
von Lav
Leiser Vogelgesang ließ den jungen Weasley aus seinem Schlaf erwachen. Der Morgentau hing an den dünnen Grashalmen und bahnte sich seinen Weg zum erdigen Waldboden. Bevor er jedoch sein Ziel erreichte, wurde er von der Sonne abgefangen, bis er schließlich verschwand und es am nächsten Morgen nocheinmal versuchte.
Hugo hatte die ganze Nacht an der alten Eiche verbracht. Er blinzelte ein paar Mal, um sich an den Lichteinfluss zu gewöhnen. Die rot-gelb gestreifte Krawatte kitzelte seine Nase und er schlug sie grob zur Seite.
„Na, auch schon wach?”, neckte ihn eine Stimme aus dem Hintergrund.
Hugo richtete sich auf, sodass er nun auf seinen Ellbogen gestützt dasaß und wuschelte sich mit einer Hand durch die wirren Haare.
„Halt die Klappe, Al.”, forderte er mit schlaftrunkener Stimme, „Wie spät ist es überhaupt?”
„Kurz nach acht, also noch genug Zeit das Wochenende zu planen. Hat dein nächtlicher Ausflug wenigstens seinen Zweck erfüllt?”, fragte Albus neugierig.
„Denkst du, ich würde hier noch so rumliegen, wenn es so wäre?”, kam es genervt von Hugo, „Alicia war nicht am See. Keine Ahnung was du da gesehen haben willst.”
„Ich schwöre, ich habe sie vorgestern gesehen. Sie und ihre blonde Freundin, Samira. Alicia hatte ein Buch bei sich. Es war schmuddelig und uralt. Ich habe recherchiert. Es handelt sich um das Buch des Halbblutprinzen, du weißt schon, das Zaubertränkebuch aus Dads sechstem Schuljahr.”, flüsterte Albus aufgeregt.
„Rede keinen Schwachsinn, Al. Alle Bücher aus der Zeit unserer Eltern sind bei der Schlacht um Hogwarts vernichtet worden.”, wusste es Hugo besser.
„Dann hat ihr Vater, Draco Malfoy, es eben geborgen. In diesem Buch stehen sehr starke Zauber. Das wäre doch die Chance schlechthin, alle mugglegeborenen Hexen und Zauberer auszulöschen.”, konterte Albus.
„Psst. Da ist sie.”, ordnete ihn Hugo zurecht.
Alicia hatte ihr grünes Haarband angelegt und schlenderte vergnügt über das Schlossgelände.
Hugos Blicke trafen die ihre und sie blieb schlagartig stehen, drehte sich eingeschnappt weg und schaffte es erstaunlicherweise noch, dass ihr Umhang sie nur sanft streifte. Hugo war beeindruckt. Sie besaß eine unglaubliche Bewegungspräzision. Jede noch so kleine Geste, jeder fast unbemerkte Schritt war perfekt einstudiert und eben so fehlerfrei in der Ausführung.
Tief in Gedanken verpasste der Griffindor ein wichtiges Detail.
„Da, sie hat etwas verloren!”, bemerkte Albus und zeigte mit dem Finger auf die Stelle.
Hugo sprang, wie vom Blitz getroffen, auf und lief schnellen Schrittes Richtung Eingangshalle. Er schaute kurz nach links und rechts, bis er sicher war, dass niemand ihn beobachtete und griff nach dem sorgfältig gefaltetem Stück Papier. Etwas ungeschickt öffnete er den Zettel und wagte einen Blick auf die formschöne Schrift Alicias.
Wagt es nicht mir noch einmal hinterher zu spionieren. An eurer Stelle würde ich meine Zeit nicht mit Minderwertigkeiten vergeuden. Am Montag muss euer Aufsatz in Kräuterkunde fertig sein. Schon vergessen, Weasley?
Ich wünsche dir und deinem Potter-Freund noch einen angenehmen Tag.
PS: Ich behalte dich im Auge.
Alicia Malfoy
Ein Lächeln huschte ihm über die Lippen. Er wurde einfach nicht schlau aus ihr. Als Hugo den Brief wieder vorsichtig verschlossen hatte, setzte er sich zurück unter die alte Eiche.
Er beschloss Albus den Inhalt ihrer Nachricht vorerst nicht zu verraten. Er brauchte ersteinmal eine Auszeit, um sich von den Plänen seines besten Freundes zu erholen.
„Na endlich. Und was schreibt sie?”, bohrte Albus sofort.
„Nichts. Es war nur ein alter Aufsatz. Apropos Aufsatz, wir müssen unseren in Kräuterkunde noch beenden.”, entgegnete Hugo.
Albus nickte widerwillig und gähnte allein bei der Vorstellung.
„Das war's dann wohl mit spannendem Wochenende.”
„Ach, das bezweifle ich.”, verkündete Hugo und ließ seinen Blick über den See schweifen, „Dafür wird schon jemand sorgen.”
Am Ende des anderen Ufers ließen es sich die Slytherins gut gehen, keine Spur von Alicia.
James beobachtete seine Freunde und konnte über ihr Verhalten nur lachen. Er fand es äußerst amüsant, wie sie die „Mission Malfoy” Tag für Tag abarbeiteten, sich auf nichts anderes konzentrierten und trotzdem erfolglos blieben.
Seit Scorpius nach Durmstrang gewechselt war, benahm sich Alicia merkwürdig. Sie erschien immer seltener im Unterricht und ließ sich so gut wie nie in Hogsmeade blicken.
Ihm kam es ganz gelegen, dass Scorpius nicht mehr nach Hogwarts ging, denn er war ihm ein Dorn im Auge.
Nicht gerade heimlich, machte er Rose klar, wie attraktiv er sie fand und es schien, das Ganze würde auf Gegenseitigkeit beruhen.
Hugos Schwester erweckte in ihm einen gewissen Beschützerinstinkt, sie galt schließlich als sehr begehrt und er sorgte sich um die Rothaarige.
Bei Alicia bewirkte die Abwesenheit ihres Bruders das genaue Gegenteil. An sich konnte James das egal sein, aber er würde bei nächster Gelegenheit mit Albus und Hugo darüber reden. Ein kleiner Fortschritt täte ihnen sicher gut.
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