von Jolie Black
Kapitel 8
Später in der Nacht - Sirius hätte nicht sagen können, ob er schon geschlafen hatte oder nicht - raffte er sich schließlich auf und stolperte die restlichen Stufen hinauf in den zweiten Stock. Das Haus war nun sehr still. Sirius ließ sich auf das staubige alte Sofa in der Bibliothek seines Vaters fallen, ohne sich auch nur die Schuhe auszuziehen. Er starrte noch eine ganze Weile an die dunkle Decke, bis er schließlich aus purer Erschöpfung seine brennenden Augen schloss und in Schlaf fiel.
Aber Schlaf brachte keine Erleichterung.
Sirius träumte. Er träumte, er säße wieder in einer dunklen Zelle. Um seine Füße krochen Ratten, die an ihm schnupperten und in hohen, spitzen Tönen quiekten. Er trat mit dem Fuß nach ihnen. Da setzte sich eine der Ratten - ihr fehlte ein Zeh an der Vorderpfote - auf die Hinterbeine auf und kreischte: „Unter keinen Umständen darf Sirius das Haus verlassen!“
Er schlug mit der Hand nach ihr, aber die Ratte war schneller und tänzelte aus seiner Reichweite. „Fidelius“, sagte eine tiefe, feierliche Stimme, und die Ratte grinste Sirius bösartig an und schlüpfte dann zwischen den Gitterstäben hindurch aus der Zelle. Er musste sie fangen! Er wusste, dass er sie erwischen musste, bevor es zu spät war, und er warf sich nach vorn - aber da gab es einen Blitz von grünem, blendendem Licht, und die Macht einer heftigen Explosion warf ihn zurück gegen die Wand. Ein hohes, meckerndes Lachen war in der Luft, ein Lachen voller Wahnsinn und Triumph. „Du hast sie umgebracht!“ gackerte die verrückte Stimme. „Es war dein Werk!“
„Nein!“ wollte Sirius rufen, aber alles, was er hervorbrachte, war ein rasselnder, ächzender Atemzug, und ihm wurde kalt, so kalt, als ob sein Innerstes zu Eis erstarrte… er konnte sich nicht bewegen, er war wie gelähmt… und dann griff plötzlich ein Dutzend Hände nach ihm. Er war gerettet - nein, nicht gerettet, sondern gefangen! Gesichtslose Schatten umringten ihn von allen Seiten, packten seine Arme, schubsten ihn herum und riefen mit schrillen Stimmen, „Schande des Ordens! Verräter deiner Freunde!“ Jemand stieß ihn heftig in den Rücken, und er stürzte und fiel, fiel in einen stockdunklen, bodenlosen Abgrund, in eine Leere ohne Licht und ohne Ton, ohne Anfang und ohne Ende, er fiel und fiel und fiel…
Sirius fuhr aus dem Schlaf hoch, nach Luft ringend und in Schweiß gebadet. Sein Blick flog durch das unbekannte und doch vertraute Zimmer, und langsam begann er sich zu erinnern, wo er war, und warum er hier war.
Seine Träume waren übel gewesen, aber das Erwachen war es noch viel mehr. Die Dunkelheit war vorüber - hinter den staubigen Vorhängen war es Tag - aber die Stimmen hallten noch immer schrill in seinem pochenden Schädel wider.
Eine lange Zeit rührte Sirius sich gar nicht. Dann nahm er seinen Kopf zwischen die Hände, schloss die Augen und versuchte, sich zu konzentrieren. Einen Augenblick später hatte ein großer schwarzer Hund seinen Platz auf dem Sofa eingenommen. Den zottigen Kopf auf seine Pfoten gestützt, lag er still und ruhig da.
* * *
Es wurde draußen dunkel und wiederum hell, bis der Hund auf dem Sofa sich überhaupt wieder bewegte. Zu guter Letzt öffnete er seine Augen, blinzelte ein paar Mal, und verwandelte sich in Sirius' menschliche Gestalt zurück. Mit einem Seufzer erhob er sich. Er wankte dabei so heftig, dass er sich an der Kante des schweren Eichenholzschreibtisches abstützen musste, um nicht zu fallen. Einen Moment stand er so da und wartete, bis seine Beine ihn wieder trugen. Dann machte er sich, von Hunger und Durst getrieben, auf den Weg hinunter in die Küche.
„Guten Morgen“, begrüßte ihn eine freundliche Stimme, als er in der Eingangshalle ankam. Sirius blinzelte. Direkt vor der Eingangstür, mit dem Rücken zur Treppe, saß Remus Lupin im Schneidersitz auf dem ausgefransten Teppich. Er hatte die Ärmel seines Umhangs hochgekrempelt und stocherte mit seinem Zauberstab in dem schweren Türschloss herum.
„Ich bin schon eine Weile hier, aber da du so tief geschlafen hast, wollte ich dich nicht wecken“, sagte er munter. Dann erst drehte er sich um, und das Lächeln verschwand augenblicklich aus seinem Gesicht. „Ach du lieber Himmel. Du siehst ja furchtbar aus.“
Sirius warf einen Blick in den zersprungenen Garderobenspiegel neben der Tür und musste zugeben, dass Lupin Recht hatte. Seine rot geschwollenen Augen waren hinter den Strähnen seines zotteligen Haares kaum zu erkennen. Sein Gesicht war unter den Bartstoppeln von drei Tagen totenbleich.
„Bist du krank?“ fragte Lupin
„Nein“, sagte Sirius, und seine heisere Stimme versagte ihm fast den Dienst. „Nur - nur Träume.“ Er wandte sich vom Spiegel ab und begegnete Lupins Blick, der ihn sehr besorgt musterte. „Es ist nichts, ehrlich“, log er.
Lupin hob eine Augenbraue.
„Schau, das mit gestern Abend tut mir leid“, sagte Sirius mit Mühe. „Ich war - ich weiß auch nicht, ich wollte nicht - ich meine, ich wollte leider schon, aber - “ Er zuckte hilflos mit den Schultern.
„Das ist schon in Ordnung, Tatze, alter Freund“, sagte Lupin leichthin, und das Lächeln kehrte in sein Gesicht zurück. „Es war eben spät, und wir sind im Augenblick alle ziemlich angespannt. Vergiss es einfach. Und nur, dass du Bescheid weißt - das war alles schon vorgestern. Heute ist Mittwoch. Ungefähr zehn Uhr am Vormittag. Und in der Küche steht noch der Rest vom Frühstück.“ Er deutete auf einen angeschlagenen Teebecher, den er in Reichweite auf einem ebenso ramponierten Koffer neben der Tür abgestellt hatte. „Und heute gibt es auch Tee. Zwar nur Teebeutel, aber immerhin.“
Sirius nickte in Richtung des Koffers. „Heißt das, du bleibst wirklich hier?“
„Wenn du mich besonders nett darum bittest, ja”, gab Lupin mit einem Grinsen zurück.
* * *
„Was genau machst du da eigentlich?“ fragte Sirius, als er mit einem eigenen Becher Tee in der einen und einem Stück Toast in der anderen Hand aus der Küche zurückkehrte. Lupin saß noch immer an der Eingangstür.
„Ich beschäftige mich mit dem Schloss, wie du siehst. Dumbledore hat uns doch gebeten, uns darum zuerst zu kümmern. Wenn erst einmal mehr Leute von diesem Haus wissen, sollten wir nicht einfach die Tür offen lassen.“
Mit heftigen Gewissensbissen wurde Sirius bewusst, dass es in den vergangenen zwei Tagen sehr wohl etwas für ihn zu tun gegeben hätte. Eine sinnvolle, eine dringende Aufgabe sogar, aber er hatte es vorgezogen, an die Decke zu starren und sich in Verzweiflung und Selbstmitleid fallen zu lassen.
„Ich bin aber noch nicht sehr weit gekommen“, unterbrach Lupin seine Gedanken. „Mit technischen Dingen hatte ich es ja sowieso noch nie. Außerdem glaube ich, die Tür war mit einem Passwort geschützt. Wir könnten also ebenso gut anfangen zu raten.“
„Ich glaube, es hatte was mit der Familie zu tun“, sagte Sirius. „Alle Familienmitglieder konnten die Tür immer mit einer einfachen Berührung ihres Zauberstabs öffnen. Alle anderen mussten klingeln.“
“Warum hast du uns dann nicht gleich am Anfang hereingelassen?“
„'Familie' nach der Definition meiner Mutter natürlich“, sagte Sirius mit einem schiefen Grinsen. „Ich konnte nie mehr einfach so herein, nachdem ich ausgezogen war.“
„Dann frage ich mich“, sagte Lupin nachdenklich, „ob wir vielleicht der Tür beibringen könnten, uns als Familie anzusehen? Den Orden, meine ich? So dass sie sich nur für uns öffnet, und sonst für niemanden?“
„Na, so wie ich diese Blacks kenne, muss es was mit deinem Blut zu tun haben”, erwiderte Sirius spöttisch. „Die Tür schaut wahrscheinlich in dich rein und öffnet sich nur für Blacks. Oder jedenfalls nur für Reinblütige.“
„Aber wie haben sie sie dann für dich verschlossen?“
„Hm. Stimmt.“ Sirius runzelte die Stirn. „Meiner Cousine Andromeda erging es übrigens genauso, fällt mir gerade ein. Sie ist auch eine Black, aber sie hat einen Muggelstämmigen geheiratet und musste seitdem immer klingeln. Nicht, dass sie danach noch oft vorbeikam. Sehr anständige Frau, meine Cousine Andromeda.“
„Alle anderen mussten klingeln?“ grübelte Lupin. „Hat irgend jemand jemals den Türklopfer benutzt?“
„Nicht, dass ich mich erinnern kann. Er ist wahrscheinlich nur zur Dekoration da.“
„Vielleicht.“ Lupin strich mit der Hand über die absplitternde Farbe auf der Innenseite der Tür. „Schau, das hier muss die Innenseite des Türklopfers sein - es ist auch eine Schlange drauf.“ Er zeigte auf den Metallbeschlag in der Mitte der Tür. Das Bild einer kleinen Schlange war darauf eingraviert.
„Das überrascht dich doch nicht wirklich, oder?“ brummte Sirius. „Regulus hat sich immer einen Spaß daraus gemacht, alle Schlangen hier im Haus zu zählen. Es kam jedes Mal eine andere Zahl raus, aber es waren immer über fünfzig.“
„Aber wozu braucht ein Türklopfer überhaupt diesen Beschlag an der Innenseite? Metall auf Metall, das würde nicht mal gut klingen.“ Lupin stupste das Bild der Schlange vorsichtig mit seinem Zauberstab an. „Hallo, Schlange. Willst du mir nicht sagen, ob du irgend etwas mit dem Schließmechanismus der Tür zu tun hast?“
„Ich wusste gar nicht, dass du ein Parselmund bist, Remus“, bemerkte Sirius amüsiert und nahm einen Schluck von seinem Tee. Er war inzwischen kalt geworden.
„Bin ich doch gar nicht. Ich denke nur laut.“ Lupin wandte sich wieder der Schlange zu. „Nur mal angenommen, Schlange, wir würden dich bitten, jemanden ins Haus zu lassen. Würdest du das tun? Sagen wir, Sirius Black?“
Sirius ließ ein ungeduldiges Schnauben hören, aber genau in diesem Augenblick passierte etwas sehr Seltsames. Die Schlange auf dem Beschlag nickte - kurz, aber unmissverständlich.
„Hast du das gesehen?“ rief Lupin begeistert. „Sie hat mich gehört! Sie hat mich verstanden! Ich wette, das ist der Mechanismus! Versuchen wir es noch mal. Wie sieht's aus mit Remus Lupin?“
Die Schlange nickte erneut.
„Wenigstens ist es ihr egal, ob man ein Black ist oder nicht.“ Sirius bemühte sich, seine Überraschung zu verbergen. „Weiter geht's. Albus Dumbledore?“
Diesmal zeigte die Schlange keine Reaktion.
Sirius seufzte. „Vielleicht mag sie mich nicht.“
„Vielleicht mag sie Albus Dumbledore nicht. Oder vielleicht kann sie sich immer nur zwei Namen gleichzeitig merken.“
„Da hatte sie früher aber ein deutlich besseres Gedächtnis.“
„Oh, weißt du, wir werden alle älter.“
Sirius quittierte die Bemerkung mit einem schiefen Grinsen. „Vielleicht muss man hier sein, wenn der eigene Name gesagt wird. Jedenfalls im Haus, oder so. So ähnlich wie mit dem Fidelius, nur umgekehrt.“
„Höchstwahrscheinlich. Wir versuchen es mit Dumbledore noch mal, wenn er selbst hier ist. Lass uns jetzt lieber herausfinden, ob es wenigstens für uns funktioniert hat. Ich gehe nach draußen, du schließt und verriegelst die Tür hinter mir, und ich versuche, wieder hereinzukommen.“
Sie taten, was Lupin vorgeschlagen hatte. Sirius verschloss die Tür hinter seinem Freund, aber es brauchte nicht mehr als eine Berührung mit dessen Zauberstab, und das Schloss klickte auf und der Riegel glitt wie von unsichtbaren Händen bewegt zurück.
„Es klappt!“ Lupin sah sehr zufrieden aus, als sie sich wieder gegenüberstanden. „Probieren wir's noch einmal.“
Aber dieses Mal gab es eine minutenlange Stille. Dann hämmerte Lupin mit der Faust von außen gegen die Tür. Sirius beeilte sich, ihm aufzumachen.
„Der Türklopfer draußen ist der Umkehrmechanismus“, berichtete Lupin aufgeregt und rieb sich die schmerzende Hand. „Ich habe der Schlange draußen meinen Namen gesagt, sie nickte, und ich konnte nicht mehr herein. Dann habe ich es mit deinem Namen probiert, aber da hat sie sich nicht gerührt. Ich nehme an, das lag daran, dass du noch drinnen warst. So einfach, und so genial.“
„Du bist genial, Remus“, sagte Sirius aufrichtig. „Wie viele Zauberer würden schon anfangen, mit einer Schlange zu reden, obwohl sie genau wissen, dass sie es nicht können?“
Lupin wurde ein wenig rot. „Ich räume dann mal besser meine Sachen aus dem Weg, jetzt wo wir hier fertig sind“. Er machte eine Bewegung, wie um sich die öligen Hände an seinem Umhang abzuwischen, und hielt gerade noch rechtzeitig inne. „Und dann können wir uns den weniger anspruchsvollen Aufgaben widmen, die wir bis Freitag noch zu erledigen haben.“
„Putzen“, sagte Sirius und rollte die Augen. „Na denn. Ich nehme deine Sachen. Du suchst dir ein Zimmer aus. Sie sind alle noch frei, und so weit ich weiß spukt es in keinem.“
„Dann sollte ich eines mit einem soliden Riegel an der Innenseite der Tür nehmen“, sagte Lupin pragmatisch. „Nur falls ich beim nächsten Vollmond selber Lust bekomme herumzuspuken.“
„Dann nimmst du am besten das Zimmer meines Vaters“, sagte Sirius. „Es ist direkt neben der Bibliothek. Locomotor Koffer.“
* * *
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