110 Begebenheiten aus Lily Evans Leben - 15. Gefangen
von jujube58
Lang, lang, viel zu lang ist es jetzt her. Aber vorher fehlte der kleine Schubs in die richtige Richtung. Die Idee geistert schon seit Wochen in meinem Kopf herum, wollte sich aber nie auf Papier bannen lassen. Nicht unbedingt eines meiner Lieblingsthemen auf dieser Liste, aber es gehört nun mal dazu, von daher gebührt ihm auch ein eigener Oneshot. Und hier ist er!
Ich danke euch allen für eure Geduld und hoffe natürlich, dass sich das Warten zumindest ein bisschen gelohnt hat. Über einen kleinen Kommentar würde ich mich riesig freuen!
Viel Spaß beim Lesen und liebe Grüße, jujube
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Gefangen
Der Mensch wähnt sich frei.
Frei in seinem Denken, frei in seinem Handeln, frei in seiner Bewegung.
Vielleicht ein wenig beeinflusst von außerhalb, aber nie so sehr, dass nicht alles, was er tut aus einer freien Entscheidung seiner selbst heraus geschehe.
Zu gerne redet er sich ein, unabhängig zu sein, unerschütterlich in seinen Grundprinzipien, unlenkbar von anderen. Wie gesagt, er wähnt sich frei. Tut es selbst dann noch, wenn er längst begriffen haben müsste, dass Freiheit etwas anderes ist, etwas viel größeres. Etwas, das nicht jeder automatisch für sich beanspruchen kann.
Hier sitzen wir, in unserem Haus, das wir so lieben, mit unserem Kind, das wir um alles in der Welt beschützen wollen. Wir reden uns ein, dass es unsere freiwillige Entscheidung gewesen sei, reden uns ein, wir würden uns nicht daran stören. Und doch scheinen die Räume immer kleiner zu werden, scheint die Luft nicht mehr ganz auszureichen für drei Personen, die sich entfalten, die atmen wollen. Und doch merken wir, dass wir für die Freiheit, einfach dann durchs Dorf spazieren zu dürfen, wann es uns gefällt, sehr viel mehr geben würden, als wir es laut auszusprechen wagen.
Am Anfang war es kein Problem. Am Anfang war es ein bisschen wie Ferien. Nur wir drei in unserem kleinen geliebten Haus, und unsere Freunde, die uns besuchen kamen. Keine nächtlichen Einsätze für den Orden, keine überraschenden Aufgaben und vor allem keine Angst mehr, dass im nächsten Moment der dunkelste Magier der Weltgeschichte oder einer seiner liebreizenden Gefolgsleute vor unserer Haustür stehen könnte.
Es war Ruhe und Frieden. Noch zusätzlich verzaubert durch das Wunder, einem kleinen Menschen beim Wachsen zuzusehen. Beobachten zu dürfen, wie er jeden Tag ein wenig mehr von seiner Umgebung wahrnahm, spüren zu dürfen, wie seine kleine Hand sich ganz fest um den eigenen Finger schlang, sehen zu dürfen, wie er in seiner Wiege vom Schlaf ins Land der Träume entführt wurde. Am Anfang war es perfekt.
Doch auch Ferien sind irgendwann vorbei. Es ist traurig, in seinem Haus sitzen zu müssen und durchs Fenster den Blättern dabei zuzusehen, wie sie bunt werden. Man träumt sich dort hinaus, in den Herbststurm, wünscht sich den Wind, der die Haare in alle Richtungen und die Mütze vom Kopf weht, möchte die frische Luft einatmen, sie ganz tief in sich spüren.
Und wenn einen dann die Traurigkeit zu übermannen drohte, dann hielt man sich fest an den Händen, nahm sich in den Arm und versicherte sich, dass man das ja alles freiwillig tue und schon bald wieder mit den Blättern ihren Herbsttanz vollführen würde. Dann schaute man sein Kind an, das mit großen Augen die Welt um sich herum betrachtet und alles mit einem Lächeln aufnimmt, und man wusste, dass es im Leben nichts wichtigeres für einen geben könnte, als diesen Menschen zu beschützen. Egal, was für Unannehmlichkeiten man dafür auf sich nehmen müsste.
Mit den Wochen, mit den Monaten wird die Situation aber nicht unbedingt leichter. Vielmehr hat man das Gefühl, die Stunden würden immer länger, immer farbloser. So wie die bunten Kaugummikugeln aus den kleinen roten Automaten, die nach kurzer Zeit schmecken wie Pappe und die Farbe haben von Zement. Grau und trist.
Es fehlt der Raum, es fehlt die Luft zum Atmen. Man wird den Menschen um sich herum überdrüssig, man wird diesen Zimmern überdrüssig, man wird sich selber überdrüssig. Ein unproduktives Dasein, eine sinnlose Existenz. Eingesperrt in ein kleines Haus mit Menschen, die man liebt, aber ohne den Platz, sich auch mal aus dem Weg zu gehen und mit viel zu viel Zeit, um zu grübeln.
Irgendwann steigen dann die Erinnerungen an den Moment der Entscheidung hoch. Ja, man hat sich freiwillig entschieden. Hat nach langen Diskussionen und nach Abwägung aller Argumente beschlossen, es so machen zu wollen. Man war sich einig, wollte diesen letzten, diesen einzigen Ausweg, diese Chance aufs Überleben ergreifen und all seine Hoffnung in sie setzen.
Doch wer hat uns überhaupt so weit gebracht? Weshalb musste es überhaupt zu einer solchen Entscheidung kommen? War das unser freier Wille? Nein, ganz bestimmt nicht. Abhängig von einer Person, die Leben zerstört und uns dazu zwang, uns zu verstecken statt zu kämpfen. Eine Person, die uns dazu brachte, unsere Grundsätze aufzugeben. Wir wollten immer kämpfen, für das einstehen, was uns wichtig ist. Und jetzt sitzen wir hier, ohne auch nur die Möglichkeit das Haus zu verlassen. Auf das Anraten unserer Freunde und Mitstreiter hin entschlossen wir uns dazu, uns zu verstecken, um das Leben unseres Kindes zu beschützen. Wir, die Unbeeinflussbaren, die Unlenkbaren.
Tief in mir weiß ich, dass wir das Richtige tun.
Aber es ist nicht immer leicht daran zu glauben, wenn hinten im Garten die ersten Krokusse ihren Kopf durch die Erde stecken.
Es ist nicht immer leicht daran zu glauben, wenn James mit abwesendem Blick im Sessel sitzt, die Karte des Rumtreibers und seinen Tarnumhang in der Hand.
Es ist nicht immer leicht daran zu glauben, wenn Harry mit kugelrunden Augen vor der Terrassentür hockt und auf die Vögel zeigt.
Es ist nicht immer leicht daran zu glauben. Aber wir tun es. Ob freiwillig oder nicht.
Es ist richtig.
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Ich bin nicht so blöd, mitten im Winter in Edinburgh eine unbeheizte Wohnung zu mieten.
Joanne K. Rowling