Augenblicke - 5.
von jujube58
Wow, ich bin überwältigt! So viele Aufrufe und Abos. Ihr seid echt die Besten :)
Hier kommt dann auch endlich das neue Kapitel. Ich wünsche euch viel Spaß damit!
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Ein neues Schuljahr begann. Lily war froh. Froh, von zu Hause wegzukommen, froh, ihre Schwester und deren Hänseleien nicht mehr ertragen zu müssen, froh, wieder in ihrer Welt zu sein, wo sie sich hinter ihren Büchern verstecken und einfach existieren konnte, ohne gestört zu werden.
Der Bahnsteig war überfüllt, doch trotzdem erkannte Lily sofort Alice, die zusammen mit ihrem Freund Frank Longbottom an einem Waggon gelehnt stand. Ihren schweren Koffer hinter sich her zerrend, versuchte sie sich den Weg durch die Menschmenge zu bahnen, doch sie kam kaum voran. „Hey, Evans! Soll ich dir helfen?“ Grinsend stand James Potter vor ihr. „Natürlich nur, wenn du dann mal mit mir ausgehst.“ Lily musste sich zwingen ruhig zu bleiben, sie atmete einmal tief durch. Sie hatte sich vorgenommen dieses Schuljahr nicht auszurasten. James’ Hand wanderte zu seinen Haaren, wuschelte sie einmal durch. Das war zu viel für sie. „Ob du’s glaubst oder nicht, Potter, aber meine Meinung hat sich nicht geändert! Ich werde NICHT mit dir ausgehen!“ Wütend zog sie ihren Koffer weiter, wurde aber plötzlich am Arm festgehalten. Zornig drehte Lily sich um, den Mund schon geöffnet, um Potter anzuschreien. „Lily! Schön dich wieder zu sehen! Du hast dich über die Ferien ja gar nicht verändert! Immer noch sauer auf Potter!“ Mit einem lauten Jubelschrei fiel Lily ihrer breit grinsenden Freundin Rose um den Hals.
„Es tut mir Leid, Lily!“ „Das ist mir egal, Severus! Ich bin überhaupt nur raus gekommen, weil Alice mir erzählt hat, dass du die ganze Nacht vorm Porträtloch warten wolltest und weil die Fette Dame bestimmt irgendwann einen Lehrer verständigt hätte!“ Lily verschränkte die Arme vor der Brust, ihre grünen Augen wirkten kalt. Severus blickte sie flehend an. „Lily, es tut mir wirklich Leid! Ich wollte das nicht sagen! Es… es ist mir nur…-“ „- so rausgerutscht! Weil du es so meinst! Für dich sind alle Muggelstämmigen Schlammblüter, wieso sollte ich anders sein? Geh zu deinen Todesser-Freunden und lass mich einfach in Ruhe, Snape! Ich bin fertig mit dir!“ Wütend drehte sie sich um und kletterte wieder in den Gemeinschaftsraum. Sie setzte sich in einen Sessel und weinte. Eben hatte sie einen ihrer besten Freunde verloren.
Hogsmeadewochenende. Lily war mit Rose unterwegs, Alice ging natürlich mit Frank. Die beiden Mädchen spazierten durch die Gassen des kleinen Dörfchens und betraten die unterschiedlichen Geschäfte. Sie redeten und genossen ihre freie Zeit zusammen. Auf der Straße entdeckten sie ihre Mitschüler in den unterschiedlichsten Konstellationen, lästerten und kicherten über die Pärchen und Freundeskreise. Vor Madam Puddifoots Café sahen sie Sirius Black, dessen Haare von Kaffee verklebt trieften und der sich offenbar mit seiner Begleitung stritt. Laut lachend machten Rose und Lily sich zusammen auf den Rückweg zum Schloss.
„Hey! Evans! Willst du mit mir ausgehen?“ Lily schloss die Augen und atmete einmal tief durch die Nase ein. Dann wandte sie sich um und schnaubte laut. Vor ihr stand James Potter. Mit einer Rose in der Hand und einem Gesichtsausdruck wie ein Dackel, der sein Herrchen um Leckerli anbettelte. „Ach komm schon, sag ja. Nur einmal!“ „Nein danke“ „War das nicht so, wenn Frauen Nein sagen, dann meinen sie in Wirklichkeit Ja? Also willst du mit mir ausgehen. Am Freitag? Um 8 im Gemeinschaftsraum?“ Fassungslos sah sie ihn an. Wie konnte ein Mensch nur so dreist sein. „Ich habe Nein gesagt, Potter! Und wenn ich Nein sage, dann meine ich auch Nein! Also, lass mich in Ruhe, ich will nicht mit dir ausgehen!“ „Oh doch, das willst du, du traust dich nur nicht es zu sagen. Aber ich helfe dir da doch gerne, ich weiß ja, dass du mit mir ausgehen willst. Mit dem Traum deiner schlaflosen Nächte…“ Das war zu viel für Lily. Sie konnte nicht anders. Plötzlich fand sich ihre Hand in James Potters grinsendem Gesicht wieder.
Die Posteulen flogen durch die Große Halle. Neben Rose landete eine Eule mit schwarzem Umschlag. Alle wussten, was das zu bedeuten hatte: in ihrer Familie war jemand gestorben. Rose öffnete mit zitternden Fingen den Umschlag, las die Nachricht und brach dann in Tränen aus. Lily nahm sie in den Arm, strich ihr über den Rücken und flüsterte leise, beruhigende Worte in das Ohr ihrer Freundin. „Mein… mein Großonkel… er… er wurde von den T-t-todessern umgebracht!“ Am Gryffindortisch wurde es ruhig. Wieder hatte einer von ihnen ein Familienmitglied, und sei auch noch so entfernt, an Voldemort und seinen Kampf verloren.
Im Schlafsaal war es halbdunkel, doch Lily und Rose waren immer noch wach. Sie suchten ihre Sachen für den nächsten Tag zusammen, machten sich fertig und warteten auf Alice. Sie war mit Frank zusammen, so wie fast jeden Donnerstagabend. Leise wurde die Türklinke heruntergedrückt, Alice schlich auf Zehenspitzen in den Raum, um ihre Freundinnen nicht zu wecken. „Oh, ihr seid ja noch wach!“, stellte sie erstaunt fest. „Klar, wir wollen doch wissen, wie es war, nachdem Frank so ein Brimborium um dieses Date gemacht hat“, grinste Lily verschmitzt. Alice’ Wangen färbten sich rot. „Es… es…-“ „Schon okay, Lizzy. Wir wollen glaub ich gar keine Details, oder Rose?“ Fragend blickte Lily ihre Freundin an, die nur ihre langen braunen Haare über die Schulter warf und lachend den Kopf schüttelte. „Ich glaub, Liz’ Gesichtausdruck ist mir genug. Schön, dass es endlich geklappt hat Mäuschen! Ich freu mich für dich.“ Dann umarmte sie die knallrote, aber vor Glück förmlich strahlende Alice.
Professor Slughorn reichte ihr eine kleine Pergamentrolle, die mit einem lila Bändchen verschlossen war. Eine Einladung zu einem seiner Treffen. Lily war nicht besonders erpicht darauf hinzugehen, aber hatte sie denn eine Wahl?
Pünktlich um acht Uhr klopfte sie an die Tür zu Professor Slughorns Büro. Einige Schüler waren schon anwesend, unter ihnen James Potter. Lily verzog das Gesicht, konnte ja aber nicht einfach wieder gehen. Also betrat sie den Raum mit einem aufgesetzten Lächeln und versuchte so weit wie möglich Abstand von James zu halten. Es war unglaublich einschläfernd, so wie immer. Slughorn langweilte seine Gäste mit seinem Gerede über seine Bekanntschaften. Unauffällig gähnte Lily und blickte auf die Uhr. Gerade erst neun. Plötzlich hörte sie neben sich jemanden leise flüstern: „Wie lange geht das Gelaber denn noch weiter? Ich hab keine Lust mehr und du siehst auch nicht sonderlich begeistert aus, um ehrlich zu sein.“ James Potter. Da hatte sie eine halbe Sekunde nicht aufgepasst und schon war er wieder um sie. Schulterzuckend wand Lily sich ab. James räusperte sich: „Professor, es tut mir Leid, aber Lily und ich müssen noch einen Aufsatz zu Ende schreiben für Verwandlung. Und Professor McGonagall wird es sicher nicht so gerne sehen, wenn wir in morgen nicht abgeben können.“ Lily blickte sich entsetzt um. „Jaja, Mr Potter, das ist schon in Ordnung. Gehen Sie nur und machen Sie Ihre Aufgaben! Schön, dass Sie es trotzdem einrichten konnten zu kommen!“ Lächelnd entließ Professor Slughorn die beiden Gryffindors. Doch Lily reagierte nicht, blieb wie angewurzelt stehen, bis James sie an der Hand hinter sich aus dem Raum zog. Ihre Handfläche kribbelte und sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Vor dem Gemeinschaftsraum zwinkerte James ihr zu, ließ ihre Hand los und grinste: „ Na, Evans? Ein Date als kleines Dankschön?“ Lilys Augen funkelten nur böse, als sie wortlos durch das Porträtloch verschwand.
Am schwarzen Brett hing ein Aushang für alle Sechstklässler. In Hogwarts wurde ein Apparierkurs angeboten. Alle trugen sich in die Liste ein und fieberten der ersten Stunde im Februar entgegen.
Lily stöhnte laut auf, das war ihr eindeutig zu viel. Schon über eine Stunde versuchte sie in einen Holzreifen vor sich auf dem Boden zu apparieren, aber es klappte einfach nicht. Von der Seite sprach James Potter sie an, der es schon nach wenigen Versuchen geschafft hatte. „Probier’s mal, wenn du dich linksrum drehst! Dann ist es einfacher!“ Lily wollte seinen Rat ignorieren, doch als sie seinen freundlichen Blick bemerkte, seufzte sie und probierte es aus. Auf einmal stand sie in dem Holzreifen. Verlegen lächelte sie. „Danke!“
„Miss Evans?“ Lily schreckte von ihrem Zauberkunstaufsatz hoch und blickte in Professor McGonagalls Gesicht. „Würden Sie bitte kurz mit in mein Büro kommen?“ Verwirrt strand Lily auf und folgte ihrer Hauslehrerin in deren Büro. Neben dem Schreibtisch stand Professor Dumbledore, der Schulleiter. Seine Augen funkelten nicht wie sonst hinter den Halbmondgläsern seiner Brille sondern sahen ernst und etwas müde auf, als Lily in Begleitung ihrer Lehrerin den Raum betrat. Nervös setzte sie sich auf den Stuhl, den Professor McGonagall ihr zuwies und strich sich eine Strähne hinters Ohr, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte.
Professor Dumbledore trat vor und begann mit ernster Miene zu sprechen: „Miss Evans, es tut mir wirklich Leid Ihnen dies mitteilen zu müssen, aber gestern Nacht haben Ihre Eltern einen Autounfall gehabt. Sie haben leider nicht überlebt.“ In Lilys Kopf begann sich alles zu drehen. Das konnte nicht sein! Nicht ihre Eltern! Nein, das war einfach nicht wahr! Das konnte nicht wahr sein!
Tränen sammelten sich in ihren grünen Augen, nur noch verschwommen konnte sie die Gestalten des Schulleiters und ihrer Hauslehrerin sehen, die ihr eine Hand auf die Schulter gelegt hatte. Sie schüttelte nur leicht den Kopf, das musste ein Missverständnis sein.
„Hey! Evans! Was ist, willst du mit mir ausgehen?“ Lily starrte an ihm vorbei, konnte ihn nicht einmal mehr anschreien. Wieso musste ihr James Potter gerade jetzt begegnen, jetzt, da in ihr eine Welt untergegangen war? Wieso auch noch er? Ein Schluchzen stieg in ihr auf, bahnte sich seinen Weg nach außen. „Was ist, Evans?“ Lily rempelte ihn an, als sie die Treppe hinauf stürmte.
„Lily? Lily, was ist los? Warum weinst du?“ Sie wollte nicht antworten, lag nur auf ihrem Bett und wollte in Ruhe gelassen werden. Sich in ihrer Trauer ertränken und aufhören zu sein. Ihr Leben konnte keinen Sinn mehr haben, ihre ganze Welt war brutal auseinander gerissen worden. Es war wie eine Beinamputation ohne Betäubung, ein freier Fall in die Abgründe des Schmerzes.
Tag der Beerdigung. Lily benutzte den Kamin in Professor McGonagalls Büro, um zurück in die Muggelwelt zu gelangen.
Mit ihrem schwarzen Kleid stand sie im Regen neben dem Grab. Der Pfarrer sprach einige Worte, doch sie hörte sie nicht, sah niemanden. Tränen verschleierten ihren Blick und es war, als würde es in ihren Ohren dröhnen. Schmerzen, unendliche innere Leere, als die Särge ins Grab hinab gelassen wurden.
Mit starrem Blick lief sie durch das Schloss, die Gedanken abgedriftet, wie eine Schlafwandlerin, die gerade den schlimmsten aller Albträume durchlitt und vor einem übermächtigen Monster zu flüchten schien. Die besorgten Blicke ihrer Freunde bemerkte sie gar nicht, sie lebte vor sich hin, abgemagert und mit dunklen Ringen unter den Augen. Nur die Bücher schienen ihr ein wenig Zuflucht zu geben, sie verkroch sich in der Bibliothek und lernte, mied jeden Kontakt zu anderen Menschen.
Eine warme Hand auf ihrem Arm, irritiert blickte sie auf. Ihr verschleierter Blick traf ein haselnussbraunes Augenpaar, das sie besorgt anschaute. „Es tut mir Leid, ich wusste es nicht! Ich wollte dir nicht wehtun!“ Ein mechanisches Kopfnicken und dann sank ihr Blick weder auf die Buchstaben.
Die Posteulen flogen durch die Große Halle, warfen vor ihren Besitzern Briefe oder kleine Päckchen ab. Auch Lilys Eule Sofia kam auf sie zugeflattert, einen weißen Umschlag mit einer aufgeklebten Briefmarke im Schnabel. Verwundert nahm Lily ihn ihr ab und riss den Brief auf. Es war Petunias Handschrift. Lily, ich habe das Haus verkauft. Im Sommer ziehe ich nach London, um meine Ausbildung anzufangen. Deine Sachen sind bei Tante Susan, wo du auch den Sommer verbringen wirst. Du hast sicherlich viel zu tun. Petunia Wie betäubt blickte Lily auf. Das konnte nicht sein! Petunia hatte einfach das Haus verkauft, ohne ihr überhaupt ein Wort zu sagen, ohne sie um Hilfe zu bitten. Das Haus, in dem sie aufgewachsen war, wo sie ihre ersten Worte gesprochen, ihre ersten Schritte getan und ihre erste Verbindung zur magischen Welt bemerkt hatte. Das Haus, in dem sie ihre Schwester als Freundin gewonnen und dann immer mehr verloren hatte, das Haus, durch dessen Räume immer das Lachen ihrer Mutter zu hallen schien, das Haus, das ihre einzige Verbindung zur normalen, zur nichtmagischen Welt dargestellt hatte.
Mit leerem Blick ging Lily aus der Halle in den Schlafsaal. Sie bemerkte nicht einmal, wie die Rumtreiber neugierig die Briefmarke auf dem Umschlag genauer untersuchten oder Remus’, Alice’ und Roses forschende Blicke in ihrem Rücken.
Für Lily fühlte es sich an, als ob die Welt stehen geblieben wäre, doch die Erde drehte sich weiter, es wurde immer wärmer draußen, die Ländereien wurden immer bunter und die Prüfungen kamen in Sicht. Alle murrten, dass sie bei strahlendem Sonnenschein im Schloss bleiben und sich auf das Ende des Schuljahres vorbereiten mussten. Lily war froh darüber. Es war leichter mit Remus und Alice in der Bibliothek zu sitzen und sich die einzelnen Etappen der Bekämpfung von Wasserdämonen im 17. Jahrhundert oder die verschiedenen Theorien für die Verwandlung von Säugetieren in Erinnerung zu rufen, als draußen auf den Schlossgründen herumzutoben, sich unter ausgelassene Schüler zu mischen und das Leben zu genießen.
„Lily, du weißt aber schon, dass du dich nicht immer davor verstecken kannst? Es mag sich jetzt schlimm anfühlen, aber das Leben geht weiter! Deine Eltern wollten, dass du nach Hogwarts gehst, sie wollten, dass du eine Hexe wirst und sie wollten, dass du glücklich bist! Du darfst dich nicht immer verkriechen!“ Remus hatte nur ganz leise gesprochen, aber Lily hatte ihn trotzdem gehört. Sie wusste, dass er Recht hatte, sie wusste es, aber sie wollte es nicht wahrhaben.
Alice saß neben ihr, den Arm um ihre Schulter. Es war jetzt schon einige Zeit her, dass Petunias Brief angekommen war. Aber es wurde nicht besser, vor allem die besorgten Blicke ihrer Freundinnen verschlimmerten die ganze Situation noch. Rose und Alice hatten ihr immer wieder angeboten zu reden, sie behandelten Lily als wäre sie aus dem zerbrechlichsten Porzellan. Aber Lily wollte es nicht. Es war ihr Verlust, ihre zerstörte Welt und deswegen musste sie auch alleine damit fertig werden. Egal wie lange es dauern würde, egal, wie weh es tun würde. Nicht nur ihre Eltern hatte sie verloren, nein auch ihre Schwester hatte sich endgültig und vollständig von ihr abgewandt.
Die kühle Nachtluft umgab sie, der Vollmond stand am Himmel. Remus war jetzt irgendwo da draußen, mit seinen Freunden zusammen. Lilys Kopf war immer noch wie leergefegt. Sie wollte nicht denken, sich nicht erinnern. Wieso musste so etwas passieren? Wieso mussten Kinder ihre Eltern so früh verlieren? Wieso hatten es ihre Mum und ihr Dad sein müssen, die auf dem Weg zu Tante Susan verunglückten? Wieso?
Wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen. In den letzten Wochen hatte sie schon viel zu viel geweint, aber der Schmerz wurde nicht besser. Sie stieg auf die Zinnenmauer des Turms und blickte über die weiten Ländereien Hogwarts’. Sie schloss die Augen, breitete die Arme aus. Der kühle Nachtwind wehte um ihre Nase, Sie zitterte, aber trotzdem war es gut. Als ob der Wind den Schmerz ein bisschen mit sich nehmen würde, die Wunden in ihrer Seele notdürftig flickte. Aber sie war immer noch da, die Taubheit, das Gefühl, als würde sie innerlich verbrennen, als hätte man ihr ein wichtiges Körperteil genommen, ohne das sie nicht leben, nicht überleben, konnte. Ein Teil ihres Herzens. Gewaltsam aus ihr herausgerissen. Ohne Vorwarnung und Betäubung. Ohne jemals auch nur irgendetwas angedeutet zu haben. Ohne ersichtlichen Grund; sinnlos und verschwenderisch.
„Lily, tu das nicht! Lily!“ Eine besorgte, fast verängstigt klingende, Stimme hinter ihr, Arme, die sich um ihren Körper schlossen und sie von den Zinnen zogen. Warme braune Augen, die sie verzweifelt ansahen. Diesen Blick konnte Lily nicht ertragen, sie drehte sich um und legte den Kopf an James’ Schulter. Die Tränen flossen wieder in scheinbar unaufhörlichen Sturzbächen über ihre Wangen. Doch etwas war anders, jemand war da. Jemand, der keine Fragen stellte, der sie einfach nur weinen ließ und sie festhielt. Es war, als heilte ihr Herz ab. Es tat immer noch weh, aber die Wunde schloss sich, brach nicht erneut auf. Sie war da, hinterließ eine dicke Narbe, aber sie konnte wieder atmen. Geborgenheit, ein Gefühl, das sie nach der schrecklichen Nachricht nicht mehr gespürt hatte, ein Gefühl, von dem sie dachte, dass es für immer aus ihrer Welt verschwunden sein würde.
Das Schuljahr ging zu Ende, nur noch eine Woche Prüfungen standen den Schülern bevor, den Großteil hatten sie schon hinter sich. Lily hatte sich wie immer in ihren Büchern vergraben. Zwar sprach sie immer noch nicht viel, doch waren ihre Augen nicht mehr ständig gerötet und geschwollen, immer seltener weinte sie sich leise in den Schlaf.
James Potter, wieso war es ausgerechnet James Potter gewesen, der ihr hatte helfen können, der sie davon abgehalten hatte eine Dummheit zu begehen? Ohne Worte, einfach nur mit einer Umarmung, die den Großteil des Schmerzes und der Last auf ihren Schultern von ihr genommen hatte. Wieso war er an jenem Abend überhaupt auf dem Nordturm gewesen? Wieso hatte er nicht mit Remus auf den Ländereien herumgestromert? Dieses Fragen stellte Lily sich immer wieder, doch fand sie keine Antwort darauf. Es war ihr unerklärlich. Nur eines wusste sie, es hatte gut getan von ihm umarmt zu werden und sich wieder einmal sicher zu fühlen. Es war, als würde er sie beschützen, nachdem ihre bisherigen Beschützer sie verlassen hatten.
„Schöne Ferien, Lily!“ Überrascht dreht sich das rothaarige Mädchen um. James Potter stand ihr gegenüber und lächelte sie an. In ihren Augen verschleierte sich wieder etwas, sie konnte keine schönen Ferien haben. Nicht mehr jetzt. James schien die Veränderung zu bemerken, trat näher an sie heran und drückte ihre Hand ganz fest. Lily atmete tief durch. Er hatte es nicht so gemeint, er hatte nett sein wollen. Zögernd blickte sie auf in sein besorgtes Gesicht und lächelte zaghaft. Das erste Mal seit langem lächelte sie wieder. „Danke, dir auch!“
Sommerferien bei Tante Susan, etwas Schlimmeres hätte Lily sich nicht vorstellen können. Die ältere grauhaarige Dame liebte ihren Goldfisch Henry über alles und verbrachte den Tag mit Kochen. Aber immerhin ließ sie die rothaarige Tochter ihrer verstorbenen Nichte größtenteils in Frieden, hatte nur einmal angeboten, über das Geschehene zu sprechen. Lily verbrachte ihre Tage im Gästezimmer des Hauses, vertiefte sich in ihre Bücher, schrieb Briefe an ihre Freundinnen oder dachte einfach über die letzten Tage des Schuljahres nach.
Eines Tages Ende Juli kam eine ihr unbekannte Eule durch ihr Fenster geflogen. Sie trug weder den erwarteten Hogwartsbrief in den Krallen, noch irgendwelche Aufrufe des Ministeriums zum Schutz vor den Todessern. Es war eine Karte von James und Sirius.
Hallo Lily! Wir schreiben dir aus Frankreich, wo wir unsere Ferien verbringen. Die Sonne scheint und das Meer ist nahe, ansonsten ist es langweilig. James’ Eltern haben uns schwören lassen, dass wir in diesem letzten Urlaub, bevor wir die Schule verlassen, nichts anstellen. Irgendwie schwer vorstellbar, aber es funktioniert. Das rote Wasser im Meer, das kann uns ja keiner nachweisen! :) Viele Grüße, James und Sirius
Auf Lilys Lippen stahl sich ein Lächeln. Sie waren zwar Chaoten, aber trotzdem freute sie sich, dass die beiden an sie gedacht hatten.
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Freitag, 02.06.
Mittwoch, 24.05.
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