
von CathyWheeler
Über den Sinn des Lebens
Ich lag vollständig angezogen in einem weichen Federbett und machte die Augen nicht auf, erlaubte es mir nicht, um diesen Augenblick zu genießen. Von draußen hörte ich Hühnergegacker. Die Sonne schien auf meine Nase.
Ich brauchte die Augen nicht zu öffnen, um zu wissen wo ich war.
Doch ich fühlte mich nicht nur geborgen, sondern auch seltsam frei und leicht, als ob eine schwere Last von mir abgefallen war.
Die Erinnerungen hatten sich nicht relativiert, nur konnte ich sie jetzt mit mehr Fassung bewerten.
Das Alles hatte ich nur einer Hexe zu verdanken. Wie viele Zentner Muffins ich wohl bräuchte, um mich gebührend zu bedanken?
Ein Geräusch aus dem Nebenzimmer, wie wenn ein schwerer Koffer vom Besen fällt, unterbrach mein Nachsinnen.
Philosopha?
Ich rieb mir die Augen, schnappte mir meine Brille, zog mir die Schuhe an und mit einem letzten Blick auf meinem vertrauten klapprigen Schreibtisch verließ ich eilig mein altes Zimmer.
Vor Charlies alter Zimmertür blieb ich stehen und erinnerte mich an meine guten Manieren. Ich klopfte dreimal und fragte: „Ist alles in Ordnung? Soll ich hereinkommen?“
Ich lauschte, konnte aber nur ein Ächzen vernehmen.
Vorsichtig drückte ich die Klinke herunter und linste in den Raum. Das was ich sah, gefiel mir überhaupt nicht und ich ging mit großen Schritten zu der Hexe am Boden von Charlies Bett.
Ich kniete mich zu der merkwürdig verrenkten Philosopha, deren Augen in Richtung Decke blinzelten.
Sie war aus dem Bett gefallen?
„Warte, ich helfe dir hoch!“
„Percy?“, sagte sie schlaftrunken. Als ich sie wieder auf die Beine brachte, musste ich mir ein Grinsen verkneifen, denn ihre braunen Locken standen in alle Richtungen zu Berge und zwischen ihnen waren Daunenfedern versteckt. Es sah aus, als hätte sie ein Nest auf dem Kopf.
Schläfrig murmelte Philosopha: „Ich habe solche Angst um dich gehabt.“ Sie schaute mich müde an und hielt sich an mir fest, um nicht umzufallen.
„Mir geht's schon viel besser. Leg dich mal wieder hin.“
Philosopha gähnte. „Keine zehn Hippogreife bringen mich wieder in dieses Bett. Ich bin vor Schreck fast gestorben, als ich nach oben guckte.“
Ich schaute zur Decke. Charlies Lieblingsdrache, der ungarische Hornschwanz, blinzelte mich an und bewegte seinen stachelbewehrten Schwanz. Natürlich war es nur ein Bild, was Charlie über Jahre hinweg gemalt hatte, aber trotzdem stockte mir kurz der Atem.
„Komm mit, du kannst in mein altes Zimmer gehen.“
Ich nahm sie an die Hand und führte sie sicher aus der Höhle des Drachens heraus und brachte sie in mein Bett.
Sie protestierte nicht, aber wahrscheinlich war sie auch zu müde dazu, denn kaum, dass ich sie mit meiner grün-blau karierten Decke zugedeckt hatte, schlief sie auch schon ein.
Es war so... irreal, wie sie so da lag, in meinem alten Bett und ich neben ihr stand und ihr leises Atmen hörte. Was wird sie wohl von mir denken, nach gestern?
Ich unterdrückte den Wunsch sie auf die Wange zu küssen und schlich mich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer.
Unten, in der Küche, frühstückten Mum und Dad schon.
Als Mum mich sah, ließ sie ihr Messer klappernd fallen. Die Augen zu Schlitzen verengt, funkelte sie mich wütend an. „Percy, kannst du uns mal erklären, was du dir dabei gedacht hast?“
„Molly-Liebling, er war übermüdet, einfach nur überarbeitet...“ Dad versuchte auf Mum einzureden, doch die beachtete ihn nicht.
„Deine Freundin kommt hier an, tränenüberströmt, mit dir, ohnmächtig!“, schrie sie wie eine Furie und fuchtelte wild mit ihren Händen.
Ich starrte sie an, sprachlos. Seit wie vielen Jahren, hatte ich keine Standpauke mehr von ihr bekommen?
„Dem armen Ding musste ich erst stundenlang gut zureden, bis sie sich einigermaßen beruhigt hatte. Bist du noch ganz bei Trost?“
Schuldgefühle überrannten mich, hatte Philosopha sich solche Sorgen gemacht? Um mich?
Dad gab aber nicht auf. „Molly-Schatz, er hatte zu viele Überstunden...“
„Habt ihr euch gestritten?“, fauchte Mum mich an und übertönte ihren Mann.
Ich schüttelte meinen roten Kopf und setzte mich erst mal.
„Molly, er ist umgekippt, was würdest du tun, wenn ich ohnmächtig wäre?“
Sie drehte ihren Kopf zu Dad. „Ich? Ich würde gar keinen Freund haben wollen, der sich zu Tode überarbeitet und mehr Zeit mit dem Ministerium verbringt, als mit mir!“
„Und leugne nichts!“ Mum funkelte mich zornig an. „Sie hat mir doch tatsächlich erzählt, dass ihr euch nur einmal pro Woche seht! Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“
Ich wurde noch röter und beschämt schaute ich auf meinen leeren Teller. Philosopha, meine Freundin? Das war zu schön, um wahr zu sein.
Jetzt mischte sich Dad noch ein wenig in die Predigt ein. „Nur ein Treffen pro Woche, das ist tatsächlich ein bisschen wenig für eine feste Beziehung. Vielleicht solltest du deine Karriere mal Karriere sein lassen?“
Ich schaute ihn verständnislos an. Weniger arbeiten?
„Dein Vater hat ganz recht, du weißt ja, zu was diese Machthungrigkeit führen kann, nicht wahr, Percy Weasley?“ Ihre Stimme wurde bedrohlich.
Ganz langsam nickte ich.
„Hast du verstanden? Du triffst dich ab sofort häufiger mit ihr! Mach ihr Geschenke, Komplimente! Arbeite weniger und hilf ihr, wenn sie Probleme hat.“ Mum trommelte unruhig mit ihren Fingern auf den Tisch.
„Wir haben sie übrigens zu deinem Geburtstag in zwei Wochen eingeladen.“, merkte Dad an und massierte sich seine Schläfen.
„Ja, Percy wann hättest du ihr das eigentlich gesagt? Einen Tag davor, wo sie sich dann dein Geschenk aus dem Nichts herzaubern soll?“ Sie rollte mit ihren Augen.
„Ich hatte das völlig aus den Augen verloren...“
Mum lachte spöttisch auf, doch Dad gab mir dann ein Brötchen auf den Teller und das Frühstück wurde wieder aufgenommen.
Ich war schon fast fertig, als Philosopha die Küche betrat. Gemustert von drei Personen, fühlte sie sich sichtlich unwohl und quälte sich ein höfliches: „Guten Morgen!“ heraus. Mit Erleichterung sah ich, dass sie sich ihre Haare ordentlich zu einem dicken, geflochtenen Zopf gebunden hatte.
„Liebes, setz dich doch neben Percy und iss mit uns“, säuselte Mum, bevor ich ihr irgendwie helfen konnte.
„I-Ich kann nicht, es tut mir leid. Meine Mutter erwartet mich, wir müssen noch so viel planen für die Hochzeit...“ Betreten schaute sie nach unten.
Mum schaute abwechselnd mich und Philosopha geschockt an und ich betete, dass das hier nicht zum Desaster werden würde.
Wir schwiegen.
„Das verstehe ich jetzt nicht ganz...“, unterbrach Dad die unheimliche Stille. Er blickte mich prüfend über seine Brille hinweg an und fragte mich stirnrunzelnd: „bist du nun umgekippt, weil sie deinen Heiratsantrag angenommen oder abgelehnt hat?“
Mit bleichem Gesicht wandte ich mich zu Philosopha, die, völlig rot, sich schwächelnd neben mir auf den Stuhl setzte.
Mums Mund klappte auf, deshalb sprach ich hastig: „Das ist alles ein einziges Missverständnis!“
„Denn meine Eltern heiraten und nicht ich und... Percy.“ Sie sagte es so leise, dass ich schon die Ohren spitzen musste, um es zu verstehen.
„Also, keine Hochzeit?“
Ich und Philosopha schüttelten unsere Köpfe.
Dad fragte verwirrt: „Aber... Percy, für wen habe ich dann den Wieselkopf dekoriert?“
„Äh, für...“
Um ehrlich zu sein, keine Ahnung.
„Für mich. Percy wollte mir zeigen, wie... äh... wo man einen Heiratsantrag am besten äh... hält, damit ich meinen Vater Tipps geben kann. Percy wusste bis gestern ja noch nicht, dass sich die Angelegenheit schon erledigt hat...“ Philosopha lächelte mich nervös an.
Ja, wieder ein Argument, warum ich diese Frau liebe. Hilft mir uneigennützig aus dem Schlamassel. Ich schaute sie dankbar an.
„Tja, wenn man sich nur einmal die Woche trifft, ist man schlecht informiert...“, spottete Mum leise.
„Es sah wirklich traumhaft aus! Aber ich muss jetzt wirklich los!“ Philosopha schüttelte Mum und Dad die Hände und stand auf.
„Ich begleite dich nach draußen und verschwinde gleich mit!“ Ich erhob mich ebenfalls und ging ihr hinterher.
Völlig überrumpelt fragte Mum: „Percy, du kommst doch heute Abend?“
„Nein, viel zu tun, bis nächste Woche Mum, bis Montag... Dad.“ Dabei schritt ich auch schon über die Türschwelle.
Aus den Augenwinkeln sah ich noch, wie meine Eltern sich anschauten und dann anfingen zu tuscheln.
Draußen im Garten liefen wir schweigend nebeneinander, immer darauf bedacht keinen Gnom zu erwischen oder auf Hühnermist zu treten.
„Ich... es tut mir leid-“ Philosopha schaute zu mir auf, ich sah, wie sie sich auf die Lippen biss.
“ich hätte nie sagen dürfen, dass ich deine Freundin bin. Jetzt bist du, dank mir, in solch... unangenehme Gespräche verwickelt.“
„Du bist wirklich... unglaublich, dir die Schuld zu geben. Durch wen bist du schließlich hier?
Es tut mir leid, dass... mit gestern.
Und überhaupt, was bist du, meine Kellnerin?“
Sie lächelte leicht. „Sehen wir uns Samstag?“
„Ja, bis Samstag.“ Ich beugte mich zu ihr runter und bevor ich ihre weiche Wange berührte, flüsterte ich ihr ins Ohr: „Vielen Dank, ohne dich wäre alles viel schlimmer gekommen.“
Philosopha blieb einen Moment mit geschlossenen Lidern stehen.
Dann öffnete sie die Augen. „Dazu sind Freunde schließlich da.“ Sie winkte noch einmal und verschwand.
Ich apparierte nach Hause. Dort setzte ich mich erst mal in meinen Sessel und sammelte mich.
Die Sache mit der Hochzeit ist geklärt, jedenfalls für meine Eltern.
Philosopha hatte für mich gelogen. Sie hatte verheimlicht, warum ich ohnmächtig war.
Und anscheinend hatte sie immer noch verschwiegen, wie sie nun hieß.
Aber beim nächsten Treffen, beim nächsten...
Unruhig stand ich auf und lief vom Wohnzimmer zum Schlafzimmer wieder zurück zum Korridor.
Beim nächsten Treffen, würde ich ihren Namen, ihren Beruf erfahren und würde endlich über meinen Schatten springen.
Ich würde sie zu mir einladen.
Ich schaute mich um. Überall lagen Bücher, Ordner und Federn verstreut in den Ecken, auf dem Boden, sogar im Bett. Klemmbretter und schmutzige Ministeriumsumhänge im Badezimmer inklusive.
Während ich das Chaos mit meinem Zauberstab beseitigte, überlegte ich, welchen Beruf sie wohl ausübte.
Manches konnte ich ja wenigstens schon mal ausschließen. Quidditchspielerin zum Beispiel, oder Ministeriumsangestellte.
Vielleicht arbeitete sie im St. Mungo?
Oder... ja, bestimmt schreibt sie für eine Zeitung, das passt. Nicht so eine bekannte wie den Tagespropheten, aber auch nicht für so eine sinnfreie, wie die Hexenwoche.
Fertig mit Wegräumen schaute ich mich um. Jetzt war zwar alles akkurat an seinem Platz, aber dafür strahlten die Räume eine gewisse Kühle aus. Alle Wände waren weiß, die Fenster waren ohne Gardinen, der Teppich war grau. Alles war verstaut in Regalen, Kommoden und Schränken.
Ich hatte für mich nicht den Anspruch, dass meine Wohnung behaglich aussah, denn überall wo meine Bücher waren, fühlte ich mich wohl, aber was würde Philosopha von meinem Zuhause sagen?
Dann müsste ich sie eben mit etwas anderem beeindrucken. Backen kann ich nicht, aber ein wenig kochen.
Der Tag verging mit Gedanken über das Menü und endete über Ministeriumsberichte. Doch die gelbe Schleife auf meinem Schreibtisch gab mir die Motivation durchzuarbeiten.
Wie konnte es auch anders sein, war ich nach einer unruhigen Woche, in der ich mehr als einmal mit George geredet hatte, sehr nervös.
Bevor ich mich in der halben Stunde, bis sie kam, wieder bekleckern würde oder Schlimmeres, entschied ich mich lieber für einen kleinen Schaufensterbummel in der Winkelgasse.
In der Magischen Menagerie waren Kröten im Ausverkauf und in dem Scherzladen Freud und Leid drängten sich, wie ich gutgelaunt bemerkte, viel weniger Hexen und Zauberer als in Weasleys Zauberhafte Zauberscherze.
Ich wechselte die Straßenseite, als ich zurück zum Café wollte. Auf dem Weg dorthin kam ich an einem Laden vorbei, mit dem ich schlechte Erinnerungen verband. Auf dem schäbigen Blechschild stand:
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