von Jolie Black
Kapitel 1
Über dem Grimmauldplatz war die Nacht hereingebrochen. Das orangene Licht der trüben Straßenlaternen und der Mond, der hinter dichten Wolken hervorlugte, vermochten den menschenleeren Platz kaum zu erhellen. Ein leichter Wind ließ die dürren Zweige der Bäume, die ihn säumten, rascheln.
Mit einem plötzlichen heftigen Windstoß tauchten zwei Gestalten in der Nordostecke des Platzes auf, als seien sie hergeweht worden. Es waren ein Mann und ein Hund. Seite and Seite kamen sie zur Südseite des Platzes herüber. Der Mann trug einen alten, abgewetzten Trenchcoat und Turnschuhe. Sein Haar war grau, aber diese Farbe wollte gar nicht zu seinem Gesicht passen. Es war zwar schmal, fast hager, aber es war das Gesicht eines noch jungen Mannes, kaum älter als vierzig. Der Mann schien vor sich hinzumurmeln, aber als er näher kam, konnte man sehen, dass er mit seinem Hund sprach, so wie einsame Menschen mit ihren Haustieren reden, wenn sie sonst keine Freunde haben.
„Da wären wir. Nummer zwölf, richtig? Das Haus da drüben, das mit der dunklen Backsteinfassade und den vernagelten Fenstern?“ Er hielt inne, als ob er eine Antwort von dem Hund erwartete, aber der Hund - ein riesiges, zottiges schwarzes Tier - stand ganz still und unbeweglich da, wie versunken in die Betrachtung des Hauses, auf das der Mann gezeigt hatte.
„Alles klar“, sagte der Mann. „Wir sind früh dran. Sollen wir einen kleinen Spaziergang um den Platz machen, während wir warten?“
„Warten worauf?“ grollte eine tiefe Stimme hinter ihm.
Der Mann im Trenchcoat fuhr herum und griff in seine Manteltasche, aber als er sah, wen er vor sich hatte, lächelte er halb nervös, halb erleichtert. Der Anblick des Neuankömmlings lud allerdings ganz und gar nicht zum Lächeln ein - selbst zu einem nervösen nicht. Es war ein älterer Mann, der um seine gebückten Schultern einen langen schwarzen Umhang und auf seinem Kopf einen Bowler trug, den er so schief aufgesetzt hatte, dass man sein rechtes Auge nicht sehen konnte. Was man aber deutlich sah, war, dass ihm die halbe Nase fehlte, so als ob ein wilder Hund sie ihm abgebissen hatte. Vermutlich war das der Grund, weswegen er den schwarzen Hund seines Gegenübers so misstrauisch musterte. „Ich warte schon längst auf dich. Wo bleiben die anderen? Und wozu hast du den Hund da mitgebracht?“
„Ich dachte, der darf auch mal wieder ein bisschen unter Leute kommen. Guten Abend übrigens, Alastor.“ Der Jüngere streckte dem Älteren die Hand hin, aber der ergriff sie nicht.
„Wir dürfen keine Aufmerksamkeit erregen, Lupin“, sagte er stattdessen.
„Natürlich nicht“, stimmte der andere zu und lächelte wieder. „Deswegen fanden wir es ja auch keine gute Idee, Sirius Black in seiner gewöhnlichen Gestalt mitten in London herumlaufen zu lassen.“
Alastor Moody gab einen tiefen, kehligen Laut von sich, der entfernt an ein Lachen erinnerte. „Ach so, natürlich. Dumbledore hatte mich vorgewarnt. So siehst du also aus.“ Er gab dem Hund einen freundlichen Klaps auf den zottigen schwarzen Kopf. „Dann warte besser, bis wir drinnen sind. Und wenn dieser alte Halunke jetzt nicht bald auftaucht, dann gehen wir ohne ihn!“
„Er kommt sicher.“
„Dann könnte er sich gefälligst wenigstens beeilen“, brummte Moody unwillig. „Wir können hier nicht ewig herumstehen. Das fällt auf, und - schnell, hierher!“ Die letzten beiden Worte sprach er in einem hastigen Flüsterton, packte Lupin am Ärmel und zog ihn aus dem Lichtkreis der Straßenlaterne heraus, unter der sie gestanden hatten.
Eine vierte Gestalt war am anderen Ende des Platzes erschienen. Sie sah noch viel mehr nach einem heruntergekommenen Stadtstreicher aus als die beiden anderen. Dieser Neuankömmling war unrasiert und hatte einen dichten, zerzausten Schopf rötlicher Haare. Er kam quer über das ungepflegte Stück Rasen in der Mitte des Platzes auf die anderen zugeschlendert, die Hände tief in den Taschen seines viel zu großen Mantels vergraben.
„Wird auch Zeit“, grollte Moody und trat auf ihn zu.
„N'Abend, Chef“, gab der andere zurück, machte sich aber nicht die Mühe, die Hände aus den Taschen zu nehmen. „Na, wo gehts'n hin? Und was is'n das für'n Hund?“
„Das kann warten. Los, gehen wir. Wir müssen sehen, dass wir reinkommen.“ Moody drehte sich um und öffnete das schmiedeeiserne Tor, das zum Eingang des Hauses Nummer zwölf führte. „Zu hell“, murmelte er mit einem säuerlichen Blick auf die Straßenlaternen, aber dann zuckte er mit den Schultern und schritt die Stufen hinauf.
Die anderen folgten ihm und versammelten sich vor der hohen schwarzen Haustür. Die Messingziffern, die die Nummer „12“ formten, waren dunkel angelaufen und kaum noch zu erkennen. Die Tür hatte weder Klinke noch Schlüsselloch, aber einen großen Türklopfer in der Form einer gewundenen Schlange. Außerdem war da noch ein Glockenzug, der aber so ausgefranst war, dass er vermutlich in der Hand des nächsten Benutzers zerfallen würde.
„Schau besser erst nach, ob die Luft rein ist“, flüsterte Lupin.
„Genau das tue ich gerade.“ Moody starrte auf die Tür, dann auf die Fenster links und rechts davon und schließlich hinauf zu den oberen Stockwerken. „Keinerlei Lebenszeichen - weder Mensch noch Tier noch Geist“, berichtete er.
„Meinste, dann wird's alles klar geh'n? “ fragte der Mann mit dem rötlichen Haar.
„Ich kann vielleicht durch geschlossene Türen sehen, aber nicht in die Zukunft, Mundungus“, gab Moody mürrisch zurück. „Man sollte sich niemals und nirgendwo darauf verlassen, dass schon alles klar gehen wird.“ Er zog seinen Zauberstab aus der Tasche und richtete ihn auf die Tür. „Alohomora.“ Nichts geschah. Er klopfte an verschiedenen Stellen mit dem Stab an die Tür, aber ohne Erfolg. Schließlich ließ er den Zauberstab wieder verschwinden und stemmt sich mit der Schulter gegen das Holz. Die Tür öffnete sich noch immer nicht. Moody hielt keuchend inne. „Soll ich etwa gleich das ganze Ding in die Luft jagen?“ knurrte er.
„Tu dir keinen Zwang an“, schmunzelte Lupin.
„Hast du eine bessere Idee?“
„Ach, macht ma' Platz da“, unterbrach sie Mundungus und schob Moody unwirsch zur Seite. Aus einer seiner vielen Taschen holte er ein Gerät hervor, das aussah wie ein Taschenmesser mit vielen verschiedenen Klingen. Er klappte eine sehr feine und dünne heraus und berührte die Tür damit an der Stelle, wo das Schlüsselloch hätte sein sollen. Ein leises Klicken war zu hören. Als nächstes kam eine breite und flache Klinge zum Einsatz, die Mundungus in den Spalt zwischen der Tür und dem Türrahmen schob und so lange auf und ab bewegte, bis mit einem metallischen Klicken die Türkette innen sich löste. Dann kam eine gebogene Klinge an die Reihe, die an der Spitze mit einem Haken versehen war, und Mundungus fuhrwerkte so lange in dem Türspalt herum, dass Moody hinter ihm begann, ungeduldig auf den Fußballen auf und ab zu wippen. Endlich konnte man hören, wie ein Riegel zurückgeschoben wurde, und dann schwang die Tür auf und gab den Blick in eine lange, düstere Eingangshalle frei.
„Na, wo wärt ihr jetzt ohne den alten Halunken?“ grinste Mundungus mit einer ironischen Verbeugung. „Nur hereinspaziert, die Herren.“
„Nein.“ Moody drehte sich zu dem Hund um, der die ganze Zeit über hinter den drei Männern gehockt und ihnen geduldig zugesehen hatte. „Geh du voran, es gehört schließlich dir.“ Er trat einen Schritt zurück, und der Hund stand zögernd auf und trat auf die offene Tür und die dahinter liegende Dunkelheit zu. Er hielt inne und schnupperte. Die Haare in seinem Nacken stellten sich auf. Aber dann, als hätte er einen plötzlichen Entschluss gefasst, trat er über die Schwelle und in die düstere Halle hinein. Die anderen folgten ihm schweigend.
Und so kam es, dass Sirius Black zum ersten Mal nach über zwanzig Jahren wieder das Haus seiner Väter betrat.
A/N: Die Übersetzungswerkstatt ist eröffnet! Wer Lust hat, beim letzten Feinschliff der deutschen Version mitzuhelfen, ist ab sofort herzlich auf meinem Livejournal (Link in meinem Profil; Registrieren für Besucher nicht nötig) oder auf meiner Facebook-Seite willkommen! Mir fehlen immer noch ein paar gute deutsche Übersetzungen für ein paar Ausdrücke und Wendungen aus dem Potterversum...
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