von Jolie Black
Kapitel 7
„Oh, die Auroren“, wechselte Professor McGonagall erleichtert das Thema. „Die sind ein kompliziertes Völkchen. Leider ist fast niemand von damals mehr übrig. Die alten Auroren sind inzwischen alle tot oder - oder jedenfalls nicht mehr im Dienst. Und Alastor - nun, auch wenn er das selbst vielleicht nicht wahrhaben will, Alastor steht sich nicht gerade gut mit allen neuen Auroren. Nur noch zwei von ihnen sind echte alte Kampfgefährten, wenn man so will, Scrimgeour und Dawlish. Alle anderen sind erst im Dienst, seit er im Ruhestand ist. Ich glaube, sie respektieren ihn als den, der er früher einmal war, jedenfalls diejenigen, die er noch selbst ausgebildet hat, so wie Shacklebolt und Williamson. Er ist schließlich so etwas wie eine lebende Legende. Aber eine ganze Reihe von ihnen, allen voran Rufus Scrimgeour, meinen, er sei inzwischen so etwas wie eine Witzfigur geworden. Wir haben noch Glück, dass die meisten überhaupt keine Ahnung haben, dass er erst kürzlich monatelang in seinem eigenen Koffer eingesperrt war, und das von einem tot geglaubten Undercover-Todesser. Das ist nicht lustig“, schloss sie mit einem sehr strengen Blick in Sirius' und Lupins Richtung.
„Es hat auch niemand gelacht“, gab Lupin mit Unschuldsmiene zurück, sichtlich bemüht, ein Grinsen zu unterdrücken.
„Mad-Eye Moody ist ein guter Kerl, aber er ist ein bisschen paranoid“, sagte Sirius.
„Da ist etwas Wahres dran“, gab Dumbledore zu. „Trotzdem würde ich euch - uns allen - dringend raten, in diesen Zeiten lieber ein bisschen zu vorsichtig zu sein als zu sorglos.“
„Wenn wir Alastor fragen würden“, fuhr McGonagall fort, „dann würde er vermutlich darauf beharren, dass wir von den jetzigen Auroren überhaupt niemanden ins Vertrauen ziehen sollten.“
„Oh, genau danach habe ich ihn bereits gefragt“, schmunzelte Dumbledore. „Und zu meiner nur geringen Überraschung war dies exakt seine Antwort. Aber ich habe nicht vor, so schnell aufzugeben. Lasst uns sehen, was Arthur Weasley ausrichten kann, wo er schon praktischerweise in der gleichen Ministeriumsabteilung arbeitet. Nun, für den Anfang ist das alles sehr zufriedenstellend.“ Dumbledore lehnte sich abermals bequem in seinem Stuhl zurück und blickte in die Runde, als ob er begeisterte Zustimmung erwartete. Er lächelte, als er die zweifelnden Blicke der anderen sah. „Das Beste scheint mir, dass wir erst einmal eine erste Versammlung hier abhalten. Dann werden wir sehen, wie es weitergeht. Ich schlage den nächsten Samstagabend vor. Das sollte allen ausreichend Zeit geben, sich die Sache noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen und sich vorzubereiten.“
„Können wir uns schon am Freitag treffen?“ fragte Lupin. „Nächsten Samstag ist Vollmond. Aber ich wäre gerne dabei.“
„Freitag dann“, stimmte Dumbledore zu. „Und bis dahin würde ich euch beide gerne damit beauftragen, euch um die Eingangstür zu kümmern. Findet heraus, wie sie verschlossen war, und ersetzt, soweit erforderlich, den Zauber mit einem praktischeren, aber genauso sicheren. Es ist wahrlich nicht nötig, dass wir jedes Mal Mrs Black aufwecken, wenn Besuch kommt. Das erkläre ich später“, fügte er hinzu, als er Minerva McGonagalls fragenden Gesichtsausdruck sah. „Abgesehen davon wird dieses Haus gelegentlich mehr als nur eine Person beherbergen, also wäre es sehr hilfreich, wenn ihr auch einige der Schlafzimmer bewohnbar machen könntet.“
Lupin warf Sirius, der bei Dumbledores letzten Worten unruhig geworden war, einen schnellen Blick zu. „Ich bleibe ohnehin hier. Ich könnte eigentlich meine eigene Wohnung ganz aufgeben und komplett hier einziehen - wenn es dir recht ist, Sirius.“
„Natürlich ist es mir recht“, sagte Sirius sofort, sichtlich erleichtert.
„Oh, bleib ruhig für eine Weile hier, Remus“, sagte Dumbledore. „Aber ich würde dir nicht raten, deine eigene Wohnung aufzugeben, nicht - “ Er hob die Hand, um Lupins Protest abzuwehren. „Nicht etwa, weil es sich in den Sozialwohnungen des Ministeriums so angenehm lebt, Remus. Aber wir müssen vorsichtig sein. Behalte deine Wohnung fürs Erste, und sei es nur der Form halber. Du müsstest es doch dem Werwolfregister melden, wenn du deinen Wohnsitz wechselst, und sie würden anfangen, Fragen zu stellen. Wir dürfen keinen Verdacht erwecken. Wir sollten alle so weit wie möglich versuchen den Eindruck zu erwecken, dass wir keinen Schritt von unserem ruhigen, braven Alltagsleben abweichen.“
„Und was ist mit denen von uns, die kein braves Alltagsleben haben, von dem sie abweichen könnten?“ murmelte Sirius vor sich hin.
„Die Dinge werden sich ändern, Sirius”, sagte Dumbledore. “Versuche, dich zu gedulden. Und nun”, fuhr er fort und erhob sich von seinem Stuhl, “nun, wo wir alle gut gefüttert und getränkt sind, sollten Minerva und ich uns verabschieden. Aber eins gibt es noch zu tun, bevor wir gehen. Ich muss euch alle bitten, mich für einen Moment nach draußen zu begleiten.“
Lupin und Sirius wechselten einen fragenden Blick, als sie Dumbledore und McGonagall aus der Küche und die Treppe hinauf in die Eingangshalle folgten.
An der Haustür hielt Dumbledore inne.
„Ach so“, sagte Sirius, und einen Augenblick später hatte ein großer schwarzer Hund seinen Platz an Lupins Seite eingenommen.
Dumbledore öffnete die Eingangstür, und sie folgten ihm nach draußen, die ausgetretenen Steinstufen hinab und auf den Gehweg vor der schmiedeeisernen Gartenpforte. Die matt orangenen Straßenlaternen flackerten und gingen eine nach der anderen aus, als Dumbledore seinen Entleuchter der Reihe nach auf sie richtete. Dann kehrte er sich wieder nach dem Haus um, steckte den Entleuchter ein und zog seinen Zauberstab. Drei Augenpaare, zwei davon menschlich und eines im Dunkeln gelblich leuchtend, folgten jeder seiner Bewegungen.
Dumbledores Lippen bewegten sich lautlos. Eine große Kraft schien plötzlich von seiner Gestalt auszustrahlen. Er schien um mehrere Zentimeter zu wachsen, und eine leichte Brise ließ sein langes weißes Haar, seinen Bart und die Ärmel seines violetten Umhangs flattern, obwohl sich in den dürren Bäumen kein Lüftchen regte. Keiner seiner Zuschauer wagte zu atmen. Als die Zauberformel beendet war, hob Dumbledore die linke Hand und sagte sehr leise: „Fidelius.“
Etwas sehr seltsames geschah. Das Haus schien vor ihren Augen zu schrumpfen. Es wurde kleiner und kleiner, während gleichzeitig die Muggelhäuser Nummer elf und dreizehn von beiden Seiten auf es einrückten und es zusammenschoben, bis keine Spur mehr von ihm zu sehen war und Nummer elf und dreizehn nahtlos aneinandergrenzten.
Dumbledore senkte seinen Zauberstab und wandte sich zu seinen drei Begleitern um. „Hört her“, sagte er, und sie umringten ihn und steckten die Köpfe zusammen, so dass keine unwillkommenen Ohren seine Worte hören konnten.
„Das Hauptquartier des Phönixordens“, sagte Dumbledore mit leiser, aber sehr feierlicher Stimme, „befindet sich am Grimmauldplatz Nummer zwölf, London.“
* * *
Einen Wimpernschlag später waren Albus Dumbledore und Minerva McGonagall disappariert, und Lupin und Sirius blieben allein auf dem Platz zurück. Sie wandten sich schweigend zurück dorthin, wo das Haus gewesen war, und augenblicklich schien es wieder aus dem Boden zu wachsen und die Nummern elf und dreizehn rechts und links aus dem Weg zu schieben.
„Sauber“, sagte Lupin, und zusammen gingen sie die Stufen zur Nummer zwölf hinauf und traten wieder in das Haus, als ob nichts geschehen sei.
Lupin zog die Tür hinter ihnen zu. „Dumbledore wird niemals aufhören, mich zu beeindrucken.“
„Er wäre auch nicht Dumbledore, wenn er das jemals täte“, sagte Sirius trocken, schon wieder in seine menschliche Form zurückverwandelt.
„Der Fidelius-Zauber sieht aber auch höllisch kompliziert aus. Aber warum wollte er, dass wir mit ihm nach draußen kommen? Doch nicht nur, um seine mächtige Zauberkraft zu bestaunen?“
„Als ob er dafür noch Publikum bräuchte. Nein, ich glaube, es liegt daran, dass dieser Fideliuszauber sich auf ein Haus bezieht, anstatt auf eine Person wie sonst üblich. Dafür muss es wohl leer sein. Denn stell dir vor, wie es sich anfühlen würde, in dem schrumpfenden Haus zu sitzen. Du könntest plötzlich nicht mehr sagen, wo du dich eigentlich befindest. Schrecklich verwirrend. Es könnte dich um den Verstand bringen. Oder ein wirklich starker Verstand könnte den Zauber verderben.“
Lupin packte Sirius am Arm. „Kreacher!“ sagte er erschrocken.
„Was ist mit ihm?“
„Er war die ganze Zeit hier drinnen!“
Sirius zuckte mit den Schultern. „Kreachers Geisteszustand ist mir egal.“
„Aber was, wenn der Zauber nicht funktioniert hat?“
„Natürlich hat er funktioniert. Du hast doch gesehen, wie das Haus zusammengeschrumpft und dann wieder gewachsen ist. Einwandfrei hat er funktioniert. Außerdem bin ich gar nicht sicher, ob der Fideliuszauber überhaupt gegen andere Wesen als Menschen wirkt.“
Aber diese Bemerkung beunruhigte Lupin nur noch mehr. „Aber dann könnte Kreacher uns immer noch verraten!“
„Vielleicht. Aber nur, wenn er das Haus verlassen könnte.“
Lupin atmete auf, aber dann runzelte er erneut die Stirn. „Das heißt - “
„ - er bleibt hier“, schloss Sirius und stieß einen hässlichen Fluch aus.
„Ich glaube nicht, dass Dumbledore das dem Zufall überlassen hat“, sagte Lupin leise.
„Jede Wette. Schön für ihn. Es ist ja schließlich nicht er, der mit dieser unerträglichen, undankbaren Gestalt unter einem Dach leben muss.“ Und damit marschierte Sirius in Richtung Treppe.
„Wo gehst du hin?“ rief Lupin hinter ihm her.
„So weit weg von diesem stinkenden Biest wie irgend möglich, ohne das Haus zu verlassen. Ich schlafe in der Bibliothek. Gute Nacht.“
„Und ich nehme an, ich darf nach Hause abziehen?“ fragte Lupin. Er verschränkte die Arme und lehnte sich gegen die Innenseite der Eingangstür.
„Mach, was du willst“, brummte Sirius und begann die Treppe hinaufzusteigen, ohne sich noch einmal umzusehen.
„Ich glaube, das werde ich auch. Weißt Du, ich bin nicht sicher, ob ich eigentlich mit einer so undankbaren Gestalt unter einem Dach leben will.“
Sirius drehte sich auf dem Absatz um. Seine tiefliegenden Augen blitzten vor Ärger. „Warum bist du dann immer noch hier?“
„Weil du dich noch vor einer halben Stunde so angehört hast, als ob es dir schrecklich viel bedeuten würde!“
„Hör mal“, sagte Sirius in gefährlich ruhigem Ton. „Für den Fall, dass du es nicht bemerkt haben solltest, Remus, ich bin kein Kind mehr. Ich kann schon selbst auf mich aufpassen!“
„Es sieht für mich aber gerade nicht danach aus.“
“Dann solltest du vielleicht genauer hinschauen?” Sirius' Stimme wurde mit jedem Satz lauter.
„Ich meine - ”
„Mir ist es ganz egal, was du meinst!“
„Sirius“, sagte Lupin mit erzwungener Ruhe, „ich höre ausgezeichnet. Ganz besonders ausgezeichnet sogar, jetzt wo es auf Vollmond zugeht. Du brauchst mich also nicht anzubrüllen.“
„Ich habe nicht gebrüllt!“ brüllte Sirius.
„Natürlich hast du das!“ Jetzt brannte Lupins eigener Ärger mit ihm durch. „Wenn du dich nur hören könntest, du - “
Aber seine Worte gingen unvermeidlich in neuen Ausbrüchen von Seiten Mrs Blacks unter, die ihr ohrenbetäubendes Geschrei wieder aufgenommen hatte. „SCHANDE MEINES FLEISCHES! VERRÄTER DEINES BLUTES! ABSCHAUM DER ZAUBERERWELT!“ hallte es die Eingangshalle hinauf und hinab.
Lupin zuckte zusammen, als hätte ihm jemand ins Gesicht geschlagen. Er warf Sirius einen letzten angewiderten Blick zu, drehte sich ohne ein weiteres Wort auf dem Absatz um und knallte die Haustür hinter sich zu.
Sirius starrte einen Augenblick lang unbeweglich hinter seinem Freund her. Dann sank er langsam auf der Treppe nieder, ohne mehr im Geringsten auf die fortwährenden Beleidigungen zu achten, die das Bild seiner Mutter in die leere Halle hinausschrie. Sie schienen ihm plötzlich sehr weit entfernt und gänzlich bedeutungslos gegen den Schrei der Verzweiflung, den er in seinem eigenen Inneren aufsteigen spürte. Der wurde lauter und lauter, und dann brach er sich mit Macht einen Weg an die Oberfläche seines Bewusstseins, traf ihn mit voller Wucht, tönte in seinen Ohren, schüttelte ihn von Kopf bis Fuß, und sein hohles Echo schien die Leere in seinem Innern zu verhöhnen.
Sirius weinte wie ein Kind.
* * *
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