzlich lächerlich klein für das große Geschöpf.
„Ja, genau!“ schimpfte Sirius. „Du kennst das auch. Genau so fühlt es sich an!“
Der Hippogreif warf seinem menschlichen Gefährten einen eisigen Blick aus seinen goldfarbenen Augen zu, wie um ihn zu warnen, dass er sich nicht gerne anschreien ließ.
„Oh, na gut, ich sollte nicht dich anbrüllen“, räumte Sirius etwas ruhiger ein. „Dann gehe ich besser und suche mir jemanden, der es verdient hat.“
Er stand auf und verließ das Zimmer. Er hätte nicht genau sagen können, wohin er gehen und was er tun wollte, aber als er an der Tür zu dem kleinen Schlafzimmer im zweiten Stock vorbeikam, hatte er plötzlich eine Idee. Schnell öffnete er sie und trat ein. Die Leinwand in ihrem Rahmen an der linken Wand war leer.
„Phineas?“ fragte Sirius in die Stille hinein. Niemand antwortete. „Phineas? Phineas!“
„Es gibt keinen Grund, so zu schreien“, sagte die vertraute aalglatte Stimme aus dem leeren Bild. „Wenn ich nicht ohnehin geneigt wäre, mich mit dir zu unterhalten, würde es mich nicht dazu bringen.“ Phineas Nigellus erschien in seinem Bilderrahmen und blickte mit der üblichen verachtungsvollen Miene auf seinen Ururenkel herab.
„Phineas, ich will wissen, was los ist“, sagte Sirius ohne Einleitung.
Der ehemalige Schulleiter verschränkte die Arme. „Und wieso sollte ausgerechnet ich dir da weiterhelfen können?“
„Red keinen Unsinn“, knurrte Sirius, der ganz und gar nicht in der Stimmung war, auf die Launen seines Vorfahren Rücksicht zu nehmen. „Wozu sitzt du denn sonst den ganzen Tag in Dumbledores Büro, wenn nicht, um zu hören, was los ist? Sag's mir schon.“
Phineas Nigellus schien wenig beeindruckt. „Du solltest mittlerweile verinnerlicht haben“; sagte er gleichmütig, „dass ich mich nur äußerst ungern herumkommandieren lasse, und ob es dir passt oder nicht, das gilt auch für dich.“
„Also gut.“ Sirius seufzte und zwang sich zur Geduld. „Ich kommandiere dich nicht herum. Ich stelle nur eine Frage. Also, was geht da draußen vor sich?“
„Gegenfrage. Woraus schließt du, dass der gegenwärtige Schulleiter von Hogwarts mir die Befugnis erteilt hat, dich darüber in Kenntnis zu setzen?“
„Ich schließe gar nichts, ich muss es einfach wissen.“
„Und was, wenn Professor Dumbledore da anderer Ansicht wäre?“
Sirius setzte zu einer Erwiderung an, aber dann hielt er inne. Konnte Nigellus recht haben? Konnte es sein, dass Dumbledore Sirius absichtlich im Dunkeln ließ? Sirius fühlte, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten. „Das will ich von Dumbledore persönlich hören“, brachte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Dann bedaure ich dir mitteilen zu müssen, dass sich der Direktor gegenwärtig nicht in seinem Büro aufhält. Ich fürchte also, dass du dich ein wenig in Geduld üben müsstest, falls dir die Bedeutung dieses Wortes bekannt sein sollte, bis er es dir persönlich bestätigen kann.“ Phineas Nigellus lehnte sich gegen die Seite seines Rahmens, den stechenden Blick seiner dunklen Augen unverwandt auf Sirius gerichtet. Offensichtlich amüsierte er sich köstlich.
Es war nicht wahr, verstand Sirius plötzlich. Nigellus spielte ein Spiel mit ihm, da war er sich sicher. Der ehemalige Schulleiter wusste wahrscheinlich genau so wenig über die neuesten Aktivitäten des Ordens Bescheid wie Sirius, er genoss es nur, sich seinem Ururenkel überlegen zu fühlen. Darauf hatten sich die Blacks schon immer bestens verstanden.
„Du lügst doch“, sagte Sirius rundheraus.
„Ich warne sich, Sirius“, gab Phineas Nigellus in sanftem Ton zurück, aber hinter dem selbstgefälligen Lächeln blitzten seine Augen gefährlich auf. „Nenne mich noch einmal einen Lügner, und ich werde es mir das nächste Mal sehr, sehr gut überlegen, ob ich dieses Gemälde wieder besuche.“
„Nicht, dass mich das kümmern würde.“
„Oh, das würde es. Oder wie würde es sich anfühlen, wenn dein einziges Mittel, mit der Welt da draußen in Verbindung zu treten, plötzlich ersatzlos ausfiele?“
Sirius griff nach seinem Zauberstab, bleich vor Wut.
„Na na na!“ tadelte ihn Nigellus. „Ein unschuldiges Gemälde anzugreifen! Ich stelle mit Bedauern fest, dass du die unglückliche Angewohnheit entwickelt hast, mit den Porträts dieses Hauses Streit anzufangen.“
„Nur weil die Porträts dieses Hauses die unglückliche Angewohnheit entwickelt haben, mir das Leben zur Hölle zu machen!“ blaffte Sirius zurück.
„Spricht man so von seinen Vorfahren?“
„Verdienen sie es etwa besser?“
Die beiden Zauberer starrten sich einen Moment lang bitterböse an, dann rollte Phineas Nigellus die Augen und seufzte theatralisch. „Hast du an mir unschuldigem Unbeteiligten jetzt genug von deinem Ärger ausgelassen, oder gibt es noch was?“ fragte er gelangweilt. „Es ist nämlich nicht meine Schuld, weißt du, dass deine teuren Freunde nicht all ihre kleinen Geheimnisse mit dir teilen.“ Er strich sich seinen schwarzen Spitzbart. Der Hieb hatte gesessen, und das kostete er schamlos aus.
In der Tasche seines Umhangs schlossen sich Sirius' Finger um den Griff seines Zauberstabs. „Nein, ich bin noch nicht fertig“, sagte er. Seine Stimme zitterte vor unterdrückter Wut. „Ich will immer noch wissen, was im Ministerium vor sich geht, was Alastor Moody und Remus Lupin vorhaben, und warum sich niemand bei mir meldet.“
Phineas Nigellus hob eine Augenbraue.
„Bitte“, fügte Sirius unter großen Mühen hinzu.
„Ah, schon besser.“ Nigellus fuhr fort, sich den Bart zu streichen. „Interessant, was du da sagst. Im Ministerium, ja? Sieht ganz so aus, als ob Mad-Eye und dein kleiner Werwolf-Freund ihre Nasen, oder was von ihnen übrig ist, in Angelegenheiten stecken, die ein paar Nummern zu groß für sie sind, oder?“
„Du weißt es also auch nicht. Du weißt gar nichts.“
„Oh, das wäre auch wieder übertrieben“, erwiderte Nigellus in bescheidenem Ton, aber sein Lächeln war jetzt so breit geworden, dass es Kreacher alle Ehre gemacht hätte. „Aber in diesem speziellen Fall hast du vollkommen recht. Ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Ich höre dich nur gerne betteln.“
Sirius drehte sich auf dem Absatz um, so heftig, dass der mottenzerfressene Teppich unter seinem Schuh zerriss, und knallte die Tür hinter sich zu, so dass der schwere Bilderrahmen an der Wand nur so klapperte. Ich hatte unrecht, dachte Sirius angewidert, als er die Treppe zur Küche hinunterpolterte. Er ist sogar noch viel, viel schlimmer als alle anderen Slytherins zusammen.
Sirius war so sehr in seine finsteren Gedanken vertieft, dass er zuerst gar nicht bemerkte, wer da auf dem Küchentisch vor dem Kamin saß und auf ihn wartete - bis sie einen leisen Klagelaut ausstieß. Es war Hedwig, Harrys Schneeeule, und an ihr Bein war ein Brief gebunden.
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