
von Silvereyes
Eine Woche später war der Gryffindor völlig in den Vorbereitungen zum ersten Weihnachtsfest mit seinem Patensohn versunken und dachte wieder einmal daran, was er von Draco Malfoy erfahren hatte. Zu seiner völligen Verblüffung hatte er von den Bewährungsauflagen erfahren, die Draco einhalten musste, um einem Aufenthalt in Askaban zu entgehen und wieder einmal fragte Harry sich zerknirscht, wo er die letzte Zeit nur gewesen war, dass ihm so etwas entgangen war.
Anscheinend war es nicht nur so, dass der ehemalige Slytherin Hogwarts auf Lebenszeit nicht mehr betreten durfte; er brauchte auch die Zustimmung des Ministeriums, sofern er das Land verlassen wollte und wie Draco erzählt hatte, war es eine einzige Tortur gewesen, eine Genehmigung für den Portschlüssel zu bekommen, der ihn nach Durmstrang und zurück brachte. Wie es aussah hatte er es Professor McGonagall zu verdanken, die es nicht hinnehmen wollte, dass einer ihrer Schüler keinen vernünftigen Schulabschluss bekam und hatte den Ministeriumsleuten gehörig den Kopf gewaschen, als sie Draco den Portschlüssel zuerst verweigern wollten, was bedeutet hätte, dass der Blonde zwar zu Hause hätte lernen können, aber seinen Abschluss nicht machen konnte, da man dafür in einer Schule angemeldet und auch an den Prüfungstagen anwesend sein musste.
Desweiteren waren die Verließe der Malfoys auf fast schon skandalöse Weise geschröpft worden, was die Familie zum größten Teil Lucius zu verdanken hatte, da dieses Geld als Wiedergutmachung vom Ministerium eingezogen worden war. Leider war das nach einem Krieg keine unübliche Vorgehensweise und auch völlig legal, weswegen keiner etwas dagegen tun konnte. Daraus resultierte jedoch, dass die Malfoys plötzlich vor dem Problem standen, für ihren Unterhalt arbeiten zu müssen. Laut Draco hatten sie zwar noch genügend, um eine Weile anständig über die Runden zu kommen und Draco selbst hatte eine kleine Erbschaft in seinem persönlichen Verließ von seiner Großmutter Black, doch dieses Geld würde nicht ewig reichen, wenn man allein den Unterhalt des Manors in Betracht zog. Harry hatte die Erleichterung in Draco wahrgenommen, als er über sein Zuhause sprach, auch wenn er selbst sehr ambivalente Gefühle hatte, was das alte Herrenhaus anging. Jedoch war es wohl so, dass keine Macht der Welt den Malfoys ihr Zuhause wegnehmen konnte, da in jeden Stein die Magie der Familie gebettet war und das Hause selbst keinen anderen Besitzer als einen Malfoy, oder einen Blutsverwandten akzeptieren würde.
Harry dachte, dass es ein Glück war, dass das Haus am Grimmauldplatz nur das Stadthaus der Familie Black gewesen war und nicht der Familienstammsitz, da er sonst auf keinen Fall dort hätte wohnen können. Black-Manor, welches in Wales lag, war dagegen eine ganz andere Geschichte. Als Harry nach dem Krieg zum ersten Mal davon gehört hatte, da es ebenso zur Erbschaft von Sirius gehörte, war mit einem äußerst schlechten Gefühl konfrontiert worden, als er es besichtigt hatte. Es war nichts konkretes, das Haus tat ihm nichts an, doch er hatte das beständige Gefühl, dass er hier nicht erwünscht war. Überraschenderweise war es nicht das, was Harry erwartet hätte, wenn man in Betracht zog, wie der Grimmauldplatz ausgesehen hatte. Es war ein sehr schönes Manor, aus hellem Sandstein gebaut und mit lichtdurchfluteten Räumen. Mit Andromedas Hilfe hatte er, da es ihr als geborene Black möglich war, das Manor an sie überschrieben und gemeinsam ein Waisenhaus daraus gemacht. Wie das genau mit der Magie des Hauses einher ging konnte Harry sich nicht ganz erklären, doch offenbar funktionierte es, da Andromeda als Hausherrin das Recht dazu hatte, das Manor karitativen Zwecken zur Verfügung zu stellen.
Jetzt lebten in dem weitläufigen Manor eine ganze Horde Kinder mit mehreren Angestellten, unter ihnen einige Squibs, die im Krieg ihre Familien verloren hatten. Auch Andromeda arbeitete dort und kümmerte sich um die Kinder. Es brachte ihr Ablenkung vom Tod ihres Mannes und ihrer Tochter und hatte den Vorteil, dass Teddy von Anfang an mit Kindern seines Alters in Berührung kam.
Jedenfalls kamen Draco diese ganzen alten, magischen Gesetze zu Hilfe, da so etwas nur möglich war, wenn der Hausherr den Familienstammsitz freiwillig zur Verfügung stellte und keiner wollte ein mit Magie durchtränktes Haus herausfordern, falls man den Besitzer dazu zwang, es freizugeben.
Jedoch war es für Draco klar, dass er sich um ein Einkommen kümmern musste, was ihm jedoch ebenfalls wieder durch seine Bewährungsauflagen erschwert wurde. Daraus ging hervor, dass er in den nächsten zehn Jahren kein Geschäft eröffnen durfte, welcher Art es auch sein sollte. Grob gesagt, dürfte Draco nicht einmal Kürbissaft an einem Holzstand verkaufen, wenn es im Sommer heiß war. Harry fand diese ganze Geschichte zum Himmel schreiend ungerecht und hatte Kingsley das auch ganz klar ins Gesicht gesagt, als er ihn während dieser Woche wegen einer ganz anderen Sache gesprochen hatte. Er hatte den großen, schwarzen Mann immer für sehr gutmütig und gerecht gehalten, doch das, was das Ministerium mit den Malfoys machte, ging seines Erachtens über jede Gerechtigkeit hinaus. Mit diesen Bewährungsauflagen waren die Malfoys praktisch dazu verdammt, in der nächsten Zukunft ohne irgendeinen Knut dazustehen, denn dass einer von beiden einen gut bezahlten Job finden würde, war genauso utopisch, wie die Annahme, dass Dolores Umbrige einen Zentaur heiraten würde. Doch Harry hatte vor, das in Zukunft zu ändern, wenn er konnte und die beiden Malfoys es zulassen würden.
Zu seiner großen Überraschung hatte Harry von Draco erfahren, dass Narzissa Malfoy nach ihrer Hogwartszeit eine Ausbildung zur Heilerin gemacht und im St.-Mungos gearbeitet hatte. Nun jedoch gab es keine Chance, dass sie ihre Arbeit wieder ausüben könnte, da man ihr im Zaubererkrankenhaus bei der Anfrage wegen einer Arbeitsstelle praktisch ins Gesicht gelacht hatte. Offenbar wurden die Malfoys, aufgrund ihrer Reputation, gemieden wie die Pest und keiner wollte noch etwas mit ihnen zu tun haben.
In der letzten Woche hatte Harry mit Draco eine Menge Zeit verbracht und hatte dabei festgestellt, dass der Blonde, wenn er mal seine hochnäsige Art und Arroganz weg ließ, ein sehr angenehmer Zeitgenosse sein konnte. Wenn er nicht darauf aus war, jemanden zu beleidigen, war der beißende Sarkasmus, mit dem der ehemalige Slytherin alles und jeden kommentierte einfach nur zum Schreien komisch und Harry konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal so sehr gelacht hatte. Selbst der alten Mrs Black schien es zu gefallen, welch fröhlicher Wind in dem ehemals düsteren Gemäuer wehte, ganz davon abgesehen, dass sie es als sehr erfreulich befand, dass seit neuestem einer ihrer Blutsverwandten ein und aus ging.
Harry fand es sehr einfach sich mit Draco anzufreunden, etwas, was er bis vor kurzem nicht gedacht hätte, dass es möglich wäre. Er fragte sich immer wieder, ob es nur daran lag, weil Voldemort nicht mehr wie das personifizierte Damoklesschwert über ihren Köpfen hing, oder ob es so gewesen wäre, hätte er damals im ersten Schuljahr Dracos Freundschaftsangebot angenommen. Er wusste es nicht und wenn er ehrlich war, wollte er sich auch nicht den Kopf darüber zerbrechen, sondern genoss lieber die Zeit, die er vor allem mit Draco, aber auch manchmal mit Lucas und Blaise verbrachte.
Was Harry ganz erstaunlich fand, war die Tatsache, dass keiner von ihnen ihn drängte, wenn er nicht über etwas sprechen wollte. Sie respektierten seine Wünsche und das war eine Erfahrung, die er so noch nicht gemacht hatte. Ron und Hermine hatten immer gebohrt und gebohrt, bis er irgendwann nachgegeben hatte, nur um seine Ruhe zu haben. Er liebte seine beiden Freunde und wusste, dass sich daran auch nichts ändern würde; doch er musste deshalb nicht immer einer Meinung mit ihnen sein.
Genau das war auch ein Grund, warum er seine Ferien nur mit Teddy verbrachte. Ron und Hermine waren in einer Phase die sich am besten als Wir-lieben-uns-und-wollen-alle-unsere-Freunde-glücklich-sehen-Zustand beschreiben ließ. Das beinhaltete, dass die beiden sich daran machten und alle möglichen Leute miteinander verkuppelte. Opfer dieser Aktion waren Neville und Luna, Lavender und Seamus, Romilda und Dennis und noch einige weitere neue Paare.
Leider hatte sich ihr großer Traum, die Familie endgültig zu vereinen und Harry an Ginny zu schweißen, bisher nicht erfüllt, was an einem völlig unkooperativen Harry Potter lag, der so gar keinen Drang hatte, wieder mit der temperamentvollen Rothaarigen anzubandeln. Besagte Rothaarige schien das nicht sehr zu stören, da sie inzwischen glücklich mit Anthony Goldstein durch Hogwarts tänzelte und ihren nun noch berühmteren Ex-Freund so gar nicht zu vermissen schien. Ron und Hermine schienen das nicht wahrhaben zu wollen und Harry hatte ihnen sein neustes kleines Geheimnis bisher nicht anvertraut, obwohl es in dieser Situation nicht das verkehrteste wäre, wenn er ihnen einfach: 'Ich bin schwul! Lasst mich in Ruhe mit den Weibern!' ins Gesicht brüllen würde.
Doch dazu war er noch nicht bereit. Der Medienzirkus der ihn nach Kriegsende verfolgt hatte, war gerade erst ein wenig abgeebbt, weil es einfach nichts neues zu berichten gab und er hatte schlicht und einfach keine Lust schon wieder Reporter an den Hacken zu haben, die ihm auf Schritt und Tritt folgten.
Warum genau ihm diese Erkenntnis gekommen war, dass er lieber einen neuen Freund statt einer Freundin wollte, konnte er selbst nicht genau erklären. Diese Epiphanie hatte ihn völlig aus dem Blauen heraus überfahren, als er im Sommer einem Muggelkellner in einem Cafè geschlagene fünf Minuten auf den Hintern gestarrt hatte. Allerdings war er noch nie ein Mensch gewesen, den solch eine Enthüllung umgehauen oder gar verstört hätte. Mittlerweile hatte er zwei Weisheiten zu seinem Credo gemacht, nach denen er lebte. Zum ersten: 'Lebe lieber ungewöhnlich' und zum zweiten: 'Wenn etwas passiert, passiert es garantiert mir!'
Daher hatte er seinen neuen Status als Homosexueller ohne auch nur mit der Wimper zu zucken akzeptiert und die einzige, die bisher davon wusste, war Andromeda Tonks. Was ihm jedoch seit einer Woche ein klein wenig Kopfzerbrechen bereitete war, dass er nun ausgerechnet Draco Malfoy mit anderen Augen als bisher betrachtete. Ein Flattern im Magen, ein Herz, das wie ein Vorschlaghammer klopfte, leicht verschwitzte Hände und das Monster der Eifersucht, wenn er den Blonden mit Blaise und Lucas lachen sah, sagten ihm ganz klar, dass er Draco definitiv mehr als freundschaftliche Gefühle entgegen brachte. Und genau darin lag sein Dilemma. Er wollte diese neu gefundene Freundschaft nicht durch unangebrachte Gefühle in Gefahr bringen, denn dazu war sie ihm schon jetzt zu wichtig geworden, obwohl er aus den vielen Treffen mit den drei jungen Männern heraus gehört hatte, dass auch der Blonde dem männlichen Geschlecht nicht abgeneigt war.
Harry seufzte auf, als er die letzten silbernen Kugeln an den Weihnachsbaum hängte und linste zur Uhr, die über dem Kamin hing. Er war mit Draco und, zu seiner Freude, auch mit Narzissa verabredet, die ihn zu einem Besuch im Waisenhaus begleiten wollten. Anscheinend hatte Draco ihr von dem Waisenhaus erzählt und da Narzissa seit neuestem eine Leidenschaft fürs Backen entwickelt hatte, wollte sie den Kindern mit einer ganzen Wagenladung Weihnachtsgebäck eine Freude machen.
Draco und er hatten wiederholt darüber gesprochen, ob und wie man die beiden Schwestern zusammen bringen konnte und hatten diesen Plan ausgeheckt, die beiden Frauen im Waisenhaus zusammen zu bringen. Weder Narzissa noch Andromeda wusste etwas davon, auf wen sie an diesem Nachmittag treffen würden und Harry konnte nur hoffen, dass sie es richtig interpretierten und die beiden Schwestern sich vermissten. Ansonsten könnte diese ganze Aktion fürchterlich schief gehen und das wollte er, soweit es ging, vermeiden.
Noch einmal seufzend zupfte Harry sich ein wenig Lametta vom Hemd, als das magische Babyphon anschlug und man Teddys Gebrabbel durch das Haus schallen hören konnte. Lächelnd machte Harry sich auf den Weg in das Zimmer, welches er für den kleinen Jungen eingerichtet hatte und machte ihn für den Ausflug ins Waisenhaus zurecht, während er leise mit ihm redete und scherzte. Wieder sah Harry auf die Uhr und ging schnell, um sich selbst anzuziehen, während Kreacher auf Teddy acht gab, der fertig eingemummelt in seinem Laufstall saß, da er ansonsten wie der Blitz verschwunden wäre, seit er gelernt hatte zu krabbeln.
Schließlich waren beide zum Aufbruch bereit und Harry apparierte mit Teddy in seinem Tragegeschirr nach Wales, direkt vor die Tore des Black-Manor, wo er sich mit Narzissa und Draco Malfoy treffen wollte. Teddy jauchzte fröhlich, als sie ankamen, fuchtelte mit den Händen und versuchte den Schnee einzufangen, der sanft vom Himmel rieselte, während Harry sich umsah und die beiden Malfoys entdeckte, die ein wenig verloren vor dem großen schmiedeisernen Tor standen. Draco besah sich das große Sandsteinhaus neugierig, doch Narzissa sah es mit einem sehnsüchtigen Ausdruck in den Augen an und Harry konnte nur vermuten, dass sie als Kind viel Zeit hier verbracht hatte.
Mit einem Räuspern machte er auf sich aufmerksam, was Mutter und Sohn aus ihrer Betrachtung aufschrecken ließ.
„Harry! Da bist du ja, wir warten schon seit fünf Minuten!“, rief Draco sofort und war ihm einen etwas ungeduldigen Blick zu, was Harry zum lachen brachte.
„Tut mir Leid, aber wenn man ein Kind im Haus hat, ist die Uhr relativ nebensächlich. Ich bin sicher, dass deine Mutter das bestätigen kann“, gab Harry zurück und wandte sich damit an die Frau, die ihm das Leben gerettet hatte. „Mrs Malfoy... es ist schön sie wiederzusehen.“
Narzissa sah ihn lächelnd an und blieb mit ihrem Blick einen Moment an Teddy hängen, während sie einen Schritt vortrat. „Ebenso, Mr Potter. Ich würde ihnen ja die Hand reichen, aber...“, sagte sie und deutete mit dem Kinn auf die große Pappschachtel die sie in den Händen hielt, während Draco zwei Weidenkörbe mit sich herum trug.
„Schon gut. Und bitte... nennen Sie mich Harry. Ich glaube nicht, dass wir hier auf Förmlichkeiten bestehen müssen“, sagte Harry, während er Draco einen der Körbe abnahm, damit er seiner Mutter die Schachtel abnehmen konnte.
„Gut, Harry... dann musst du mich aber Narzissa nennen. Sollen wir dann reingehen? Ich freu mich so, dass ich euch begleiten darf. Ich komme im Moment nicht sehr oft aus dem Haus“, erklärte sie dann, als ob sie sich rechtfertigen müsste und Harry dachte, dass er es schade fand, wie traurig sie klang.
„Klar, alle mir nach. Obwohl ich mir fast sicher bin, dass du dich hier besser auskennst, Narzissa“, grinste Harry und schob das große Tor auf, damit sie auf das Grundstück treten konnte, auf dem die Hauselfen, die hier arbeiteten, einen kleinen Pfad zum Haus freigeschaufelt hatten.
„Nun ja, ich war als Kind im Sommer oft hier, aber das ist schon lange her“, bestätigte die Blonde Harrys Vermutung.
„Dachte ich mir“, gab Harry zurück und ging schnell voran zum Haus. Es war beißend kalt und ein scharfer Wind pfiff ihnen um die Ohren und der Schwarzhaarige wollte mit Teddy so schnell es ging ins Warme. In Gedanken malte er sich aus, was passieren würde, wenn Andromeda auf ihre kleine Schwester traf und drückte sich im Geiste selbst die Daumen, dass alles gut gehen würde. Eilig öffnete Harry schließlich die große Haustür und bedeutete den beiden Malfoys, einzutreten. „Herzlich willkommen im Blackpotlup-Waisenhaus.“
Draco schnaubte auf, während er sich den Schnee von den Schuhen klopfte. „Sehr einfallsreich, Harry“, feixte er und zog sich den Schal von den Schultern.
„Eine schöne Geste“, berichtigte Narzissa lächelnd, die ebenso wie Draco, erkannt hatte, dass Harry den Namen aus den Nachnamen der drei 'guten' Rumtreiber gebildet hatte.
Draco rollte nur mit den Augen und nahm Harry dann wie selbstverständlich Teddy ab, damit auch er seinen Umhang ablegen konnte. Der kleine Junge hatte den Blonden während der letzten Woche unwiderruflich in sein Herz geschlossen und wie immer, wenn Draco in der Nähe war, erstrahlte Teddys Haar im schönsten Platinblond.
Harry ging regelmäßig das Herz auf, wenn er beobachtete, wie Draco mit dem kleinen Metamorphmagus umging, die lächerlichsten Grimassen schnitt, um ihn zum lachen zu bringen, oder einfach nur ruhig mit ihm dasaß. Der Schwarzhaarige hätte es niemals vermutet, doch dass Draco den kleinen offenbar ebenso lieb gewonnen hatte, machte ihn in Harrys Augen nur noch anziehender.
Auch Narzissa sah ihrem Sohn lächelnd zu und schmunzelte. „Mit den Haaren könnte man euch glatt für Brüder halten – oder für Vater und Sohn“, sagte sie plötzlich, was Draco erschreckt zu ihr aufsehen und rot werden ließ.
„Mum“, murmelte er ein wenig unbehaglich und riskierte einen Blick zu Harry, der jedoch nur grinsend dastand.
„Was? Sie hat Recht. Wenn er wirklich so blonde Haare hätte, könnte man auf dumme Gedanken kommen. Aber zum Glück weiß ich, dass seine ursprüngliche Haarfarbe die von Remus war, also musst du dir keine Sorgen machen, wie du seinen Unterhalt bezahlst“, grinste Harry den Blonden an, der ihm nur die Zunge herausstreckte und etwas murmelte, dass sich verdächtig nach 'Blöder Idiot' anhörte.
Narzissa lachte über die Mätzchen der beiden Jungen und wandte sich dann schließlich an Harry. „Also... wo sind die Kinder, Harry?“
Harry sah kurz auf die Armbanduhr an seinem Handgelenk, bevor er antwortete. „Es ist Teezeit, also würde ich vermuten, sie sind im großen Speisesaal. Wir kommen also genau richtig.“ Harry wandte sich um, schnappte sich die beiden Weidenkörbe und überließ Teddy dem ehemaligen Slytherin. Den Weg nach rechts einschlagend, bedeutete er den beiden Malfoys ihm zu folgen und schon bald kam eine reich verzierte, doppeltürige Holztür in Sicht, die vage an die großen Türen der Großen Halle in Hogwarts erinnerte. Man konnte dumpfes Geplapper hören und Harry wusste, dass er mit seiner Vermutung Recht gehabt hatte.
Mit dem Ellbogen drückte er die Klinke herunter und schlüpfte in den Saal, in dem es vor Kinder aller Altersstufen nur so wimmelte. Einige von ihnen kannte er aus Hogwarts, da sie schon alt genug für die Zaubererschule waren und wieder andere waren gerade mal dem Windelalter entwachsen. In dem großen Saal, an der an der Außenwand deckenhohe Fenster entlang liefen und die blasse Wintersonne durchließen, standen viele runde Tische, an dem jeweils fünf Kinder und bei den kleineren ein Betreuer saßen, um ihnen beim essen zu helfen. Es war ein fürchterliches Geplapper, welches in dem Raum herrschte, doch für Harry war es Musik in den Ohren. Man konnte regelrecht hören, dass es den Kindern hier gut ging und es ihnen an nichts fehlte. Wenn es nach ihm ging, würde es nie wieder einen Tom Riddle geben, der in einer lieblosen Umgebung aufwachsen musste und damit einen Hass auf alles und jeden entwickelte.
„Oh Harry!“, rief Narzissa leise aus und man konnte ein wenig Bestürzung aus ihrer Stimme heraus hören. „So viele? So viele Kinder haben alles verloren?“
Ein trauriges Lächeln überflog Harrys Gesicht, als er sich zu der Blonden umwandte. „Ja, das sind beinahe alles Kriegswaisen. Aus der Zauberer- aber auch aus der Muggelwelt. Also Muggelgeborene, die noch nichts von ihrer Magie wussten. Ein paar wenige wurden aus einem gewalttätigen Elternhaus heraus genommen“, erklärte Harry.
„Ihr habt Eltern ihre Kinder weg genommen?“, fragte Narzissa nach und offenbar wusste sie nicht, ob sie das gut finden sollte.
„Narzissa, normalerweise würde ich dir zustimmen, dass die Kinder bei ihren Eltern immer am besten aufgehoben sind. Doch bei diesen paar Kindern lag der Fall anders. Die Eltern wussten nicht warum ihre Kinder anders waren, warum merkwürdige Dinge passierten und reagierten darauf auf die übelste Weise. Es ist besser in einem Waisenhaus aufzuwachsen, als bei Eltern, die einem jeden Tag, jede Stunde und jede Sekunde zeigen, dass man etwas Abnormales, etwas Unnatürliches ist und deshalb nicht wert ist, geliebt zu werden. Glaub mir, das verdient kein Kind. Das Ministerium wird in Zukunft die Muggelgeborenen mit Hilfe der Hogwartsliste überwachen und wenn nötig, die Kinder hier her bringen. Ich sage nicht, dass alle Muggel schlecht sind und die Kinder nicht bei ihren Eltern aufwachsen sollten. Hermine ist das beste Beispiel; ihre Eltern haben sie von Anfang an unterstützt, auch wenn sie nicht verstanden haben, was ihre Tochter genau ist oder tut. Leider sehen das nicht alle so.“ Harry wandte sich ab und suchte den Saal mit den Augen ab und deutete dann auf ein kleines Mädchen, mit rotblonden Rattenschwänzen und einer mit Sommersprossen übersäten Nase. Sie wirkte schüchtern, kicherte jedoch, als das Mädchen neben ihr etwas erzählte. „Siehst du das Mädchen? Das ist Emily Winchester. Sie sieht nicht viel älter aus als vier, nicht wahr?“, fragte Harry und wartete Narzissas Nicken ab. „Tatsächlich ist sie sechs. Bei der Befragung der Eltern kam heraus, dass sie im Alter von etwa sieben Monaten ihre Teeflasche aus der Küche in ihren Laufstall im Wohnzimmer levitiert hat. Die Eltern dachten, ihre Tochter wäre vom Teufel besessen und haben sie im Keller in einen ausrangierten Hundezwinger gesperrt. Dort hat sie die letzten fünf Jahre gelebt und als wir sie gefunden haben, stand sie kurz davor zu verhungern. Solche Geschichten stecken hinter jedem einzelnen Kind, das wir von den Eltern weg geholt haben.“
Narzissas Hand zitterte, als sie sie auf Harrys Schulter legte und diese leicht drückte. „Harry, du tust hier etwas wirklich Gutes“, sagte sie stockend und ihrer Stimme konnte man die Tränen regelrecht anhören, die drohten zu fließen. „Wenn ich irgendwie helfen kann, dann lass es mich wissen, ja?“
Harry lächelte, während er endlich die Tür schloss und die beiden Malfoys in den Saal hinein führte. „Das weiß ich zu schätzen, Narzissa. Aber darüber sollten wir später reden. Zuerst möchte ich dir die Leiterin des Hauses vorstellen“, sagte er und versteckte das kleine Grinsen, das sich seiner Gesichtszüge bemächtigte.
Als sie sich durch die vielen Tische schlängelten, konnte man einige Kinderstimmen hören, die begeistert registrierten, dass Harry anwesend waren. Rufe wie 'Harry ist da!', 'Schau, da ist Harry!', 'Harry, spielst du nachher mit uns?' und viele mehr wurden laut, die Andromeda darauf aufmerksam machten, dass Harry mit ihrem Enkel angekommen war. Die braunhaarige Hexe, die eine immense äußerliche Ähnlichkeit mit ihrer Schwester Bellatrix hatte, stand mit einem erfreuten Lächeln auf und drehte sich, da sie mit dem Rücken zum Eingang gesessen hatte und fror daraufhin beinahe in der Bewegung ein. Dass Draco mitkam, war nach dem ersten Schock, den es verursacht hatte, schon nichts neues mehr und überraschenderweise liebten die Kinder ihren Neffen.
Was sie jedoch innehalten ließ, war die zierliche blonde Frau, die zwischen Harry und Draco ihren Weg in den vorderen Teil des Saales machte. Widersprüchliche Gefühle tobten in ihrem Inneren, als sie ihre kleine Schwester zum ersten Mal nach sehr langer Zeit aus der Nähe sah. Seit ihrer Hochzeit mit Ted Tonks hatte sie nicht mehr mit ihrer Schwester gesprochen und die Sehnsucht nach ihrer kleinen Cis-Bis, die in jungen Jahren kontinuierlich an ihrem Rockzipfel gehangen hatte, war nie ganz verschwunden. Sie war sich der Konsequenzen bewusst, als sie Ted geheiratet hatte, doch die Liebe zu ihrem Mann war stärker gewesen und hätte sie noch mal die Chance, würde sie es genauso wieder machen. Jedoch konnte sie nicht abstreiten, dass sie auch ihre Familie liebte und besonders Narzissa. Bellatrix war immer ein eigensinniges Kind gewesen, mit dem sie nichts anfangen konnte und Andromeda war sich heute sicher, dass mit Bellas Psyche schon als Kind etwas nicht in Ordnung gewesen war.
Narzissa dagegen fror nicht in ihrem Schritt ein und nur ein sehr aufmerksamer Beobachter könnte ein kurzes Stocken in ihrer Bewegung wahrnehmen, als sie ihre ältere Schwester entdeckte. Die Erziehung ihrer Eltern und das Verhalten, das als Lucius` Frau, als Malfoy, von ihr erwartet worden war, hatte sich viel zu sehr eingebrannt, um eine drastischere Reaktion zu erkennen. In den Monaten nach Kriegsende war ihr schmerzhaft bewusst geworden, dass von ihrer einst weit verbreiteten Familie nur noch ein kleiner Bruchteil übrig geblieben war. Immer wieder hatte sie in Gedanken Briefe an Andromeda geschrieben, doch immer wieder waren ihr die Platitüden platt und flach vorgekommen, um das Band zu ihrer Schwester neu zu knüpfen. Es war vor Jahren brutal zerrissen worden und nicht einmal ein einzelner Faden hielt es noch zusammen, so dass es ihr unmöglich erschien, es wieder neu zu weben. Und nun stand sie da, ihre Dromi, die Schwester, die mehr eine zweite Mutter gewesen war, wenn ihre Eltern keine Zeit gehabt hatten und die sie innig geliebt hatte.
Harry und Draco beobachteten angespannt, wie sich die beiden Frauen verhalten würden und selbst Teddy saß still auf dem Arm des Blonden, als wüsste er, dass etwas wichtiges vor sich ging. Beide sahen wie Andromedas Hand zu ihrem Mund flog, sie ein kaum hörbares 'Cis-Bis' hervor stieß und dann mit energischen Schritten auf die etwas kleinere Blondine zuging. Sobald sie in Reichweite war, schloss sie Narzissa ohne ein weiteres Wort in die Arme und hielt sie fest, als hinge ihr Leben davon ab.
Harry ließ einen erleichterten Seufzer hören und auch Draco schien die Anspannung schlagartig zu verlassen, als er dem verdutzten Teddy einen Kuss auf den hellen Haarschopf gab. Beide wussten, dass die beiden Schwestern noch über eine Menge reden würden müssen, doch das erste Treffen war gut gegangen und das ließ nur Gutes für die Zukunft hoffen, was bedeutete, dass Harry mit seinem Plan fortfahren konnte.
Etwas zittrig lächelnd trat Andromeda einen Schritt zurück und begutachtete ihre Schwester aufmerksam. „Also... ich würde sagen, auf diesen Schreck trinken wir erst einmal eine schöne Tasse Tee und reden später, wenn keine neugierigen Ohren in der Nähe sind“, sagte sie entschlossen und warf Harry und Draco einen amüsierten Blick zu, die jedoch nur unisono die Augen rollten.
Andromeda und Narzissa setzten sich an einen Tisch, während Harry wie bestellt und nicht abgeholt mit den Körben in den Händen dastand und die Schachtel, die Narzissa getragen hatte, etwas derangiert auf dem Boden lag, wo die Blonde sie bei der überraschenden Umarmung fallen gelassen hatte.
„Winky!“, rief er in den Raum hinein, worauf es beinahe sofort ploppte und die kleine Elfe, nicht mehr in einem dreckigen Rock und Bluse, sondern in einem sauberen Kissenbezug mit dem Wappen der Blacks, auftauchte.
Harry hatte sie, sobald es klar war, dass Teddy bei seiner Großmutter leben würde, gefragt, ob sie nicht für ihn statt für Hogwarts arbeiten wollte, worauf die kleine, unglückliche Elfe darauf bestanden hatte, an die Familie gebunden zu werden. Zögernd hatte Harry schließlich zugestimmt und war wider erwarten mit einer Hauselfe konfrontiert worden, die dadurch regelrecht aufblühte und sich kopfüber in ihre neuen Aufgaben stürzte und dabei sogar ihr kleines Butterbierproblem in den Griff bekam. Dabei kümmerte sie sich vor allem um Teddy, wenn Andromeda mit dem Waisenhaus beschäftigt war und war ansonsten, wenn der Junge bei Harry war, eine helfende Hand, wo es auch klemmte. Im Nachhinein hätte Harry wohl keine bessere Entscheidung treffen können, denn Winky betete Teddy geradezu an und würde ihn wohl mit Klauen und Zähnen verteidigen, wenn es nötig wäre.
„Winky... Narzissa hat Gebäck für die Kinder mitgebracht. Könntest du es auf den Tischen verteilen? Es ist in diesen beiden Körben und der Schachtel da.“
„Aber sicher, Master Harry. Winky das gern tut“, strahlte die kleine Hauselfe, wie immer, wenn sie etwas für ihren Master tun konnte.
„Die Schachtel ist geschrumpft!“, warf Draco da plötzlich ein und Harrys Kopf ruckte etwas fassungslos zu ihm herum.
„Die ist geschrumpft? Himmel, wie viele Plätzchen hat deine Mum denn gebacken? Sollen die Kinder einen Zuckerschock bekommen?“, fragte Harry nach und beäugte die Schachtel, die da so unschuldige auf dem Boden lag.
„Frag mich nicht, ich weiß es auch nicht genau. Ich weiß nur, dass ich meine Mutter, seit sie erfahren hat, dass sie mitkommen kann, kaum gesehen habe und sie sich praktisch in der Küche verbarrikadiert hat“, antwortete Draco lachend und setzte sich Teddy auf die Hüfte, als wäre das das natürlichste auf der Welt.
Winky jedoch hatte von dem Gerede genug und ging zu Taten über, als sie einmal mit dem Finger schnippte und ein etwas größerer, rechteckiger Tisch an einer Wand erschien, auf den sie die Schachtel schweben ließ und sie dann vergrößerte. Die Schachtel nahm beinahe schon monströse Ausmaße an und Harrys Augenbrauen schossen nach oben. Neugierig ging er näher, als Winky die Schachtel öffnete und er brach in Lachen aus.
„Draco, damit können wir die Kids ja bis nächstes Weihnachten versorgen!“, platzte es aus ihm heraus, als er sah, dass in der Schachtel keineswegs Plätzchen verborgen waren. Stattdessen sah er sich mit unzähligen Stollen in mehreren Variationen, Lebkuchen und Linzertorten konfrontiert und ihm lief allein schon beim Anblick der Köstlichkeiten das Wasser im Mund zusammen.
Harry wurde in seiner Betrachtung unterbrochen, als ihm jemand einen Finger in den Rücken piekste. Hinter ihm stand ein etwas zehnjähriges Mädchen, mit einem pechschwarzen Pagenkopf und sah ihn bettelnd an. „Lass mich raten, Lindsey... du willst Teddy mitnehmen?“, fragte er belustigt nach und grinste das Mädchen an, welches ihn mit pechschwarzen Augen bettelnd ansah und wild nickte. „Okay, aber stopft ihn nicht mit zu vielen Plätzchen voll, in Ordnung? Und sag das auch Gabrielle und Janice.“
Mit einem breiten Grinsen nickte sie und nahm den kleinen Jungen, der erfreut jauchzte aus Dracos Arm und war wie der Blitz verschwunden.
Draco runzelte die Stirn und sah dem Mädchen hinterher, während man regelrecht sehen konnte, wie er sich das Hirn zermarterte.
„Wieso kommt mir die Kleine so bekannt vor? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich keine Lindsey kenne“, sagte er dann und sah Harry fragend an.
Der lächelte jedoch nur und ein etwas trauriger Blick trat in seine Augen, bevor er Dracos Frage beantwortete. „Das ist Lindsey Carmichael; ihre Mutter war eine Muggel, wurde jedoch umgebracht, weil sie Verbindung mit einem Zauberer hatte. Wir haben sie einen Monat nach Kriegsende auf der Strasse gefunden, sie ist irgendwie durch das System, das in solchen Fällen in der Muggelwelt eingreift, gerutscht. Sie ist allerdings keine Muggelgeborene. Sie... ihr Vater hat seit seiner Jugend nur eine Frau geliebt, aber selbst er war nur ein Mann und hatte... Bedürfnisse. Auch wenn ich das immer noch schwer glauben kann“, erklärte Harry leise. „Er war ein wirklich mutiger Mann, der in diesem Krieg alles riskiert hat und alles getan hat, um seine Tochter zu schützen. Niemand, nicht eine lebende Menschenseele wusste etwas von ihr, bis wir sie gefunden hatten.“
„Harry... wer ist sie?“, fragte Draco noch einmal zögernd nach und war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob er die Antwort wissen wollte.
„Lindsey Carmichael ist die Tochter von Severus Snape, Draco. Deswegen kam sie dir bekannt vor. Sie hat seine Haare und seine Augen und wenn man davon ausgeht, was sie mit einem Chemiebaukasten anstellen kann, auch sein Talent für Zaubertränke“, sagte Harry schließlich leise.
Draco verschlug es für einen Moment wirklich die Sprache, denn das waren Neuigkeiten, die man wahrlich nicht jeden Tag zu hören bekam. „Wow... Snape hatte eine Tochter. Also... wow!“
„Ja, aber ich glaube die Persönlichkeit hat sie von ihrer Mutter“, lachte Harry dann. „Obwohl sie eine verdammt scharfe Zunge hat, wenn ihr etwas nicht in den Kram passt. Aber jetzt genug davon... gehen wir zu Andromeda und deiner Mum.“
Langsam schlenderten Harry und Draco zu den beiden Frauen, die miteinander Tee tranken und dabei redeten, als wäre es nicht schon mehrere Jahrzehnte her, dass sie das letzte längere Gespräch miteinander geführt hatten. Die beiden jungen Männer setzten sich dazu, nahmen sich ebenfalls Tee und hörten eine Weile den Belanglosigkeiten zu, die Andromeda und Narzissa austauschten. Harry wusste, dass die ernsteren Themen später, in einem privateren Rahmen besprochen werden würde, doch er wollte dringend seine Pläne mit den Anwesenden besprechen und hoffte, dass sie zustimmen würden.
Er räusperte sich ein wenig unbehaglich, worauf das Gespräch verstummte und alle Augen richteten sich neugierig auf ihn.
„Ähm... ich wollte euch... also Narzissa und Draco... ein Angebot machen und ich hoffe wirklich, dass ihr darauf eingeht“, fing er nervös an, brach dann jedoch ab.
„Harry, sag doch einfach das, was du zu sagen hast und hör auf, hier so umständlich herumzustottern“, schmunzelte Andromeda amüsiert und nahm sich ein Plätzchen von dem eben aufgetauchten Teller, in das sie genüßlich hinein biss.
„Okay, also... Narzissa, ich hab von Draco erfahren, dass du eine ausgebildete Heilerin bist und... naja... wir hatten schon länger vor, eine für das Waisenhaus einzustellen, damit wir die Kinder nicht wegen jeder Kleinigkeit ins Mungos bringen müssen und... naja, ich würde... ich wollte dir diese Stelle gerne anbieten, wenn du sie haben möchtest“, ratterte Harry schnell herunter und drückte sich in Gedanken selbst die Daumen, dass die Frau es als neue Chance wahrnehmen und nicht als Almosen betrachten würde.
Narzissa saß jedoch minutenlang da, wandte den Blick nicht von Harry ab und schien auf ihrem Platz eingefroren zu sein. Kein Muskel regte sich in dem schönen, wenn auch ein wenig verhärmten Gesicht, dem man die Strapazen der letzten Jahre ansehen konnte und Harry fing langsam an, sich Sorgen zu machen.
„Narzissa?“, fragte er zögernd nach, was die Blonde aus ihrer Trance zu reißen schien.
„Du... du willst mich hier einstellen? Mich?“, brachte sie dann heiser hervor und schien nicht ganz glauben zu können, was sie da eben gehört hatte.
„Ja... ich meine, du hast die Qualifikation dafür, du solltest das nutzen können. Uns wäre damit geholfen und... naja, ich dachte, es wäre eine Möglichkeit, dass ihr beiden Schwestern miteinander in Kontakt bleiben könnt“, erklärte Harry, erwähnte jedoch dabei nicht, dass Draco ihm anvertraut hatte, dass er befürchtete, seine Mutter würde irgendwann in dem riesigen Malfoy Manor wahnsinnig werden, wenn sie nichts zu tun bekam, was wohl auch die Backorgien erklären würde.
Narzissa schien noch eine Weile zu überlegen, warf ihrer Schwester immer wieder einen Blick zu und ließ denselben dann über die vielen Kinder schweifen, die sich begeistert über die Plätzchen und anderen Leckereien hermachten. Schließlich breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. „Wenn... also, wenn du mich wirklich haben willst, dann... ja. Ja, ich würde sehr gerne hier arbeiten!“
Andromeda schloss ihre Schwester erfreut in die Arme und Harry fuhr ein wenig zusammen, als eine schlanke Hand die seine unter dem Tisch umfasste und dankbar drückte.
„Danke“, murmelte Draco dem Schwarzhaarigen zu, ließ dabei jedoch nicht seine Mutter aus den Augen, die von einer Sekunde zur nächsten zu strahlen schien.
„Okay, ich muss die Freude noch mal kurz unterbrechen“, sagte Harry nervös, da Draco seine Hand nicht wieder losgelassen hatte, sondern mit dem völlig unbewusst Daumen über seinen Handrücken streichelte. Dieses Gefühl ließ seinen Magen Saltos schlagen, von denen er wirklich nicht wusste, ob sie gesund waren. „Also... Draco, ich hätte... naja, für dich hätte ich auch noch ein Angebot. Ich würde gerne einen... nun ja... einen Vertrag mit dir, oder eher mit Astro's abschließen.“
„Einen Vertrag? Was für einen Vertrag?“, fragte Draco sofort nach, da er sich nicht erklären konnte, was Harry damit meinen konnte.
„Es ist so... wir haben hier nicht wirklich jemanden, der richtig gute Tränke brauen kann und ich hab bisher auch schon immer bei Astro's die Tränke gekauft, aber vielleicht könnten wir ja etwas aushandeln, dass du uns die Tränke lieferst oder sowas“, sagte Harry und wurde zum Schluss immer leiser, da er nicht wusste, wie Draco diesen Vorschlag finden würde.
„Du willst, dass ich dir die Tränke liefere?“, fragte Draco erstaunt nach und in seinem Kopf überschlugen sich die Möglichkeiten. Nicht nur, dass Harry ihn nicht verpfiffen hatte, nachdem er erfahren hatte, dass ihm ein Geschäft gehörte, was er eigentlich gar nicht besitzen dürfte, nein, er bat ihn sogar darum, dass Waisenhaus zu beliefern, bei dem er sich vorstellen konnte, dass sie sehr gute Kunden wären, da bei Kindern immer wieder etwas schief lief. Draco war ein Malfoy und Malfoys waren bekannt für einen guten Geschäftssinn und dafür, eine Möglichkeit beim Schopf zu greifen, sobald sich eine bot. „Sicher. Du bezahlst mir die Zutaten und einen kleinen Teil für die Arbeit, dafür bekommt ihr von Astro's alles was ihr braucht. Ich würde ja sagen, wir machen einen Exclusiv-Vetrag daraus, aber ich weiß wirklich nicht, wie lange das Astro's existieren wird, falls jemand anders dahinter kommt, dass es mir gehört“, sagte Draco mit entschlossener Stimme.
„Sehr schön!“, rief Harry erfreut aus und trank einen Schluck Tee, um seinen Mund, der vor Aufregung ganz trocken geworden war, zu befeuchten. „Was das Exclusiv angeht, dass-“, sagte Harry weiter, wurde jedoch von dem lauten Kreischen einer Schleiereule unterbrochen, die Winky gerade auf ihrem Arm herein trug und zu Draco brachte. Harry lehnte sich grinsend zurück und wartete einfach ab, was passieren würde, sobald Draco seinen Brief gelesen hatte.
Draco runzelte die Stirn und konnte sich wirklich nicht vorstellen, wer ihm heute schreiben könnte und hoffte, dass im Geschäft nichts passiert war, während er der Eule den Brief abnahm und ihr ein Plätzchen hin hielt, das sie mit einem dankbaren Schuhuhen annahm und davon flog. Augenblicklich brach dem Blonden der kalte Schweiß aus, als er das Siegel des Ministeriums entdeckte und schluckte schwer, als er es aufbrach und das Pergament auseinander faltete. Draco musste das Schreiben dreimal lesen, bis der Sinn des Geschriebenen in sein Bewusstsein drang und er anfing zu strahlen und er immer wieder den Blick über die Worte schweifen ließ.
Sehr geehrter Mr Malfoy,
hiermit wird die Bewährungsauflage, kein eigenes Geschäft besitzen zu dürfen, aufgehoben. Wir, das Ministerium und der Zauberergamot, haben entschieden, dass ihre Auflagen in keinem Verhältnis zu ihren Taten stehen und haben uns daher entschlossen, unsere vorherige Entscheidung rückgängig zu machen.
Mit großer Freude haben wir erfahren, dass Sie einen wichtigen Beitrag leisten, um der Zaubererschaft zu helfen und möchten Sie daher in ihren Bemühungen zu unterstützen.
Mit sofortiger Wirkung stellen wir Ihnen die Geldmittel zur Verfügung, um den Wolfsbanntrank zu brauen und kostenlos an die betroffenen Mitglieder unserer Gemeinschaft ausgeben zu können.
Ich würde mich gerne in den nächsten Tagen mit Ihnen über die Details unterhalten und bitte sie daher, einen Termin mit meiner Sekretärin zu vereinbaren.
Hochachtungsvoll
Kingsley Shacklebolt
Zaubereiminister
Mit zitternden Händen gab Draco das Schreiben an seine Mutter weiter und drehte sich dann zu Harry, der immer breiter grinste.
„Da steckst doch du dahinter, oder?“, warf Draco ihm vor und sah ihn mit großen und ungläubigen Augen an.
„Ich hab keine Ahnung, worüber du redest“, sagte Harry amüsiert, wusste jedoch, dass er es nicht schaffen würde, Draco vom Gegenteil zu überzeugen.
„Harry...“, drängte Draco ungeduldig, während seine Augen praktisch darum bettelten, eine Antwort zu bekommen.
„Jaah... ich hab neulich mit Kingsley geredet“, gab Harry schließlich zu und wusste nicht sicher, ob Draco nicht vielleicht wütend werden würde. Immerhin hatte er ihn beim Minister verpetzt. Er kam jedoch nicht dazu, sich noch weiter Gedanken zu machen, denn Dracos Hand schoss vor, packte den Schwarzhaarigen um den Nacken und drückte ihm einen dicken Kuss direkt auf den Mund.
Harry fühlte, wie ihm unversehens sämtliches Blut in den Kopf schoss und ihm unglaublich heiß wurde, obwohl dieser Kuss eher einem Überfall, als einer sinnlichen Berührung glich.
Durch seine eigene Unverfrorenheit erschrocken, fuhr Draco zurück und sah vorsichtig zu Harry, von dem er dachte, dass er ihm gleich eine verpassen würde.
Der jedoch dachte überhaupt nicht an so etwas, sondern nahm Dracos Gesicht in seine Hände und lehnte sich vor, während die Augen des Blonden immer größer vor Unglauben wurden. Harry schloss die Augen und nahm seinen ganzen Mut zusammen, bevor er seinen Mund wieder sanft auf Dracos Lippen senkte, die sich mit einem leisen japsen öffneten, bevor sie sich für den Bruchteil einer Sekunde überhaupt nicht mehr bewegten und sich dann sanft in die Berührung schmiegten.
Unsichere Lippenpaare bewegten sich vorsichtig und tastend gegeneinander, als wollten sie austesten, ob das andere Paar zu ihnen passte. Eine Zunge kam zaghaft hervor und schien den fremden Mund neu modellieren zu wollen, erforschte, neckte sanft und forderte den Mund auf, sich für sie zu öffnen. Die Zeit schien still zu stehen, als der andere Mund sich langsam öffnete sich die Zunge, die sich darin verborgen hielt, ebenfalls auf den Weg nach draußen machte, um ihrem Gegenstück zu begegnen.
Ein Stromstoß schien durch die beiden Körper zu jagen, als sich die Zungen das erste Mal zaghaft berührten und schienen sich dann durch die Hitze, die damit entfacht wurde, miteinander zu verbinden, ineinander zu verschmelzen und im Geschmack des anderen zu ertrinken.
Blinzelnd sahen Andromeda und Narzissa dabei zu, wie sich die beiden jungen Männer völlig selbstvergessen küssten und gar nicht mehr wahrzunehmen schienen, dass sie in einem Raum voller Kinder saßen.
„Hrm, hrm“, räusperte sich Narzissa dezent, doch auch das schien weder zu Harry, noch zu Draco durchzudringen, was die Blonde etwas irritierte.
Das Geplapper in der Halle erstarb nach und nach, als die Kinder ihre Tischnachbarn darauf aufmerksam machten, was da am Tisch der Heimleiterin vor sich ging. Gekicher brach unter den älteren Kindern aus, während den jüngeren ein herzhaftes 'Wääähhh' entfuhr, einfach weil sie Knutschereien aller Art einfach nur eklig fanden und sich nicht vorstellen konnte, dass sie jemals selbst den Drang nach einem Kuss haben könnten.
Andromeda schmunzelte amüsierte, doch als das Geflüster im Saal langsam lauter und das Gekicher deutlicher wurde, hatte auch sie genug und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Harry! Draco!“, rief sie laut, was die beiden Jungen katapultartig ins Hier und Jetzt beförderte und die Frau ein wenig orientierungslos anstarren ließ. „Ich finde es ja schön, dass ihr beiden euch so sehr mögt, aber könntet ihr dieses Schauspiel möglicherweise an einem angemesseren Ort fortsetzen?“
Harry wurde zwar knallrot, doch er grinste die Großmutter seines Patensohns nur breit an, schnappte sich Dracos Arm, den er fest umklammerte und ließ noch ein 'Passt ihr auf Teddy auf? Danke!' los, bevor er mitten aus dem Saal apparierte und nur Sekunden später im Grimmauldplatz, genauer gesagt in seinem Schlafzimmer, wieder auftauchte.
Aus dem Gleichgewicht gebracht, hielt Draco sich an dem Schwarzhaarigen fest und begann zu lachen, während er sich umsah. „Harry! Was machst du denn?“
„Konnte nicht anders“, murmelte Harry und attackierte Dracos Hals, der beinahe sofort aufstöhnte und seinen Kopf nach hinten fallen ließ, um seinem Gegenüber genügend Spielraum zu geben. Diese ganze Aktion kam für den Blonden mehr als überraschend; dachte er doch, dass er seine wachsenden Gefühle für den Gryffindor in der letzten Woche gut versteckt hatte, doch anscheinend war der Kuss eben, ein ziemlich sicherer Hinweis gewesen, da Draco normalerweise nicht in der Gegend rumlief und wahllos Männer abküsste.
„Wieso nicht?“, seufzte Draco auf und vergrub seine Finger in den dichten schwarzen Haaren, während sein Hals in Harrys Aufmerksamkeit gebadet wurde und dessen Hände an seinem Hemd zerrten.
„Wäre sonst dort über dich hergefallen... du hast keine Ahnung, wie sehr ich mich die letzte Woche zusammen reißen musste, um genau das hier nicht zu tun“, murmelte Harry und setzte zarte, tupfende Küsse auf Dracos Kieferknochen.
Draco schloss die Augen und ließ sich einfach von diesen Gefühlen überrennen, die aus heiterem Himmel gekommen waren, ihn jedoch, nach so langer Zeit wieder etwas anders fühlen ließen, als Verzweiflung und Sorge um die Zukunft.
„Aber Harry... wir können das nicht tun“, stöhnte Draco auf, als Harrys Hände unter seinen Hemdsaum schlüpften und auf seinem Rücken eine Gänsehaut verursachten.
„Wieso nicht?“, fragte nun Harry und ließ sich in seinen Taten durch Dracos halbherzigen Protest überhaupt nicht stören.
„Was... was werden deine Freunde... die Zaubererwelt sagen, wenn du... wenn du dich mit mir einlässt. Einem... einem Tod- Todesser?“, brachte Draco schließlich hervor, zerrte jedoch gleichzeitig Harrys Shirt über dessen Kopf und ließ seine Hände über die warme Haut gleiten, erfühlte Muskeln und tastete die Beschaffenheit von Harrys Körper ab.
„Mir egal... ist mein Leben... geht keinen was an“, murmelte Harry und biss leicht in Dracos Halsbeuge, was dem einen erschrockenen Aufschrei entriss.
„Ich bin nicht mal im selben Land wie du“, warf Draco schwach ein und stolperte rückwärts in Richtung des Bettes, wobei er sich nicht wehren konnte, als Harrys Hände sich an seiner Hose zu schaffen machte. Wann sein Hemd geöffnet worden war, konnte er gar nicht sagen, doch es wurde nur noch durch seine beiden Arme oben gehalten, da die Manschetten der Ärmel nicht von alleine aufsprangen und Harry sie wohl vergessen hatte.
„Portschlüssel... und ich darf das Land sehr wohl verlassen“, gab Harry sofort zurück, schubste Draco auf das große Bett und beugte sich wie ein Raubtier mit seiner Beute über ihn, sah ihn jedoch eindringlich an, während er weiter sprach. „Draco... ich will dich. Ich will dich in meinem Leben haben, nicht nur in meinem Bett und es ist mir völlig egal, was meine Freunde, irgendwelche Reporter oder sonst wer dazu zu sagen hat. Das ist mein Leben und ich lebe es so, wie ich es für richtig halte und nicht, wie andere es gerne hätten. Damit bin ich durch. Ich bin mir noch nicht sicher, was genau ich für dich fühle, aber ich denke... nein, ich weiß, dass ich dich lieben könnte, wenn du uns die Chance dazu lässt. Alles andere ist erst mal unwichtig, außer, was du davon hältst. Was sagst du?“, fragte Harry schließlich ein wenig unsicher und sah Draco in die grauen Augen, die früher so viel Kälte ausgestrahlt hatten, nun jedoch eine Vielzahl an Gefühlen ausdrückten, die so schnell wechselten, dass man sie nicht mal benennen könnte, wenn man es versuchen wollte.
Genauso wie schon vorher bei Harrys Angebot, traf Draco seine Entscheidung aus dem Bauch heraus und ohne an die Konsequenzen zu denken, oder das Für und Wider abzuwägen. Er ergriff seine Chance mit beiden Händen und wollte verdammt sein, würde er sich die Möglichkeit auf ein wenig Glück durch die Lappen gehen lassen. „Okay“, flüsterte der ehemalige Slytherin und zog Harry mit den Händen zu sich herunter und küsste ihn tief und bestimmt.
Der Rest des Abends und einen Großteil der folgenden Nacht wurde das Schlafzimmer des Hausherrn von zwei schwitzenden Körpern beherrscht, die im flackernden Schein des Feuers im Kamin glänzten und nicht genug voneinander bekommen konnte. Keuchen, Stöhnen und Schreie wechselten sich mit leise geflüsterten Worten, leisem Lachen und tiefen Blicken ab, die zwei junge Männer für eine lange Zeit aneinander schweißen sollten.
Harry und Draco wussten es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, doch es sollte ein Weihnachtsfest werden, das sie so schnell nicht vergessen würden. Es war anders als bei den Weasleys, da Malfoys und ehemalige Blacks die Feiertage mit eindeutig mehr Würde begingen, als andere Leute. Doch war es auch nicht so steif, wie es die beiden Malfoys gewohnt waren, da Blaise und Lucas, die die Festtage bei Harry verbrachten, die Gesellschaft doch sehr auflockerten.
Doch es war egal wie sie feierten, es waren die Menschen die zählten und die Gewissheit, dass es nur das erste von vielen Weihnachtsfesten sein würde, das sie zusammen verbringen würden. In den Nachwehen des Krieges hatten Harry und Draco etwas gefunden, mit dem sie nicht gerechnet hätten. Die Liebe zueinander und eine Familie, die sich nicht unbedingt durch Blut auszeichnete und die in vielerlei Hinsicht wieder Licht in die Dunkelheit ihres Lebens brachte.
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