von Jolie Black
Kapitel 14
Dumbledore hatte noch einiges Praktische mit dem Orden zu besprechen, aber Sirius hörte kaum zu, selbst als Dumbledore von der Notwendigkeit sprach, am Haus von Harrys Muggelfamilie Wache zu halten. Sirius und Lupin saßen wieder nebeneinander, aber sie vermieden es, einander anzusehen.
Sirius hätte sich ohrfeigen mögen, und gleichzeitig war er sich schmerzlich bewusst, dass er selbst mit einem Satz gesalzener Ohrfeigen immer noch viel zu gut davonkommen würde. Warum hatte er, Vollidiot der er war, denn unbedingt gleich das erwähnen müssen, und dann auch noch gegenüber jemandem wie Tonks? Warum um Himmels Willen hatte er angefangen, von Wölfen zu reden? Dazu hatte es doch überhaupt keinen Anlass gegeben, nicht einen einzigen anständigen Grund. Im Gegenteil. Und jetzt mit einem schlechten Gewissen dazusitzen half überhaupt nichts, dadurch würde Tonks schließlich nicht vergessen, was er ausgeplaudert hatte. Wie sollte er das wieder in Ordnung bringen?
„Heute Abend“, hörte er Dumbledore sagen, „hat sich Arabella Figg dankenswerterweise selbst zur Verfügung gestellt, um über Harry zu wachen. Aber das ist mehr, als wir auf Dauer von ihr erwarten können, da sie ja schon tagsüber ein Auge auf ihn hat. Es wäre uns daher eine große Hilfe, wenn ihr alle hin und wieder die eine oder andere Nacht opfern könntet, damit der Junge in Sicherheit ist. Ich weiß, dass es eine ermüdende Aufgabe ist, aber sie ist notwendig. Ich kann Harry schließlich nicht in seinem Haus einsperren.“
Wenn du es mit anderen Leuten machen kannst, warum dann nicht auch mit Harry? dachte Sirius bitter, heimlich erleichtert, sich zur Abwechslung wieder über jemand anderen ärgern zu können als sich selbst.
„Es ist wichtig, dass einer von uns immer in der Nähe ist - nur für den Fall der Fälle. Ist jemand von euch bereit, sich für eine der kommenden Nächte zur Verfügung zu stellen?“
„Ich kann morgen gehen“, erbot sich Tonks sofort. „Kein Problem. Ich habe das ganze Wochenende frei, und meine Mum fragt schon lange nicht mehr, wo ich meine Samstagabende verbringe.“
„Danke, Nymphadora. Arabella Figg wird dir die Örtlichkeiten zeigen und dich in die Aufgabe einweisen. Und obendrein wird sie dich sicherlich mit so viel von ihrem selbstgebackenen Kuchen versorgen, wie du dir nur wünschen kannst.“ Dumbledores Augen zwinkerten hinter seinen Brillengläsern.
„Dann übernehme ich Sonntag Nacht“, schlug Bill Weasley vor.
„Dann sind wir uns einig”, sagte Dumbledore. „Danke für eure Hilfe. Und danke für euer aller Geduld heute Abend. Wir werden uns von nun an regelmäßig hier treffen, wann immer es nötig wird, während wir ... warten.“ Für den Bruchteil einer Sekunde schweifte sein Blick wieder zu Severus Snape in seiner dunklen Ecke. „Und in der Zwischenzeit haltet eure Augen und Ohren offen. Seid vorsichtig, und seid wachsam. Diese Versammlung ist beendet.“
Der Trubel des allgemeinen Aufbruchs wurde dadurch noch größer, dass Dumbledore die Besucher nur in kleinen Gruppen aus dem Haus ließ, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. So kam es, dass Sirius sich zusammen mit Nymphadora Tonks und Kingsley Shacklebolt in der Eingangshalle wiederfand, während sie darauf warteten, dass Moody an der Tür mithilfe seines magischen Auges grünes Licht dafür gab, dass die Luft draußen rein war.
„Wir müssen uns dringend bald zusammensetzen“, sagte der schwarze Auror zu Sirius. „Wir müssen einen Plan entwickeln, in welche Richtung die Ermittlungen von jetzt an laufen sollen - ein Konzept, wo du gesichtet wirst und wie wir darauf reagieren. Wir brauchen eine Strategie.“
„Ich hoffe wirklich, dass du deswegen keine Schwierigkeiten bekommst”, sagte Sirius aufrichtig. Ihm wurde erst langsam klar, in was für einer prekären Lage sich Kingsley Shacklebolt seit diesem Abend befand. Er musste seine Ermittlungen weiter führen, und das auf eine möglichst überzeugende Art und Weise. Aber gleichzeitig musste er sicherstellen, dass sie zu absolut keinem brauchbaren Ergebnis führen würden. Das zu bewerkstelligen würde mehr als durchschnittliche Nerven und Geistesgegenwart brauchen. Aber Kingsley Shacklebolt schien sich deswegen keine Sorgen zu machen. Er lachte nur, als Sirius anfing, sich zu entschuldigen.
“Ach, mach dir keine Gedanken“, sagte er mit einem Augenzwinkern. „Im Gegenteil, ich habe so das Gefühl, dass mir mein Job von jetzt an doppelt so viel Spaß machen wird wie zuvor.“
„Wir müssen uns auch bald wieder sehen!“ fiel Tonks eifrig ein. „Du musst ja so viel zu erzählen haben nach all den Jahren, ich kann es gar nicht erwarten, alles zu hören.“
„Ich versichere dir”, antwortete Sirius trocken, „dass die große Mehrzahl dieser Jahre nur für eine reichlich monotone Erzählung herhält. Aber was den Rest betrifft, in Ordnung.“
„Kann ich dann einfach mal zum Abendessen vorbeikommen? Du bist doch hier?“
„Ich bin ab jetzt immer hier”, sagte Sirius düster.
„Sollen wir dann gleich morgen sagen?“ schlug Tonks vor, die seinen verbitterten Ton nicht bemerkt zu haben schien. „Ich könnte auf dem Weg nach Surrey vorbeikommen.“
Sirius zögerte. „Komm lieber am Sonntag, Tonks“, sagte er dann. „Dann kannst du auch - dann kannst du mir alles Neue von Harry erzählen.“
„Sonntag dann“, stimmte Tonks zu.
„In Ordnung, Abmarsch!“ verkündete Moody in diesem Augenblick von der Tür her. Er und die beiden Auroren waren jetzt die einzigen Besucher, die noch übrig waren. Und einen Moment später waren auch sie verschwunden - zurück in ihren Dienst, zurück zu ihren Pflichten, zurück zu ihrer unermüdlichen Jagd auf einen gemeingefährlichen Massenmörder namens Sirius Black.
Sirius hätte singen mögen.
* * *
Remus Lupin, unten in der Küche, dagegen ganz und gar nicht.
Er hatte sich in der Zwischenzeit damit beschäftigt, die Küche so weit aufzuräumen, dass sie wieder als solche dienen konnte. Aber als Sirius die Treppe wieder herunter kam, fand er die Küche leer - leer bis auf Kreacher, der gerade in seinen Boilerschrank zurück schlüpfen wollte. Sirius hatte ihn vor Beginn der Versammlung in den düsteren Salon im ersten Stock geschickt, aber er vermutete, dass der gerissene Elf von dort zumindest die Ankunft all der fremden Zauberer und Hexen beobachtet hatte. Er fühlte sich jetzt sicher darin bestätigt, dass sie etwas im Schilde führten, was seine Herrin in ihrem Haus niemals geduldet hätte. Kreacher murmelte wieder einmal vor sich hin, aber Sirius gab sich nicht die Mühe, hinzuhören. Es war vermutlich ohnehin nichts Neues.
„So, jetzt noch einen Becher davon”, sagte Lupin zu niemand Bestimmtem, als er mit seinem kleinen Kessel aus der Vorratskammer zurückkam. Er mied noch immer sorgfältig Sirius' Blick.
Eine oder zwei Minuten lang sah Sirius seinem Freund schweigend zu, wie dieser am Herd in dem unangenehm riechenden Trank rührte. „Remus - “ begann er dann.
Lupin hielt inne, aber er drehte sich nicht um. „Macht nichts“, sagte er steif und rührte weiter.
„Es macht sehr wohl was“, sagte Sirius leise.
„Na gut, dann macht es was“, sagte Lupin zu der Wand hinter dem Herd. „Aber - “
„Kein Aber.“ Sirius griff sich einen Stuhl, knallte ihn in die Mitte der Küche, setzte sich rittlings darauf und verschränkte die Arme über der Rückenlehne. Er war grimmig entschlossen, dass dieser Tag, ausgerechnet dieser Tag, nicht seinetwegen für sie beide im jammernden Elend enden würde. „Ich weiß, es ist spät, und wir sind im Moment alle ziemlich angespannt, aber du drehst dich jetzt um und schaust mich an und sagst mir ins Gesicht, dass ich der größte Idiot bin, der auf diesem Planeten herumläuft. Los.“
„Red keinen Unsinn“, sagte Lupin gleichmütig und fuhr fort, mit übertriebener Sorgfalt seinen Trank umzurühren.
„Ich meine es ernst. Ich verhexe dich sonst.“
Lupin seufzte, legte den Löffel weg und drehte sich um. „Aber ich hätte es ihr doch sowieso früher oder später - “
Mit einer einzigen schnellen Bewegung hatte Sirius seinen Zauberstab hervorgezogen und auf seinen Freund gerichtet. „Los. Sag's schon.“
Für eine Sekunde wurden Lupins Augen weit vor Schreck, und er griff instinktiv nach seinem eigenen Zauberstab. Aber dann ließ er die Hand sinken und seufzte resigniert. „Wenn es dich glücklich macht”, sagte er müde. „Du bist der größte - “ Er brach ab und schüttelte den Kopf.
„Ja?“
„Weißt Du, Sirius“, sagte Lupin, und seine Stimme klang plötzlich wieder völlig normal, „manchmal bist du das wirklich. Zum Beispiel gerade jetzt.“
Im gleichen Augenblick brachen sie beide in schallendes Gelächter aus. Sie lachten so sehr, dass ihnen die Tränen kamen. Lupin sank auf einem Stuhl zusammen, wischte sich die Augen mit dem Ärmel seines Umhangs und schüttelte hilflos den Kopf. Sirius musste sich an seiner Stuhllehne festklammern, um nicht herunterzufallen. Er lachte, wie er seit über vierzehn Jahren nicht mehr gelacht hatte. Endlich wich seine innere Anspannung, die im Verlauf der letzten Woche immer unerträglicher geworden war. Sie fiel urplötzlich von ihm ab, vertrieben durch die Macht des Lachens.
„Oh Tatze“, sagte Lupin, als er die Sprache wiedergefunden hatte, „wir haben es geschafft. Das muss gefeiert werden. Ich brauche was zu trinken.“
„Ich auch.“ Sirius zog sich von seinem Sitz hoch. „Wenn noch was da ist.“
„Oh nein! Du hast ja die ganze Flasche Ogdens schon am ersten Abend verschwenden müssen!“ jammerte Lupin in komischer Verzweiflung.
„Ah, aber ich erinnere mich, wenn auch zugegebenermaßen nur dunkel, dass mir jemand nach Kräften dabei geholfen hat“, grinste Sirius. „Und außerdem“, fügte er halb im Spaß und halb im Ernst hinzu, „hätte ich diese Woche sonst gar nicht überstanden.“
„Im Ernst, ich bin beeindruckt, wie du das Treffen heute Abend überstanden hast.“
„Oh, und ich erst”, sagte Sirius gut gelaunt. „Ich kann dir versichern, ich wäre beinahe gestorben. Magisches Erbrecht, ich bitte dich. Und als Shacklebolt dann auf mich zugestürmt kam, habe ich beinahe gehofft, er würde mich einfach in Stücke hexen und fertig. Nur damit es vorbei wäre.“
„Und ich hoffe nur, Dumbledore wusste genau, was er da tat“, sagte Lupin leise.
“Mit Sicherheit“, sagte Sirius. „Es hat geklappt, das ist alles, was zählt. Und jetzt räum dieses schreckliche Zeug weg, und ich suche uns was Richtiges zu trinken. Soll dieses Gebräu eigentlich so angekokelt riechen?“
„Der Wolfsbanntrank!“ Lupin sprang auf. Aus dem Kessel kam jetzt ein eindeutig verbrannter Geruch.
„Macht ihn das wirkungslos?“ fragte Sirius besorgt.
„Nein“, sagte Lupin und schnitt eine Grimasse. „Nur noch scheußlicher.“ Er füllte einen Becher, hielt sich die Nase zu und trank ihn so schnell er konnte in drei großen Schlucken aus.
Sirius machte sich auf die Suche nach Butterbier, während Lupin die letzte Portion Wolfsbann vom Boden des Kessels kratzte und sie in einen sauberen kleinen Topf umfüllte. „Da“, sagte er und ließ den leeren Kessel in das Spülbecken fallen. „Da hat Kreacher morgen was zu spülen.“
„Er wird begeistert sein.“ Sirius musterte die Sauerei mit gerümpfter Nase. „Warum erfindet niemand Fertig-Wolfsbann aus der Dose oder so was?“
„Snape sagt, sie sind nah dran. Ach, komm schon.“ Lupin rollte die Augen, als bei der Erwähnung dieses Namens ein Schatten über Sirius' Gesicht glitt. „Soll ich ihn lieber ?Du-weißt-schon-wer' nennen, oder ?Er dessen Name nicht genannt werden darf'?“
Sirius musste gegen seinen Willen grinsen. „Hast du gehört, was er zu mir gesagt hat?“
„Das mit dem Haus habe ich gehört“, gab Lupin zu. „Das nimmst du dir doch nicht wirklich zu Herzen, oder?“
Sirius antwortete nicht.
„Dann hör mir mal zu“, sagte Lupin ernst und setzte sich Sirius gegenüber an den Tisch. „Es ist nämlich ganz einfach. Er beneidet dich, Sirius. Das ist alles.“
„Er beneidet mich? Um diese Bruchbude?“ Sirius schnaubte verächtlich.
„Ja“, sagte Lupin ruhig. „Diese Bruchbude, wie du sie nennst, ist ein Zuhause, wie er es nie hatte. Ich weiß, das ist schwer zu verstehen. Aber du hast ja gesehen, wie ich wohne - und selbst ich musste in so einem Loch nicht aufwachsen.“
Sirius starrte ihn an. „Woher weißt du das?“
„Erinnerst du dich an meinen Nachbarn, den alten Squib? Der, dessen Katzen solche Angst vor dir hatten?“
Sirius nickte.
„Der wohnt schon seit Jahrzehnten da. Und er könnte dir Geschichten über die Snapes erzählen, die dir die Haare zu Berge stehen lassen würden.“
Sirius setzte zu einer Antwort an, aber dann überlegte er es sich anders. Er starrte eine Weile in das prasselnde Feuer, dann griff er nach seinem Butterbier. „Snapes Problem, nicht meins“, sagte er gleichgültig. „Prost.“
* * *
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