von Jolie Black
Kapitel 15
Sirius ging an diesem Abend sehr spät zu Bett. Die vielen lachenden Gesichter und freundlichen Worte, die ihn umgeben hatten, hatten in ihm ein Feuer zum Leben erweckt, das noch lange in ihm glomm und ihn wärmte. Das Lied des Phönix klang in jeder Faser seines Herzens weiter fort. Er war ganz benommen vor Glück und Hoffnung, dass sich von jetzt an alles zum Guten wenden würde.
Der Morgen graute, kühl und ernüchternd. Sonnenstrahlen stahlen sich durch die staubigen Fenster der Bibliothek und ließen Sirius blinzelnd erwachen. Sein erster Gedanke war, dass er noch immer in diesem Haus festsaß, egal ob zwei Menschen auf der Welt die Wahrheit kannten oder zwei Dutzend, und dass all ihr Lächeln und all ihre Anteilnahme ihn nicht zu einem freien Mann gemacht hatte.
Im Haus war es sehr still. Er hatte fast bis zum Mittag geschlafen, und Lupin, der offensichtlich früher am Morgen schon wach und auf den Beinen gewesen war, hatte sich bereits in sein Zimmer zurückgezogen und die Tür verschlossen und verriegelt. Sirius konnte nichts für ihn tun, bis der Mond wieder abzunehmen begann. Und bis dahin war auch Sirius sich selbst überlassen.
In der Küche ließ er sich zu einem späten Frühstück nieder. Eine neue Ausgabe des Tagespropheten lag auf dem Tisch. Sirius blätterte darin herum, während er seinen Tee trank. Das meiste, was darin stand, war belangloser Unsinn, aber in der unteren linken Ecke der Seite acht sprang ihm ein Artikel mit der Überschrift „Zaubergamot-Reform in Kraft getreten“ ins Auge. „Albus Dumbledore“, hieß es darin, sei „mit sofortiger Wirkung von seinem Amt als Großmeister des Zaubergamot zurückgetreten.“ Dies sei, wie es weiter hieß, „eine Geste, die auch alle anderen Verantwortlichen ermutigen sollte, sich den notwendigen und überfälligen Reformen dieser altehrwürdigen Institution nicht länger in den Weg zu stellen.“ Sirius schnaubte verächtlich und warf die Zeitung ins Feuer.
Einen Augenblick später, als er zusah, wie das Papier langsam aber unaufhaltsam zusammenschrumpfte und zu Asche zerfiel, bereute er es. Er hatte schließlich nichts zu tun und hätte etwas zu lesen gebrauchen können. Dieser Gedanke ließ ihn wieder in die oberen Stockwerke zurückkehren, um einen Blick auf die Bücher seines Vaters in der Bibliothek zu werfen. Eine Staubwolke stieg aus jedem Band auf, den er öffnete. Manche Seiten zerbröckelten ihm unter den Fingern. Andere Bücher sahen aus, als ob etwas ihnen die Ecken abgekaut hätte. Manche ließen sich überhaupt nicht aufschlagen, aber Sirius machte sich nicht die Mühe, den Grund dafür herauszufinden. Die meisten der Titel klangen ohnehin nicht besonders interessant. Eine Menge der Bände beschäftigte sich mit der Geschichte der Zauberei und berühmten Zaubererfamilien, vieles davon auf Latein oder Französisch. Es gab auch eine ansehnliche Zahl von Büchern, die - soviel war sich Sirius sicher - bestimmt nicht bei Flourish & Blotts erhältlich waren, nicht einmal unter dem Ladentisch. Nach einer Weile ziellosen Blätterns machte Sirius es sich mit einem Stapel vergilbter Ausgaben von Verwandlung Heute aus den Siebziger Jahren auf dem Sofa bequem und schlug das Exemplar vom Januar 1974 auf.
Januar 1974 - da war er noch zur Schule gegangen und hatte sich in Minerva McGonagalls Verwandlungs-Unterricht zu Tode gelangweilt, weil es ihm für seinen Geschmack nie schnell genug voranging. Dafür hatte er dann immer doppelt soviel an Hausaufgaben aufbekommen wie der Rest der Klasse, und sich natürlich stets vernehmlich darüber beschwert. Sinnlos, rückblickend - schließlich hatte er im Vergleich zu den anderen auch immer nur die Hälfte der Zeit gebraucht, um sie zu erledigen. Im Nachhinein, so wurde ihm bewusst, sollte er Professor McGonagall dankbar sein, dass sie seine Interessen so gefördert hatte, anstatt ihn nur Däumchen drehen und sich neuen Unfug ausdenken zu lassen.
„Wandelzauber neu betrachtet - eine kritische Bestandsaufnahme der Wandeltechniken für unbelebte Objekte“ lautete die Überschrift des ersten Artikels. Er war über zehn Seiten lang, mit etlichen komplexen Illustrationen und Diagrammen. Wandelzauber waren in seiner ZAG-Prüfung vorgekommen, erinnerte sich Sirius. Allerdings waren es die für belebte Objekte gewesen, und die waren schwieriger. Er wusste noch genau, dass die Anweisung gelautet hatte, einen braunen und einen weißen Hamster zu wandeln, und wie er daraufhin, wenig beeindruckt von einer solchen Anfängerübung, den braunen Hamster in seinem Käfig mit dem Goldfisch im Glas auf dem Tisch eines anderen Prüfers drei Meter entfernt vertauscht hatte. Er musste lachen, während er sich das verblüffte Gesicht des Prüfers ins Gedächtnis rief, als der Hamster im Goldfischglas zu ertrinken drohte und der Goldfisch hilflos auf dem Boden des Hamsterkäfigs herumzappelte. Die Geschichte schien sich vor Äonen und in einem fernen Universum abgespielt zu haben.
Sirius wandte sich dem nächsten Artikel zu. „Genie oder Genetik: Kann man Metamorphmagie erlernen?“ Aber Sirius war sich nicht sicher, ob er wirklich gerade jetzt etwas über Metamorphmagi lesen wollte. Vielleicht erinnerte man ihn am besten im Moment gar nicht daran, dass diese Wunderkinder überhaupt existieren. Ganz besonders nicht ein bestimmtes.
Sirius warf die Zeitschrift in eine Ecke und zog in Seidenschnabels Zimmer um, wo er in Gesellschaft des Hippogreifs den Rest des Tages verträumte, bis die Nacht sich über den leeren Grimmauldplatz senkte und ein riesiger voller Mond über den dürren Bäumen aufging, der den ganzen Platz in ein gespenstisches weißes Licht tauchte.
* * *
Es war spät am Sonntag Nachmittag, als die Türglocke wieder läutete. Ihr schrilles Klirren zerriss die vollkommene Stille im Haus mit solcher Gewalt, dass Sirius, der sich wieder in eine Ausgabe von Verwandlung Heute vertieft hatte - inzwischen war er bei Oktober 1976 angelangt - vor Schreck zusammenfuhr. Wie zu erwarten schreckte der schrille Ton nicht nur ihn auf, sondern auch seine Mutter in ihrem Gemälde in der Eingangshalle, deren Geschrei sich prompt in den Lärm der Türglocke mischte.
Tonks musste es sehr eilig gehabt haben, wieder am Grimmauldplatz aufzutauchen, dachte Sirius, als er - drei Stufen auf einmal nehmend - die Treppe herunterpolterte. Er zog die Vorhänge vor dem schreienden Porträt zu und öffnete atemlos die Haustür. Draußen stand - nicht seine Cousine, sondern Mrs Weasley mit ihrem Sohn Bill. Sie lachten beide, als sie seinen verblüfften Gesichtsausdruck sahen.
„Hallo“, sagte Bill zur Begrüßung, als Sirius sich nicht rührte. „Wir sind von Essen auf Besen, Ihr freundlicher mobiler Menü-Bringdienst. Aber du hast offensichtlich jemand anderen erwartet.“
„Ich dachte, ich bringe noch ein paar Vorräte vorbei“, erläuterte Mrs Weasley.
„Und ich wollte Mum nur beim Tragen helfen“, sagte Bill und drückte Sirius zwei schwere Papiertüten in die Arme. „Und dann geht's weiter nach Surrey.“
Für einen Augenblick versuchte sich Sirius vorzustellen, wie ein mit Einkaufstüten beladener Mad-Eye Moody wirken würde, wenn er jemals einen Satz wie „ Wir sind Ihr freundlicher mobiler Menü-Bringdienst“ über die Lippen brächte. Er kam zu dem Schluss, dass „Du bist ein toter Mann“ aus Moodys Mund zwar nicht herzlicher, aber dafür wenigstens deutlich natürlicher klang. Bill Weasley war für solche Aufgaben klar der besser Geeignete.
„Das ist sehr nett von Euch“, antwortete Sirius, als er die Sprache wiedergefunden hatte. Er trat einen Schritt zurück, um seine Besucher ins Haus zu lassen. „Aber eigentlich - “ Eigentlich brauche ich gar nichts, hatte er sagen wollen, aber in diesem Augenblick wurde ihm klar, dass die Vorratslage im Grimmauldplatz Nummer zwölf wohl kaum der wahre Grund für Mrs Weasleys und Bills Besuch war. „Ach so“, stotterte er hastig, „also eigentlich, eigentlich wäre es mir noch lieber, wenn ihr auch gleich zum Essen bleibt, wenn ihr wollt. Wenn Ihre Familie Sie entbehren kann, Mrs Weasley...“
Bill zwinkerte ihm zu. Er hatte richtig verstanden.
„Sag doch bitte Molly“, erinnerte Mrs Weasley Sirius freundlich. „Und ich muss sagen, ich bin im Moment ganz gerne aus dem Haus. Fred und George haben morgen ihre Apparierprüfung, also apparieren sie heute Abend bestimmt kreuz und quer durchs ganze Haus, um zu üben. Und Arthur ist ja da, um sich um die Kinder zu kümmern.“ Allerdings schien sie, ihrem Ton nach zu urteilen, nicht gänzlich sicher, dass ihr Mann dieser Aufgabe gewachsen sein würde.
„Und auf wen hast du so sehnlich gewartet?“ fragte Bill Sirius.
„Auf Tonks“, sagte Sirius kurz angebunden und ging voraus nach unten in die Küche.
„Oh, jetzt verstehe ich“, sagte Bill hinter ihm, und Sirius hörte, wie er sich ein Kichern verkniff. „Falls wir doch lieber wieder gehen sollen...“
„Das sollt ihr bestimmt nicht.“ Sirius meinte es so ernst, wie er es sagte. Er hatte den Tag über mehr als einmal gezweifelt, ob er Tonks wirklich hätte einladen sollen, und gerade eben auf dem Weg zur Haustür war er zu dem Schluss gekommen, dass es überhaupt keine gute Idee gewesen war. Er empfand eine echte Dankbarkeit gegenüber den Weasleys, dass sie gekommen waren. Je mehr sie waren, desto leichter würde es werden mit ihm, Remus und Tonks zusammen an einem Tisch.
„Du könntest mal zur Kenntnis nehmen“, sagte er und drehte sich zu dem breit grinsenden Bill um, „dass Tonks meine Cousine ist. Sonst nichts.“ Da verschwand Bills Grinsen endlich.
Als sie die Küche betraten, war Sirius plötzlich peinlich davon berührt, dass weder er noch Kreacher seit Freitag Abend auch nur einen Finger krumm gemacht hatten, um den Raum wieder in einen halbwegs ordentlichen Zustand zu versetzen. Die schmutzigen Teller von mehreren Mahlzeiten und Remus' Töpfe mit den angetrockneten Resten des Wolfsbanntranks leisteten sich im Spülbecken Gesellschaft, und überall standen leere Butterbierflaschen herum. Aber Mrs Weasley übersah das Chaos großzügig und machte sich stattdessen daran, ihre Vorräte auszupacken. Sie deutete mit ihrem Zauberstab hierhin und dorthin, und der Kessel füllte sich unter dem Hahn mit Wasser und sprang auf die Herdplatte. Das gestapelte Geschirr im Becken begann, sich zu spülen.
„Kreacher könnte dir dabei helfen“, bot Sirius entschuldigend an. „Das ist doch ein Hauselfenjob, und er hat die ganze Woche noch überhaupt nichts geleistet.“
„Ist schon in Ordnung“, sagte Mrs Weasley leichthin. „Ich bin es gewohnt, ohne Hauself auszukommen, Sirius, es macht mir wirklich nichts aus.“ Sie setzte sich an den Tisch und begann, Kartoffeln zu schälen. Ein kurzer Schwung ihres Zauberstabs genügte, und sie sprangen bereitwillig aus ihren Schalen.
Sirius sah eine Weile fasziniert zu, dann nahm er selbst eine Kartoffel, um sich daran zu versuchen. "Und, wie ist die neue Stelle bei Gringotts, Bill?“ fragte er, während er sich gegenüber von Mrs Weasley niederließ.
„Oh, ganz in Ordnung. Besser als ich dachte sogar, für so einen Schreibtischjob. Vielleicht sieht es im Moment nach einem Karriereknick aus“, räumte Bill mit einem Seitenblick auf seine Mutter ein. Offensichtlich war dies zwischen ihnen ein ebenso häufiges wie heikles Thema. „Aber eine Stelle hier im Haupthaus in London bietet auch ganz eigene Chancen. Vielleicht schicken sie mich mal für eine Weile in ihre Niederlassung in Paris, wenn ich mich hier bewähre. Nur so zum Beispiel“; fügte er hastig hinzu, als sich der Gesichtsausdruck seiner Mutter verfinsterte. „Und natürlich nicht, so lange der Orden mich hier braucht. Deswegen bin ich doch überhaupt nur aus Ägypten zurückgekommen.“
Mrs Weasley schwieg, aber die Kartoffeln sausten in einem solchen Tempo aus ihren Schalen heraus, als wüssten sie, dass sie jedenfalls nirgendwo hin geschickt werden würden außer in den Kochtopf, und schon gar nicht nach Paris. „Ach, gib schon her“, sagte sie zerstreut und griff nach den Kartoffeln, die Sirius mit seinem Zauberstab zu schälen versucht hatte, während Bill erzählte. Alles, was er erreicht hatte, waren ein paar hässliche Schnitte und Schrammen.
„Das könnte ich ohne Zauberei auch nicht besser“, versuchte er sich zu verteidigen. Dann entschied er sich dafür, sich nach einer anderen Aufgabe umzusehen - nach irgend etwas, das ihn von dem Gefühl befreien würde, nur unnütz herumzusitzen, während Mrs Weasley sich wieder einmal hauptamtlich um das ganze Haus und alle seine Bewohner kümmerte. Und wie als Antwort auf seinen heimlichen Wunsch erklang wieder die Türglocke.
„Ich gehe schon“, sagte er schnell und eilte nach oben.
* * *
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