110 Begebenheiten aus Lily Evans Leben - 5. Abhauen
von jujube58
Vielen lieben Dank für eure Rückmeldung und das Lob. Ich freu mich wirklich sehr, dass euch die Oneshots gefallen! Dieser hier ist auch ein bisschen länger, als die anderen, Laylie ;)
Viel Spaß damit und liebe Grüße
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Abhauen
„Lily, ich muss mal mit dir reden.“
Sie zuckte nur mit den Schultern. Was konnte er schon groß wollen? Er hatte nicht mehr Schulsprecherkram zu erledigen als sie und genügend Zeit für sein Quidditchtraining. Außerdem hatte sie sich ihm gegenüber nicht unfreundlich verhalten, war sogar dreimal mit ihm ausgegangen. Dreimal! Da konnte er sich nicht beschweren. Immerhin hatte er darauf jahrelang gewartet und so manche Ohrfeige eingesteckt, nur um sie zu einem Date zu überreden.
Aber irgendwo in ihr stieg so eine komische Vorahnung auf, dass ihr dieses Gespräch nicht gefallen würde. Sein Gesichtsausdruck war ernst, zu ernst. So sollte er nicht gucken, er sollte lachen und in seinen Augen sollte dieses Funkeln sein, dieses schelmische Blitzen, das ihr schon die Knie weich werden ließ, wenn sie nur daran dachte. Nein, Lily, reiß dich zusammen! Du darfst jetzt nicht diesen schwärmerisch-träumerischen Ausdruck bekommen. Dann wird er denken, du bist vollends bescheuert. Und jetzt steh auf und geh mit ihm wohin auch immer, damit ihr ?mal reden' könnt. Bestimmt hat er nur ein Problem mit dieser verflixten Aufgabenliste für die Weihnachtsfeier von Professor McGonagall. Da fiel ihr siedend heiß wieder ein, dass sie diese Liste bisher auch geflissentlich ignoriert hatte. Obwohl sie sie eigentlich schon am Wochenende mit der Lehrerin würde besprechen müssen. Und es war schon Donnerstag! Upps.
Gedankenverloren war sie ihm gefolgt, ohne auch nur darauf zu achten, wohin er sie führte. Als plötzlich ein frischer Wind ihre Haare zerzauste, bemerkte sie überrascht, dass sie sich auf den riesigen Ländereien der Schule befanden. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare und hatte diesen ernsten Gesichtsausdruck immer noch nicht abgelegt.
„Okay, was ist los?“
Sie war ein wenig verwirrt. Wieso wollte er auf den Ländereien mit ihr über die Liste sprechen? Wäre es nicht viel sinnvoller das im Schulsprecherraum oder auch im Gemeinschaftsraum zu machen?
„Lily, wir sind jetzt dreimal zusammen ausgegangen. Und ich hab mich wirklich gefreut, dass du endlich mitgekommen bist, das weißt du doch, oder? Sirius meinte immer, wenn du schon einem Date zustimmst, dann kannst du mich ja gar nicht mehr so schrecklich finden und vielleicht würdest du ja auch dasselbe für mich empfinden, wie ich für dich. Deswegen hab ich mich ziemlich gefreut und war auch ein bisschen aufgeregt beim ersten Mal. Naja, du weißt ja, dass ich dich ziemlich gerne mag, das ist in den letzten Jahren ja schon irgendwie deutlich geworden, glaube ich. Und ich hatte eben auch das Gefühl, dass du mich nicht mehr komplett für einen Vollidioten hältst, so wie damals. Aber irgendwie ist es komisch. Die Abende mit dir waren klasse, aber du schienst nicht so ganz glücklich zu sein. Irgendwie hab ich den Eindruck, dass du immer wieder wegrennst. Innerlich oder so.“
Irgendwie ähnelten seine Worte einem Keulenschlag auf den Rücken, der einem die Luft zum Atmen nimmt. Wegrennen. Lächerlich!
„Ähm, du glaubst also, dass ich innerlich wegrenne? Und wovor, wenn ich fragen darf? Es gibt doch nichts, wovor ich mich fürchten müsste.“
„Keine Ahnung, das weißt du wahrscheinlich besser als ich. Vielleicht hast du Angst davor, dass du mich doch etwas mehr mögen könntest. Oder, dass du dich in irgendeiner Weise blamieren könntest, auch wenn ich nicht wüsste, auf welche Weise das sein sollte. Kann es sein, dass du Angst davor hast, dir Gefühle einzugestehen, vor allem Gefühle für einen Jungen? Ich hab da ja mal diese Geschichte gehört… Rose meinte, du wärst früher mal total in Marcus Eden verschossen gewesen, aber du hättest dich nicht getraut, ihm zu sagen, dass du ihn magst.“
Sie errötete bis an die Haarspitzen. Marcus Eden, das war in der dritten Klasse gewesen und unglaublich peinlich im Nachhinein. Wie kam Rose überhaupt auf die Idee, ihm davon zu erzählen? Tolle beste Freundin! Mit ihr würde sie auch noch ein Hühnchen zu rupfen haben.
Und dann diese Unterstellung, sie sei nicht in der Lage, sich Gefühle einzugestehen. Dabei wusste sie ganz genau, dass sie verliebt war, so richtig verliebt. In ihn.
„Ich bitte dich, was soll das denn jetzt? Marcus Eden war vier Jahre älter als ich. Und vergeben! Außerdem hab ich keine Angst mir Gefühle einzugestehen. Ich weiß, dass ich dich mag, sogar sehr mag. Ich hab mich in dich verliebt. Sonst wäre ich niemals mit dir ausgegangen, immerhin hab ich das jahrelang vorher auch nicht getan!“
Oh, Lily, Fehlschuss! Das sollte doch eigentlich nicht alle Welt wissen! Seine Augen weiteten sich, Ungläubigkeit war darin zu lesen. Und grenzenlose Freude. Zärtlich lächelnd kam er auf sie zu, strahlte sie regelrecht an. Er legte eine Hand an ihre Wange, strich ihr eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Lily, du weißt ja gar nicht, was mir das bedeutet! Ich hatte schon Angst, du würdest mich nicht mögen. Also, nicht so richtig mögen, sondern eben nur wie einen guten Freund. Und das wäre ziemlich hart gewesen. Aber jetzt bin ich endlos glücklich, ich könnte die ganze Welt umarmen!“
„James…“
Sein Mund näherte sich ihrem. Erwartungsvoll schloss sie die Augen und streckte sich auf die Zehenspitzen, um ihm näher zu sein. Ganz deutlich spürte sie die Hand an ihrer Wange, den Atem auf ihrem Gesicht. Der Wind fuhr ihr durch die Haare, eine leichte Brise, die den Geruch von Gras und Sonnenschein mit sich trug.
„Hey, Evans! Träumst du von mir?“
Aufgeschreckt öffnete sie die Augen und sah in die James Potters, die frech hinter seiner runden Brille glitzerten. Wieso sagte er das? Wollten sie sich nicht gerade eben küssen? Mann, Lily, du Idiot! Warum schläfst du auch immer ein, wenn du am See deine Aufgaben machen willst? Es war nur ein Traum gewesen. Irgendeine Fehlschaltung ihrer blühenden Phantasie. Sie und Potter, unmöglich! Und Schulsprecher würde der sowieso nie werden, spätestens da hätte sie merken müssen, dass sie träumte!
Sie sprang auf, kochend vor Wut schlug sie die Hand ihres Gegenübers weg und schubste ihn nach hinten zu seinen Freunden, die grinsend dastanden. Naja, Sirius Black grinste, Peter und Remus verdrehten nur die Augen und wollten weitergehen.
„Potter! Lass mich in Ruhe! Was machst du überhaupt hier? Solltest du nicht mit deinem bescheuerten Besen Bällen nachjagen oder die Schule in die Luft sprengen? Und wie kommst du dazu, dass ich von dir träumen sollte? Sah ich so aus, als wäre ich von quälenden Albträumen geplagt?“
„Ganz ruhig, Evans, reg dich nicht auf.“
Er grinste. Er hatte wirklich die Dreistigkeit zu grinsen! Sie schnaubte nur, wollte schon ihre Sachen zusammenraffen, als er wieder zu sprechen begann.
„Außerdem kann ich nichts dafür, wenn du meinen Namen sagst, wenn du schläfst. Da dachte ich, du denkst gerade an mich. Hört sich schön an, wenn du sogar meinen Vornamen hauchst!“
Sie erblasste. Das durfte nicht sein. Langsam drehte sie den Kopf zu Rose, eine unausgesprochene Frage im Gesicht. Ein leichtes Kopfnicken und ein belustigtes Grinsen ihrer besten Freundin gaben ihr die Gewissheit, dass es wirklich passiert war. Sie hatte wirklich James Potters Namen im Schlaf geflüstert, und er hatte es gehört!
Starr schaute sie in das Gesicht des fünfzehnjährigen James, bis in ihrem Gehirn irgendwas klickte.
Los Lily, lauf! Du hast nur eine Möglichkeit, dieser Peinlichkeit zu entkommen. Nimm die Beine in die Hand und hau ab!
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Wenn mir früher jemand erzählt hatte, was einmal alles passieren würde, hätte ich kein einziges Wort geglaubt.
Joanne K. Rowling