
von jujube58
Bist du nicht müde nach so vielen Stunden
Bist du nicht müde nach so vielen Stunden
Du wankst und taumelst, deine Füße zerschunden
Drehst dich im Kreis bis der Tag verschwimmt
Und hoffst am Ende, dass die Nacht dich noch nimmt
Ich sah, wie sie über die Schlossgründe lief. Seit heute morgen tat sie es. Nicht einmal beim Frühstück war sie erschienen.
Sie lief und lief und lief. Ohne Pause, ohne Halt. Den Blick verschleiert, ohne zu wissen, wohin sie ging, was um sie herum passierte.
Sie lief stur geradeaus. Seit Stunden. Die Dämmerung setzte ein. Tränen auf ihren Wangen. Nicht enden wollende Ströme, wie reißende Flüsse, die einen Ertrinkenden langsam an den Klippen zerspringen ließen, anstatt ihn von seinem Todeskampf zu erlösen.
Sie schwankte. Konnte kaum noch zwei Schritte in eine Richtung tun. Erschöpfung. Ihre Füße wollten sie nicht mehr tragen.
Ich find dich am Boden, den Rücken zur Wand
Den Blick zur Tür, zwei Steine noch in der Hand
Ich ging zu ihr, näherte mich. An einem Stück Mauer hatte sie sich hinabgleiten lassen. Ihre Beine waren eingeknickt, nicht mehr bereit die Last ihres Körpers und ihrer Gedanken zu tragen.
Sie blickte gen Himmel. Starrte die Sterne an, wie einen Notausgang. Als wolle sie sie vom Firmament reißen und sich selbst an ihre Stelle heften. Als wären sie ihre Rettung, der helfende Rettungsring im Strudel der Gefühle.
Vor ihr lag ein zerknittertes Blatt Papier. Es sah amtlich aus, streng bedruckt mit schwarzen Lettern, ein grau-weißes Zeichen in der oberen Ecke. Den ganzen Tag hatte sie es in der Hand gehalten, darauf gestarrt und danach neue Tränenbäche über ihre Wangen ergossen.
Gib mir das, ich kann es halten
Gib mir das, ich kann es halten
Gib mir das, ich kann es halten
Wenn du's später noch willst, kriegst du es wieder
Dann ist alles beim Alten
Ich ließ mich neben ihr auf das mondbeschienene Gras sinken. Sie ließ sich nicht stören, reagierte nicht. Ich folgte ihrem Blick zum Himmelszelt. Ihre grünen Augen schienen angezogenen wie von einem schwarzen Loch.
„Darf ich?“ Wie aus einer Trance erwacht schaute sie mich an. Das Smaragdgrün ihrer Augen schimmerte feucht, ihr Blick war leer. Sie reagierte nicht, sah nur in mein Gesicht.
Ich nahm das Blatt, konnte die Stellen erkennen, an denen Tränen die Schwärze der Buchstaben zum Verlaufen gebracht hatten. Trotzdem sah ich es. Mr und Mrs Evans. Autounfall. Krankenhaus. Ihren Verletzungen erlegen.
Sie starrte immer noch. Mir wurde klar, dass sie diesen Brief nicht behalten durfte, sollte sie je wieder glücklich und ausgelassen über die Wiesen tanzen können, so wie sie es im Frühling immer tat.
„Ich nehme es. Ich packe es weg, dann musst du es nicht immer sehen.“ Ein ängstlicher Ausdruck schlich sich in ihrer Augen, sie öffnete den Mund, ihre Lippen spröde und aufgerissen. „N-nein…!“ Pures Entsetzen sprach aus ihrem Blick, wie wahnsinnig schüttelte sie den Kopf. „Du kannst es später wiederhaben, wenn du willst!“
Langsam senkten sich ihre Lider, sie ließ ihren Kopf auf meine Schulter sinken. Teilte so das Leid, das sie trug mit mir, lud ein wenig des Gewichts auf mich und erleichterte sich auf diese Weise ein bisschen ihres Kummers.
Bist du nicht müde, nach so vielen Tagen
Dich noch im Dunkeln mit den Schatten zu schlagen
Spuckst heißes Blut aus, du tobst unter Schmerzen
Drehst dich im Kreis, bis die Wände sich schwärzen
Ich sah sie. Der Himmel vor dem Fenster war pechschwarz, hier und da schimmerte das Licht eines Sterns durch die dichte Wolkendecke. Das Feuer im Kamin war bereits heruntergebrannt, nur die letzten Holzscheite glimmten noch und verbreiteten einen rotgelben Schimmer.
Sie lag auf einem der Sofas, doch der Schlaf brachte ihr keine Erlösung von ihrem Leid. Wild zuckend und um sich schlagend ruhte sie, ganz offenbar von einem schrecklichen, alles verschlingenden Albtraum gequält.
Sie wälzte sich von einer Seite auf die andere, fand jedoch in keiner Position Ruhe. Ein leises Wimmern entfuhr ihr, unter ihren geschlossenen Lidern quollen Tränen hervor. Eng kauerte sie sich zusammen, schlang schützend ihre Arme um den Körper, nur, um dann mit einem lauten Schrei aufzufahren.
Ich find dich am Boden, deine Finger verbrannt
Die heißen Kohlen immer noch in der Hand
Ich ging langsam auf sie zu, näherte mich vorsichtig. Sie saß mitten im Gemeinschaftsraum, inmitten eines Sees dunkelroter Haare. In ihrer Hand eine alte, rostige Schere, deren Schneiden sie immer wieder in ihre Strähnen fahren ließ.
In ihren Augen standen Tränen. Wieder dieser leere Blick, die Schultern gebeugt, als würde sie die Last der gesamten Welt ganz allein auf ihrem Rücken tragen. Sie wiegte den Oberkörper vor und zurück, stieß bei jedem schnarrenden Geräusch der Schere einen lauten Schluchzer aus.
Gib mir das, ich kann es halten
Gib mir das, ich kann es halten
Gib mir das, ich kann es halten
Wenn du's später noch willst, kriegst du es wieder
Dann ist alles beim Alten
Ich ließ mich neben ihr auf den harten Boden sinken. Stumm blickte sie mich an, unausgesprochene Fragen in ihrem Gesicht. Sie fuhr fort, trieb die schartigen Schneiden noch einmal in ihren Haarschopf.
„Darf ich?“ Aufgeschreckt wie ein Reh im Wald durch das plötzliche Geräusch, kam Leben in ihren Blick. Das Smaragdgrün ihrer Augen verdunkelte sich, wurde dann heller und ließ einen weiteren Strom an Tränen aus ihnen hervorrinnen.
Vorsichtig legte ich meine Hand auf ihre. Löste sanft die Finger, die sich um den Griff der Schere gekrallt hatten.
„Ich glaube nicht, dass du das wirklich willst.“ Ihre Haare waren ihr ganzer Stolz. Von einem wunderschönen Rotton, leicht gelockt und im Sonnenlicht schimmernd, war ihre Mähne die schönste aller Mädchen in Hogwarts. Einst beinahe taillenlang, hingen sie ihr jetzt nur noch knapp über die Schultern. Sie konnte das nicht wollen! Sie musste aufgewacht sein aus ihrem Albtraum, musste eine Kurzschlussreaktion gehabt haben. Sie würde es später bereuen, würde ich sie nicht wenigstens davon abhalten sich eine Glatze zu schneiden.
Ihre Finger hielten an der Schere fest. „Ich brauche sie aber.“ Ein Flüstern, kaum mehr als ein Hauch. „Du kannst sie wieder haben, wenn du willst. Dann kannst du auch weitermachen. Nur nicht jetzt, nach Mitternacht im Gemeinschaftsraum und völlig aufgelöst! Ich glaube nicht, dass das jetzt der richtige Zeitpunkt ist!“ Eindringlich und beruhigend sprach ich auf sie ein. „Albträume… Meine Eltern… Tot…“ Unzusammenhängende Worte stolperten aus ihrem Mund, begleitet von noch mehr Tränen. Dann übergab sie mir die Schere. Sachte zog ich sie in meine Arme, legte meine Stirn an ihre und ließ sie ihren Kummer, ihre Angst, mit mir teilen.
Bist du nicht müde, nach so vielen Jahren
Weißt deine Fragen nicht mehr
Kriegst keinen klaren
Satz zusammen, redest wirres Zeug
Erstickst an den Worten
Setzt deine Träume aus an trostlosen Orten
Ich sah sie alleine auf dem Astronomieturm. Sie schien Selbstgespräche zu führen, stammelte Worte vor sich hin. Doch offenbar kein Ziel in Sicht.
Die Buchstaben ergossen sich über ihre Lippen, unzusammenhängend, mal leise wispernd, fast erstickt, mal hinausgeschrieen in den Nachthimmel.
Dabei umwanderte sie die Brüstung des Turms, ließ ihre Hände über den kalten Stein gleiten, als wolle sie sich seine Struktur einprägen bis an ihr Lebensende, als wolle sie jede Fuge, jede Ritze kennen, um sich so zu befreien.
Ein Wort kam immer und immer wieder. Petunia. An sie schien sich die Ansprache zu richten, bis sie irgendwann ihren Tränen freien Lauf ließ.
Und ich find dich am Boden, lässt Tontauben fliegen
Allein dein Gewehr muss doch zehn Tonnen wiegen
Ich ging auf sie zu, näherte mich ihr vorsichtig. Mit dem Rücken lehnte sie an der Turmmauer, den Blick starr geradeaus gerichtet, so, als fixiere sie in der Ferne etwas. Etwas, an das sie sich wendete.
Sie stierte in diese Richtung, beinahe tot zu starren schien sie das Etwas dort. Ein fast manisches Glimmen in den Augen sprach sie. Leise Worte, voller Wut, voller Trauer, voller Unverständnis.
Vor ihr lag ein Foto auf dem kalten Steinboden. An den Rändern eingerissen, die Farben bereits etwas verblasst. Eine kleine Familie. Eine Mum, ein Dad, eine große und eine kleine Schwester. Perfekt für den Augenblick.
Gib mir das, ich kann es halten
Gib mir das, ich kann es halten
Gib mir das, ich kann es halten
Wenn du's später noch, kriegst du es wieder
Dann ist alles beim Alten
Ich ließ mich neben ihr auf die grauen Steine sinken. Sie ließ sich nicht stören, ignorierte meine Anwesenheit und hielt in ihrer Rede nicht inne. „Tuney… Mum, D-dad…“ Sie schien an dem Punkt angekommen zu sein, an dem sie nicht mehr weiter sprechen konnte. Ihre Unterlippe begann zu zittern, ihren ganzen Körper schien es zu schütteln.
„Darf ich?“ Mit Augen kurz vor dem Überlaufen sah sie mich an. Ihr Blick schimmerte, ich fragte mich, ob sie überhaupt noch etwas erkennen konnte, so benetzt schien ihre Pupille. Doch sie antwortete nicht, starrte mich nur an, wie eine Erscheinung. Ihrer Miene konnte man jedoch nicht entnehmen, ob diese sie ängstigte oder nicht. Leicht, ganz leicht, kaum erkennbar zogen sich ihre Augenbrauen zusammen.
Ich nahm das Foto in die Hand, betrachtete das Bild, studierte es ganz genau. Ich stand auf, stellte mich an die Zinnen, holte einmal tief Luft und schrie. Schrie in den Nachthimmel. „Petunia! Wie kannst du es wagen ihr so wehzutun? Hör auf! Lass sie in Ruhe! Es ist nicht ihre Schuld, sondern deine! Deine ganz allein! Sie liebt dich und du behandelst sie wie Dreck. Denk mal nach, immerhin ist sie deine Schwester! Deine Schwester, Petunia!“
Ihre ganze Erscheinung strahlte Überraschung aus. Überraschung und auch ein wenig Ärger. „Das war meine Aufgabe!“ Zornig funkelte sie mich mit ihren Samragdaugen an.
„Du kannst es später wiederhaben. Kannst alles wiederhaben, kannst deiner Schwester einmal so richtig deine Meinung sagen. Aber für den Moment ist es genug. Du sollst wieder lachen können.“ Ungläubigkeit machte sich auf ihrem Gesicht breit. Langsam kam sie auf mich zu, legte ihre Arme um mich. „Danke“, flüsterte sie, „James!“
Gib mir das, ich kann es halten
Gib mir das, ich kann es halten
Gib mir das, ich kann es halten
Wenn du's später noch willst, kriegst du es wieder
Dann ist alles beim Alten
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