
von -Roxanne-
Nach über drei Stunden mussten sie das Spiel im Unentschieden abbrechen, da die Spieler sich, wie es nicht anders zu erwarten war, durch die Sticheleien und Flüche von Angelina und George, angefangen hatten sich gegenseitig von den Besen zu schmeißen und zu prügeln.
Nur murrend waren die Mini-Spieler vom Feld marschiert, doch jetzt saßen Angelina und George in der Küche beim Ende ihres Abendessens.
Molly hatte ihnen etwas vorbei gebracht, in der Hoffnung einen Blick auf 'Lina' werfen zu können, doch diese stand zu dem Zeitpunkt noch unter der Dusche. Sie hatte endlich aus ihren Klamotten raus gewollt und war George wirklich dankbar, für die Sachen die er ihr von Ginny mitgebracht hatte.
George drehte den Apfel, den er schon eine ganze Weile in der Hand hatte hin und her. Nachdenklich sah er ihn an. Dann biss er hinein, sah auch beim Kauen weiter hin auf die Frucht in seiner Hand, bevor er dann aufschaute zu Angelina. „Solltest du nicht zu Hause Bescheid sagen wo du steckst? Auch wenn du heute Morgen nicht unbedingt begeistert von deinen Eltern...“
„Meinem Vater.“, unterbrach Angelina ihn, fast tonlos, „Meine Mutter hat mit alldem nichts mehr zu tun.“
Erstaunt zog George eine Augenbraue hoch. Auch wenn er ihren Eltern erst einmal vor Jahren begegnet war, hatten sie doch einen recht netten und vor allem glücklichen Eindruck gemacht.
Doch dann erinnerte er sich an ihre Worte vom Morgen. Und erschauderte leicht.
„Das einzige was da auf mich wartet sind Beleidigungen und Schläge. Das kann ich auch von dir kriegen. Nur bist du noch fast nett.“
Schnell verscheuchte er die Gedanken daran und sah Angelina fragend an. Doch diese sah nur zu Boden.
„Was ist los, Lina?“, fragte er nun mit Nachdruck. Sie hatte doch etwas, dass hätte selbst ein Bergtroll bemerkt.
Angelina stand jedoch nur auf und begann den Tisch abzuräumen. Erst als sie mit dem Rücken zu ihm stand, die Hände im Spülwasser redete sie: „Vor 16 Tagen und 2 Monaten gab es in Londons Innenstadt einen katastrophalen Unfall, bei dem sich ein Bus auf einer Kreuzung querlegte und mehrere Autos mit ihm kollidierten.
Fünf Menschen starben direkt an der Unfallstelle, zwei auf dem Weg in die Notaufnahme und noch einmal zwei weitere ein paar Tage später an inneren Verletzungen.
Insgesamt starben bei diesem Unfall also 9 Menschen und über 30 wurden schwer verletzt.“ Es klang sachlich, wie eine Zusammenfassung der Nachrichten.
Verwirrt sah George sie an, natürlich war es schrecklich, besonders nach so einer Zeit, wo so viele Menschen hatten sterben müssen, aber was hatte das jetzt mit ihr zu tun?
„An diesem Tag hatte meine Mutter ihre Schwester besucht, auf dem Weg nach Hause wurde sie von einem Auto erfasst. Sie gehörte nicht zu den 9 Toten in Londons Innenstadt, sie war nur eine weitere Tote an diesem Tag.
Aber genau das interessiert keinen.“, schloss Angelina ruhig und stellte einen Teller zum Abtropfen neben die Spüle. Das sich die ganze Zeit über Tränen unter das Wasser gemischt hatten, sah George nicht. „Dem Fahrer ist nichts passiert, das Auto hat nicht einmal einen Kratzer. Aber meine Mum ist gestorben, so wie viele schon vor ihr. Doch es interessiert keinen, nicht einen.“
Erschüttert sah George sie ab. Wo war er nur gewesen, als sie jemanden brachte? Sonst war er auch immer für sie da gewesen und wenn nicht er, dann doch wenigstens Fred. Doch das waren sie beide nun nicht. Fred nicht, weil er... weil er tot war. Und er nicht, weil...? Ja warum nicht? Weil er ein einziges Wrack war und es wohl immer noch ist. Beides waren wohl nichts mehr als Ausreden, nur hatte Fred wohl die Bessere.
„Was ist mit den anderen, wissen sie...“
„Nur Alicia. Und jetzt du.“
„Warum hast du nie was gesagt?“
„Weil du doch wohl selbst genug damit zu tun hast, damit fertig zu werden, dass Fred tot ist. Warum sollte ich dir da noch mehr Kummer bereiten?“, entgegnete Angelina bitter.
Zu erst wusste George nicht was er darauf erwidern sollte. Es war wie ein Schlag ins Gesicht, doch sie hatte Recht. Aber warum hatte sie alles so in sich hinein gefressen? „Weil du an deinem erstickst.“
Angelina war inzwischen dabei Abzutrocknen. So einfach es mit Zauberrei auch war, zum Ablenken war es bestens geeignet.
So hatte sie etwas zu tun und musste sich ihren Gedanken und vor allem ihrem Kummer nicht frontal stellen. „Das führt doch zu nichts. Ändern können wir es nicht. Die Toten können wir nicht zurückholen. Auch wenn wir es gerne möchten, dass ist selbst für dich unmöglich George.“
„Ich weiß.“, erwiderte George und stand auf. „Aber du solltest deinem Vater trotzdem sagen wo du steckst. Ihr habt nur noch euch.“
„Du meinst wohl eher den Whisky und die Bordsteinschwalben, die seit Wochen bei uns ein und aus gehen. Alle dümmer als eine Horde Trolle und meist auch noch jünger als ich.“
Es war beunruhigend wie ruhig sie das alles erzählen konnte. Die Ruhe machte ihm irgendwo angst, weil er wusste, dass da weit mehr in ihr brodelte, nur was, dass wusste er nicht.
Schweigend saß sie im Wohnzimmer, während George in einem der anderen rumwerkelte.
Irgendwo war sie froh, dass sie seinen bohrenden, mitleidigen und vorwurfsvollen Blicken nicht ausgeliefert war. Er hatte sich Monate verkrochen und nicht von irgendjemanden helfen lassen. Warum sollte sie genau das dann nicht auch dürfen?
Aber so allein hier rumsitzen ertrug sie auch nicht. Das hatte sie zu Hause schon nicht, so fern sie es überhaupt noch zu Hause nennen konnte.
Warum hatte sie nicht einfach die Klappe halten können oder ihn zu mindestens anlügen.
Seufzend schüttelte sie den Kopf. Nein, anlügen konnte sie George nicht, das konnte sie noch nie. Alicia, ja, Katie, ihre Eltern, ja selbst Fred konnte sie anlügen, nur nicht George.
Ihr Blick war auf die Fotos gerichtet, die in einem der Regale standen. Sie waren nicht mehr verstaubt wie heute Mittag, aber mit der Zeit verschwammen sie vor ihren Augen.
Sie merkte gar nicht, dass es still wurde und George in der Tür auftauchte. Eine Weile blieb er dort stehen, dann jedoch ging er zu ihr.
Angelina sah nicht auf, doch er wusste, dass sie ihn bemerkt hatte.
Sie zog die Beine an und schlang die Arme darum. „Wie erträgst du das alles?“
Er ließ sich neben sie auf das Sofa fallen. Sanft zog er sie zu sich. „Ich weiß es nicht, aber es wird irgendwie erträglicher mit der Zeit. Glaub mir.“
Kraftlos nickte sie und lehnte den Kopf an seine Schulter. Schweigend saßen sie da, während Angelina lautlos die Tränen übers Gesicht liefen.
Ihre Tränen wurden weniger und müde kuschelte sie sich an George, sah ihn aber gleich darauf fragend an. Kommst du mit, wenn ich meine Sachen holen gehe?“
„Aber doch nicht mehr heute, oder?“ Etwas zweifelnd sah er von ihr auf die Uhr. Kurz vor Elf.
„Doch genau jetzt. Ich will ihm nicht über den Weg laufen. Und entweder pennt er jetzt oder kippt sich irgendwo die Birne zu.“ War Angelinas bittere Antwort. Sie war sich ziemlich sicher, dass ihr Vater nicht zulassen würde, dass sie ging,.
„Bist du sicher?“
„Ja, ich will ihn nicht sehen.“ Und nach einigem Zögern fügte sie hin zu: „Erst mal.“
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