von Jolie Black
Kapitel 2
Remus Lupin, der als letzter hereinkam, schloss die Tür hinter ihnen und versiegelte sie mit einem geflüsterten „Colloportus“.
„Lumos“, murmelte Moody, und in dem schwachen Licht von der Spitze seines Zauberstabs wurden die vordere Hälfte der Eingangshalle und an der rechten Wand eine Treppe, die zu den oberen Stockwerken führte, sichtbar.
„Meine Fresse.“ Mundungus machte ein paar vorsichtige Schritte in die Halle hinein. Jeder dieser Schritte wirbelte eine kleine Wolke Staub auf. Die dunkle Holztäfelung der Wände hatte sich an mehreren Stellen gelöst und drohte, völlig zu zerfallen. Die schlangenförmigen Leuchter an der Decke und die Lampen an den Wänden waren mit Spinnweben überzogen. „Meine Fresse”, sagte Mundungus noch einmal. „Mad-Eye, was is'n das für 'ne Bude?“
„Das ist das fürnehme und gar alte Haus Black“, antwortete eine neue Stimme von der Tür her.
Mundungus zuckte zusammen und wandte sich zu den Männern an der Tür um. Es waren jetzt drei - zwischen Moody und Lupin stand ein weiterer, etwa in Lupins Alter, mit fast schulterlangem dunklen Haar und tief liegenden, ebenso dunkel wirkenden Augen. Sein Gesicht sah in dem trüben Licht sehr bleich und ausgezehrt aus, aber seine Augen waren seltsam lebendig.
„Black?“ echote Mundungus ungläubig und schien heftig nachdenken zu müssen. „Das hier is' dein Haus?“
„Leise, Mundungus“, warnte ihn Moody.
„Dein eigenes Haus“, wiederholte Mundungus, ohne auf Moody zu achten. „Nettes Versteck für'n verrückten Massenmörder.“
„Er ist kein - “ begann Lupin.
„Und es ist nicht mein Versteck“, sagte Sirius grimmig. „Ich war seit zwanzig Jahren nicht mehr hier. Und”, seufzte er, während er sich in der Halle umschaute, „ich bin auch nicht sicher, ob ich eigentlich gerne wieder hier bin.“
„Hat es sich so sehr verändert?“ fragte Lupin mitfühlend.
„Überhaupt nicht“, gab Sirius zurück. „Das meine ich ja gerade.“ Er schritt an Mundungus vorbei und leuchtete mit seinem eigenen Zauberstab umher. „Hier hing immer eine großes Porträt an der Wand.“ Er zeigte auf ein Paar Samtvorhänge, die die linke Wand der Halle verdeckten.
„Es ist immer noch da.“ Moody trat neben ihn. „Ältere Dame in schwarz und grün mit Spitzenhäubchen. Schläft.“
„Das ist sie.“
„Willst Du sie Dir ansehen?“ Moody streckte die Hand nach den Vorhängen aus.
„Nein, bloß nicht!“ erwiderte Sirius schnell. „Ich habe ganz bestimmt keine Lust, sie zu begrüßen, nach allem, was - “
„Psst!“ zischte Lupin plötzlich, und dann hörten sie es alle: das Geräusch von leichten Schritten und einer leisen Stimme, die vor sich hinmurmelte. Es kam von irgendwo aus der Dunkelheit am Ende der Halle. Die vier Männer hielten den Atem an. Sie hörten, wie eine Tür sich öffnete, und dann konnten sie die Stimme deutlich hören.
„Es war die Haustür, ja, ja, Kreacher muss nachsehen, wer da ist! Die Herrin erwartet keinen Besuch, das hätte sie Kreacher gesagt. Vielleicht sind es Einbrecher und Räuber und Mörder!“ Die Stimme verharrte in der Dunkelheit, außerhalb des Lichtkreises ihrer Zauberstäbe.
„Moody“, sagte Sirius leise, „hattest du vorhin auch den Keller überprüft?“
„Woher sollte ich wissen, dass es einen Keller gibt?“ knurrte Moody zurück. Sein Zauberstab war fest auf die Stelle gerichtet, von der die Stimme hergekommen war.
„Warum hast du nicht gefragt?“
„Warum hast du nicht gebellt?“
Eine gespannte Stille trat ein. Auch das Lebewesen im Dunkeln hatte aufgehört, vor sich hin zu murmeln.
„Wer auch immer du bist“, polterte plötzlich Moody in die Dunkelheit hinein, „lass dich blicken, oder du wirst es bereuen!“
Am Ende der Halle rührte sich etwas, und dann kam eine kleine Gestalt in das Licht ihrer Zauberstäbe geschlurft. Sie hielt sich eine knochige, faltige Hand schützend vor die enormen, hervorstehenden Augen. Es schien ein sehr altes Wesen zu sein, denn die dünne, graue Haut hing um seine Knochen wie ein viel zu großes Kleidungsstück. An echter Kleidung trug es nur einen schmuddeligen Lendenschurz, der aus einem alten Handtuch gemacht schien. Es hatte sehr lange, spitze Ohren und eher eine Schnauze als eine Nase. Es war ganz offensichtlich ein Hauself.
„Was um - “ sagte Moody, aber Sirius hatte seinen Zauberstab bereits gesenkt.
“Kreacher.“
Der Hauself zuckte zusammen, als er seinen Namen hörte, schaute auf zu dem Mann, der gesprochen hatte, und begann, breit zu grinsen.
„Oh, der Herr ist zurück!“ quiekte er aufgeregt. „Er ist endlich wieder da!“ Und er versank in einer tiefen Verbeugung. Aber als er sich wieder aufrichtete, hatte sich in sein Grinsen ein verschlagener, bösartiger Ausdruck eingeschlichen. „Das muss die Herrin sofort hören! Sofort!“ Und augenblicklich brach er in ein ohrenbetäubendes Geheul aus. „Er ist wieder daaa! ER IST WIEDER DAAAAAAA!“
Im nächsten Augenblick geschahen mehrere Dinge gleichzeitig.
„Halt die - “ setzte Moody an, aber er kam nicht weiter, denn jetzt flogen die Vorhänge vor dem Porträt an der linken Wand auf und enthüllten das Bild der Frau in dem Seidenkleid, das Moody ihnen beschrieben hatte. Sie war jetzt hellwach, und sie schrie aus Leibeskräften.
„DU ALSO!“ schrie sie und zeigte anklagend mit dem Finger auf Sirius. „UNDANKBARES GÖR, DA KOMMST DU HIER HEREINGESCHLICHEN, NACH ALL DEN JAHREN, WIE EIN DIEB IN DER NACHT, WIE EIN MÖRDER - “
„STUPOR!“ brüllte Moody, den Zauberstab auf das Bild gerichtet. Ein roter Lichtblitz zischte aus dem Stab heraus, aber er prallte an der Leinwand ab wie an einem unsichtbaren Schild.
„Silencio!“ rief Lupin fast zur gleichen Zeit, aber mit ebenso wenig Erfolg. Die Frau in grün und schwarz schrie völlig unbeeindruckt in einem Fort weiter.
„BRICHT HIER EIN, MIT EINEM HAUFEN SCHÄBIGER KRIMINELLER - “
Lupin hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Ohren zu.
„Undankbares Gör!“ piepste der Hauself hochzufrieden in den Höllenlärm hinein. „Diebe! Mörder!“
„Moment mal!“ Mundungus griff nach den ausgefransten, staubigen Vorhängen und versuchte, sie wieder zuzuziehen. Sie flogen ihm aus den Händen, aber Mundungus packte sie erneut. „Los, fasst mit an!“ brüllte er, und endlich kam ihm Lupin zur Hilfe. Gemeinsam schafften sie es, die Vorhänge zu schließen.
Die Stille trat so plötzlich ein, dass man sie fast mit Händen greifen konnte. Dann gab Moody einen leisen Pfiff von sich. Lupin wischte sich mit dem Ärmel seines Mantels die Stirn. In Sirius, der während des ganzen Chaos wie versteinert dagestanden hatte, kam plötzlich wieder Leben. Er wandte sich von den Vorhängen ab und starrte den kleinen Hauselfen bitterböse an. Das Wesen zuckte unter seinem Blick zusammen und verbeugte sich wieder tief.
„Herr“, flüsterte Kreacher, aber als er sich wieder aufrichtete, war sein Gesicht zu einer Maske von unbändigem Hass verzerrt, und als er sprach, reichte sein bösartiges Grinsen fast von spitzem Ohr zu spitzem Ohr. „Willkommen zu Hause.“
Sirius hielt immer noch seinen Zauberstab umklammert, und die anderen sahen, wie sich seine Finger fester darum schlossen.
„Sag mal, Mundungus“, fragte Lupin plötzlich in beiläufigem Ton, „wie bist du denn darauf gekommen?“ Er zeigte über seine Schulter hinweg auf die jetzt wieder ganz ruhigen Vorhänge.
„Ach das.“ Mundungus grinste. „Simpel. Es is' nich' das erste Mal, müsst ihr wiss'n, dass mich so'n Bild in 'nem fremden Haus anschreit mit ?Dieb' un' so.“ Er warf Moody einen schuldbewussten Blick zu. „Das beste is' immer, man verschwindet denen aus'm Blickfeld. Wenn se ein' nich' mehr seh'n, beruhigen die sich irgendwann alle wieder von selbst.“
„Genial“, sagte Lupin anerkennend.
„Brauchbar“, gab Moody mürrisch zu, nicht gewillt, Mundungus für seine Gaunertricks mehr Anerkennung zu zollen als unbedingt nötig. „Gut. Dann sollten wir ab jetzt leise reden, mehr Licht machen und uns das Haus mal näher ansehen.“ Er richtete den Zauberstab auf die altmodischen Gaslampen an der Wand, und eine nach der anderen flackerte auf, bis sie schließlich die Eingangshalle von einem Ende zum anderen erleuchteten.
„Moment mal“, sagte Mundungus noch einmal und sah sich voller Verwunderung in der Halle um. „Wo is'n der Hund hin?“
„Nirgendwo hin.“ Sirius wandte sich endlich von dem Hauselfen ab und wieder seinen Gefährten zu. „Los, suchen wir das Bild des Schulleiters. Es war früher in der Bibliothek im zweiten Stock.“
„Nie erklärt mir jemand was“, brummelte Mundungus.
„Du kannst hier bleiben und den Elfen im Auge behalten“, wies Moody ihn an. „Aber rühr' nichts an.“
Mundungus schien sehr beleidigt angesichts der unausgesprochenen Unterstellung, sagte aber nichts. Moody nahm seinen Bowler ab und hängte ihn über das Schlangenornament am unteren Ende des Treppengeländers, dann schritt er den anderen voraus hinauf in den ersten Stock.
„Vielleicht hängt er jetzt auch in einem anderen Zimmer“, bemerkte Sirius. „Es ist ziemlich nervig, wenn er einem ständig beim Lesen oder Briefeschreiben über die Schulter guckt, selbst wenn er es nicht jedes Mal kommentiert. Seht mal.“ Er zeigte auf eine Reihe von Tafeln an der Wand des Treppenhauses, eine düstere Sammlung von geschrumpften Köpfen von Hauselfen, die alle die gleichen spitzen Ohren und schnauzenhaften Nasen hatten wie das noch lebende Exemplar, das sie soeben getroffen hatten. „Was meint ihr, wie lange wird's noch dauern, bis Kreacher denen hier Gesellschaft leistet?“
Lupin schwieg. Moody brummte nur. Sie erreichten den zweiten Stock, wo sie auf mehrere TĂĽren stieĂźen. Die naheste war direkt zu ihrer Rechten.
„Geh du zuerst“, murmelte Sirius und trat zur Seite, um Moody vorzulassen. Der hob eine Augenbraue.
„Irgendwas nicht in Ordnung da drin?“ Er durchleuchtete die geschlossene Tür mit seinem magischen Auge, um sicherzugehen, dass nichts Unerfreuliches drinnen lauerte.
„Nein“, sagte Sirius. „Es ist nur - “
„Dies war früher deins?“ vermutete Lupin.
„Dann bringen wir's hinter uns.“ Ohne Sirius' Antwort abzuwarten, ergriff Moody den schlangenförmige Knauf und stieß die Tür auf.
„Wurde auch Zeit“, begrüßte sie eine sehr gelangweilte Stimme. „Ich dachte schon, ihr würdet es nie bis hierher schaffen, nach all dem Radau da unten. Habt ihr ein Glück, dass ihr die Muggelnachbarn nicht geweckt habt.“
Aus einem großen, üppig verschnörkelten Rahmen an der Wand zu ihrer Linken lächelte ein Mann spöttisch auf die drei Zauberer herab. Er war in grün und schwarz gekleidet, ganz so wie die Frau unten in der Halle, aber nach seiner weißen Perücke, den Seidenstrümpfen und den Schnallenschuhen zu urteilen, war sein Bildnis sehr viel älter. Um den Hals trug er die prächtige Amtskette mit dem Wappen von Hogwarts, die die Schulleiter bei feierlichen Anlässen trugen.
„Aber jetzt sind wir schließlich hier, Nigellus“, gab Moody zurück. „Das heißt, du kannst gehen und Dumbledore Bescheid sagen, dass seine Vorhut ihre Mission erfolgreich und ohne Verluste erfüllt hat. Und zwar ein bisschen zackig.“
„Entschuldige bitte“, sagte der ehemalige Schulleiter hochmütig. „Ich stehe in den Diensten des jeweiligen Schulleiters von Hogwarts, und zwar ausschließlich. Von jemand anderem lasse ich mich nicht herumkommandieren, schon gar nicht von suspendierten Ex-Auroren, Werwölfen und - “ Sein Blick wanderte von Moody über Lupin zu Sirius, und er verstummte.
„Verrückten Massenmördern?“ fragte Sirius bissig.
„Red keinen Unsinn, Sirius.“ Nigellus klang plötzlich fast liebevoll. „Du gehörst schließlich zur Familie.“
„Oh, vielen Dank. Das hatte ich zwischenzeitlich schon fast geschafft zu vergessen.“
Nigellus schenkte seinem Nachfahren ein dünnes Lächeln und strich sich den schwarzen Spitzbart.
„Ich wurde nicht suspendiert“, brummte Moody. „Ich bin im Ruhestand.“
„Und ich werde nicht meine Zeit damit verschwenden, mit euch über solche Details Haare zu spalten“, antwortete Nigellus in seinem vorherigen hochmütigen Ton. „Ich werde jetzt Professor Dumbledore aufsuchen, und wenn er euren Bericht einer Antwort für würdig erachtet, komme ich möglicherweise zurück und lasse es euch wissen.“ Mit einem Rauschen seines schwarz-grünen Umhangs war er verschwunden, und nur die leere Leinwand blieb in dem schweren Rahmen zurück.
„Sollen wir uns die anderen Zimmer ansehen, bis er wieder da ist?“ schlug Lupin vor.
Sirius zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Wenn du willst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich sehr von diesem hier unterscheiden.“
Das Zimmer, in das sie hineinblickten, befand sich in dem gleichen verfallenen Zustand wie der Rest des Hauses. Es war staubig, dĂĽster und fast leer. Abgesehen von einem Bett gab es keinerlei Anzeichen dafĂĽr, dass es ĂĽberhaupt jemals bewohnt gewesen war.
Sie warteten schweigend. Sirius lehnte im TĂĽrrahmen und starrte ausdruckslos auf die gegenĂĽberliegende kahle Wand.
Nach einer Weile brach Moody die Stille. „Ich glaube, dieses Haus ist wirklich sehr brauchbar für unsere Zwecke.“
„So brauchbar wie Mundungus Fletcher?“ fragte Sirius, nicht gewillt, sich so einfach aufheitern zu lassen.
„Noch brauchbarer“, sagte Moody entschieden. „Groß genug, um eine ganze Reihe Leute darin unterzubringen, aber nicht zu groß, um es zu verstecken. Es könnte sogar einem Angriff oder einer Belagerung standhalten, solange man die Verteidigung effizient organisiert.“
„Wo ihr gerade von effizienter Organisation sprecht“, ließ sich Phineas Nigellus von der leeren Leinwand her vernehmen, und gleich darauf erschien auch er selbst wieder in seinem Bild. „Professor Dumbledore lässt euch ein Lob dafür ausrichten, dass ihr ohne Verluste so weit gekommen seid. Darüber schien er ehrlich erstaunt. Er kommt gleich morgen früh hierher. Sirius und Lupin bleiben hier, bis er da ist. Moody und der alte Gauner können gehen. Sirius darf unter keinen Umständen das Haus verlassen. Wenn ihr bis morgen auf irgend etwas Unvorhergesehenes stoßt, lasst es ihn wissen, aber versucht nicht, es selbst zu beseitigen.“
„Gilt das auch für Kreacher?“ fragte Sirius mit Unschuldsmiene.
„Kreacher?“ Phineas Nigellus schien ehrlich verwirrt.
„Na, was sollen wir mit ihm machen?“
„Du meinst, er ist immer noch hier?“
Moody und Sirius wechselten einen Blick.
„Du meinst, das wusstest du nicht?“
„Natürlich nicht“, sagte Phineas in seinem würdevollsten Ton. „Es hängen schließlich keine Gemälde in der Küche, oder? Und abgesehen davon habe auch ich in diesem Haus in den letzten zwanzig Jahren kaum mehr Zeit verbracht als du, Sirius. Ich habe die Gesellschaft deiner Mutter zwar nie ganz so unerträglich gefunden wie du, aber selbst der Tod hat sie nicht wesentlich zu ihrem Vorteil verändert. Wenn ich mich nicht verhört habe, habt ihr das unten in der Halle ja schon selbst erleben dürfen. So. Ich weiß zwar nicht, was die Herren heute sonst noch vorhaben, aber ich zumindest hätte jetzt gern meine Ruhe.“ Und er schickte sich an, den Rahmen wieder zu verlassen.
„Gute Nacht“, rief Moody ihm hinterher. „Und sag Dumbledore, er soll bloß nicht die Türglocke läuten!“
Aber da war Phineas Nigellus schon fort.
Lupin wandte sich zu Sirius um, der seinem Blick mit einem reichlich trotzigen Gesichtsausdruck begegnete.
„Das da unten war deine Mutter?“ fragte Lupin leise.
Sirius nickte düster. „Allerdings. Vielleicht verstehst du jetzt, warum ich sie euch nie vorstellen wollte?“
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