
von -Roxanne-
Das waren wohl die seltsamsten Weihnachtsferien die ich je hatte. Alle hatten sie mich behandelt, als sei ich aus Glas. Und das nur weil ich nach dem Weihnachtsball die Treppe heruntergefallen war. So ein Theater, ich hab echt schon schlimmeres durchgemacht.
Fred hatte mich so gut wie keinen Augenblick allein gelassen. Bei Merlins Sonntagsocken! Er war sogar mit mir schoppen gegangen und das über fünf Stunden ohne auch nur zu meckern oder sich z beschweren.
Auch Dad war morgens nur ungern zur Arbeit gegangen. Er hat es immer so elendig lang hinaus gezogen. Immer hatte er etwas gefunden, warum er noch ein, zwei Minuten länger bleiben konnte.
Und kaum war er fünf Minuten aus dem Haus, stand Fred vor der Tür.
Aber wenigstens war er Morgens ziemlich ruhig, dafür auch auch ziemlich hungrig, weil er ohne Frühstück aus dem Haus gegangen war.
Und jedes Mal, wenn ich fragte, was das ganze Theater sollte, wichen sie mir aus. Meinten einfach, der Arzt hätte gesagt, ich solle noch etwas beobachtet werden.
Was für ein Quatsch. Da war es wahrscheinlicher, dass es gelb-grün gepunktete Hippogreife regnete.
Aber was soll's es war irgendwie ganz lustig, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Außerdem hatte ich Fred fast drei ganze Wochen nur für mich. So viel hatten wir schon lange nicht mehr zusammen gemacht.
Wir waren im Kino, haben uns stundenlang in Muggel-London herumgetrieben oder haben uns einfach zu Hause vor den Fernseher gesetzt.
Und trotzdem war ich froh, als ich endlich wieder in Hogwarts war. Wo ich meine Ruhe hatte und für mich sein konnte.
Sogar Mel ließ mich in Ruhe, mehr noch, sie schien mir aus dem Weg zu gehen.
Aber was mich am meisten wunderte war, dass Tom nirgends zu finden war. Doch ich hütete mich davor danach zu fragen.
Ich hatte ihn nur einmal erwähnt, da war Fred ganz anders geworden. Irgendwie alt und abweisend. Aus Milina und Tammy war auch nichts herauszubekommen.
Doch mit der zeit wurde mir das auch egal. Etwas viel wichtigeres und schrecklicheres stand mir bevor. Mein achtzehnter Geburtstag.
An sich war mein Geburtstag ja nichts schlimmes, nur an diesem Tag hätte er wirklich nicht sein müssen. Ich konnte an diesem Tag nicht in Ruhe feiern, weil an diesem bescheuerten Tag der Valentinsball war. Und so gern ich auch auf Partys und Bälle ging. Nicht zu diesem.
Noch zwei dumme Wochen bis dahin und bis jetzt keine Aussicht darauf, dass er ausfallen würde. Trotz allem betteln und beten.
Lust los stocherte ich in meinem Essen herum. Wie gern würde ich einfach nur mit ein paar Freunden im Gemeinschaftsraum sitzen und feiern, als mit der ganzen Schule.
„Jay? Alles okay?“ Besorgt sah Fred mich an und wie so oft in letzter Zeit lag so etwas wie Angst in seinen Augen. Angst und Schmerz, den ich nicht verstand.
„Du hast noch zwei Wochen Zeit dir zu überlegen was los ist.“, grinste ich nun und schob mir nun doch die Tortellinihälfte, die ich seit fünf Minuten über meinen Teller geschoben hab, in den Mund. Vergnügt konnte ich zu sehen, wie es in seinem Kopf ratterte, bis ihm ein Licht aufging.
„Achso. Darum geht’s. Da lässt sich bestimmt was machen.“, meinte Fred zuversichtlich und zog meinen Teller weg.
„HEY! Das wollte ich gerade essen.“ Empört sah ich meinen Teller nach, wie er vor meinen Augen verschwand.
„Nein, wolltest du nicht. Das ist von deiner Stocherei schon ganz kalt.“, widersprach Fred. Recht hatte er ja, aber deswegen brauchte er mir noch lange nicht mein Essen wegnehmen.
Schmollend schob ich die Unterlippe leicht vor, verschränkte die Arme vor der Brust und drehte mich beleidigt weg.
Wirklich böse war ich ihm nicht, aber ich hätte mein Essen schon gerne wieder gehabt.
„Nicht schmollen.“, lachte Fred vergnügt.
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
„Nein, sonst gibt's keinen Nachtisch.“
Ein wirklich überzeugendes Argument. Schlagartig drehte ich mich um. „Gib mir Nachtisch.“
„Den gibt es erst wenn du aufgegessen hast.“ Gespielt streng sah er mich an.
„Hab doch nichts mehr. Hast du mir weggenommen.“, lispelte ich und versuchte so niedergeschlagen wie möglich zu gucken. Was gar nicht so leicht war, weil ich bei seinem Blick einfach nur lachen konnte.
„Du benimmst dich wie eine Dreijährige. Also Mund auf.“, kommandierte Fred.
Bereitwillig öffnete ich den Mund und sah ihn abwartend an, bis Fred tatsächlich anfing mich zu füttern.
Das die anderen uns derweil seltsame Blicke zuwarfen, blendete ich einfach aus. Sollten die doch denken was sie wollten. Ich fand lustig und Fred auch. Alles andere war egal.
Beim Nachtisch – Schokoladenpudding mit warmer Vanillesoße – war es auch nicht anders. Genüßlich und unterbrochen von Lachanfällen, bei denen ich mich regelmäßig verschluckte, ließ ich mich weiter von Fred füttern.
„So gefällt mir das.“, grinste ich Fred zufrieden an, „Kannst du ruhig öfters machen.“
„Hättest du wohl gerne.“
„Ja!“
„Und was krieg ich dafür?“
„Zu tiefst empfundene Dankbarkeit und vor allem neidvolle Blicke, weil du mich füttern darfst.“, spottete ich und schenkte Fred ein schiefes Grinsen, welches er sofort erwiderte.
„Ich überlegs mir Kleine. Aber jetzt muss ich zum Training sonst reißt Tamina mir den Kopf ab.
Also schön brav sein und Hausaufgaben machen, damit ich nachher abschreiben kann.“
„Mal schaun was sich machen lässt. Und jetzt hau ab.“ Sanft schubste ich ihn in Richtung Eingangshalle, wo ich mich dann zur Treppe wand, während Fred nach draußen ging.
Es war verrückt. So besorgt Fred seit Weihnachten um mich war und so nervig das Ganze manchmal auch war. Ich war ihm näher als je zuvor.
Und auch wenn ich gedacht hatte es ging nicht, aber ich verliebte mich immer mehr in ihn.
Das Schlimme daran war, ich machte mir Hoffnung, dass er vielleicht auch...
Heftig schüttelte ich den Kopf. Nein! Nein, das war totaler Blödsinn. Das würde er nie. Ich musste aufhören damit. Es würde einfach zu weh tun.
Seufzend schloss ich die Augen und öffnete die Tür zur Bibliothek. Wie erstarrt blieb ich jedoch j in der Tür stehen.
Ganz hinten, in der dunkelsten Ecke entdeckte ich ihn.
Tom Baker.
Er sah schrecklich aus. Tiefe Augenring hoben sich von seiner kalkweißen Haut fast schwarz ab. Total abgemagert und erschöpft sah er aus. Nichts war von dem strahlenden, gut aussehenden Jungen übrig geblieben, der er vor drei Monaten noch war.
Aber es war nicht einmal sein Aussehen, was mich zum Stehen bleiben zwang. Auch nicht, dass ich nicht wollte.
Es war einfach mein Körper der nicht wollte, jede Faser in mir weigerte sich weiter zugehen, wollte weg von hier und das so schnell es ging.
Ich verstand es nicht, doch ich lief weg, ohne es wirklich zu wollen.
Das Krachen der schweren Tür hallte in meinem Kopf, sonst waren da nur noch zwei Sachen:
Die Erinnerung an unfassbaren Schmerz und das Verlangen so schnell wie möglich davor wegzulaufen.
Ich wusste nicht wohin ich rannte. Aber ich musste raus aus dem Schloss, weit weg von Tom. So weit es nur ging.
Fluten von Tränen liefen über mein Gesicht und ich wusste nicht wieso.
Wieso Toms Anblick mich so aus der Fassung gebracht hatte, wieso er in mir so eine Angst ausgelöst hatte, wieso ich weg lief.
Ich verstand einfach nicht, was das alles bedeutete.
Es war mir egal, wo er her kam. Es war mir auch egal warum er da war. Aber er war da.
Er stand einfach da und nahm mich in den Arm. Ich krallte meine Finger in seinen Quiddichumhang und vergrub mein Gesicht darin.
Heiser schluchzte ich auf. Erst jetzt merkte ich, wie sehr ich zitterte, bebete. Doch er sagte nichts, er hielt mich einfach im Arm.
Und mehr wollte ich nicht. Nicht jetzt, nicht irgendwann anders. Nur ihn. Nur Fred.
Meinen Fred.
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