von Jolie Black
Kapitel 6
„Unsinn“, sagte eine zweite, weibliche Stimme in missbilligendem Ton. „Schauen Sie doch, wer es ist, Alastor.“
„Ich habe gesehen, wer es ist, Minerva, und zwar schon eine ganze Weile vor Ihnen.“
„Und Sie meinen wirklich, Albus Dumbledore bedarf Ihres Rates, ob er alten Freunden die Tür öffnen darf oder nicht?“
„Albus Dumbledore meint, dass alte Freunde in unserem neuen Hauptquartier immer willkommen sind“, ließ sich Dumbledores eigene Stimme vernehmen. „Und was den angeblich toten Mann betrifft, so erfreut er sich bester Gesundheit und gedenkt nicht, in näherer Zukunft auch nur die geringste Änderung dieses Zustandes zuzulassen. Kommt herein.“
Er trat zur Seite und gab die Sicht auf Minerva McGonagall und Alastor Moody frei, die auf der Schwelle standen, Moody in seinem Reisemantel und Bowler und mit zwei riesigen braunen PapiertĂĽten in jeder Hand, auf denen in groĂźen orangenen Buchstaben der Name eines Muggel-Supermarktes aufgedruckt war. Professor McGonagall trug ein mit Blumen bedrucktes Muggel-Kleid, eine Strickjacke und ein Kopftuch. Sie traten ein, McGonagall voran, und Dumbledore schloss die TĂĽr hinter ihnen.
„Wir konnten nicht apparieren“, sagte sie anerkennend. „Saubere Arbeit, und sehr schnell!“ Sie lächelte Lupin und Sirius zu, die in ihren staubigen Umhängen vor ihr standen, Lupin mit Spinnenweben im Haar und Sirius mit dunklen Spuren in seinem Gesicht, die seine Hände dort jedes Mal hinterlassen hatten, wenn er sein Haar zurückstrich. „Gut gemacht, ihr beiden.“
Für einen Augenblick hatten beide das Gefühl, als säßen sie wieder in Professor McGonagalls Klassenzimmer und heimsten ein Lob für eine besonders gelungene Verwandlung ein.
Dumbledore, der das gleiche gedacht haben musste, schmunzelte. „Oh, es ist lange her, dass wir Sirius und Remus das letzte Mal Hausaufgaben aufgegeben haben, nicht wahr?“ sagte er. „Aber ich habe sie nie mit mehr Eifer oder mit größerer Sorgfalt bei der Sache gesehen als heute. Sie waren mir eine unbezahlbare Hilfe.“
„Ich glaube, Sirius und James hat überhaupt niemals jemand bei Hausaufgaben gesehen“, sagte Lupin, und der Schatten eines Lächelns erschien auf seinem Gesicht.
„James, ja“, sagte Dumbledore, und alle schwiegen für einen Moment. Aber es war keine peinliche Stille, sondern ein Schweigen voll der Wärme gemeinsamer Erinnerung. Professor McGonagalls Augen glitzerten, als Dumbledores Stimme sie alle in die triste Wirklichkeit der Eingangshalle zurückholte. „Sollen wir nach unten gehen?“ schlug er vor. „Dort können wir uns in Ruhe unterhalten.“
McGonagall nickte.
„Ohne mich“, sagte Moody kurz angebunden. „Ich wollte nur Minerva mit den Tüten helfen. Ich muss wieder los, ich habe heute die Nachtschicht in Surrey.“
„Surrey!“ Sirius` Gesicht hellte sich auf. „Erzählst du mir - “
„Das mache ich schon, Sirius“, sagte McGonagall und legte ihm die Hand auf den Arm. „Ich habe den ganzen Nachmittag zusammen mit Arabella Figg und ihren anderen Katzen auf ihrer Terrasse verbracht. Lass uns hinunter in die Küche gehen, und ich erzähle dir, wie es deinem Patenkind in seinem Zuhause ergeht.“
* * *
Das Abendessen war ein wahres Festmahl. Die Tüten, die Professor McGonagall mitgebracht hatte, waren auf magische Weise bodenlos, und sogar als der Tisch unter der Last all der Herrlichkeiten aus den Küchen von Hogwarts fast zusammenbrach, war noch immer genug übrig, um eine kleine Armee mehrere Tage lang zu versorgen. Sirius befahl Kreacher, der das Essen noch neugieriger musterte als den Gast, der es gebracht hatte, alles in der Vorratskammer unterzubringen. Der Hauself machte sich mit einem hungrigen Funkeln in den Augen an die Arbeit und vergaß darüber sogar, seinem „ja, Herr“ eine Beleidigung hinzuzufügen.
„Was gibt es denn Neues aus Surrey, Minerva?“ fragte Dumbledore, als sie ihr Mahl begannen.
McGonagall, die nicht ganz so ausgehungert war wie ihre drei Gastgeber, die den ganzen Tag im Haus festgesessen und angestrengt gearbeitet hatten, begann ihren Bericht, während die anderen aßen und zuhörten.
„In Surrey ist alles in Ordnung, soweit Arabella und ich sehen können. Harry sieht nicht sehr glücklich aus.“ Sie warf Sirius, der die Stirn runzelte, einen fast entschuldigenden Blick zu. „Aber das ist ja auch kein Wunder, nach allem, was passiert ist. Es gab jedenfalls bisher keine Zwischenfälle mit seiner Muggelfamilie. Er scheint ihnen aus dem Weg zu gehen, so gut er kann.“
„Wenn sie ihn schlecht behandeln, würde er es mir schreiben”, sagte Sirius.
„Zweifellos. Ich kann dir versichern, Sirius, dass wir uns alle gut um Harry kümmern. Arabella hat ihn sehr gern und nimmt ihre Pflichten ungeheuer ernst. Sie sagt, er sei am liebsten allein. Er macht lange Spaziergänge und sitzt manchmal stundenlang in einem Park in der Nähe seines Hauses. Sie sieht ihn dort, wenn sie einkaufen geht. Aber er geht nie wirklich weit von zu Hause weg. Arabella und ich waren uns daher einig, dass es weiterhin genügt, wenn einer von uns nachts auf ihn aufpasst.“
Dumbledore stimmte mit einem Nicken zu.
„Arabella sagt auch, dass er jeden Tag die Schlagzeilen der Muggelzeitungen am Zeitungskiosk liest, bis ihn der Mann dort fortschickt, weil er nie etwas kauft. Er ist genauso hungrig nach Neuigkeiten wie wir alle.“
„Und jetzt, wo der Tagesprophet zu nichts mehr zu gebrauchen ist, hat er gar keine Ahnung, was eigentlich los ist“, brummte Sirius. „Das ist nicht fair.“
„Es ist nur in Harrys eigenem Interesse“, sagte Dumbledore bestimmt. „Angesichts der Haltung des Ministers müssen wir extrem vorsichtig sein, welche Informationen aus dem Kreis des Phönixordens hinausdringen. Und ich möchte nicht, dass Harry noch mehr Lasten zu tragen hat, als er ohnehin schon muss.“
„Harry ist doch nicht irgend jemand außerhalb des Ordens“, protestierte Sirius. „Er ist kein Kind mehr. Er war Zeuge, wie Voldemort zurückkehrte. Voldemort hätte ihn beinahe umgebracht.“
„Und das“, gab Dumbledore zurück, „ist mehr, als ich jemals selbst von einem erwachsenen Zauberer verlangen könnte. Das ist genau der Grund, weswegen ich nicht will, dass Harry mehr erfährt, als er unbedingt wissen muss.“ Er faltete die Hände in seinem Schoß und wandte sich wieder Professor McGonagall zu. Diese Diskussion war eindeutig beendet. „Erzähl uns von den Leuten, mit denen du gesprochen hast, Minerva.“
„Da habe ich sehr unterschiedliche Ergebnisse erzielt“, berichtete sie. „Wir dürfen nicht unterschätzen, in was für einem erstaunlichen Ausmaß unsere Mitzauberer und Mithexen bereit sind, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen, wenn es ihnen nur ein bisschen Seelenfrieden bringt. Es fällt ihnen so schwer, ihre eigenen bequemen Wahrheiten aufzugeben. Sogar die alte Mrs Jones, die doch eine ihrer Töchter im ersten Krieg gegen Voldemort verloren hat, sagte mir ins Gesicht, was nicht im Tagespropheten stehen würde, könne auch nicht wahr sein.“
„Mrs Jones? Ist das die mit den Wichteln?“ fragte Lupin.
McGonagall runzelte die Stirn. „Ich weiß nichts von Wichteln. Ich spreche von der Mutter von Heather und Hestia Jones. Zwei sehr liebe Mädchen, damals in Hogwarts, beide in Ravenclaw, wenn ich mich recht erinnere. Heather war nicht einmal im Phönixorden, das arme Ding. Sie war nur verliebt - verliebt in einen jungen Mann, der, wie sich herausstellen sollte, ein Todesser war. Als sie es herausfand, war sie so schockiert, dass sie ihm in ihrer Wut und Enttäuschung drohte, es in die ganze Welt hinauszuschreien und ihn öffentlich bloßzustellen. Aber da war Du-weißt-schon-wer schon auf ihrer Spur und ließ sie töten, bevor sie es irgend jemandem erzählen konnte. Die einzige, die davon wusste, war ihre jüngere Schwester Hestia. Hestia war damals noch in der Schule, aber sie war klug genug, das Geheimnis für sich zu behalten. Wichtel“, schloss Professor McGonagall und schüttelte missbilligend den Kopf.
Lupin sah aus, als ob er sich plötzlich schämte.
„Also, wie ich sagte“, fuhr McGonagall fort, „die alte Mrs Jones wollte mir nicht einmal zuhören, die junge zum Glück aber schon. Hestia hatte ihre ältere Schwester sehr gern, und sie lässt ausrichten, sie stehe zur Verfügung, sobald wir sie brauchen.“
„Die Gute“, sagte Dumbledore mit einem warmen Lächeln.
„Als nächstes haben wir Sturgis Podmore“, setzte Professor McGonagall ihren Bericht fort.
Nun war es an Dumbledore, die Stirn zu runzeln.
“Er war in Hufflepuff“, beeilte sich McGonagall zu erklären. „Der, der den Nervenzusammenbruch hatte und den Orden verließ, nachdem sie Benjamin Fenwick in die Luft gejagt hatten.“
„Ich weiß, wer er ist“, sagte Dumbledore. „Und ich kann ihm keinen Vorwurf machen. Er war so jung damals. Zu jung. Es war ein Fehler, jemanden in den Orden aufzunehmen, der noch in der Schule war. Fenwick war Podmores Held - er war der Kapitän der Quidditch-Mannschaft gewesen, in der Podmore Treiber war. Kein Wunder, dass Fenwicks Tod den jungen Sturgis so hart getroffen hat.“
„Nun, der junge Sturgis ist, wie wir alle, inzwischen fünfzehn Jahre älter“, sagte Minerva McGonagall trocken. „Und er war geradezu glücklich, dass wir ihm die Möglichkeit geben wollen, es wieder gut zu machen - seinen Verrat an der Sache, wie er es selber noch immer nennt. Selbst nach fünfzehn Jahren kämpft er noch damit. Er würde es als seine zweite Chance sehen, wenn wir ihn wieder haben wollen.“
„Natürlich wollen wir ihn haben“, sagte Dumbledore mit Nachdruck.
„Und dann ist da noch die Familie Bones. Ich war bei Amelia zum Tee und habe mich lange mit ihr unterhalten. Sie war sehr wohlwollend und hörte sich geduldig unsere Version der Ereignisse an, wie sie es nannte. ?Wie ein unparteiischer Richter immer tun sollte.' Sie hat mir auch zugesichert, Stillschweigen über unser Gespräch zu bewahren. Aber sie sagte auch, dass sie noch nicht genug wisse, um sich eine abschließende Meinung zu bilden. Und sie hat mich gewarnt, dass ihre Position als Leiterin der Abteilung für Magische Strafverfolgung sich mit nichts verträgt, was sie auch nur in den leisesten Verdacht bringen könnte, nicht einzig und allein für das Wohlergehen der gesamten magischen Gemeinschaft einzustehen.“
Sirius schnaubte verächtlich.
„Das Wohlergehen der gesamten magischen Gemeinschaft, hat sie gesagt, nicht das Wohlergehen von Cornelius Fudge”, stellte McGonagall klar. „Ich glaube, wenn es darauf ankommt, kennt Amelia den Unterschied sehr genau. Sie hat mir sogar anvertraut, dass sie nicht sehr glücklich darüber ist, wie Fudge das Ministerium führt - zum Beispiel, dass er für sein neues Lieblingsprojekt, die Reform der Organisationsstruktur der Ministeriumsabteilungen, nicht die Abteilungsleiter konsultiert, sondern nur unabhängige Berater. Und ich verstehe ihr Dilemma sehr gut.“
Dumbledore hatte aufgehorcht. „Die Reform der Organisationsstruktur der Ministeriumsabteilungen?“ fragte er.
„Mehr hat sie nicht dazu gesagt“, antwortete Minerva McGonagall. „Mir war das natürlich auch neu. Sie hat es nur angedeutet.“
„Aber das waren ihre Worte, Fudge konsultiere unabhängige Berater für die Reform der Organisationsstruktur der Ministeriumsabteilungen?“ wiederholte Dumbledore dringlich.
„Das waren ihre Worte. Aber das war auch schon alles, was sie zu dem Thema gesagt hat.“
„Wenigstens hat sie dir zugehört“, schloss Dumbledore und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, als ob die Angelegenheit damit erledigt sei.
„Ganz anders als Edgars jüngere Schwester“, fuhr McGonagall fort. „Rebecca Bones knallte mir fast die Tür vor der Nase zu. ?Das verstehen Sie vielleicht nicht, Minerva,'“ zitierte sie, und es lag plötzlich ein bitterer Ton in ihrer Stimme, „'aber ich habe Kinder, und ich empfinde es als meine Pflicht, mich und sie am Leben zu halten.' Und das war alles. Sie ließ mich gar nicht zu Wort kommen. Sie gab mir nicht einmal die Zeit, zu erklären, weswegen ich eigentlich gekommen war. Ich hätte genauso gut nur über die armseligen Schulnoten ihrer Tochter Susan mit ihr sprechen wollen.“
Dumbledore hob eine Augenbraue. „Woher wusste sie dann überhaupt, warum du da warst?“
Eine seltsame Unruhe ergriff die Anwesenden.
„Ich - ich weiß es nicht“, sagte McGonagall nachdenklich. „Ich nehme an, Amelia hatte ihre Schwester vorgewarnt, trotz ihres Versprechens, unser Gespräch für sich zu behalten. Aber so etwas würde Amelia eigentlich nicht tun.“
„Macht nichts“, sagte Dumbledore etwas zu hastig. „Jetzt berichte uns von den Auroren.“
* * *
A/N: Es gibt jetzt einen Thread im Forum "User-Fanfiction" zu dieser Geschichte. Wer Fragen hat oder mir beim letzten Feinschliff mit ein paar Details helfen mag, ist dort herzlich willkommen!
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